An Ort und Stelle — Lina Schinköthe

Lina Schinköthe gehört zu den Menschen, über die derzeit wohl am heftigsten diskutiert wird. Damit sich die Regierung endlich der Klimakrise stellt, klebt sich die Aktivistin der „Letzten Generation“ auf die Straße.
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Text: Katrin Tominski — Fotos: Benjamin Jenak

Lina Schinköthe sitzt in einem Café in Berlin-Moabit und tippt auf der Tastatur ihres Laptops. Draußen legt sich die Sonne über die Hauptstadt und schmeichelt den rotbraunen Blättern, die langsam von den Bäumen trudeln – als hätten sie ewig Zeit. Doch die Zeit ist knapp. Und deswegen ist Lina Schinköthe hier: „Ich bin wütend, dass die Regierung den Klimakollaps und den Krieg verschärft“, erklärt sie. „Wir müssen etwas tun, es bleiben nur noch ein paar Jahre.“

Eigentlich studiert die 20-Jährige in Leipzig, doch ihr Aktivismus bei der „Letzten Generation“ hat sie nach Berlin gebracht. Lina Schinköthe ist weder vermummt noch schwarz gekleidet, sie tritt mit vollem Namen auf und plädiert für absolute Gewaltfreiheit. „Wir tun, was wir sagen und wir sagen, was wir tun.“ Es gebe keine Geheimnisse und alle wüssten worum es geht. Die Klimakrise sei keine fixe Idee, keine Verschwörungsideologie und keine Deutung, verdeutlicht Schinköthe. „Die Klimakrise ist ein wissenschaftlicher Fakt.“ Alle könnten das wissen und sich – falls nicht – informieren. Überhaupt sei es längst auch in den hiesigen Breiten spürbar und offensichtlich: Dürren, Fluten, Überschwemmungen, Waldbrände. „Wer das nicht sieht, will nicht sehen“, sagt sie und zitiert UN-Generalsekretär António Gueterres: „Wir haben die Wahl. Entweder handeln wir zusammen oder wir begehen kollektiven Suizid.“

Wie andere junge Klima-Aktive hat Schinköthe ihren beruflichen Lebensweg unterbrochen, um zu protestieren, weiter Druck zu machen. Sie ist dafür umgezogen, lebt mit Verbündeten in einer Wohngemeinschaft. „Wenn ich direkt etwas beitragen kann, dass wir als Menschheit überleben – natürlich mache ich das. Wir machen weiter und haben einen enormen Zulauf.“ In vielen Städten sammelten sich Engagierte, überall gebe es Vorträge und Trainings. Und: „Die Wissenschaft steht hinter uns“, so Schinköthe. Scientist Rebellion sei ein etwa 1 000-köpfiges Netzwerk aus 30 Ländern, auch aus Deutschland, die sie unterstützten. Dazu komme der Support von Psychologists for Future. „Viele möchten uns mit ihrer Kritik einfach an den Rand der Wahrnehmung drängen, hoffen, dass das endlich aufhört. Doch wir werden mehr.“

In den letzten Wochen hat die „Letzte Generation” international für Schlagzeilen gesorgt. Von Talkshow bis Comedyformat kam kein Medium an dem Thema vorbei. Protestierende stiegen auf das Berliner Brandenburger Tor, besetzten die Öl-Pumpstation Glantzhof in Mecklenburg-Vorpommern und hefteten sich auf den Fußboden des Porsche-Pavillons in Wolfsburg.

Einen nicht verhallenden Aufschrei verursachten festgeklebte Menschen Anfang November in Berlin. Die Aktion verursachte einen Stau auf der Stadtautobahn, der aber auch ein spezielles Rüstfahrzeug der Feuerwehr stoppte. Es traf verspätet an der Puschkinallee ein. Dort war eine Radfahrerin unter einen Betonmischer geraten und verstarb später im Krankenhaus. Welchen Einfluss die Proteste auf den Verlauf der Unfallrettung haben, wird derzeit juristisch geklärt. In der Boulevardpresse standen „die Schuldigen“ schnell fest. 

Die Angst vor dem Kollaps 

Die wohl größte Kontroverse allerdings ziehen Aktionen der „Letzten Generation“ in Museen nach sich. Menschen klebten sich am Rahmen des Raffael-Gemäldes „Sixtinische Madonna“ in Dresden fest, schütteten Mehl auf ein Auto-Kunstwerk von Pop-Art-Künstler Andy Warhol in Mailand, Kartoffelbrei auf ein Werk von Claude Monet in Potsdam, Tomatensuppe auf einen Van Gogh in Rom. Die Solidarität scheint seither grenzenlos – mit den Gemälden. Was können Kunstwerke für die Klimakatastrophe, stöhnen nicht nur die Feuilletons, sondern die breite Medienlandschaft. Dass bislang kein Kunstwerk beschädigt wurde, weil sich allesamt hinter Glasscheiben befinden, ist eine Tatsache, die häufig untergeht.

Das Narrativ der „skrupellosen Barbarei“ greift bei Schinköthe nicht: „Wir möchten die Kunst nicht vernichten. Im Gegenteil – wir möchten, dass die Kunst erhalten bleibt. Das gelingt nur, wenn wir als Menschen und als Gesellschaft erhalten bleiben. Deswegen machen wir solche Aktionen. Temperaturen von über 40 Grad Celsius sind für Kunstwerke auch keine ideale Temperatur. Kunst ist durch den Klimawandel ebenfalls bedroht.” Allein 2 800 Werke seien durch die Flut im Ahrtal in Gefahr geraten, ein Teil davon stark beschädigt, argumentiert sie. „Wenn sich die Menschen mit der gleichen Energie über die mangelhafte und katastrophale Klimapolitik aufregen würden, wäre schon viel gewonnen. Es ist schon skurril, dass Aktionen an Kunstwerken so eine Empörung auslösen und nicht der Tod vieler Menschen.“ 

Ein Vorwurf aus den Reihen des Umwelt- und Klimaschutzes lautet: Alle reden nur noch über den Protest, jedoch niemand über das Klima. Schinköthe nimmt das gelassen: „Wir eröffnen einen gesellschaftlichen Raum, in dem Aufmerksamkeit entsteht. Das ist doch absolut prima.“ Vor allem durch die Besetzung der Universitäten sei viel erreicht worden. Mitarbeitende und Studierende hätten sich bedankt. Endlich seien ihre Nachhaltigkeitsprojekte kein Alibi mehr. Endlich seien diese auch mit genügend finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen ausgestattet worden. „Natürlich regt unser Protest auf. Das soll und kann er auch.“

Während der Bürgerrechtsbewegung in den USA, meint Schinköthe, hätten auch nicht alle Feuilletons freudestrahlend ausgerufen: „Endlich sind sie da! Endlich Protest!“ Heute jedoch begründe sich das Selbstverständnis moderner Demokratien auf dem damals Erkämpften. „Klimaschutz steht nach vielen Jahren der Warnungen noch immer nicht im Fokus der Politik. Wir glauben nicht mehr, dass sich ohne Druck jemals etwas ändern wird. Die Regierung hat den Klimaschutz nicht im Griff. Wir haben einen Plan, alles ist strategisch gut durchdacht.“ 

Strittige Gefängnisstrafen

Dieser Satz mag für Ordnungstreue und Normalitätsliebende wie ein Albtraum klingen – wenn Gewissheiten des Alltags erschüttert werden und Regeln fallen. Natürlich müsse etwas für das Klima getan werden, heißt es oft beschwichtigend, doch bitte nicht so rabiat, nicht so radikal und nicht so schnell. Das langsam einsetzende Bewusstwerden der Älteren trifft auf die akute Zukunftsangst der Jungen. Maximale Reibung also. In diesem Konflikt ist Lina Schinköthe von ihrem Weg überzeugt: „Die Geschichte zeigt, wie wirkungsvoll und erfolgreich zivile Proteste sein können. Das haben wir bei Mahatma Gandhi und Martin Luther King gesehen. Auch das Frauenwahlrecht haben wir nur, weil Frauen zivilen Widerstand geleistet haben. Uns verbindet die Hoffnung, dass wir als Menschen und als Gesellschaft doch noch etwas retten können.“

Hoffnung? Das sei für sie ein schmaler Silberstreif am dunklen Horizont: „Es ist viel näher, als wir denken. Die Flut im Ahrtal, das Baumsterben im Harz, die Waldbrände in der Sächsischen Schweiz, schon jetzt sterben hier tausende Menschen im Jahr an der Hitze“, zählt Schinköthe auf und verknüpft diese Beispiele mit dem spürbaren politischen Druck: „Die Diskussionen zu Geflüchteten. Schon jetzt ist das Mittelmeer ein Massengrab und schon jetzt gibt es in vielen europäischen Ländern einen Rechtsruck. Wenn alle Menschen nach Europa fliehen, sind die Konflikte vorprogrammiert.“ Die Aktivistin spricht konzentriert und gestikuliert klar.

„Olaf Scholz hat gemeint, wir sollen in unserem Protest kreativ sein – und wir werden kreativ sein.“ Sie könne nicht verstehen, wie Menschen die Augen verschließen, die Koalition Themen weiter vertagt und alles wie immer weiterlaufen soll. „Ich habe unheimlich Angst davor, was passiert, wenn die Erde sich weiter aufheizt. Wie viele Menschen müssen noch ertrinken.“

Lina Schinköthe ist angetreten, diese Ignoranz zu beenden. Deswegen klebt sie sich fest und nimmt Gefängnisstrafen in Kauf – wie viele andere. „Die Methoden, die wir wählen, wählen wir nicht leichtfertig“, erklärt sie. „Wir stehen mit Namen und Gesicht zu dem, was wir tun und tragen auch die Konsequenzen.“ Sie selbst habe schon in Gewahrsam im Gefängnis gesessen. Nach einer Straßenblockade im April in Frankfurt am Main wurde Schinköthe festgenommen, ihre Mutter ebenfalls. Beide landeten in der Einzelzelle. „Eine schöne Erfahrung ist das nicht.“ 

Insgesamt 13 Protestierende saßen bis Anfang Dezember für ihren Protest in München ein – ohne Urteil. „In Bayern erlaubt das Polizeigesetz einen Gewahrsam von 30 Tagen, der auch noch einmal verlängert werden kann. Allein mit Beschluss einer Haftrichterin, ohne normalen Prozess“, erklärt Schinköthe und zeigt das Video einer Mitstreiterin. Elena ist 23 Jahre alt und sitzt seit dem vierten November hinter Gittern. „Das ist ein Akt enormer Verzweiflung“, erklärt sie dort auf dem Handy. „Wenn wir auf die Klimawissenschaft hören, haben wir noch etwa zwei bis drei Jahre Zeit.“ Dann wird ihre Stimme brüchig. „Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich den Notfall, den wir haben, die ganze Zeit so sehr präsent habe in meinem Leben, dass ich es nicht vereinbaren kann, meinen persönlichen Leidenschaften nachzugehen.“ Lina Schinköthe schaltet das Handy aus und nickt. „Das kann ich unterschreiben, so geht es vielen von uns.“

Eine Liste an Forderungen

Ein Schlüsseldatum für Schinköthe ist der 22. Februar 2022. An diesem Tag habe sie in der Unibibliothek Leipzig einen Flyer gefunden. „Auf dem stand ,Wir haben einen Plan’“, erinnert sie sich. Sie habe befreundete Menschen gewinnen wollen, mit ihr zu dem Treffen zu gehen, sei jedoch erfolglos geblieben. „Schließlich bin ich allein gegangen. Das war der Moment, in dem ich mich das erste Mal für das Klima entschieden habe.“ In den Semesterferien habe sie nach Vorträgen und Trainings das erste Mal die Straße vor dem Brandenburger Tor blockiert – zusammen mit ihrer Mutter. „Als ich für meinen Vortrag lernte, sagte sie auf einmal: ,Das hört sich interessant an, da mache ich mit.“ Und so saßen sie später nebeneinander auf der Straße.

Nach zwei Tagen durfte Lina Schinköthe das Gefängnis im Frühjahr wieder verlassen. „Ich hatte der Richterin versprochen am Montag wieder in die Uni zu gehen.“ Natürlich habe sie das auch gemacht: „Wir halten unsere Versprechen.“ Dann fügt sie hinzu: „Doch als ich dort saß und wir über Kant redeten und die Erkenntnisse in dieser Welt, dachte ich, was uns diese ganze Theorie hilft, wenn bald die Welt kollabiert. In dem Moment fragte ich mich – Kant in allen Ehren – ob es jetzt nicht dringlicher sei, das Klima und die Menschen zu retten.“ Kurz darauf fiel die Entscheidung nach Berlin zu gehen. 

Die Aktionen der „Letzten Generation“ seien an konkrete, realistische Forderungen gekoppelt:„Zuallererst ein Tempolimit“, so Schinköthe. „Geschwindigkeitsbeschränkungen sind Standard in Europa. Niemand hätte den Anspruch durch die Schweiz mit 250 km/h zu fahren. Ebenso in Österreich, in Frankreich, in Norwegen und Schweden. Warum halten wir in Deutschland also so verkrampft daran fest?“ Das sei unlogisch und das Ergebnis intensiver Lobbyarbeit. „Wenn wir noch nicht einmal das schaffen, wie wollen wir dann das Klima retten?“

Die Liste an Forderungen geht natürlich weiter: Die Weiterführung des 9-Euro-Tickets, mehr Mitbestimmung in Klimaprojekten, eine Änderung des Klimaschutzgesetzes für eine gerechte und schnelle Dekarbonisierung des Verkehrssektors, ein Schuldenerlass für den Globalen Süden. „Wir müssen weg von der rein individuellen Verantwortung hin zur Verantwortung der Regierung. Sie muss die Rahmenbedingungen für eine ökologische Wende und den Ausstieg aus großen fossilen Energien schaffen. Die Regierung ist unser Adressat, sie sitzt am Hebel.“

Schinköthe blickt auf, schaut raus auf die Straße und lächelt. Ihre Mutter steuert auf das Café zu. Gleich sind beide zum nächsten Interview verabredet. Eines will sie aber noch loswerden: „Das Bundesverfassungsgericht hat das Klimaschutzgesetz vom Dezember 2019 in Teilen für verfassungswidrig erklärt – geändert hat sich bislang nichts.“ Die nationalen Klimaschutzziele und auch die bis 2030 zulässigen Jahresemissionsmengen seien „insofern mit Grundrechten unvereinbar, als hinreichende Maßgaben für die weitere Emissionsreduktion ab dem Jahr 2031 fehlen“, hieß es dazu in einer Pressemitteilung. Erst Anfang November, sagt Lina Schinköthe, habe die „Letzte Generation“ der Regierung in einem offenen Brief ein Gespräch angeboten. Leider sei dieses Angebot nicht angenommen worden. „Wir sind gekommen, um zu bleiben – bis etwas passiert. Wir geben nicht auf. Es ist doch rechtens, was wir fordern.“

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung.

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