Anklageschriften — Laura Klein

Frauen erfahren sexualisierte Gewalt und bleiben mit ihren Erfahrungen häufig alleine. Laura Klein schafft einen Ausweg – und mit ihrem Blog einen sicheren Ort für Austausch. Für mehr Sichtbarkeit teilt sie die Geschichten bei Instagram.
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Text: Viktoria Pehlke — Fotos: Martin Lamberty

„Hallo, ich möchte heute mal erzählen, was mir passierte. Bislang hat mich leider niemand ernst genommen oder mir geglaubt.“ So beginnt der Text einer 19-Jährigen, die anonym von einer toxischen Beziehung schreibt und Szenen ihrer Vergewaltigung schildert. Laura Klein teilt die Geschichte auf ihrem Blog „Stories of her“, den sie als Webseite und auf Instagram betreibt. Auf ihrem Kanal hat sie inzwischen knapp 150 Beiträge gesammelt: blau hinterlegte Kacheln, die sich mit Zeichnungen abwechseln. Die anonymisierten Geschichten handeln von Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, Belästigung, Diskriminierung und Sexismus.

Mit ihrem Blog reagierte Laura Klein auf Berichte sexueller Übergriffe im Bekanntenkreis. Freundinnen, die sich ihr anvertrauten, habe sie eine Plattform bieten wollen. „Gerade wenn etwas im Freundeskreis passiert, ist die Hemmschwelle, etwas zu sagen oder sogar Anzeige zu erstatten, groß“, meint die 22-Jährige. Daher brauche es einen Ort, um Dinge öffentlich machen zu können und trotzdem sicher zu sein“. Ein Dreivierteljahr hat sie an der Umsetzung gearbeitet. Als „Stories of her“ im August 2019 online ging, sei ihr E-Mail-Postfach förmlich explodiert, erinnert sich Klein. Über 100 Frauen vertrauten sich ihr an. Freundinnen halfen dabei, die eingesendeten Geschichten zu sortieren und auf Rechtschreibung zu prüfen. Nur an den Erzählungen selbst ändere sie nichts. 

Ein weit verbreitetes Problem

Laura Klein wuchs im Berliner Umland auf. An ihrer katholischen Schule habe es weder ein Bewusstsein noch Aufklärung rund um das Thema Sexismus gegeben. „Darüber wurde nicht geredet, vieles wurde tabuisiert.“ Dabei zeigen Studien, dass sexualisierte Gewalt an Schulen zum Alltag gehört. Das Deutsche Jugendinstitut etwa veröffentlichte eine Statistik, die zeigt, dass 60 Prozent aller Befragten in Klasse neun bereits sexualisierte Gewalt erfahren mussten. Darunter fallen sowohl frauenfeindliche Sprache als auch anzügliche Blicke, genauso verbale Belästigungen, ungewollte sexuelle Berührungen und erzwungener Geschlechtsverkehr. 

„Das Spektrum sexualisierter Gewaltausübungen ist ein Breites“, bestätigt auch Laura Klein. „Sexualität wird missbraucht, um Macht zu demonstrieren und andere Personen, oft Frauen, zu erniedrigen.“ Was in Schulen beginnt, setzt sich erwiesenermaßen im Erwachsenenalter als massives Problem fort. Fast jede siebte Frau in Deutschland wird ab dem 16. Lebensjahr Opfer von sexualisierter Gewalt. Erfasst werden allerdings nur strafrechtlich relevante Formen von Gewalt – nicht etwa Catcalling, das dennoch alltäglich und vor allem erniedrigend ist.

Wie sehr sexualisierte Gewalt Frauen belastet, zeigt Klein mit ihren Beiträgen im Netz. „Wir werden gegen unseren Willen angefasst. Es wurden Sachen gemacht, die wir nicht wollten und trotzdem sind wir starke Frauen. Ich finde das ist etwas, das permanent übersehen wird.“ Gespräche über Sexismus führe sie auch mit ihren männlichen Freunden, um aufzuklären und sie in die Pflicht zu nehmen. Denn lösen ließe sich das Problem nur gemeinsam, meint sie.

Aufmerksamkeit organisieren

Mit der Veröffentlichung bei Instagram gerate sie immer wieder in einen Zwiespalt. Auch wenn es dort durchaus die Möglichkeit gebe, Einfluss zu nehmen, finde sie es problematisch, dass viele Themen kurzzeitig polarisieren, um kurz danach wieder zu verschwinden: „Es gibt einen riesigen Hype und einen Tag später ist alles wieder vergessen. Deshalb ist es so wichtig, dass es Seiten gibt, die konstant auf ein Problem aufmerksam machen“, sagt Klein. Als positives Beispiel nennt sie die Instagram-Initiative Deutschrapmetoo, die 2021 für Schlagzeilen sorgte. Veröffentlicht wurden Erfahrungsberichte von Frauen, die in der Deutschrapszene sexualisierte Gewalt erfahren haben und die Betroffenen vernetzte.  

Auch „Stories of her“ soll langfristig bestehen. Dabei sei es neben ihrem Studium gar nicht so leicht, aktiv zu bleiben, jede Zusendung zu beantworten und die Webseite weiter zu pflegen, erzählt Klein. Und ihre Arbeit bleibt unbezahlt. „Es ist schon kräftezehrend, sich so intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und ich merke, dass ich Ängste entwickelt habe, weil ich tagtäglich damit konfrontiert bin.“ Doch sie weiß, warum sie weiter dabei bleibt – gerade dann, wenn sie durch die blauen Postings auf ihrem Instagram-Kanal scrollt. Die Farbe der Kacheln sei zudem bewusst gewählt: als sichtbares Zeichen für Vertrauen und Freiheit. 

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