Freie Kunst — Anika Krbetschek

Für Anika Krbetschek ist die Kunst Therapie und ein Schwert im Kampf gegen Ungerechtigkeit zugleich. Und genauso Sprachrohr für das, was in ihr und um sie herum passiert. Ihre Mission hinter allem: Kunst für alle zugänglich machen.
23. Januar 2024
7 Minuten Lesezeit
Text: Eva Goldschald — Fotos: Max Gödecke

Dieser Text handelt auch von Suizid. Bei Depressionen oder Selbstmordgedanken ist die Telefonseelsorge ein kostenfreies, anonymes Angebot: 0800 1110111 oder 0800 1110222. Der Bereitschaftsdienst der kassenärztlichen Vereinigungen ist unter 116 117 erreichbar.

Ein einfacher Waschtisch mit einem Becken und einem Wasserhahn aus Edelstahl. Dahinter eine weiße Wand, über die nervös ein Film flackert. Wassertropfen sind darauf zu erkennen. Eine Person geht zum Waschtisch und dreht den Hahn auf. Blaue Flüssigkeit läuft über ihre Hände, zeitgleich erscheint auf dem Bildschirm ein Zähler. Die Zahlen rennen abwärts, wie auf einer Stoppuhr. Eine Stimme zählt: „Eins, zwei, vier, nur noch einmal, dann hör ich auf.“

Die Person wäscht ihre Hände, zählt mit, dreht dann den Hahn zu. Die Uhr stoppt, ein Rauschen. Zu sehen ist Anika Krbetschek – als Teil einer interaktiven Installation über Waschzwang, die die Künstlerin bei ihrer Rede auf einer Konferenz über Mental Health Care Injustice als Video zeigte. Krbetschek sprach über Ungerechtigkeiten im Bereich mentaler Gesundheit, über das therapeutische Potenzial von Kunst und darüber, wie vielseitig wirksam künstlerische Arbeit sein kann – vor allem dann, wenn Menschen selbst Betroffene sind.

Während sie davon erzählt, sitzt Krbetschek auf dem Teppich ihrer Berliner Atelierwohnung. Hinter ihr eine weiße Papierrolle, daneben Papierbögen mit hingeworfenen Zeichnungen, die entstehen, wenn die Künstlerin während ihrer Arbeit vom Schreibtisch aufsteht und Gedanken festhält, beschreibt sie. Anika Krbetschek versteht sich als post-disziplinär. Heißt: Die Technik, die sie benutzt, lässt sich schwer in einzelne Disziplinen aufteilen. Malerei, Lyrik, Performance, Film und Installationen verschmelzen miteinander.

Es gehe ihr dabei jedoch nicht darum, ein Produkt zu erschaffen, das sich auch gut verkaufen lasse. Stattdessen arbeitet Krbetschek prozessorientiert – sie vermarktet also nicht, sondern macht auf etwas aufmerksam. „Mit meiner Arbeit bilde ich mein Innenleben ab, aber genauso das anderer Personen. Auf das Thema Waschzwang kam ich während der Corona-Pandemie. Gemeinsam mit zwei weiteren Kunstschaffenden – mit und ohne Zwangserkankung – wollte ich das Thema emotional greifbar machen.“

Anika Krbetschek kommt weder aus einer künstlerisch geprägten Familie noch absolvierte sie ein Kunststudium. Stattdessen war ihr erster Berührungspunkt mit ihrem späteren Beruf der Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychatrie. Dorthin kam sie nach einem Suizidversuch. 17 müsse sie damals gewesen sein, ganz genau erinnere sie sich nicht, sagt sie. „Ich hatte Kunsttherapie und wusste direkt nach den ersten 20 Minuten, dass das der Job war, den ich machen will.“ Später nahm Anika Krbetschek ambulante Therapiestunden, die sie sich selbst finanzierte, weil die Krankenkasse dafür nicht aufkommen wollte.

Die Therapeutin wurde so etwas wie ihre Mentorin. Während der Sitzungen, aber auch darüber hinaus, lehrte sie ihr verschiedene Techniken und wie diese therapeutisch eingesetzt werden können: Malerei, Zeichnungen, abstrakte Skulptur, Tanz. Krbetschek revanchierte sich mit dem Flyer verteilen für die Praxis. Die Zeit sei so etwas wie eine Ausbildung gewesen, reflektiert sie.

Seitdem bietet Krbetschek selbst künstlerische Workshops mit therapeutischen Elementen an. „Das schafft einen Zugang zu und für Menschen, die nicht viel mit gesprächsbasierten Therapien anfangen können. Ein Trauma macht oft sprachlos. Mit Kunst kann ich ausdrücken, was verbal nicht möglich ist.“ Für Anika Krbetschek stehe weniger das Ergebnis im Fokus, als vielmehr der Weg dahin. „Der Kunstmarkt ist eines der kapitalistischsten Felder überhaupt. Ich möchte stattdessen Kunst im Gesamten zeigen. Das Experimentieren ist ein Grundpfeiler des künstlerischen Schaffens“, verdeutlicht sie.

Den eigenen Stil finden und beibehalten, eine Marke schaffen und damit Geld verdienen – von diesem linearen Vorgehen möchte Anika Krbetscheks ihre Arbeit deutlich abgegrenzt wissen. „Ich kann keine interaktive Performance, auch keine Installation, die im öffentlichen Raum stattfindet, verkaufen. Leider wird dieser Aspekt von Kunst als systemrelevanter Bereich und Motor für gesellschaftliche Veränderungen von der Politik völlig verkannt.“

Aufmerksamkeit erzeugen

Anika Krbetschek bewegt sich fluide zwischen den Labeln freie Künstlerin, Social Artist und Kunstaktivistin – und führt damit Schubladendenken ad absurdum. Kunst bedeute für sie vor allem Heilung und Überleben. „Es ist für mich der effektivste Weg, meine therapeutischen und aktivistischen Ziele zu verfolgen. Das Einzige, was ich tun kann, ohne krank zu werden.“

Krbetschek beschäftigt sich mit dem psychiatrischen System, mit feministischen Diskursen, Gerechtigkeitskämpfen, Diskriminierung und der menschlichen Psyche, die mit all dem immer im Zusammenhang steht. „Kunst hat ein enormes Potenzial, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, weil ich damit frecher, spektakulärer, ehrlicher, lauter, leiser oder abstrakter sein kann als in anderen Bereichen“, erklärt die Künstlerin.

„Ich bin gar nicht sicher, ob ich mich als Kunstaktivistin bezeichnen will oder darf“, formuliert Anika Krbetschek nachdenklich. Sie beschreibt es lieber so: „Ich habe einfach Anliegen, die relevant für die Menschenrechte sind und eine politische und gesellschaftliche Dimension haben. Wenn das Aktivismus ist, okay. Ich nutze die Mittel der Kunst als politischen Ausdruck.“

Krbetschek möchte Außenstehende an Lebensrealitäten teilhaben lassen, zu denen sie im Alltag häufig keinen Zugang haben. Deshalb mag sie auch das Wort „Emotionsaktivistin“. Um ihre Gefühlswelt nach außen zu transportieren, setzte sich Krbetschek einmal auf eine Bühne, in der Hand nur ihr Tagebuch, und las aus zehn Jahren Berichte über Gewalt vor, die sie selbst erfahren hatte. Sie wollte damit nicht mehr alleine sein – und wissen, was passiert, wenn sie damit an die Öffentlichkeit geht. „Ich erhoffte mir, nicht mehr unkontrolliert Flashbacks zu bekommen“, erinnert sie sich. „Meine Therapeutin riet mir ab. Ich tat es trotzdem.“ Es sei wie ein Exorzismus gewesen, beschreibt sie. Und sie ging befreit von der Bühne.

„In diesem Moment konnte ich das Geschriebene komplett von mir abwerfen. Das Publikum hingegen war tief betroffen. Und ich verstand, dass Gewalt Teil eines hegemonialen Systems ist und Rezipierende immer eine eigene Beziehung zu einem Thema haben“, fasst Krbetschek zusammen. „Ich kann damit ermutigen oder etwas bisher Unsichtbares sichtbar machen und aufklären.“ Bei dieser Performance habe sich deutlich gezeigt, dass Kunst entstehe, wenn sie stattfindet – und wie entscheidend die Rolle des Publikums dabei ist.

Anika Krbetschek spricht über all das selbstbewusst, wortgewandt. Unsicherheit ist ihr kaum anzumerken, doch der Schein trügt. Denn wegen eines Traumas hat die Künstlerin regelmäßig Gedächtnislücken: „Mein Gedächtnisverlust bestimmt oft mein ganzes Sein. Es verwirrt, weil es meine Wahrheit und Realität komplett infrage stellt und Dinge durcheinander kommen.“

Krbetschek beschäftigt sich daher viel mit neurowissenschaftlichen Fragen rund um diese schwarzen Flecken. Und in ihrer Arbeit bereite sie dieses Wissen künstlerisch so auf, damit es für andere Menschen zugänglich wird. „Kunst und Wissenschaft in Kombination sind super für Aktivismus. Leider grenzen sich beide Disziplinen noch oft in ihren Bereichen ab, sodass es für Außenstehende zu wenig verständlich ist und kein Interesse füreinander geweckt wird.“

Gerade eine oft elitäre Sprache schaffe Barrieren. Wenn Kunst aber einen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auftrag haben soll, müsse sie verständlich sein, ist Krbetschek Anika überzeugt. Oft beschäftige sich die Kunst aber mit sich selbst, so die 26-jährige. „Kunst um der Kunst willen hat für mich weniger Relevanz. Dafür brennt die Welt zu krass.“ Schöne Dinge hätten natürlich ihre Berechtigung, aber Kunstschaffende sollten ihr Privileg für Botschaften nutzen und immer wieder reflektieren, ob das verwendete Medium das sinnvollste ist. Für Krbetschek ist Kunst ein Moment von Erfahrung und Berührung. Dieser könne insbesondere dann passieren, wenn Menschen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammenkommen.

Wegbereiterin für Inklusion

Eine Kunstrichtung, die Krbetschek daher besonders schätzt, ist die Outsider Art – zunächst entstanden in früheren psychiatrischen Kliniken. Der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn nahm sich dieser Sparte nach Ende des Ersten Weltkriegs an und begründete eine nach ihm benannte Sammlung. Seit 2001 wird sie in einem Nebengebäude der Klinik für Allgemeine Psychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg ausgestellt und stetig erweitert.

Der Begriff Outsider Art ist die angloamerikanische Entsprechung der französischen Art brut („rohe Kunst“) und beschreibt vornehmlich Kunst außerhalb des Mainstreams – geschaffen von marginalisierten Personen. „Jene, die diese Kunst schufen, waren autodidaktisch wie ich“, zieht Krbetschek Parallelen. Sie hätten als sonderlich gegolten, wurden aber separiert. „Dabei sollte es Ziel sein, einfach Kunst zu machen, ohne Abgrenzung.“

Für viele Menschen gebe es wenig Möglichkeiten, für sich zu sprechen, macht Krbetschek deutlich. Menschen mit Schwermehrfachbehinderungen zum Beispiel oder auch Kinder. „Sie haben keine Lobby“, kritisiert die Künstlerin. „Ich möchte meine Position als Kuratorin nutzen, künftig solche Werke in Ausstellungen zusammenbringen und so meine Stimme für jene bei öffentlichen Gesprächsrunden, Projekten und Konferenzen erheben, aus denen sie sonst ausgeschlossen und ihre Anliegen damit ausgeklammert sind.“ 

Dabei sei es gerade die Kunst, die Grenzen überschreiten und damit den Weg für Inklusion bereiten könne – doch viel zu häufig werde das nicht mitgedacht. Die Fehler sieht Krbetschek in politischen Strukturen, begrifflichen Abgrenzungen und einem auf Dominanz basierenden System: „Mein künstlerisches Umfeld ist sehr divers, das bildet aber nicht die Realität ab. Kunst verfehlt ihr Ziel, wenn sie nicht zu einem sozialen Wandel beiträgt.“

Bei Kunstveranstaltungen fühle sich Anika Krbetschek meistens nicht zugehörig. Denn dort herrsche ein gewisser Elitarismus, der durch Sprache und Verhaltensweisen geprägt werde. Teilhabe setze schon Wissen und Vorkenntnisse voraus, die nicht alle hätten. „Es sind doch immer dieselben homogenen, in sich geschlossenen Gruppen, denen ich auf Ausstellungen begegne.“ In deren Privilegien und klassenbezogenen Normen finde sie sich nicht wieder.

„Es sollte anders sein“, findet sie. So, dass sich beispielsweise auch ihr Vater willkommen fühle, der als Bauhandwerker arbeitet. Das bedeute nicht, dass es nur Werke geben müsse, die für alle funktionieren. Es brauche aber eine größere Bandbreite, um verschiedenste Lebensrealitäten einzufangen. Dafür brauche es Widerstand, weniger Leistungsorientierung – kurzum: einen antikapitalistischen Charakter von Kunst.

Anika Krbetschek ist sich ihres Dilemmas bewusst: Sie will Kunst nicht zu Geld machen, muss aber doch von ihr leben. Ihre Lösung heißt: eine gerechtere Verteilung von kulturpolitischen Mitteln, die bessere Förderung freier Arbeit, bezahlbare Mieten für Ateliers und Projekträume. Mit dem Regierungswechsel in Berlin sind Gelder für freie Projekte teilweise halbiert worden, beklagt sie. Auch ein von Rot-Rot-Grün geplanter Fördertopf mit ungefähr 1,4 Millionen Euro wurde gestrichen. Zwar gibt es noch Förderungen, die würden allerdings zum großen Teil in renommierte Museen und Opernhäuser fließen.

Anika Krbetschek fordert die Kunstszene deshalb zur Politisierung auf. „Es wäre realitätsfern und eine Verschwendung aktivistischen Potenzials, wenn Kunstschaffende unter sich bleiben und ein Vakuum bilden. Künste sind Teil des Systems, sie existieren nicht im luftleeren Raum.“

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