Emotionale Leitplanken — Peer Wiechmann

Der Verein Distanz aus Weimar arbeitet mit Jugendlichen, die kurz vor dem Abdriften in die rechtsextreme Szene stehen. Peer Wiechmann und sein Team arbeiten Aggressionen auf und schaffen kreative Alternativen.
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Text: Konstanze Popp — Fotos: Christian Rothe

Drogenmischkonsum, Alkoholmissbrauch, familiäre Gewalt und Vernachlässigung. „Wer zu uns kommt, ist oftmals durch verschiedenste Raster gefallen“, sagt Peer Wiechmann vom Weimarer Verein Distanz. Viele hätten eine bewegte Biografie. Wiechmann weiß, dass selbst erfahrene Gewalt und Ausgrenzung zu verletzendem Verhalten führen können. „Die Erniedrigung anderer wird zur Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls genutzt.“

Nur wer sich ernsthaft mit der Geschichte und den Erfahrungen der Jugendlichen beschäftige, könne langfristige Veränderungen bewirken. Die Distanzierungsarbeit fülle die Lücke zwischen Prävention und Ausstiegsarbeit, verdeutlicht Wiechmann: „Unsere Zielgruppe sind Jugendliche, die Gefahr laufen, sich der rechten Szene anzunähern.“ 

Doch nicht alle Menschen mit negativen Erfahrungen würden gleich zum Neonazi. Und genauso seien nicht alle Neonazis Opfer geworden oder sozial benachteiligt: „Auch Personen aus gehobeneren Milieus sind für menschenverachtende Szenen empfänglich. Das zeigt die Identitäre Bewegung.“ Wiechmann und sein Team wollen diese Menschen erreichen. Der Verein aus Thüringen arbeitet deshalb auch mit Gymnasien zusammen. Trainings, Graffiti-, Rap- oder Skateworkshops sollen die emotionale Anziehungskraft rechtsextremer Szenen kompensieren, langfristig Halt und Orientierung bieten.

Peer Wiechmann ist der Rechtsextremismusprävention inzwischen seit mehr als zwei Jahrzehnten verbunden. 2005 war er Gründungsmitglied und anschließend langjähriger Geschäftsführer des Vereins Cultures Interactive, der sich neben der interkulturellen Bildung auch mit Gewaltprävention befasst. Nach fast 15 Jahren sei es für ihn persönlich aber Zeit für etwas Neues gewesen, erzählt er. 

Kontakt ins persönliche Umfeld

„Die Distanzierungsarbeit ist ein noch wenig erschlossenes, aber extrem wichtiges Feld, weil es gerade in diesen Zeiten viele Menschen gibt – gerade unter den jüngeren –, die von sich sagen, kein Nazi zu sein, aber sehr, sehr viele Einstellungen teilen. Wenn dann zu viele Faktoren zusammenkommen, laufen sie Gefahr, in eine menschenverachtende Lebenswelt abzutauchen.“ Und diesen Einstieg gelte es zu verhindern.

Der Verein bekomme aktuell viele Anfragen von Menschen aus dem pädagogischen Bereich, die mit Rechtsorientierten zu tun hätten. Wiechmann erklärt dieses Phänomen vor allem mit einem erstarkenden Rechtspopulismus und der „Instrumentalisierung der pandemischen Lage durch Rechtsextreme. „Es sagt schon viel über diese Gesellschaft aus, dass unsere Maßnahmen Konjunktur haben.“

Wenn Eltern rechtsextreme Denkmuster vorleben, erschwere das die Arbeit enorm. Aufzugeben sei nichtsdestotrotz der falsche Weg: „Jede Intervention zählt.“ Bei eingeschliffenen Alltagsrassismen bestehe die Chance, diese in Trainings allmählich aufzuweichen und abzubauen. „Wir suchen im Anschluss Menschen im Umfeld der Jugendlichen, die unsere Ansätze nachhaltig stützen können. Die Grenze ziehen wir bei organisierten rechtsextremen Strukturen“, so Wiechmann. Auf Wunsch vermittelt der Verein auch an professionelle Ausstiegshilfen.

Die Trainings seien selten auf Konfrontation ausgerichtet, sagt Wiechmann. Es geht um Reflexion und darum, die Jugendlichen dazu anzuregen, Situationen aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Warum aber driften Jugendliche überhaupt in solche Milieus ab? An rechtsextremen Szenen reize junge Menschen besonders eines: das Versprechen der Zugehörigkeit. „Wir bieten deshalb in unseren Trainings sinnstiftende Alternativen in Form von Streetsport und Jugendkulturen.“

Der Prozess des Nachdenkens

Auch die Auseinandersetzung mit Geschlechterklischees gehört fest zur Arbeit des Vereins. Die starren Rollenmodelle in den Szenen der extremen Rechten ließen wenig Individualität zu, weiß Peer Wiechmann. In den Trainings verhalte sich das Team deshalb komplett entgegengesetzt zu allen gesellschaftlichen Erwartungen an klassische Frau-Mann-Modelle. Im Fachjargon: „genderirritierendes Arbeiten“. Was das bringt? „Durch diese überspitzte Umkehr herkömmlicher Normen stellen Teilnehmende fest, dass ihre Abwertungen nicht mehr greifen und sehen sich mit neuen Rollenmodellen konfrontiert.“

Um tatsächlich dauerhaft etwas verändern zu können, arbeitet der Verein mit einem Netzwerk an Sozialarbeitenden, um den Jugendlichen auch nach den Trainings ein Umfeld zu schaffen, das mit ihnen umzugehen weiß, erklärt Wiechmann. Bei der Vermittlung der Fälle sei oft das Jugendamt beteiligt. Distanzierungstrainings seien nämlich auch eine Alternative zu gerichtlichen Strafen. „Wir müssen aber aufpassen“, schränkt der Pädagoge ein, „dass die Jugendlichen es nicht nur als geringeres Übel sehen, sondern auch bereit sind, an sich zu arbeiten.“ Wer das nicht ist, muss damit rechnen, dass die Trainings vom Verein abgebrochen werden. 

Gelegentlich fühle sich die Arbeit an wie der Tropfen auf einem heißen Stein, erzählt Peer Wiechmann. Doch selbst dann, wenn Trainings abgebrochen würden, gebe es Situationen, die zumindest zu einem Zögern und Nachdenken bei den Jugendlichen geführt hätten. „Allein das ist schon ein Erfolg.“ 

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