Sturmmaske und Netzstrümpfe — Kollektiv Abreiszen

Nackte Haut und vermummte Gesichter: Für seinen queerfeministischen Jahreskalender erobert sich das Kollektiv Abreiszen regelmäßig den Leipziger Stadtraum. Den Erlös spendet das FLINTA*-Netzwerk antifaschistischen Initiativen. Eine Begegnung.
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Text: Philine Schlick — Fotos: Felix Adler

Eine Straße im Leipziger Westen, dunkler Asphalt, neun Menschen mit nacktem Oberkörper auf ihren Rädern. Triumphierend strecken sie die Fäuste in die Luft, nehmen die ganze Breite beider Spuren ein. In den maskierten Gesichtern lässt sich ein Lächeln erahnen. Beschrieben ist das Cover des zweiten Jahreskalenders des „Kollektiv Abreiszen“ – das Thema diesmal: Räume einnehmen. Dreizehn Motive zeigen Szenen der Selbstermächtigung: FLINTA* (Abkürzung für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und a-gender Personen) im Boxring, auf dem Kneipentresen, mit Megafon und Protestschildern im Plenum. Die Szenerien so eindeutig und provokant wie die zugehörige Botschaft: „Macker, deine Redezeit ist um.“

„Die Stätte für politische Unterdrückung ist der Körper und dessen Abbildung“, sagt Clara. Im Umkehrschluss biete er auch die Chance zur politischen Selbstermächtigung. Glatt, schlank, leistungsorientiert – kommerzialisierten Schönheitsidealen wie diesen setzt das Kollektiv aus Leipzig mit großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien die individuelle Eroberung von Freiräumen entgegen und hinterfragt etablierte Rollenbilder.

Porno und Parole

„Meine Beziehungsperson hat einen Kalender, der mit Porno-Ästhetik und linken Parolen spielt und ich habe überlegt, dann selber einen zu machen – als Weihnachtsgeschenk“, sagt Gründerin Evi über die Anfänge. Sie fragte bei ihrer Freundin Hannalu wegen der Fotos an. Das erste Brainstorming fand unter der Überschrift „Riot und Erotik“ statt. Zusammen suchten sie im engeren Bekanntenkreis nach Models, entwarfen Szenerien und Botschaften.

Das Ergebnis war eine Ästhetik zwischen Akt und Aktivismus, zwischen Sturmmaske und Netzstrümpfen. Das Präsent fand seinen Platz in einer gutbesuchten WG. „Viele Leute fanden das richtig cool“, erinnert sich Evi. Und es entstand die Idee, den Kalender zu vervielfältigen und zu verkaufen. Das aber sei jedoch nur infrage gekommen, sollte das Geld in antirassistische Arbeit fließen. Gesagt, getan. So kamen 2021 mehr als 4000 Euro für den Verein „Solidarische Alternativen für Taucha“, kurz SaFt, zusammen. 

Durch den Nachdruck steigerte sich die erste Auflage nach und nach auf rund 400 Stück – das habe zu Redebedarf geführt. „Für einige Models kam es überraschend, dass ihr Bild plötzlich in so vielen Haushalten hängen sollte“, sagt Hannalu. „So hat sich der Entschluss zur Mitbestimmung entsponnen“, pflichtet Evi bei. Ein Kritikpunkt sei besonders die ungenügende Diversität in den Darstellungen gewesen, erinnern sich die drei. Gemeinsam mit den Models entwickelten sie deshalb ein queerfeministisches, antifaschistisches und emanzipatorisches Selbstverständnis und öffneten das Projekt als Plattform.

Seelisch entblößt

„Mit dem Kalender 2021 hat sich das Kollektiv in seiner jetzigen Form gegründet“, erklärt Clara. „Wir haben das Ganze ziemlich neu aufgezogen. Die DNA war die ganze Zeit da, aber wir haben uns weiterentwickelt und genau überlegt, was wir eigentlich machen wollen.“ Immer wieder stehe das Kollektiv vor einer Krux: Wie kann der Spagat zwischen intimem Schutzraum und der Sichtbarmachung marginalisierter Lebensrealitäten gelingen? Das sei „ein starkes Lernfeld“, sind sich alle Beteiligten einig. Die Gruppe habe sich für den mühsamen Weg entschieden: Basisdemokratie. Die Hälfte des vergangenen Jahres, sagt Hannalu, habe allein die gemeinschaftliche Entwicklung des Leitbildes in Anspruch genommen.

Die gesteigerte Mitsprache habe auch auf die Qualität gewirkt: „Im letzten Kalender war Erotik eines der Hauptthemen. Das kann aber auch Menschen ausschließen, die keine Lust haben, sich nackt zu zeigen. Deswegen haben wir es den Models überlassen, in welchen Klamotten sie sich zeigen wollen und gemeinsam überlegt, wie das auch zum Thema passt“, sagt Evi. 

„Herausgekommen ist eine gute Mischung aus sexy Bildern und solchen, auf denen der Körper abgebildet wird, aber nicht an erster Stelle steht. Viele Menschen haben sich aber vor allem seelisch nackt gemacht“, zeigt sich Clara beeindruckt. Begleitet wurde dieser Prozess von Workshops und Vorträgen zu Körper- und Bildsprache – und von zahllosen intensiven Diskussionen. „Danach haben wir gesagt: nie wieder! Weil es so aufwendig war“, so Hannalu. 

Neue Perspektiven

Mit der nicht abreißen wollenden Begeisterung wich schließlich auch die Erschöpfung. Der aktuelle Kalender mit einer Auflage von 600 Stück sei schon kurz nach dem Jahreswechsel ausverkauft gewesen. Über 6000 Euro gingen an die Vereine „Machtlos“ und „Wegweiser“ in Leipzig und Umland. Vertrieben werden die Kalender mittlerweile über die Stadtgrenzen der sächsischen Großstadt hinaus – bis nach Hamburg oder ins niedersächsische Göttingen.

Jenseits dieses monetären Erfolgs allerdings hätten sich vor allem Werte manifestiert, die nicht in Währungen zu messen seien, verdeutlichen Clara, Evi und Hannalu: Aus dem Projekt hervorgegangen sei eine vielköpfige und gut vernetzte FLINTA*-Gruppe, die sich auch jenseits der Shootings für den Fotokalender austausche und gegenseitig bestärke. „Die Vielfalt der Perspektiven hat uns sehr beeindruckt. Dass das, was wir politisch abstrakt immer gedacht haben, in Wirklichkeit auch tatsächlich so ist“, fasst Clara das Momentum zusammen. Selbstredend: Der Kalender 2023 ist bereits in Arbeit. 

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