Der Sound zum Protest — Kafvka

Kafvka hebt sich ab von anderen Bands. Das liegt nicht unbedingt nur an der Musik, sondern vor allem an ihren Inhalten. Rock ins Gesicht, Rap ins Gehirn. Die vier Jungs bringen das Politische zurück in die Musik.
14. Mai 2019
6 Minuten Lesezeit
Text: Tom Waurig — Fotos: Amac Garbe

Die drängende Frage zuerst: Nein, in den eigenwilligen Namen der Band hat sich kein Fehler eingeschlichen – kein Schriftzeichen ist in der Buchstabenreihung zu viel. Kafvka ist Kafvka ist Kafvka. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Kreation kam, ist kein Geheimnis. Sänger Jonas starrte eines morgens auf seine gut gefüllte Bücherwand und entdeckte inmitten der vielen dicken Wälzer einen von Franz Kafka, ein Werk des tschechischen Ausnahmeliteraten.

Und weil die Band durchaus intellektuell unterwegs ist, sollte der Schriftsteller eben auch den Namen für ihre Combo stiften. Die anderen Musiker waren angetan von der Idee, aber auch nicht restlos überzeugt. 

Der ergänzende Buchstabe war dann keine Kurzschlussreaktion, er wurde also nicht einfach blind dazu gedichtet, um den Namen nichtssagend zu verfremden. Denn der Letter ist eine Anspielung auf Markus Kavka – kein Dichter zwar, mindestens aber ein Wortakrobat. Musiksender-Moderator bei MTV und VIVA und heimlicher Fernsehheld der deutschen Neunziger-Jahre-Generation. Kafka trifft Kavka – und was epochenmäßig so gar nicht zueinander passt, wird im Bandnamen des Quartetts Realität.

Fan war auch Bassist Philipp, wie er gesteht. Und so vermischen die Vier musikalischen Sachverstand mit lyrischer Intelligenz, und das aber nicht allein nur im Namen.

Warum Kafvka einen Nerv trifft

Die Band jedenfalls entstand mindestens genauso zufällig wie der Name. Philipp und Jonas lernten sich 2013 bei einem Berliner Startup kennen und wurden so auf die Musikalität des jeweils anderen aufmerksam. Philipp spielte damals noch bei einer anderen Crossover-Band, dem Vorläufer von Kafvka. Und Jonas wagte die ersten Schritte als Rapper in der hauptstädtischen Szene. Der große Durchbruch allerdings blieb aus. Dafür passte die Chemie zwischen den beiden umso besser. Musik haben auch die anderen zwei Bandkompanen schon vor Kafvka gemacht – Gitarrist Oscar und Schlagzeuger Stephan, der eine aus Peru, der andere aus Österreich. 

Die vier Jungs von Kafvka (von links): Jonas, Oscar, Stephan und Philipp.
Die vier Jungs von Kafvka (von links): Jonas, Oscar, Stephan und Philipp.

Mit einer passgenauen Beschreibung zu ihrem ausgefallenen Musikstil tun sie sich selbst schwer. 2017 befragten sie dazu ihre Fans bei Facebook: „Politcrossoverrap? Deutschraprock? Politischer Crossoverdeutschrap? Einfach nur 90er Crossover? Wie heißt das, was wir machen?“ Die Band sei in einem Genre zuhause, „das eigentlich niemand mehr hört“, bemerkt Philipp breitgrinsend. Wie auch immer das heißt, was die vier Jungs spielen; Sound und Inhalt treffen offenbar einen Nerv – einen, der zum hier und jetzt passt. „In all der ultra-energiegeladenen Musik verstecken sich Texte, deren gerappte Zeilen von ernsten, oft politischen Themen erzählen“, meinen die Kritiken.

Über den Feind am rechten Rand

Den Frühling über waren die vier Jungs im Land unterwegs – acht Shows in eineinhalb Monaten haben sie gespielt. Das hieß: mittwochs Hannover, donnerstags Köln.

Der Titel der Tour war mit Absicht plakativ gewählt. Auf den Werbetafeln prangte die eindeutige Botschaft: „Alle hassen Nazis“ – dazu eine geballte Faust, die ein Hakenkreuz zerschmettert. Für Interpretationen bleibt da kaum Platz, aber doch ein wenig künstlerische Freiheit. „Der Nazi-Begriff ist schon sehr griffig. Deshalb haben wir ihn ausgesucht. Wir wollen andere aufrütteln, uns aber auch klar positionieren: Wenn jemand überzeugter Nazi ist, brauche ich nicht mehr zu diskutieren.“ 

Der Titel der Tour war mit Absicht plakativ gewählt: „Alle hassen Nazis“.
Der Titel der Tour war mit Absicht plakativ gewählt: „Alle hassen Nazis“.

Aber nicht nur die Tour hieß so, sondern auch ein Song, der im November des vergangenen Jahres erschienen ist. Dort klingt die Botschaft genauso eindeutig:

„Halt die Fresse, wenn du dich nicht von Nazis distanzierst; mit ihnen marschieren gehst, als wäre nichts passiert. Halt die Fresse, wenn du meinst: „AfD ist schon okay.“ Das ist ’ne Nazipartei, du weißt, was du da wählst. Halt die Fresse, wenn du heutzutage Deutschlandflagge hisst, und so tust, als bedeute das nichts. Halt die Fresse, wenn du relativierst, wegen Menschen wie dir hat das verfickte dritte Reich funktioniert. Das ist ja nicht mal links, was ich sag. Das ist einfach nur normal.“

Als sich die Musikwelt änderte

Sich als Band nicht nur neben, sondern vor allem auf der Bühne politisch so klar zu positionieren, ist nicht selbstverständlich. Vor allzu deutlichen Aussagen schrecken viele in der Branche zurück. Das war allerdings nicht immer so. Die 68er beeinflussten auch die Musikwelt, die nicht mehr nur über knallrote Gummiboote singen wollte, sondern über die gesellschaftlichen Verhältnisse. Als erste Politrockband Deutschlands gilt Ton Steine Scherben mit ihrem Frontmann Rio Reiser. Sie propagierten das Schwarzfahren und wehrten sich gegen Immobilienspekulationen. Konzerte spielten sie oft zum Selbstkostenpreis und ihre Platten veröffentlichten sie in Eigenregie.

Dazu kamen Liedermacher, die über Politik sangen: Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader oder Konstantin Wecker. Später Altbekannte wie Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Die Ärzte und Die Toten Hosen. Doch mit der Jahrtausendwende schien auch die Zeit der klaren Ansagen vorbei zu sein. Politisch ja, aber weniger plakativ, dafür diffuse Kritik – verpackt in mehrdeutigen Zeilen. „Die Zweitausenderjahre waren super unpolitisch, auch und vor allem in der Musik“, erinnert sich Philipp. Das ändere sich nun langsam wieder, zum Beispiel durch neu-politisierte Musikgrößen wie Casper oder Marteria, die den Ernst der Lage erkennen und versuchen, gute Vorbilder zu sein.

So politisch wie sonst niemand

Kafvka sind da noch deutlich klarer in der Sprache – Wut, Hoffnung, Rebellion. 2016 coverten sie den legendären Ton Steine Scherben Rauch-Haus-Song als Kritik an der Gentrifizierung. „Wichtig ist“, verdeutlicht Philipp, „dass die Menschen aktiv sind, sich informieren und die Zeit nicht einfach an sich vorbeilaufen lassen. Mir ist schon klar, dass Musik wenig an der politischen Situation ändern wird, aber wir können neue Impulse setzen und Verbundenheit schaffen.“

Ein anderer Kafvka-Song ist heimlich zum Soundtrack von Fridays for Future geworden, zumindest läuft „Hallo Welt“ auf den Demonstrationen rauf und runter, ein Plädoyer für eine bessere Welt, das wie maßgeschneidert scheint für die neue Bewegung.

Und mit „2018“ hat die Band einen Song über das Geflüchtetensterben gemacht, der an Aktualität nicht verloren hat. Bassist Philipp erklärt dazu: „Wir sind keine super, super ernste Band, die rund um die Uhr nur über Politik redet. Wir möchten natürlich auch, dass die Menschen Spaß bei unseren Shows haben. Doch momentan ist das ganze Land politisiert und so drängt es sich auf, dass wir was machen müssen.“

Die Band verkauft ausschließlich Second-Hand- und Fair-Trade-T-Shirts.
Die Band verkauft ausschließlich Second-Hand- und Fair-Trade-T-Shirts.

Ihre beißende Gesellschaftskritik adressiert Kafvka durchaus auch mit dem erhobenem Zeigefinger. Und die Band lebt das, was sie singt. An ihrem Merchandise-Stand verkaufen die Jungs ausschließlich Second-Hand- und Fair-Trade-T-Shirts.

Eine Band, die kritisch bleibt

Bisweilen provozierten Kafvka aber auch im rechten Lager. In Dresden musste sogar ein Gig abgesagt werden, weil der damalige Schlagzeuger einen ihrer Songs auf den Profilen von Pegida in den sozialen Netzwerken gepostet hatte. „Der Veranstalter hatte Angst, dass sie ihm den Laden auseinandernehmen“, erzählt Philipp. Damals häuften sich auch die negativen Kommentare unter den Videos der Band. 2015 wurde auf Facebook eine Todesanzeige von Sänger Jonas erstellt, inklusive einer gefakten Stellungnahme der verbliebenen Bandmitglieder. Und während sie in Schnellroda, Sachsen-Anhalt, ein Konzert spielten, sammelten sich Neonazis in der Dorfkneipe. 

Ein Kafvka-Song ist zum Soundtrack von Fridays for Future geworden.
Ein Kafvka-Song ist zum Soundtrack von Fridays for Future geworden.

Für Kafvka war das ein komisches Gefühl: „Wir bekamen eine Nähe zu der Realität, in der andere Menschen jeden Tag leben müssen“, sagt Philipp. Die Band bleibt deshalb weiter kritisch – auch mit Blick auf das gigantische #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz. Das sollte eine Antwort auf die rechtsextremen Proteste und Ausschreitungen sein, nachdem auf dem Chemnitzer Stadtfest ein 35-jähriger Deutsch-Kubaner erstochen worden war. 65 000 Menschen sahen Kraftklub, K.I.Z. oder Feine Sahne Fischfilet live. „Wir waren vielleicht eine Stunde lang die Mehrheit in Chemnitz, aber danach ging das Leben für die Menschen vor Ort weiter. Bringt das überhaupt irgendwas?“

Engagement außerhalb der Musik

Sänger Jonas ist übrigens nicht nur musikalisch engagiert. Denn im Herbst 2014 gründete er mit Freundin Mareike eine Wohnbörse für Geflüchtete. Eigentlich wollten sie damals nur ein Zimmer in ihrer WG für eine Zeit untervermieten, idealerweise an eine geflüchtete Person. Sie haben ihre Bekannten und Verwandten gefragt, ob die sich an den Mietkosten beteiligen würden. Die Resonanz sei überwältigend gewesen.

Hilfe bekamen beide von einer befreundeten Sozialarbeiterin, die mit Fachwissen zur Seite stand. Ab wann jemand in eine Wohnung ziehen darf, ist nämlich von Bundesland zu Bundesland, sogar von Kommune zu Kommune unterschiedlich.

Einen Monat später zog Bakary aus Mali für ein halbes Jahr bei Jonas und Mareike ein – es war die erste WG, die durch das Projekt entstand. Jonas programmierte die passende Internetseite, eigentlich nur, um die Erfahrungen mit anderen zu teilen. Seit dem wurden unzählige Geflüchtete in Wohngemeinschaften vermittelt und die Idee mit Unterstützung in zig andere Länder adaptiert.

Den Umgang der Gesellschaft mit Geflüchteten verarbeitet Jonas auch in seinen Texten. Im bitterbösen Refrain von „Lampedusa“ heißt es: „Komm, wir fahr’n nach Lampedusa! Halt dich fit, fang an zu rudern! Hurrah, fast geschafft! Jetz’ nur noch klarkommen lernen mit dem Hass.“

Auf Veto erscheinen Geschichten über Menschen, die etwas bewegen wollen. Wer unsere Idee teilt und mithelfen möchte, kann das unter steadyhq.com/veto tun.

Weiterlesen

Weggelacht — Sasha Dolgopolov

Was bleibt, wenn der Spaß verschwindet? Nicht viel, findet Sasha Dolgopolov. Die russische Comedian war gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen. Wie sie trotz allem ihren Humor behält und was der Tod von Alexej Nawalny für sie bedeutet.

Freie Kunst — Anika Krbetschek

Für Anika Krbetschek ist die Kunst Therapie und ein Schwert im Kampf gegen Ungerechtigkeit zugleich. Und genauso Sprachrohr für das, was in ihr und um sie herum passiert. Ihre Mission hinter allem: Kunst für alle zugänglich machen.

Dichter und Denker — Ezé Wendtoin

Musiker Ezékiel Wendtoin ist allen als Ezé bekannt. Heimat denkt er im Plural – und besingt sie mehrsprachig. Nach Deutschland kam er, weil er sich in die Sprache verliebte. Jetzt nutzt er sie, um zu rebellieren.

Radikal soft — Lila Sovia

Gestartet im Poetry Slam, eroberte sich Lila Sovia einen festen Platz im queerfeministischen Rap. Stilsicher hinterlässt die nicht-binäre Person fliederfarbene Fußabdrücke in einer selten schrillen Kulturlandschaft.

VEranTwOrtung — Kolumne Sookee

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann eingestellt. Ein Freispruch aber ist das nicht. Die Vorwürfe bleiben. Ohnehin geht die Debatte über das Juristische hinaus.

Journalismus mit Haltung

Mit Veto geben wir Aktivismus eine mediale Bühne und stellen all jene vor, die für Veränderung etwas riskieren. Veto ist die Stimme der unzähligen Engagierten im Land und macht sichtbar, was sie täglich leisten. Sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und sie suchen nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme.

Mediale Aufmerksamkeit aber bekommen ihre mutigen Ideen nur selten. Das muss sich ändern – und Aktivismus endlich raus aus der Nische! Die Aktiven brauchen vor eine starke Stimme und Wertschätzung für ihre Arbeit. Mit Veto machen wir Engagement sichtbar und zeigen denen, die finden, dass es nun höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

Mit Print gescheitert?

Veto gab es bis Sommer 2022 auch als gedrucktes Magazin. Doch die extrem gestiegenen Preise für Papier, Druck und Vertrieb wurden für uns zur unternehmerischen Herausforderung. Gleichzeitig bekamen wir Nachrichten aus der Community, dass sich viele ein Abo nicht mehr leisten können. Wir waren also gezwungen, das gedruckte Magazin nach insgesamt zehn Ausgaben (vorerst) einzustellen.

Aber – und das ist entscheidend: Es ist keinesfalls das Ende von Veto, sondern der Beginn von etwas Neuem. Denn in Zeiten multipler Krisen wird Veto dringend gebraucht. Um Hoffnung zu geben, zu verbinden, zu empowern und zu motivieren. Deshalb machen wir alle Recherchen und Porträts kostenfrei zugänglich. Denn: Der Zugang zu Informationen über Aktivismus und Engagement darf keinesfalls davon abhängen, was am Ende des Monats übrig ist.

Transparenzhinweis

Veto wird anteilig gefördert von der Schöpflin Stiftung, dem GLS Treuhand e.V., dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und der Bürgerstiftung Dresden. Bis 2022 war auch die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS beteiligt. Der Aufbau der Webseite wurden realisiert durch eine Förderung der Amadeu Antonio Stiftung (2019) und des Förderfonds Demokratie (2020).

Du kannst uns mit einer Spende unterstützen: DE50 4306 0967 1305 6302 00 oder via PayPal.