Queer über Land — Manuela Tillmanns

Manuela Tillmanns steht mit ihrer Hardcore-Punk-Band auf der Bühne. Ihren Kampf für (queere) Selbstbestimmung führt sie aber nicht nur musikalisch. In Sachsens Provinz begleitet sie Menschen auf dem Weg zu sich selbst.
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Text: Melanie Skurt — Fotos: Benjamin Jenak

Wie oft masturbieren Sie im Monat? Wie häufig haben Sie aktiv ein weibliches oder männliches Genital oral stimuliert? Es sind Fragen, die demütigen. Fragen, die transgeschlechtliche Menschen beantworten müssen, wenn sie ihren Personenstand ändern wollen: von Frau zu divers zu Mann – oder andersherum. Für den Staat ist die Anpassung der Geschlechtsidentität ein bürokratischer Prozess, der anhand zweier unabhängiger Gutachten beurteilt wird. Betroffene Personen erleben aber genau diesen Vorgang als psychisch zermürbend. Weil er an die Substanz geht und in die Intimsphäre eindringt. „Es ist extrem respekt- und distanzlos sowie fremdbestimmend. Niemand weiß besser über die eigene Identität Bescheid, als die betreffende Person selbst“, sagt Manuela Tillmanns, die täglich von diesem Schmerz erfährt. 

Im ländlichen Raum Sachsens berät die 40-Jährige zu Identitäts- und Geschlechterfragen, zu sexuellen Orientierungen. Unter dem Dach des Leipziger Vereins Rosalinde setzt Tillmanns das Projekt „Queer durch Sachsen“ um. Sie fährt mit dem Zug in Kleinstädte und Dörfer, trifft ihre Kontakte diskret. „Sonst wäre die Gefahr eines unfreiwilligen Zwangsoutings zu groß.“ In den vergangenen vier Jahren hat die Sonderpädagogin und Sexualwissenschaftlerin so rund 150 Personen betreut. An sie wenden sich lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche, queere sowie asexuelle/aromantische Menschen. Manchmal sind es einmalige Telefonate oder persönliche Treffen, manchmal begleitet Tillmanns ein Stück Lebensweg. 

Vielleicht habe ihr Zuhause-Sein in linksradikalen Kreisen logisch zu dieser Arbeit geführt, überlegt sie heute. „Ich habe früh coole Leute kennengelernt, die meinen Horizont erweitert haben.“ Nach dem Abitur emanzipiert sie sich aus der hessischen Kleinstadt, studiert in Köln, zieht auf einen Wagenplatz und streift nach und nach die heteronormativ-geprägten Rollenbilder ihrer Jugend ab. 

2007 gründet sich die Hardcore-Punk-Band Finisterre, Tillmanns übernimmt die Vocals. Sie besetzt Häuser, wirkt am Entstehen des Autonomen Zentrums Köln mit. Der cis-männlich dominierten Szene hält sie den Spiegel vor, empowert FLINTA* auf und am Rande von Konzerten, ruft zum profeministischen Kampf auf. Der Drang nach Selbstbestimmung, Solidarität und Sichtbarmachung zieht sich wie ein roter Faden durch den musikalischen Aktivismus – und durch ihre Arbeit bei „Queer durch Sachsen“. 

Vereinsamung in der Pandemie

„Zu mir kommen viele Leute mit Fragen von der Hormonbehandlung bis zur Transition“, so Manuela Tillmanns. „Aber auch Eltern, die sagen: ,Mein Kind erzählt, seitdem es vier ist, es lebe in der anderen Geschlechtsrolle. Was kann ich tun?’. Ich habe Briefkontakt mit einer Person in einer Altenpflegeeinrichtung, die keinerlei Anschluss zu anderen schwulen Männern hat.“ Aktuell begleitet Tillmanns auch den Neustart einer Klientin. „Sie hatte ein spätes lesbisches Coming-Out und löst sich gerade aus einer Ehe mit drei Kindern. Ich unterstütze die Wohnungssuche, den Prozess der Scheidung, das Coming-Out im Bekanntenkreis.“

Der Beratungsbedarf sei mit Ausbruch der Corona-Pandemie weiter gestiegen, sagt Manuela Tillmanns und erklärt das mit zunehmender Vereinsamung: „Durch Kontaktbeschränkungen konnten sich Menschen nicht treffen und austauschen.“ Noch dazu fehle es in ländlichen Gegenden oft komplett an queeren oder queersensiblen Strukturen, „nicht alle LSBTIQA*-Personen im ländlichen Raum kommen gut mit dem Internet zurecht“. Damit gestalte sich selbst der virtuelle Dialog porös. 

Geschichten queeren Lebens auf dem Land sind wenig präsent, deshalb sei die mobile Beratung umso wichtiger. „Menschen bleiben oft ungeoutet, weil sie Diskriminierung so unmittelbar trifft“, Vernetzung und Schutzräume fehlten. Verbale Beleidigungen gehören zum Alltag. Ebenso wie physische Gewalt. „Es geht aber auch um das generelle Nicht-Ernstnehmen, wenn zum Beispiel der Vorname oder das gewünschte Pronomen von transgeschlechtlichen Personen immer wieder missachtet wird. Vor allem trans Frauen haben Probleme, auf die Straße zu gehen, weil sie Angst haben, attackiert zu werden.“

Gewalttaten und Diskrimierung

Wie es um das Meinungsklima gegenüber queeren Lebensrealitäten in Sachsen bestellt ist, hat 2017 die Bevölkerungsumfrage Sachsen-Monitor gezeigt. Darin erklärte über ein Drittel der Befragten, gleichgeschlechtliche Beziehungen für „unnatürlich“ zu halten.

Parallel zu dieser offen artikulierten Ablehnung wächst in Sachsen und ganz Deutschland auch die Gewalt gegen LSBTI. Wie der Lesben- und Schwulenverband erklärt, wurden im vergangenen Jahr 782 Straftaten von Hasskriminalität gegen LSBTI registriert, darunter 154 Gewalttaten und 144 Körperverletzungen. Das bedeute einen Anstieg von 36 Prozent gegenüber 2019. Um allerdings ein differenziertes Bild von LSBTI-Feindlichkeit zeichnen zu können, drängt der Kölner Verein darauf, eine unabhängige Fachkommission einzusetzen, die Fälle von Hasskriminalität systematisch erfasst. 

Welche Folgen transfeindliche Diskriminierung haben kann, weiß Tillmanns. Gepaart mit dem Gefühl im eigenen Körper fremd zu sein, könnten Menschen schwere Depressionen entwickeln: „Es gibt Jugendliche, die nicht mehr sprechen, weil sie sich für die Tonlage ihrer Stimme schämen. Oder die nur noch im Dunkeln duschen, weil sie ihren Körper nicht sehen wollen.“ Sie erzählt von einem trans Mann, der in seinem Acht-Stunden-Job kein einziges Mal zur Toilette geht, weil er auf dem Männer-WC nicht geduldet wird. 

„Medizinische, juristische und bürokratische Hürden bringen Menschen in Situationen extremer psychischer Belastung, die nicht selten mit erhöhter Suizidalität einhergeht“, sagt Manuela Tillmanns – und ergänzt: „Bei vielen dominiert das Gefühl, dass nichts vorangeht, dass sie nicht über sich bestimmen dürfen, dass sie lange auf Gerichte oder Behörden warten müssen.“ Sei es bei der Vornamens- und Personenstandsänderung oder geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Weit vor diesem Schritt müssen sie sich in Therapie begeben und schriftlich darlegen, dass sie schon lange in der gewünschten Geschlechtsrolle leben. Etwa durch die eingangs erwähnten Fragen. 

Die Hürden bei einer Transition   

Transgeschlechtliche Menschen müssen laut Manuela Tillmanns permanent unter Beweis stellen, dass sich das Gefühl nicht mehr ändern wird, sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zu identifizieren. „Damit Maßnahmen und Kosten übernommen werden, wird ihnen abverlangt, durch ihr öffentliches Auftreten und ihr Erscheinungsbild als das Geschlecht zu ‚passen‘, also durchzugehen, wie sie es sich wünschen.“ Das sei manchmal schwer. Zum Beispiel wenn die Epilation einer trans Frau noch nicht bewilligt ist und sie durch den verbliebenen Bartschatten optisch eventuell noch nicht als Frau wahrgenommen wird. Wer diese Prozedur umgehen will und es sich leisten könne, besorge sich Hormonpräparate auf dem Schwarzmarkt. Oder zahle Behandlungen aus eigener Tasche. Das sei jedoch den wenigsten möglich. 

Bei den Krankenkassen kann Unterstützung beantragt werden. Allerdings: „Der Prozess bis zur Kostenübernahme und die damit verbundenen Hürden werden als nicht zumutbar empfunden“, so Tillmanns. Finanziert werden etwa Binder zum Abbinden der Brust oder Packer, Penisprothesen aus Silikon. Gesetzlich Versicherte durchlaufen vor Beginn einer Hormonbehandlung und geschlechtsangleichenden Operation eine bis zu 18-monatige Psychotherapie. Die Änderung des Personenstands muss dann nach dem seit 1981 geltenden Transsexuellengesetz beim Amtsgericht beantragt werden. Benötigt werden zwei unabhängige Gutachten, die mit bis zu 2 000 Euro selbst gezahlt werden müssen. Der Transitionsprozess könne durch dieses langwierige Verfahren zwei bis drei Jahre dauern. Das erklärt die Selbsthilfeorganisation Trans-Ident. 

Was die neue Regierung vorhat

Queeraktivistische Initiativen hoffen nun durch den aktuellen Koalitionsvertrag auf eine echte Verbesserung. Die Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP sieht etwa vor, das Transsexuellengesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen und bürokratische Hindernisse abzubauen. Die Personenstandsänderung soll künftig nicht mehr gerichtlich, sondern beim Standesamt beantragt werden können.

Geplant ist auch, eine Änderung des Personenstands durch eine Selbstauskunft möglich zu machen. Trans- und intergeschlechtliche Menschen, die durch frühere Gesetzgebung Körperverletzungen oder Zwangsscheidungen erlitten haben, sollen zudem entschädigt werden. Tillmanns nennt diese Vorsätze „bahnbrechend, sollten sie tatsächlich umgesetzt werden“. Dennoch wirkt sie zurückhaltend optimistisch: Wann in Echtzeit eine praktische Verbesserung für die Menschen eintritt, die bei ihr Hilfe suchen, sei ungewiss.

An konkreter Veränderung wirkt die psychosoziale Beraterin im Jetzt. Manchmal sei das mühsam, gibt sie zu. „Ich leiste viel Basisarbeit, muss immer wieder bei minus 150 anfangen und Begriffe erklären, von denen Menschen zum Beispiel auf Behörden noch nie gehört haben.“ Auch in der Altenpflege oder Jugendhilfe. „Genau dort müssen wir den Fuß in die Tür bekommen und gegenüber LSBTIQA*-Personen sensibilisieren. Weil dort Menschen große Teile ihres Alltags verbringen und ihnen grundsätzliche Rechte hinsichtlich der Unterbringung oder der Auslebung ihrer Sexualität verwehrt bleiben.“ 

Neben der eigentlichen Beratung sei das zeitaufwendig und nervenzehrend. Gerade deshalb freue sie sich über eine neue Stelle im Team. Das gebe ihr Auftrieb. „Und was mich sonst motiviert? Na ja, ich bin extrem abgefuckt von den Verhältnissen und wenn ich die Möglichkeit habe, etwas zu verändern, will ich das tun“, verdeutlicht Tillmanns. „Ich habe zwar in dieser Arbeit auch nur einen eingeschränkten Radius, aber ich habe zumindest eine Möglichkeit. Und still sein kann ich nicht.“ 

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