Provokante Präsenz — Zuher Jazmati

Zuher Jazmati klärt in seiner Arbeit über rechte Gewalt auf, er spricht über Queerfeindlichkeit und Rassismus – Aktivist jedoch will er nicht (mehr) sein. Was es bedeutet, wenn das eigene Leben politisch ist.
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Text: Simon Sales Prado — Fotos: Benjamin Jenak

Zuher Jazmati sitzt im Hinterhof eines Cafés im Wedding, einem Stadtteil im nordwestlichen Berlin. Er wohnt um die Ecke, diese Gegend ist sein Zuhause – das wird noch wichtig werden. Das Gespräch soll sich um seine aktivistische Arbeit drehen. Aber noch bevor es darum geht, um die rechte Gewalt im Land oder um Gemeinschaft und Widerstand und was es bedeutet, heute sichtbar queer und muslimisch zu leben, möchte Jazmati etwas richtigstellen – er ist gar kein Aktivist. Oder besser gesagt: nicht mehr. Eine aufschlussreiche Aussage in einer Zeit, in der Aktivismus eher ein Vorwurf geworden ist – einer, der vielleicht mehr über die deutsche Gesellschaft aussagt, als über jene, denen mit dieser Begrifflichkeit etwas vorgeworfen wird.

Aktivistisch zu sein, wird Menschen aus Politik, Wissenschaft oder Medien unterstellt, sobald sie in ihrer Arbeit auf Ungerechtigkeiten hinweisen, oft dann, wenn sie selbst betroffen sind. Aktivistisch bedeutet in den Augen vieler: zu voreingenommen, zu subjektiv, zu radikal, um ernst genommen zu werden. Zuher Jazmati verdreht bei solcher „Kritik“ die Augen. Weil er aktivistische Arbeit schätzt – und es anmaßend findet, wenn Menschen, die wie er in Bürojobs ein gutes Gehalt verdienen und einfach nur ihre Arbeit machen, mit all jenen gleichgesetzt werden, die aktivistisch arbeiten – also ehrenamtlich und oft gegen Widerstände.

„Es sagt so viel über dieses Land aus, dass du als Aktivist oder Weltverbesserer giltst, sobald du Rassismus ansprichst.“ Er stört sich auch deshalb an dem Begriff, weil ihn die Erwartungen und die moralischen Ansprüche nerven, die damit auf ihn projiziert werden. 

Bekannt ist Jazmati vor allem durch seine Auftritte in den sozialen Netzwerken, durch seine Posts bei Instagram oder Twitter. Aber nicht nur dort: Auch in seinem Podcast BBQ (kurz für Black Brown Queer) spricht er über Männlichkeit, Queerfeminismus, über rechte Gewalt und antimuslimischen Rassismus. Jazmati gehört bei diesen Themen zu den bekannten Stimmen. 

Die meiste Zeit aber arbeitet er beim Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. 2021 wurde die Organisation mit dem Grimme Onine Award ausgezeichnet – für „Gegen uns“, eine Videoreihe über rechte Gewalt in Deutschland seit 1990. Es geht um die Baseballschlägerjahre, um antimuslimische Gewalt, den Mord an Marwa El-Sherbini. Betroffene und Angehörige sprechen über das Versagen der deutschen Gesellschaft und fehlende Aufarbeitung, aber auch über Solidarität und Gegenwehr. Und über die Frage, was es mit Menschen macht, solche Geschichten mit sich zu tragen.

Die Folgen der Sarrazin-Debatte

Geboren wurde Zuher Jazmati in den späten Achtzigerjahren. Groß geworden ist er mit den Brandanschlägen und rassistischen Ausschreitungen von Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen. Als der NSU im Land mordete, war er Teenie. Was das alles bedeutet, habe er aber erst mit der Sarrazin-Debatte verstanden, sagt er. Als das Buch 2010 erschien, war Jazmati gerade des Studiums wegen umgezogen. Er beschreibt eine Zeit, in der seine muslimische Identität für ihn selbst ohnehin eine wichtige Rolle gespielt habe. Eine Zeit, in der er nicht das Gefühl hatte, deutsch sein zu können. Mit der Debatte um Sarrazins rassistische Thesen habe sich dieser Konflikt verschärft – und für Jazmati zerbrachen damals gleich mehrere Welten.

Da war einmal die neue Welt im beschaulichen Marburg, sein Studienort, wo selbst unter den Studierenden plötzlich Sätze fielen wie: „Endlich sagt es mal einer.“ Und: „Da hat er schon auch einen Punkt.“ Oder, wenn Zuher Jazmati sich wehrte: „Du bist ja nicht wie die anderen Muslime.“ Aber auch in der Welt außerhalb des Studienalltags war für ihn etwas zerbrochen. „Zu sehen, wie das Buch im ganzen Land funktioniert hat, war am schlimmsten“, meint er. „Es wurde größer, landete auf Bestsellerlisten, wurde in Zeitungen besprochen. Sarrazin war in Talkshows, hat Hallen gefüllt, von allen Seiten wurde applaudiert.“ 

Zuher Jazmati ist ein zugewandter, neugieriger Mensch. Während der Treffen erzählt er mit großer Zärtlichkeit von seinen „Friends“ und von den Gerichten aus Aleppo, die er nachkocht und variiert, „aber so Sachen wie Schokohummus mache ich nicht“. Er erzählt von den Flügen nach Syrien, um die Familie zu besuchen. Von „RuPaul’s Drag Race“, vom Dschungelcamp und seinen Lieblingsfilmen: „Jurassic Park“ und „Batman“. Jazmati lacht dabei laut und oft, er spricht viel und schnell und mit wenigen Unterbrechungen. An dieser Stelle aber, während er beschreibt, wie Thilo Sarrazin von Deutschland „hofiert“ wurde, macht er eine Pause. Er überlegt. Dann sagt er: „Und niemand hat was dagegen gesagt, niemand hat uns verteidigt.“

Provokationen bei Social Media

Uns, damit meint Jazmati auch seine Familie. Er meint seine Eltern, die ihn und seine Brüder gewarnt hätten, dass sie keine „echten Deutschen“ seien, obwohl sie hier geboren sind – und die deswegen sagten, sie müssten freundlich zu „den Deutschen“ sein, sie müssten ihnen auf der Straße zulächeln, sie müssten stolz sein auf dieses Land, es lieben, vor allem müssten sie „dankbar, dankbar, dankbar“ sein. Jazmati erzählt von der Enttäuschung seiner Eltern, als die AfD in den Bundestag einzog. Wie er damals Wut und Hass in ihren Augen gesehen habe. Und wie sie die Frage umtrieb, was sie noch machen müssten, damit ihre Kinder in Frieden leben könnten. „Aber natürlich ist die Wut meiner Eltern auf Deutschland eigentlich keine Wut und auch kein Hass“, sagt Jazmati. „Sie lieben es hier. Sie haben Angst um unsere Zukunft.“

Um die Geschichte von Zuher Jazmati und seiner politischen Arbeit zu verstehen, muss auch die Geschichte rechter Gewalt in diesem Land erzählt werden. Es liegt nahe, aus dieser mit breiten Pinselstrichen erzählten Geschichte abzuleiten, wieso Jazmati heute das macht, was er macht. Dennoch ist diese Lesart so einengend, weil sie die feinen Pinselstriche verdeckt – und sie drängt Jazmati in eine Position, die ihm nicht gerecht wird: in die des Betroffenen. 

Das ist schon deswegen irreführend, weil dadurch unsichtbar gemacht wird, dass Jazmati nicht einfach als Betroffener spricht, sondern als Experte, der diese Themen studiert hat und sich bewusst dafür entscheidet, sich auf diese Weise mit der Welt auseinanderzusetzen. „Oft würde ich lieber etwas anderes machen“, sagt er. „Ich bin gerne Gastgeber, vielleicht mache ich irgendwann ein Restaurant auf und sage: ‚Ciao, das war’s, jetzt ist die nächste Generation dran‘, und gehe.“ Jazmati lacht. Er ist da pragmatisch. 

Viel wichtiger aber für ihn ist: Jazmati will seine Geschichte nicht mehr so erzählen, als sei sie die Geschichte eines Opfers. Er will nicht (mehr) diese passive Rolle einnehmen, die ihn für die Mehrheitsgesellschaft verdaulich mache. Er will nicht mehr gefragt werden, „wie schlimm“ es denn sei, queer und muslimisch zu leben. Worüber er stattdessen sprechen möchte: über Bewältigungsstrategien, über Provokation, überhaupt über das Schöne und Genussvolle am Queer- und Muslimischsein. Über die Stärke, die er daraus zieht, durch die Welt zu gehen und zu wissen, was Anderssein bedeutet. Und wie es sich anfühlt, als „anders“ wahrgenommen zu werden, aber auch zu wissen, wie diese Gesellschaft von außen aussieht. Was Jazmati sich wünscht, ist simpel: Er möchte als Mensch in seiner ganzen Komplexität gesehen werden. 

Verständnis für die Komplexität

Zuher Jazmati gehört zu den Menschen, die damit umgehen müssen, für mehr zu stehen als nur für sich selbst. Er erzählt von dem Tag, an dem er getwittert hat, Ex-Minister Jens Spahn (CDU) gehöre zu den schwulen Männern, die er verachte, woraufhin ihm von weißen Queers vorgeworfen wurde, queerfeindlich zu sein. Das habe perfekt in deren Weltbild gepasst, so Jazmati, „für die war ich der homophobe Araber“. Andererseits: Kann es vielleicht auch sein, dass Jazmati in den sozialen Netzwerken gerne provoziert? Und wenn er doch weiß, was er mit seinen Worten auslösen wird, trägt er nicht auch Verantwortung für die Reaktionen?

Das ist eine dieser Fragen, die Menschen wie Jazmati immer wieder gestellt werden. Sie ist verzerrend, weil in ihr die Annahme steckt, dass Menschen, denen Hass entgegenschlägt, selbst für diesen Hass verantwortlich sein könnten – dass sie dafür Verantwortung tragen, wenn andere sich provoziert fühlen. Jazmati entgegnet, er provoziere nicht bewusst. „Ich fordere gerne heraus.“ Und ergänzt: „Ich provoziere mit meiner bloßen Existenz. Es ist egal, was ich sage, die Leute fühlen sich ohnehin immer angegriffen, einfach weil ich muslimisch und queer bin. Als queerer, muslimischer Mann bin ich zu viel für diese Gesellschaft.“

Auf die Frage, wieso er das alles überhaupt macht, wieso er trotz des Hasses und der vielen Drohungen immer wieder über rechte Gewalt spricht, aber auch, wieso er sich (wie auch in diesem Text) immer wieder öffnet und seine Geschichte öffentlich macht, antwortet Jazmati: „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Menschen weniger Angst haben müssen.“ 

Als der Konflikt zwischen Israel und Palästina im Mai 2021 eskaliert, verfasst er einen Tweet, für den er viel Hass erhält. Damals schreibt Zuher Jazmati unter anderem, dass es möglich sei, gleichzeitig gegen die israelische Regierung und die Hamas zu sein, gleichzeitig für die Menschen in Palästina und gegen Antisemitismus. Jazmati, der sich als propalästinensisch beschreibt, bemerkt heute: „Mir war aufgefallen, dass viele das Gefühl hatten, sich bei dem Konflikt auf eine Seite schlagen zu müssen. Das kannst du machen, aber ich wollte zeigen, dass Position zu beziehen komplex ist. Schon allein, weil Menschen nicht einfach mit Staaten gleichsetzt werden können, es gibt ja auch palästinensische Israelis – und die können muslimisch oder christlich oder jüdisch sein.“ 

Über die „Deutsche Normalität“ 

In seiner Arbeit sei es ihm wichtig, das Leid und den Schmerz von Menschen in der ganzen Komplexität anzuerkennen. „Zu sehen, dass eine Person, die Schmerz erfährt, auch Schmerz verursacht. Und zu fragen, was meine eigene Parteinahme dann bedeutet. Du wirst in deinem Leben immer beides sein: Täter und Opfer. Um für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen, müssen wir das sehen.“ Wenn Jazmati über Politisches spricht, klingen seine Worte bestimmt und fordernd, genauso aber aufrichtig interessiert und zugewandt, gar nicht bitter.

Und während er erzählt, wird deutlich, was er mit Komplexität eigentlich genau meint. Zuher Jazmati findet Identitätspolitik gut – aber er wirkt zögerlich, wenn er darüber spricht, was die Debatten darum für emanzipatorische Bewegungen bedeuten. Und das, was heute „Cancel Culture“ genannt wird, findet er hin und wieder auch wichtig, weil Menschen in machtvollen Positionen dadurch endlich zur Verantwortung gezogen werden können, wenn sie ihre Macht missbrauchen. Dabei nimmt er sich selbst übrigens gar nicht aus. Und trotzdem wünscht er sich manchmal mehr Wärme, Empathie und Nachsicht. 

Jazmati spricht oft theoretisch über Rassismus, aber ihn nervt, dass antirassistische Debatten akademisch geführt werden, dass es seinen Eltern schwerfalle, diesen zu folgen, obwohl sie auch betroffen sind. Er mag den Gedanken hinter Allyship und Verbündeten, doch ihn stört, wenn weiße Menschen mit diesen Konzepten versuchen, ein bisschen weniger rassistisch und „damit cooler“ rüberzukommen, ohne wirklich etwas an den Strukturen ändern zu wollen.

Abwägen und Widersprüche aushalten, das kann Jazmati gut. Wieso er das kann, lässt sich erahnen, wenn es um seinen Wohnort geht: den Berliner Wedding. Er erzählt voller Zuneigung von diesem Kiez, der fast zentral liegt, und seinen Straßen, auf denen Arabisch und Kurdisch zu hören sind, wo sich türkische Supermärkte und syrische Bäckereien aneinanderreihen, wo es Lahmacun und Manaeesh zu kaufen gibt – und niemand ihn danach fragt, wo er eigentlich „wirklich“ herkomme. Trotzdem könne er dort, wie an vielen Orten, nicht immer unbeschwert queer sein, weil sein Begehren und sein Auftreten als abweichend wahrgenommen werden. „Ich wohne lieber in einem Viertel, das migrantisch ist, aber wenig sichtbare queere Kultur hat, als in einem, das für queere Kultur bekannt ist, aber weiß und rassistisch ist”, sagt Jazmati.

„Die Gesellschaft ist überall gewaltvoll, und wenn du mehrfach marginalisiert wirst, ist es nie sicher für dich“, fasst er zusammen. Was deutlich wird: Es ist für einen jungen, queeren, muslimischen, deutsch-syrischen Mann völlig selbstverständlich, sich heute im öffentlichen Raum in diesem Land nicht sicher zu fühlen. Das ist sie also, die deutsche Normalität. 

Dieser Text erschien zuerst im gedruckten Magazin. Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen.

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