Zimmer im Freien — Lisa und Timo Gelzhäuser

Die Hälfte des deutschen Waldes ist in privater Hand. Doch Schädlinge und die Klimakrise lassen die weiten grünen Flächen kahler werden. Lisa und Timo Gelzhäuser bauen aus ihrem Schadholz Tiny Houses.
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Text: Annette Lübbers — Fotos: Jan Ladwig

Es gibt schlechtere Orte, um einen entspannten Tag im herbstlich-grauen Schmuddelwetter zu verbringen. Lisa und Timo Gelzhäuser warten in ihrem selbstgebauten Modellhaus mit zwei gläsernen Türen auf ihrem Hof im sauerländischen Kierspe. Die Stimmung: fröhlich. Die Geschwister sind stolz auf ihre Tiny Houses, die sie aus hochwertigem Massivholz fertigen. Sie können als Büroräume, Garten-Wohnzimmer, Ateliers, Schrebergartenhäuschen oder Saunen genutzt werden. Doch mit dem Bau der Ein-Raum-Häuschen betreten sie Neuland.

Die Gelzhäusers stammen aus einer Familie, die seit Urgroßvaters Zeiten Wald besitzt und diesen bewirtschaftet. Damit ist es nun vorbei: 98 Prozent des familieneigenen Fichtenwaldes sind verschwunden. Nach zwei aufeinander folgenden Hitzewellen hatten die Bäume dem Borkenkäfer nicht mehr viel entgegenzusetzen – und auf dem übersättigten Holzmarkt gab es kaum Interesse. Resignieren wollten die beiden Geschwister jedoch nicht, sondern dem wertvollen Rohstoff Holz neues Leben einhauchen und sich ein neues Standbein schaffen. Die Idee für die Tiny Houses kam ihnen ausgerechnet in einem nachgebauten Wikingerdorf.

„O Täler weit, o Höhen, O schöner, grüner Wald, Du meiner Lust und Wehen, Andächtger Aufenthalt! Da draußen, stets betrogen, Saust die geschäftge Welt, Schlag noch einmal die Bogen Um mich, du grünes Zelt!“ So beschrieb 1810 der Dichter Joseph von Eichendorff des Deutschen liebsten Sehnsuchtsort: den Wald. Würde der Poet heute durch sein „grünes Zelt“ stapfen – es würde ihm grauen. Nicht nur im Sauerland. Es hat nicht nur Löcher und Risse, das grüne Zelt. Einst romantisch-verträumte Fichtenwälder haben sich vielerorts in eine apokalyptisch anmutende Mondlandschaft verwandelt.

Ganze Höhenzüge sind kahlgeschlagen, gigantische Holzstapel warten noch immer auf den Abtransport. Schweres Gerät hat Boden und Wege aufgewühlt. Für den Dreijahreszeitraum 2018 bis 2020 weist der offizielle Waldbericht der Bundesregierung einen Schadholzanfall in Deutschland in Höhe von unglaublichen 170 600 000 Kubikmetern auf.

Wenn die Wälder verschwinden

Auch die beiden Geschwister wandern heute über trostlose Hänge, auf denen kein Reh und kein Wildschwein noch einen schattigen Unterschlupf finden. Vom „Brot- und Butterbaum“, wie die schnell und sehr gerade wachsende Fichte auch genannt wird, kann hier niemand mehr leben. „Es war abzusehen, dass der Klimawandel unsere Existenz bedroht. Unser Vater hat sich schon vor 30 Jahren bemüht, unseren Wald naturnaher und resilienter aufzustellen. Er hat zum Beispiel mit Pappeln experimentiert, aber die wollten hier einfach nicht gedeihen. Dass der Klimawandel so schnell und so gnadenlos zuschlagen würde, das hat letztlich aber auch ihn überrascht“, erzählt Timo Gelzhäuser. „Und so ganz haben auch wir beide noch nicht realisiert, dass es mit dem Wald als Lebensgrundlage für die nächsten Jahrzehnte vorbei ist.“

Nicht vorbei ist es mit der positiven Grundeinstellung, mit der die Geschwister Gelzhäuser ihre berufliche Zukunft anpacken. Den Kopf in den Sand stecken und auf Segnungen des Staates warten? Das ist so gar nicht ihr Ding. Wenn es auf die „alte Art“ nicht mehr geht, dann muss halt etwas Neues her: Tiny Houses. Die Zahl der Menschen, die in ihren eigenen vier Wänden, aber deutlich minimalistischer und umweltfreundlicher leben wollen, wächst – nicht nur in den USA, in der die Häuschen zu einer gesellschaftlichen Bewegung zählen.

Unterstützung für ihre Idee bekamen die Gelzhäusers vom Land NRW. In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dortmund und einer Iserlohner Softwarefirma wollen sie künftig Tiny Houses in Modulbauweise herstellen, die sich nach Bedarf erweitern lassen. Interessierte sollen sich ihr neues Zuhause oder ihr Büro online selbst konzipieren und sehen können, wie sich Veränderungen auf den Preis auswirken. Im Anschluss wirft das neu zu entwickelnde Programm auch nötige Unterlagen und Pläne für eine Bauvoranfrage aus. Die TU Dortmund hat die Entwicklung der Statik, die Konstruktion, Bauphysik und Architektur übernommen.

Aus Schadholz werden Häuser

Die Geschwister haben sich ein eigenes Sägewerk und eine Hobelbank eingerichtet, um die maximal sechs Meter langen Bohlen selber schneiden zu können. Und mit den Tausenden Festmetern Schadholz aus ihrem eigenen Wald gibt es immerhin Holzvorräte für zwei Jahre. So manche Stämme mussten sie – wenn auch nur höchst widerwillig – nach China verkaufen. „Mehr Lagerfläche stand uns nicht zur Verfügung und die heimischen Sägewerke haben das Holz entweder gar nicht abgeholt oder nur zu einem völlig inakzeptablen Preis abnehmen wollen“, erzählt Timo Gelzhäuser.

Die unterschiedlich großen Häuschen aus hochwertigen Blockbohlen kommen beinahe ohne Metall und ganz ohne Leim aus. Zusammengefügt werden sie mit einer als „Tiroler Schloss“ bekannten, sehr alten Verbindungsweise, die in der Alpenregion erfunden wurde. Ein speziell für diesen Zweck programmierter Roboter sägt die Bohlen entsprechend zurecht. Damit das Häuschen wind- und wasserdicht ist, nutzen die beiden ein spezielles Nut-Feder-Profil, das die Bewegungen des Holzes ausgleicht. Sie werden in Baukastenweise gefertigt und können miteinander kombiniert werden. Wer es sich zutraut, kann die Tiny Houses auch als Werkteile geliefert bekommen und selbst zusammenbauen.

Großen Wert legen Lisa und Timo Gelzhäuser auf Langlebigkeit: „Ein Baum nimmt CO2 auf und bindet es. Je länger das Holz verbaut ist, desto besser ist die Klimabilanz. Wir konzipieren unsere Tiny Houses nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip. Heißt: Alle eingesetzten Materialien werden voneinander getrennt und wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt.“

Sichtbare Schäden einer Krise

Eigentlich hätten die beiden Geschwister auch ohne ihren Wald ganz gut zu tun. Der 37-Jährige hat Landmaschinenmechaniker gelernt, Maschinenbau studiert und einen Master in erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe in der Tasche – und lebt in Hamburg. Seine drei Jahre jüngere Schwester ist gerade erst mit Freund und Kind aus Münster zurück auf den heimischen Hof gezogen. Mit ihrem Bachelor in Tourismus und ihrem Master in Nachhaltige Ernährungswirtschaft könnte auch sie ihren Lebensunterhalt mühelos und deutlich sorgloser anderswo verdienen. Aber das wollen beide nicht.

Stattdessen haben sie sich intern und öffentlich etwas versprochen: Für jedes verkaufte Häuschen wollen sie je nach Größe 50 bis 100 neue Bäume pflanzen. Denn der Wald soll auch in den kommenden Jahrzehnten ein prägender Teil ihrer Familie bleiben. „Derzeit können wir das Versprechen aber noch nicht einhalten“, gesteht Timo Gelzhäuser. „Dass der Wald in Zukunft ein Mischwald sein sollte, davon sind alle überzeugt. Aber welche Baumarten die Fichte ersetzen könnten? Darüber wird noch gestritten. Denn niemand weiß so recht, wie sich das Klima entwickeln wird und welche Baumart damit klarkommt.“ Und bis sie darauf eine Antwort haben, werden sie noch Dutzende Seiten Fachliteratur studieren.

Eine andere Frage haben sie für sich schon längst beantworten können: Haben die riesigen Kahlschläge nun wenigstens den so dringend benötigten Bewusstseinswandel in Gesellschaft und Politik angestoßen? Lisa Gelzhäuser ist skeptisch: „Leider ist das ganze Ausmaß der Katastrophe in vielen Köpfen noch gar nicht angekommen. Wer kaum Kontakt zur Natur hat, der nimmt auch diese extreme Entwicklung gar nicht wahr. Dabei müssten wir jetzt dafür sorgen, dass unser Wald wenigstens nicht umsonst gestorben ist und die Leute merken, dass der Klimawandel vor unserer Haustür stattfindet.“ Ihr Bruder kann da nur zustimmen.

„Was wir brauchen“, fasst Timo Gelzhäuser zusammen, „ist ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass der Wald selbst ein hochwertiges und schützenswertes Gut ist, dessen Leistung ganz anders honoriert werden muss. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“

Dieser Text erschien zuerst im gedruckten Magazin. Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen.

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