Geht’s raus und spielt — Banda Internationale

Ein Dutzend Musiker gehören zum Ensemble von Banda Internationale. Die richtigen Töne treffen wollen sie aber nicht nur mit ihren blechernen Instrumenten, sondern auch politisch – und das gerade in Dresden.
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Text: Konstanze Popp — Fotos: Benjamin Jenak

Warum sich Musik für den politischen Protest eignet? „Weil sie eine eigene Sprache ist”, sagt Michal Tomaszewski, Mitbegründer der Dresdner Band Banda Comunale. Seit fast zwei Jahrzehnten stellt sich die Gruppe schon gegen Rassismus – und engagiert sich für eine offene Gesellschaft, besonders in Sachsen, wo die Brassband zusammenfand. Das war Jahr 2001. Tomaszewski und seine Bandkollegen wollten auf die zunehmende Zahl von Neonaziaufmärschen in der Stadt reagieren.

Dresden war über Jahre Aufmarschstätte der rechtsextremen Szene aus ganz Europa. Jedes Jahr am 13. Februar sammelten sich die Ewiggestrigen, um das Gedenken an die Bombardierung der Stadt 1945 für sich zu instrumentalisieren. Das gelang auch, weil es kaum Gegenwehr gab. Später stellten sich vor allem zivilgesellschaftliche Bündnisse an die Spitze des Protestes. Mit ihren Blockaden nahmen sie den Neonazis die Möglichkeit zur eigenen Inszenierung. Geblieben ist heute nur noch ein kleines Grüppchen.

Michal Tomaszewski ist Mitbegründer der Dresdner Band Banda Comunale.
Michal Tomaszewski ist Mitbegründer der Dresdner Band Banda Comunale. 

Tomaszewski erinnert sich noch gut an die Szenen von damals: „Wir waren jung und so viele Nazis auf einem Haufen hatte noch keiner von uns gesehen”, erzählt er. „Und da wir ohnehin schon musikalisch unterwegs waren, haben wir uns gedacht, blockieren ist nicht so unser Ding, Musik machen schon. So entstand die Idee der mobilen Kapelle.” Der Gedanke findet sich auch im Bandnamen wieder: „Banda Comunale“ steht für eine kleine italienische Dorfkapelle, die zu allen Anlässen spielt. Damals, so Tomaszewski, waren sie zu sechst.  

Richtig politisch sei die Brassband jedoch erst mit den Aufmärschen der rassistischen Pegida-Bewegung seit 2014 und dem Ankommen vieler Geflüchteter geworden. Michal Tomaszewski und seine Bandkollegen wollten den montäglichen „Brüllveranstaltungen“, wie er sie nennt, mit etwas Kreativem und einem fröhlichen Gesicht gegenüberstehen. „Ich muss dem ganzen Scheiß ja auch mal mit Humor begegnen”, beschreibt er seine Taktik. „Wenn ich das alles immer total ernst nehme, komme ich damit nicht wirklich weit.” Mit ihrer Art des musikalischen Protests sind sie im ganzen Land bekannt geworden – und werden seit dem auch überall hin eingeladen.

Banda Comunale hat allein im vergangenen Jahr über 50 Konzerte gespielt. Besonders bewegend war für Klarinettist Tomaszewski der Auftritt vor dem Brandenburger Tor zum dreißigjährigen Jubiläum des Mauerfalls. „Da hatten wir schon das Gefühl, ein Teil der Geschichte zu sein”, resümiert er.

Musikkapelle unerwartet verdoppelt 

Aber auch andere emotionale Momente hat die Gruppe schon zusammen erlebt. Vor mittlerweile fünf Jahren spielten sie vor dem Leonardo Hotel in Freital, das damals als Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete genutzt werden sollte und über viele Wochen von Neonazis belagert wurde. Mit ihren energiegeladenen Klängen gelang es, die Stimmung in der sächsischen Kleinstadt unweit von Dresden zu kippen, die Geflüchteten zum ausgelassenen Tanzen zu animieren – und dem rassistischen Mob die mediale Aufmerksamkeit zu stehlen. 

In dieser Zeit keimte auch die Idee, die Geflüchteten an der Musik teilhaben zu lassen. Die Zahl der Musiker verdoppelte sich schließlich – und aus der Banda Comunale wurde Banda Internationale. Es war eigentlich als Projekt gedacht, um den musikalischen Einflüssen aus Syrien, dem Irak, Burkina Faso oder dem Libanon mit der Band eine neue Heimat zu geben. Doch entstanden ist etwas dauerhaftes. Aus der Blaskapelle wurde ein Weltmusikorchester, sagt Tomaszewski und ergänzt, dass er den genauen Stil gar nicht richtig beschreiben kann. Die Musik könne außerdem dabei helfen, Sprachbarrieren vergessen zu machen. 

Als gebürtiger Pole hat Michal Tomaszewski auch einen ganz eigenen und persönlichen Bezug zum Thema Integration. Im Alter von zehn Jahren flüchtete er mit seiner Familie nach Deutschland. „Die ersten vier, fünf Jahre waren geprägt davon, mich behaupten zu müssen, mich und meine Herkunft unsichtbar zu halten und nicht aufzufallen.” Dazugehört habe, die neue Sprache so schnell wie möglich zu lernen. “Rückblickend war das nicht gerade der richtige Weg, zumindest nicht für eine Gesellschaft, in der ich leben will.”   

Die Politik müsse sich fragen, welche Wertschätzung sie den Menschen entgegenbringt. „In Deutschland wird es zum wiederholten Mal verpasst, das Selbstwertgefühl derer zu stärken, die hierherkommen”, beschreibt Tomaszewski das Problem. „Die meisten von ihnen werden von der Erwartung erdrückt, gleich alles perfekt machen zu müssen.“ Wer zu Identität oder Herkunft steht, bekomme oft auch Probleme. Für Tomaszewski nicht nachvollziehbar. „Das Grundgesetz ist doch dazu da, Minderheiten zu schützen und nicht dafür, um Mehrheiten in ihrem Sattel zu halten. Genau deswegen wurde es vor 75 Jahren geschrieben, auch wenn damals noch niemand wusste, was mal auf uns zukommt.” Problematisch sieht er darüber hinaus die sehr konservative Grundeinstellung im Land.

Mit Humor gegen die Politik der AfD

Die Band bleibt wachsam, positioniert sich immer wieder politisch, wenn die Musiker das für nötig halten. Für ihren Einsatz wurde Banda Internationale schon oft geehrt, beispielsweise von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters. Solche Preise würden ihnen helfen, sichtbar zu sein, sagt Tomaszewski. Und sie ermöglichen der Band neue Projekte. Unterstützt wird das Musikkollektiv seit Jahren schon vom Ausländerrat Dresden, der für Banda Internationale als Trägerverein fungiert. 

Neben den Proben und Auftritten geben Mitglieder der Band auch Workshops an Schulen – sie basteln zusammen Instrumente, singen Lieder und tanzen zusammen. Und zwischendrin erzählen die Musiker den Jugendlichen auch von ihren Fluchterfahrungen. Sie würden damit keine politische Agenda verfolgen, sondern aufklären wollen, bemerkt Michal Tomaszewski. Auch in Sachsen gebe es heute viele junge Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und sich durch den Austausch mit der Band weniger alleine fühlen würden. Durch die Begegnungen an den Schulen entstand vor einigen Jahren auch ein Bandprojekt mit minderjährigen Geflüchteten. Geplant sei das nicht gewesen, erzählt Tomaszewski, „aber die Nachfrage war einfach da“. Die Kangaroo Band sei dann fast schon von alleine ins Rollen gekommen. 

Doch genau wie die Workshops muss auch die Nachwuchsband coronabedingt aussetzen. Banda Internationale sucht inzwischen nach Alternativen zu ihren Auftritten, streamte im Juli einen Auftritt auf einem Elbdampfer ohne Publikum live ins Netz. Auch wenn die Pandemie viele Engagierte ausbremst: Tomaszewski glaubt daran, dass sich die Welt verändern lässt – und das auch im Kleinen. „Es gibt in Dresden tolle Vereine und ehrenamtliche Initiativen. Wer sich wirklich einbringen möchte, findet auch was.“

Der Musiker hofft für die Zukunft darauf, in den vielen Diskussionen einen anderen Ton zu finden. „Wer alles immer bitterernst sieht, wird das nicht durchhalten. Ich glaube auch, dass es die AfD mehr schmerzt, wenn über sie gelacht wird. Ich muss diesen Idioten doch auch mit Humor begegnen“, fasst er zusammen.  Nichtsdestotrotz sei die Debatte in den letzten Jahren deutlich komplexer geworden. Gab es Anfang der Nullerjahre noch das klare Feindbild des Neonazis mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln, verschwimmen heute an vielen Stellen die Grenzen. 

Zuspruch für Petition gegen Pegida

Um Pegida nicht nur musikalisch die Stirn zu bieten, haben die Musiker um Tomaszewski eine eigene Petition gestartet. Darin fordern sie den Entzug öffentlicher Plätze in der Innenstadt für rassistische, rechtsradikale und hassverbreitende Kundgebungen. Die Band stellt in Frage, ob die Versammlungen des Bündnisses noch vom Grundgesetz geschützt werden sollten. Denn die Hemmschwelle ist über Jahre spürbar gesunken: Volksverhetzende Reden sind keine Ausnahme mehr, genauso Holocaust-Leugnungen, Hitlergrüße oder Beleidigungen. 21 773 Mitzeichnungen standen am Ende der Petition.

Es ist die mit Abstand erfolgreichste E-Petition, die es in Dresden jemals gab. Der Petitionsausschuss hat daher beschlossen, dass die Verwaltung ihn über die weiteren Schritte umfassend zu informieren hat. Bisher habe die Verwaltung verhindert, dass der Stadtrat mehr Kontrolle über die Versammlungsbehörde ausüben kann, kritisieren SPD, Linke und Grüne. Das Dresdner Rathaus sei im Moment dabei, eine Antwort an Banda Internationale zu formulieren und Forderungen der Petition zu bewerten.

Neben ihren Auftritten gibt die Dresdner Band auch Workshops an Schulen.
Neben ihren Auftritten gibt die Dresdner Band auch Workshops an Schulen.

Hoffnung auf Erfolg gibt es wenig. Pegida von öffentlichen Plätzen in der Innenstadt zu verbannen, das wird kaum möglich sein, sagen juristische Fachleute. Zumindest solange nicht, wie der ganzen Versammlung oder wenigstens der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmenden keine strafbaren Inhalte zugerechnet werden können. Denn nur in einem solchen Fall könnte die Versammlung tatsächlich verboten oder aufgelöst werden. Das Recht auf Demonstration ist schließlich eines der höchsten Güter in einer Demokratie. Das heißt also: Selbst Verstöße Einzelner rechtfertigen keine Sanktionen gegen die Versammlung insgesamt.

Doch ganz egal wie es ausgeht, die Band wird weitermachen – und irgendwann auch wieder vor Publikum auftreten können. Für die Zukunft jedoch hofft Michal Tomaszewski, dass andere in die Fußstapfen der Gruppe treten, Verantwortung übernehmen, Projekte und das Engagement der Kapelle weiterführen. Das wichtigste dabei: „Du darfst dich nicht deprimieren und dir von den Flachzangen nicht den Spaß am Leben verderben lassen“, erklärt Tomaszewski. Mein Ding ist das jedenfalls nicht.”

Veto widmet den Mutigen und Engagierten im Land ein eigenes Magazin – 24/7 online und viermal im Jahr als gedrucktes (!) Heft: www.veto-mag.de/gedruckt.

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