Langer Atem — Pödelwitz bleibt!

Über zehn Jahre haben Menschen wie Jens Hausner und Nora Mittelstädt in Sachsen dafür gekämpft, ein über 700 Jahre altes Dorf vor den Braunkohlebaggern zu schützen – mit Erfolg. Gerettet ist Pödelwitz damit aber noch nicht.
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Text: Pia Siemer — Foto: Felix Adler

Das Dorf, in dem Jens Hausner etwa 20 Kilometer südwestlich von Leipzig lebt, sollte seit vier Jahren bereits nicht mehr existieren. Wie so viele andere Dörfer in der Region hätte Pödelwitz mit seinen alten Dreiseitenhöfen und der romanisch-barocken Dorfkirche dem wachsenden Abbaugebiet „Vereinigtes Schleenhain“ weichen sollen. „In den Tagebau nei fallen“, nennt das der Mittfünfziger in sächsischer Mundart. Hausner gehört zu den 35 Verbliebenen in dem 700 Jahre alten Bauerndorf. Zusammen mit Nora Mittelstädt, 31, führt er bei einem Rundgang über die leeren Straßen – und sie erklären, warum es das Dorf noch immer gibt.

Der Landwirt und die Akademikerin aus Leipzig gehören einer Bewegung an, die jahrelang für den Erhalt gekämpft haben. Sie besteht aus Alteingesessenen wie Jens Hausner, die selbst unmittelbar betroffen sind, und jungen Aktiven wie Nora Mittelstädt, die in Pödelwitz die Möglichkeit sehen, ein soziales und ökologisches Dorf der Zukunft entstehen zu lassen. 

Dafür haben sie gegen die Mibrag, die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft, die Zeit und auch gegen die Politik angekämpft, bis Sachsens Wirtschaftsministerium im Januar 2021 mit zwei schlichten Worten verkündete, dass ihr Kampf erfolgreich war: „Pödelwitz bleibt!“ Die Mibrag hatte auf die Inanspruchnahme eines Teils ihrer Abbaugebiete verzichtet. Vermutlich auch deshalb, weil sie die unter Pödelwitz liegenden Brennstoffe bis zum beschlossenen Kohleausstieg 2038 gar nicht mehr hätte verfeuern können.

Wer den Ort heute besuchen möchte, muss den Tagebau einmal auf der anliegenden B 176 umrunden. In unmittelbarer Nähe liegt das Kraftwerk Lippendorf, dessen Dampfsäulen bei klarer Sicht kilometerweit zu erkennen sind. Kurz vor der Abzweigung in das Dorf befördern Fließbänder ratternd die Braunkohle unter einer Brücke hindurch zum Kraftwerk. Das dumpfe Geräusch der Bänder ist auch im stillen Dorf noch deutlich zu hören. Jens Hausner und Nora Mittelstädt führen an Häusern vorbei, in deren Fenstern die spitzenbesetzten Gardinen schon seit Jahren zugezogen sind. Denn die meisten haben das Dorf längst verlassen. In einem Großteil der Vorgärten stehen Schilder mit der Aufschrift: „Privatgelände!“, die Unbefugten das Betreten untersagen. Unterschrieben sind sie von der Mibrag.

Die ehemaligen Bewohnenden sind nicht gegangen, weil sie enteignet worden wären, erzählt Hausner. „Dazu hatte das Unternehmen nie eine Genehmigung.“ Ihnen sind die Häuser und Grundstücke nach und nach für gutes Geld abgekauft worden. Viele von ihnen zogen freiwillig in die Nachbargemeinde Groitzsch, froh über den finanziellen Neuanfang.

Hausner führt zu einem Gebäude, das diesen Auszug für ihn symbolisiert. „Es ist das letzte Haus, das neu in Pödelwitz gebaut wurde“, erzählt er. Neben dem in hellem rosa gestrichenen Bau mit Wintergarten steht die überwucherte Ruine eines Garagenrohbaus. „Die Menschen waren gerade eingezogen, hatten noch die Garage angefangen, da wurde ihnen Geld dafür geboten, in der Nachbargemeinde nochmal neu zu bauen“, so Hausner. Die Familie, die das Haus errichtet hatte, sah die Chance, einen Großteil ihres Kredits zu tilgen und nahm das Angebot an. Die Tür des Pödelwitzer Hauses nahmen sie allerdings mit, der Eingang wurde mit einem Brett versperrt. Auch vor diesem Haus steht heute ein Schild der Mibrag.

Ein wachsendes Bündnis

Jens Hausner zeigt zwar Verständnis für die Weggezogenen aus der Nachbarschaft, für ihn sei das allerdings nie eine Option gewesen. Schon zu DDR-Zeiten seien viele Bewohnenden von der damaligen Regierung zwangsenteignet wurden, ihre Äcker und Grundstücke „fielen in den Tagebau“, erzählt er. „Hätten wir uns damals gewehrt, ich bin mir sicher, wir wären ins Gefängnis gewandert.“ Als Ende der Nullerjahre schließlich bekannt wurde, dass der Tagebau weiter wachsen soll, war dem Landwirt klar: diesmal würde er sich wehren. Seine Haltung machte er für alle sichtbar und hing an seinem Dreiseitenhof ein Transparent mit einer klaren Botschaft auf: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“. 

In dem Wegzug seiner ehemaligen Nachbarsfamilien versucht Hausner auch etwas Gutes zu sehen: „Die, die geblieben sind, waren sich immerhin einig“, erzählt er. Und auch sie wollten Widerstand leisten. 2013 gründeten die Übriggebliebenen die Bürgerinitiative „Pro Pödelwitz“. Es entstand ein Netzwerk aus Anwohnerschaft und Klima-Aktivismus. Hausner wurde zudem Gründungsmitglied des Bündnisses „Alle Dörfer bleiben“, das sich für den Erhalt von Dörfern im Rheinland und in der Lausitz stark macht. Als er davon erzählt, zeigt er auf die Dorfkirche, die eine für die Region typische Zwiebelhaube trägt. „Unsere Turmspitze ist das Symbol des Bündnisses geworden“, sagt er mit sichtlichem Stolz. Die wachsende Bewegung zog auch Menschen an, die nicht in einem der bedrohten Dörfer leben.

Über die Zeit kamen junge Leute wie Nora Mittelstädt hinzu. Die 31-Jährige besuchte 2018 das in Pödelwitz stattfindende Klimacamp. Sie zeltete in der Dorfmitte, besuchte Workshops und lernte andere Menschen aus der Klima-Aktivismus-Szene kennen. „Das hat Eindruck auf mich gemacht“, erzählt sie heute, während sie am Pödelwitzer Bürgerhaus vorbeigeht. Das rote Garagentor verrät immer noch, dass hier einmal die Freiwillige Feuerwehr des Ortes ihren Sitz hatte. Im Januar 2020 nahm sie dort an einem Treffen teil, bei dem der lokale Ableger des bundesweiten Bündnisses „Alle Dörfer bleiben“ gegründet wird. „Ich wollte gucken, was möglich ist und wozu wir als Gruppe in der Lage sind“, sagt Mittelstädt.

Jahrelang setzte die Bewegung vor allem auf Konfrontation und zivilen Ungehorsam. Nicht nur im Leipziger Land, sondern auch im Rheinland und in der Lausitz haben Engagierte immer wieder lautstark demonstriert, Bagger und Tagebauten besetzt, Unterschriften für Petitionen gesammelt und Veranstaltungen gestört. Ihr Einsatz nahm dabei mitunter ungewöhnliche Formen an. In Pödelwitz rebellierten 2017 Greenpeace-Mitglieder, in dem sie von der Mibrag beschädigte Häuser einfach reparierten. Das Unternehmen stellte laut Presseberichten seinerseits kurzerhand eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs. 

Längst nicht in Sicherheit

Ihre Strategie aber war erfolgreich: Als die Grünen in Sachsen 2019 in die Landesregierung eintraten, hielten sie im Koalitionsvertrag fest, dass Pödelwitz erhalten bleiben solle. „Ohne diese Verhandlungen hätten wir es nicht so schnell geschafft. Wir wären wahrscheinlich gezwungen gewesen, den juristischen Weg bis zu unserem Erfolg zu gehen“, meint Hausner, der selbst in der Partei als Kommunalpolitiker aktiv ist. Gerettet sei das Dorf dadurch aber immer noch nicht. „Die Zukunft des Dorfes hängt an der Eigentumsfrage.“ Denn 80 Prozent der Gebäude und Grundstücke gehören der Mibrag. Und sie verfallen langsam vor sich hin.

„Da drüben ist neulich das Dach der alten Scheune eingestürzt“, erzählt Mittelstädt und zeigt auf einen alten Dreiseitenhof, dessen Wände von Pflanzen überwuchert werden. Das kommt einer neuen, wenn auch deutlich leiser tickenden Zeitbombe gleich. Im geretteten Pödelwitz soll nämlich ein Modelldorf entstehen, das von einer ökologisch und sozial ausgerichteten Gemeinschaft bewohnt wird. Aber das sei nur möglich, wenn die Bausubstanz erhalten wird. 

„Mit der Nachricht, dass Pödelwitz bleibt, begann für uns ein Strategiewechsel“, erklärt die Aktivistin. Statt auf Konfrontation setze die Initiative jetzt auf Kooperation. In einem etwa einjährigen Prozess entschieden sie sich dafür, einen Verein mit dem Namen „Pödelwitz hat Zukunft“ samt Beirat zu gründen. Der Verein möchte als Interessenvertretung der letzten Dorfbewohnenden und denen, die das Dorf zukünftig gestalten möchten, auftreten. Die Interessen sind durchaus unterschiedlich. Zwar eint das inhaltliche Ziel der Wiederbelebung von Pödelwitz – die politischen Einstellungen liegen aber mitunter weit auseinander. Auch über die Methode, die zum Einsatz kommen, gibt es ganz unterschiedliche Auffassungen.

„Über den Ablauf unserer basisdemokratischen Plena war so mancher Mensch aus dem Dorf zuerst belustigt“, sagt Mittelstädt. Nicht alle aus dem Dorf sind Mitglied im Verein. Sie werden deshalb durch Gespräche am Gartenzaun eingebunden. Dokumente bringen Mitglieder des Vereins, von denen die meisten (noch) in Leipzig wohnen, auch mal ausgedruckt in Pödelwitz vorbei, damit alle informiert bleiben. Bei Dorffesten am Bürgerhaus grillen alle gemeinsam, mittlerweile liege wie selbstverständlich auch Vegetarisches auf dem Grill, sagt Mittelstädt.

Die Vereinsstruktur habe außerdem den Vorteil, dass sich die Mitglieder auf Fördergelder bewerben und als Gesprächspersonen auftreten – auch für die Mibrag. „Das war für manche, die jahrelang gegen das Unternehmen gekämpft hatten, kein leichter Schritt“, so Mittelstädt. Mit dem Strategiewechsel ging daher ein Generationenwechsel unter den Aktiven einher. Auch Hausner meint, dass der Staffelstab langsam übergeben werden müsse: „Was genau aus Pödelwitz wird, muss sich eine neue Generation überlegen“, sagt er. Er glaube zudem nicht, dass die Mibrag bereit sei, mit denen zu verhandeln, die die Abbaggerung des Dorfes verhindert haben. „Ich halte mich jetzt erstmal im Hintergrund.“

Die Zeit als Gegenspieler

Für Nora Mittelstädt bauen die Phasen der Konfrontation und der Kooperation aufeinander auf. Der jahrelange Kampf um den Ort sieht sie als Vorbereitung. „Aber jetzt müssen wir die Mittel ändern.“ Erste Gespräche mit der Mibrag habe es gegeben. Nach einem Kennenlernen bekundete die Initiative ihr Interesse, einen ganzen Straßenzug in Pödelwitz zu kaufen, um eine Stätte für betreutes Wohnen einzurichten. Auch einen Plan für die Finanzierung legten sie dem Unternehmen vor. Doch die Mibrag erteilte ihnen laut Mittelstädt eine klare Absage. „Sie werden sich nicht mit uns an den runden Tisch setzen, so viel steht fest.“

Welche Pläne die Mibrag für die Grundstücke in Pödelwitz hat, ist unklar. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, dass zuerst „Fragen der Raumordnung“ beantwortet werden müssten. Dieser Prozess werde mit dem Landkreis und den umliegenden Kommunen gestaltet, zudem würden ein regionaler Planungsverband und die Gebietskörperschaften einbezogen werden. Es ginge nicht um eine „kurzfristige und solitäre Entscheidung, die alleine Pödelwitz betrifft“. 

Klar zu sein scheint aber jetzt bereits, dass der Tagebau, so wie viele andere in der Region, nach Ende der Abbauarbeiten geflutet wird. Ab Ende der 2030er-Jahre würde so der Pereser See entstehen, an den Pödelwitz auf einer Landzunge grenzen würde. Und Grundstücke in vergleichbarer Lage am Störmthaler oder Hainer See südlich von Leipzig sind heute viel wert. Es ist aber nicht gesichert, ob die Grube durch Grundwasser geflutet werden kann. Auch in Sachsen ist der Grundwasserspiegel in den letzten Jahren erheblich gesunken. Das heißt: Möglicherweise würde für die Flutung Wasser aus den Flüssen der Umgebung benötigt. Das könnte negative Folgen für die Bewässerung des Leipziger Auwalds nach sich ziehen.

Zumindest finanziell hat Pödelwitz noch einmal Rückenwind von Sachsens Landesregierung bekommen. Anfang 2022 wurde das Dorf von Staatsministerin Katja Meier (Grüne) zum „Ort der Demokratie“ ernannt, ein Titel, der mit Fördergeld in Höhe von 300 000 Euro verbunden ist. Davon wird eine Koordinations- und Bildungsstelle finanziert, die alle Gruppen mit einem Interesse an der Zukunft des Ortes miteinander in Austausch bringen soll. Maik Kunze (CDU), Bürgermeister der Kleinstadt Groitzsch, zu der auch Pödelwitz gehört, hat dem Verein zudem in Aussicht gestellt, in einen Planungs- und Beteiligungsprozess einbezogen zu werden, der bis Ende 2024 ein Nutzungskonzept für Pödelwitz vorschlagen soll. Ob die Mibrag diesem aber folgt und zum Verkauf der Grundstücke bereit ist, bleibt ungewiss. 

Die Zeitbombe indes tickt langsam, jedoch stetig weiter. Gespräche über die Zukunft von Pödelwitz ergeben für die Vereinsmitglieder daher nur solange Sinn, wie die Bausubstanz der leerstehenden Häuser noch zu retten ist. „Sollte es irgendwann nicht mehr möglich sein, die Gebäude zu sanieren, wäre unser Ziel einer sozial-ökologischen Dorfentwicklung gescheitert“, sagt Nora Mittelstädt. Dafür sei die CO2-Bilanz bei einem Abriss mit anschließendem Neubau einfach zu schlecht. Die neue Herangehensweise des Vereins hat somit eine Art Ablaufdatum. „Wir wollen einbezogen werden in die Entwicklung des Dorfes“, sagt Jens Hausner. „Wenn das nicht passiert, haben wir kein Problem damit, wieder widerständig zu werden.“ 

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung.

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