Königin der Herzen — Susi Sendling

Als Drag Queen macht sich Susi Sendling für die LGBTQI+-Community stark. Gewalt und Diskriminierung zeigen ihr: Der Weg zur völligen Akzeptanz ist noch lang. Ihr Gesicht auf einem Bieretikett könnte der Anfang sein.
19. September 2021
5 Minuten Lesezeit
Text: Viktoria Pehlke — Fotos: Johanna Lohr

„Hat bisschen komisch ausgeschaut, aber mei“, erzählt Susi Sendling von ihrem ersten Auftritt als Drag Queen an Fasching in München. „Ganz unbedarft“ sei sie gewesen, habe ein billiges Kleid im Secondhandladen und eine blonde Perücke gekauft. „Ich hab mich nicht ausgekannt, ich hab mir auch nicht helfen lassen“, sagt sie weiter. Sieben Jahre sind seit dem vergangen – und von der anfänglichen Ahnungslosigkeit ist nichts mehr übrig. Susi Sendling hat eine brünette Perücke zu ihrem Markenzeichen gemacht und spricht selbstbewusst über Auftritte, die Drag Community und ihre ehrenamtliche Arbeit. Gerne erinnert sie sich zurück und stellt fest: „Ich würde alles wieder so machen.“ 

Als Drag Queens bezeichnen sich üblicherweise Personen mit männlicher Identität, die sich so anziehen, wie es die heterosexuelle Norm für das andere Geschlecht vorsieht. Mit ihren bunt glitzernden Outfits überzeichnen sie Geschlechterrollen bewusst, um diese in Frage zu stellen. Drag Queens kleiden sich daher nicht nur zur Unterhaltung und Selbstverwirklichung, sondern verfolgen damit durchaus eine gesellschaftliche Mission.

Susi Sendling macht sich als Drag Queen für die LGBTQI+-Community stark.

Die Idee, selbst als Drag Queen aufzutreten, entsteht bei Susi Sendling während eines Straßenfests in der Hans-Sachs-Straße und der Wahl zur „Seligen Münchner Maikönigin“. Im Frühjahr 2014 besucht sie die Veranstaltung zum ersten Mal, um einem befreundeten Barbesitzer hinter der Theke zu helfen. Am Ende des Abends wird sie von Bekannten mit einem „kitschigen Diadem“ für ihren Fleiß zur „Maikönigin der Herzen“ gekrönt.

Ein Freund habe daraufhin vorgeschlagen, dass Susi Sendling im nächsten Jahr an der offiziellen Wahl teilnehmen könne. Im „jugendlichen Leichtsinn habe sie zugestimmt“, erinnert sie sich: „Wenn ich was verspreche, dann halte ich das auch immer.“ 

Spektakel am Bartresen

Drei Jahre in Folge nimmt Susi Sendling an der Maiköniginnen-Wahl teil. Zweimal landet sie auf dem dritten Platz, bis sie 2017 schließlich und mit den Worten „Amen, Awomen, Atrans, whatever!“ zur Siegerin gekürt wird. Es beginnt ein Jahr voller bunter Events, bei denen Susi Sendling mehrmals im Monat auftritt: „Ich habe alles mitgemacht, was ging.“ Als sie die Krone ein Jahr später weitergibt, tut sie dies mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Die Zeit sei anstrengend gewesen, die Auftritte aber genauso zu einem festen Bestandteil in ihrem Leben geworden. 

Seit Jahren schon ist Susi Sendling im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum München, kurz Sub, ehrenamtlich tätig. Mindestens einmal im Monat übernimmt sie dort mit anderen Drag-Kolleginnen den Bardienst. „Drink and Drag“ heißt die Veranstaltung, bei der ein „bunter Haufen“ hinter dem Tresen steht und alle Einnahmen, inklusive dem Trinkgeld, dem Zentrum zugutekommen. Die Abende sind beliebt, meint Susi Sendling, „ein Publikumsmagnet“. Neben Stammgästen und Community-Mitgliedern mischen sich auch Neugierige unter die Menge. 

Thekendienst im Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum in München.

Das Sub ist als Verein organisiert und seit 1986 Begegnungs- und Beratungsstätte der Münchner LGBTQI+-Community. Susi Sendling ist selbst seit Jahren regelmäßig zu Gast und inzwischen auch Mitglied. Angeboten werden etwa Psychosoziale Beratung, Selbstverteidigungskurse und Aufklärung zu Chemsex. „Im Sub werden alle fündig“, lobt sie die Einrichtung. Das Sub mache es – so wie andere queere Vereine oder Klubs – den Menschen leichter, Anschluss zu finden und Kontakte zu knüpfen, wenn sie neu nach München kommen. Als Susi Sendling selbst vor zehn Jahren „als graue Maus aus dem Dörfchen“ aus Franken in die Stadt kam, habe sie niemanden gekannt. Heute ist das anders: „Mich kennen viele, ich kenne auch einige.“ In den queeren Bars Münchens bleibe sie deshalb auch nie lang allein. 

Neben ihrem Ehrenamt im Sub tritt Susi Sendling auch beim Christopher Street Day (CSD) und in Shows auf. Hin und wieder bekommt sie bei Charity-Theater-Events kleinere Rollen für die Bühne. Ihre Mission ist inspiriert von dem der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, einer selbsternannten Ordensgemeinschaft „queerer Nonnen des 21. Jahrhunderts“. Susi Sendling möchte, wie die Schwestern auch, für die Community da sein, für Aufklärung sorgen und Lebensfreude verbreiten. 

Konterfei auf Bieretikett

Ihr Engagement nehmen inzwischen viele wahr, längst auch Menschen außerhalb der bayerischen Metropole. Eine persönliche Ehre sei für Susi Sendling die Zusammenarbeit mit Quartiermeister – einer Biermarke, die sich unter dem Slogan „Zum Wohle aller“ als Sozialunternehmen dem Gemeinwohl verpflichtet und Gewinne an Initiativen und Projekte vergibt. Die Etiketten auf den Flaschen werden gegendert und die Hälfte sind mit einem weiblichen Konterfei versehen. 

Susi Sendlings Abbild ziert das neue Bio-Weizen, das bald im Süden Deutschlands erhältlich sein wird. Gerade nach dem Pandemie-bedingten Ausfall vieler Aktionen und Veranstaltungen sei die Auswahl ein Schub für sie gewesen: „Ich habe nie aufgehört zu existieren, aber es hat die Leute wieder auf mich aufmerksam gemacht.“ In der gepackten Tasche für den CSD in Nürnberg liegen deshalb auch ein paar Flaschen vom „eigenen“ Bier als Mitbringsel – und sobald das Weizen endlich auch im Sub erhältlich ist, freut sich Susi Sendling, das Getränk persönlich anpreisen zu können.

Susi Sendlings Abbild ziert seit kurzem das Bio-Weizen von Quartiermeister.

Neben der öffentlichen Aufmerksamkeit sei es aber weiterhin wichtig, dass Menschen der LGBTQI+-Community ihre Rückzugsmöglichkeiten haben. Die Akzeptanz sei in den letzten zwar Jahren gestiegen, sie höre und lese aber noch zu oft von Übergriffen und Beschimpfungen, sagt Susi Sendling. Auch sie selbst hat Diskriminierung und Gewalt erlebt: Nach einem Auftritt fährt sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause. Kurz vor der Haustür reißt ihr jemand die Perücke vom Kopf und ruft ihr homofeindliche Beschimpfungen hinterher. Dieser Angriff wirkt bis heute nach. Seither nimmt Susi Sendling nach Auftritten ein Taxi nach Hause, denn sie fürchtet, dass weitere Übergriffe schlimmer enden könnten. Auch in alltäglichen Situationen, etwa auf dem Weg zur S-Bahn, würden andere ihr mit hasserfüllten Kommentaren begegnen.

Angriffe gegen LGBTQI+ 

Anfeindungen und Gewalt an Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität sind in Deutschland keine Einzelfälle. Im Jahr 2020 wurden laut Bundesinnenministerium fast 800 Straftaten von Hasskriminalität gegen LGBTQI+ registriert. Die Dunkelziffer liege bei über 80 Prozent, meinen Fachleute. Heißt: Nur ein Bruchteil der Straftaten wird angemessen registriert. Gerade vom Auftreten der Drag Queens fühlen sich einige provoziert, weil sie bewusst an Geschlechterrollen rütteln, besonders an heteronormativen Vorstellungen von Männlichkeit.

Dennoch: Die positiven Erfahrungen als Drag Queen überwiegen für Susi Sendling eindeutig. „Wenn ich jemandem ein bisschen Freude schenke, bloß weil ich als Susi da bin, weil ich ein bisschen verrückt bin, weil ich ein bisschen Spaß mache – das ist schon viel wert.“ Nicht nur andere profitierten von den Auftritten: „Susi und ich als Privatperson haben einiges gemeinsam. Nur, dass ich manchmal nicht so locker war.“ Als Drag Queen sei es leichter geworden auf Menschen zuzugehen und neue Leute kennen zu lernen. „Susi und der Mann hinter ihr haben ziemlich viel voneinander gelernt.“ 

Menschen, die mit dem Gedanken spielen, Drag Queen zu sein, rät Susi Sendling dazu, sich selbst treu zu bleiben und auch nur das zu machen, was ihnen Spaß mache. Sie sollten Kontakt zu Verbündeten suchen, wenn sie Hilfe beim Schminken oder Einkleiden brauchen. Susi Sendling steht nicht nur für hingebungsvolle Arbeit für die Community, sondern auch für eine selbstbestimmte, diverse Lebensweise.

Veto widmet den Mutigen und Engagierten im Land ein eigenes Magazin – 24/7 online und viermal im Jahr als gedrucktes (!) Heft: www.veto-mag.de/gedruckt

Weiterlesen

Weggelacht — Sasha Dolgopolov

Was bleibt, wenn der Spaß verschwindet? Nicht viel, findet Sasha Dolgopolov. Die russische Comedian war gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen. Wie sie trotz allem ihren Humor behält und was der Tod von Alexej Nawalny für sie bedeutet.

Freie Kunst — Anika Krbetschek

Für Anika Krbetschek ist die Kunst Therapie und ein Schwert im Kampf gegen Ungerechtigkeit zugleich. Und genauso Sprachrohr für das, was in ihr und um sie herum passiert. Ihre Mission hinter allem: Kunst für alle zugänglich machen.

Dichter und Denker — Ezé Wendtoin

Musiker Ezékiel Wendtoin ist allen als Ezé bekannt. Heimat denkt er im Plural – und besingt sie mehrsprachig. Nach Deutschland kam er, weil er sich in die Sprache verliebte. Jetzt nutzt er sie, um zu rebellieren.

Radikal soft — Lila Sovia

Gestartet im Poetry Slam, eroberte sich Lila Sovia einen festen Platz im queerfeministischen Rap. Stilsicher hinterlässt die nicht-binäre Person fliederfarbene Fußabdrücke in einer selten schrillen Kulturlandschaft.

VEranTwOrtung — Kolumne Sookee

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann eingestellt. Ein Freispruch aber ist das nicht. Die Vorwürfe bleiben. Ohnehin geht die Debatte über das Juristische hinaus.

Journalismus mit Haltung

Mit Veto geben wir Aktivismus eine mediale Bühne und stellen all jene vor, die für Veränderung etwas riskieren. Veto ist die Stimme der unzähligen Engagierten im Land und macht sichtbar, was sie täglich leisten. Sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und sie suchen nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme.

Mediale Aufmerksamkeit aber bekommen ihre mutigen Ideen nur selten. Das muss sich ändern – und Aktivismus endlich raus aus der Nische! Die Aktiven brauchen vor eine starke Stimme und Wertschätzung für ihre Arbeit. Mit Veto machen wir Engagement sichtbar und zeigen denen, die finden, dass es nun höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

Mit Print gescheitert?

Veto gab es bis Sommer 2022 auch als gedrucktes Magazin. Doch die extrem gestiegenen Preise für Papier, Druck und Vertrieb wurden für uns zur unternehmerischen Herausforderung. Gleichzeitig bekamen wir Nachrichten aus der Community, dass sich viele ein Abo nicht mehr leisten können. Wir waren also gezwungen, das gedruckte Magazin nach insgesamt zehn Ausgaben (vorerst) einzustellen.

Aber – und das ist entscheidend: Es ist keinesfalls das Ende von Veto, sondern der Beginn von etwas Neuem. Denn in Zeiten multipler Krisen wird Veto dringend gebraucht. Um Hoffnung zu geben, zu verbinden, zu empowern und zu motivieren. Deshalb machen wir alle Recherchen und Porträts kostenfrei zugänglich. Denn: Der Zugang zu Informationen über Aktivismus und Engagement darf keinesfalls davon abhängen, was am Ende des Monats übrig ist.

Transparenzhinweis

Veto wird anteilig gefördert von der Schöpflin Stiftung, dem GLS Treuhand e.V., dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und der Bürgerstiftung Dresden. Bis 2022 war auch die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS beteiligt. Der Aufbau der Webseite wurden realisiert durch eine Förderung der Amadeu Antonio Stiftung (2019) und des Förderfonds Demokratie (2020).

Du kannst uns mit einer Spende unterstützen: DE50 4306 0967 1305 6302 00 oder via PayPal.