Dableiben — Mohammad Mohammad

Mohammad Mohammad schafft Räume für Geflüchtete im sächsischen Freital – auf dem Fußballplatz und der Theaterbühne. Mitunter kämpft er dabei gegen Windmühlen. Das aber ist er gewohnt. Er kennt es aus Damaskus.
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Text: Micha Steinwachs — Fotos: Benjamin Jenak

„Mein Name ist Mohammad, ich bin palästinensischer Syrer und lebe in Freital.“ Das sagt der junge Mann während einer Vorstellung des Stücks „Das Blaue Wunder“, an dem er als Mitglied des sächsischen Bündnisses gegen Rassismus mitwirkt. Von der Bühne des Dresdner Schauspielhauses fordert er in den dunklen Saal hinein: „Ich will, dass die Leute mich respektieren, einfach weil ich ein Mensch bin.“

Ein Mensch sein. Was bedeutet das für einen jungen Mann, der sein Leben lang mit der Zuschreibung „Geflüchteter“ gelebt hat? XXX. Das ist die Identität, die Mohammad gegeben wurde. Drei Kreuze. So steht es auf seinen Dokumenten. Staatenlos heißt das. Das macht Grenzübertritte schwierig, schränkt die Bewegungsfreiheit ein. Welche Bürgerrechte hat jemand, der nirgends „Bürger“ ist? 

Mohammad Mohammad musste aus Syrien fliehen. Heute lebt er in Freital.
Mohammad Mohammad musste aus Syrien fliehen. Heute lebt er in Freital.

Aufgewachsen ist er in Yarmouk – einem Viertel von Damaskus, das 1957 als Camp für Geflüchtete aus Palästina errichtet wurde. Früh machte er Diskriminierungserfahrungen. An der Universität und später auch in seinem Beruf als Labortechniker wurde ihm deutlich gemacht, dass er als palästinensischer Syrer für die meisten syrischen Menschen keinen Platz in der Gesellschaft habe. In Syrien ist Mohammad ein Palästinenser. In Palästina allerdings gilt er als ausländisch. „Ich habe gemerkt, dass ich nichts bedeute. Deswegen habe ich beschlossen, mich zu engagieren, um meine Identität zu finden.“ Das war im Teenageralter, als er sich einer NGO anschloss, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt auseinandersetzte und palästinensische Jugendliche aus Jordanien, Palästina, Syrien und dem Libanon zusammenbrachte.

Aus Syrien nach Sachsen 

Als der Krieg in Syrien begann, wurde Yarmouk bald darauf abgeriegelt. Viele Menschen verließen das Viertel. Mohammad beschloss zu bleiben und erlebte, wie die Bomben der Regierung fielen und sein Stadtteil monatelang ohne Lebensmittel auskommen musste. Gemeinsam mit anderen Menschen nahm Mohammad die Versorgung selbst in die Hand. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, beschreibt er paradoxerweise die eineinhalb Jahre, in denen er in seinem Stadtviertel in Damaskus eingesperrt war. „Wir haben viel gelacht, geliebt und gelebt“, fährt der junge Mann mit den akkurat frisierten schwarzen Haaren fort. Er erklärt, dass ihm in der Zeit bewusst geworden sei, was durch persönlichen Einsatz alles erreicht werden könne. Die Schulen und Krankenhäuser hätten sie selbstverwaltet aufrecht gehalten. „Viele Leute sind auch meinetwegen am Leben.“ 

In der sächsischen Kleinstadt setzt sich Mohammad gegen Rassismus ein.
In der sächsischen Kleinstadt setzt sich Mohammad gegen Rassismus ein.

Mohammad sitzt in einem Park in Dresden. Eine Gesichtshälfte ist durch den Schein eines flammenden Jonglierstabs, der in sicherer Entfernung durch die Luft fliegt, orange erleuchtet. Danach zieht er an seiner Zigarette. Eine von vielen selbstgestopften Zigaretten, die er während des Gesprächs rauchen wird. 

Mohammad lebt in Freital. Dieser Ort, der in den vergangenen fünf Jahren viel durch die Schlagzeilen der Republik kursierte. Ein ehemaliges Hotel in der kleinen Stadt unweit der sächsischen Landeshauptstadt wurde im Sommer 2015 zur Unterkunft für Geflüchtete. Und damit zum Hass-Objekt für viele Rechtsextreme aus der Region. 

Dableiben und verändern

Mohammad folgte 2016 seinem Vater nach Freital. Nach einer kleinen Odyssee, die ihn durch die Berge der syrisch-türkischen Grenze und in einem kleinen Boot über das Mittelmeer führte, kam er schließlich zu Fuß und mit dem Auto von Griechenland nach Deutschland. Die erste Nacht nach der langen Reise verbrachte er bei seinem Vater. Lange bleiben konnte er allerdings nicht. Denn es war nicht erlaubt, dass der Vater den Sohn in seinem Zimmer schlafen ließ. 

Nach einer Zeit in einer Sammelunterkunft hat Mohammad heute eine eigene Wohnung und fühlt sich angekommen. Aus Freital wegziehen, das möchte er nicht. Genug sei er geflohen. Und deswegen setze er sich in der sächsischen Kleinstadt gegen Rassismus ein. „Wenn ich aus Freital wegziehen würde, wer bleibt dann?“ Mohammad kämpft um die Akzeptanz der Geflüchteten in der Provinz. Früh lernte er dort den Verein Deutsche Jugend in Europa kennen. Mit dessen Unterstützung gründete Mohammad die Initiative Refugees and Friends, eine Fußballmannschaft, die in Freital spielt und mit der er auch bei Turnieren antritt. „Das war wie eine Challenge für mich. Ich wollte den Menschen in der Stadt zeigen, dass es möglich ist, sich uns gegenüber zu öffnen“, meint er. 

Mit der Initiative spielt Mohammad auch Theater. Dazu mussten zunächst Räumlichkeiten gefunden werden, was in Freital nicht gerade leicht war. Von der Stadt bekamen sie das Angebot einen Raum nutzen zu dürfen, aber nur unter der Auflage, dass sie ihre Gruppe auch für Kinder und Jugendliche öffnen, die nicht als Geflüchtete nach Freital kamen. 

Antisemitische Vorurteile

Mohammad erzählt das, um zu schildern, wie schwer es ist, Unterstützung zu finden – gerade von Seiten der Politik. Denn eigentlich habe er nach einem sicheren Ort für junge Geflüchtete gesucht, an dem sie frei von Diskriminierung durch andere sein konnten. Mit Hilfe eines anderen Vereins war die Suche schließlich erfolgreich. 

Auch für seine persönliche Zukunft hat er klare Vorstellungen. In Dresden will Mohammad Soziale Arbeit studieren. Und seit kurzem ist er als Projektmitarbeiter bei der Deutschen Jugend in Europa angestellt – er arbeitet in einem Bildungsprojekt, das sich gegen Antisemitismus einsetzt. Das Thema ist ihm wichtig, weil er merkt, dass es innerhalb der arabischen Community viele Ressentiments gibt. „Wir sind aufgewachsen mit den Vorurteilen gegenüber jüdischen Menschen. Das stand auch so in allen Büchern, die wir in der Schule gelesen haben“, beschreibt er. Dagegen will er etwas unternehmen.

Spielt in seiner Freizeit Fußball und auch Theater: Mohammad Mohammad.
Spielt in seiner Freizeit Fußball und auch Theater: Mohammad Mohammad. 

Mohammad will anderen Menschen neue Perspektiven eröffnen, um ausbrechen zu können aus dem starren Denken. Er versucht das in seinen Workshops genauso wie auf der Theaterbühne. Mit letzterem müsse er sich im Moment noch gedulden, weiß er. Nach Ende der Pandemie allerdings werden seine Themen nicht weniger relevant sein – im Gegenteil. „Ich habe die Hoffnung, dass wir dadurch unsere Rassismuserfahrungen auf der Bühne zeigen können und die Menschen uns so besser verstehen.“

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