Entblößt im Netz — Anna Nackt

„Es sind Sachen von dir im Internet, die da nicht sein sollten.“ Dieser Satz reißt Anna binnen Sekunden den Boden unter den Füßen weg. Sie erfährt aus dem Nichts, dass ihre Intimsphäre öffentlich ist. Aber aus Panik wird Aktivismus.
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Text: Melanie Skurt — Fotos: Benjamin Jenak

Anna sitzt in ihrem Hotelzimmer und checkt Facebook: kurze Verschnaufpause. Später will sie sich mit ihrem Team in der Lobby treffen. Noch einmal das neue Projekt besprechen. Gewundert hat es sie schon, dass sich ihr ehemaliger Klassenkamerad gerade jetzt bei ihr meldet. So unvermittelt via Facebook, nach ein paar Jahren Sendepause. „Hey, ruf mich unbedingt mal an. Hier ist meine Nummer“, schreibt er im Messenger. Sie vermutet, dass es um einen gemeinsamen Freund geht, der schwer krank ist. Wenig später wird sie erfahren, dass sie falsch lag. Tatsächlich wird dieser Anruf Annas Leben verändern – und sie selbst.

Viele Male hat sie diese Szene vor drei Jahren Revue passieren lassen. Im Gespräch mit befreundeten Menschen und der Polizei, in Interviews. Sie benutzt einen anderen Namen, will ihre Identität schützen. „Ich möchte nicht, dass Menschen anfangen, im Netz nach mir zu suchen.“ Was sie dort finden könnten, sind Nacktbilder, die gegen ihren Willen auf Porno- und Datingplattfomen gelandet sind. „Mein Schulfreund hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er sagte: ,Ich glaube es sind Sachen von dir im Internet, die da nicht sein sollten’. Er hat mir Links geschickt – unter anderem zu xHamster.“ Es ist eine der meistbesuchten Internetseiten in Deutschland für kostenfreie Amateurpornografie.

„Mein erster Gedanke war: ,Das kann nicht sein.’ Und das erste Gefühl war Panik“, erinnert sie sich. Im nächsten Moment sagt Anna das Arbeitstreffen ab. Sie entschuldigt sich mit einem „Vorfall in der Familie“. Es folgen stundenlange Recherchen bis zum nächsten Morgen. „Ich habe die Webseiten angeschrieben und dringend darum gebeten, meine Fotos zu entfernen. Besonders schockierend war, dass Informationen zu meiner Person mitveröffentlicht wurden. Mein Klarname, mein Heimatort.“ Sie kontaktiert die Polizei und erstattet Anzeige gegen Unbekannt. „Ich bin in Aktionismus verfallen und habe alle möglichen Leute angerufen, von denen ich dachte, dass sie mir helfen können. Ohnmachtsgefühle hatte ich zunächst nicht.“

Polizeiliche Arbeit in Eigenregie

Anna ist Opfer bildbasierter sexualisierter Gewalt im Netz. Davon wird gesprochen, wenn einerseits persönliche Nacktaufnahmen gegen den Willen einer Person geleakt werden. Nicht selten werden Fotos und/oder Videos veröffentlicht, um eine ehemalige Liebe oder Affäre zu diskreditieren, unter Druck zu setzen, sich für eine Trennung zu rächen. Andererseits geht es um heimlich aufgenommenes Material. Damit hatte unter anderem das Fusion-Festival Schlagzeilen gemacht, als herauskam, dass in Duschen und Toiletten gefilmt worden war.

Die Aufnahmen landeten schließlich auf der Pornoplattform xHamster, der veranstaltende Verein Kulturkosmos erstattete daraufhin Strafanzeige. Bildbasierte sexualisierte Gewalt – auch als Rachepornografie bekannt – verletzt das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild; sie kann mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden. So die Theorie.

Anna hat erlebt, wie schwer es wirklich ist, strafrechtlich gegen diese Gewalt vorzugehen. Manch irritierenden, verletzenden Satz habe sie etwa von der Polizei zu hören bekommen: „Sind Sie sicher, dass Sie die Bilder nicht doch selbst hochgeladen haben?“ Oder: „Rufen Sie doch einfach mal Google an. Vielleicht können die Ihnen helfen.“ Machtlosigkeit. „Ich fühlte mich alleingelassen und habe gleichzeitig erkannt: Ich muss mich selbst kümmern, sonst passiert nichts”, erinnert sich Anna.

Heute klingt das stark und selbstbewusst. Die Ereignisse der letzten Jahre reflektiert Anna erstaunlich unbelastet. Kein Stocken im Erzählen, keine Frage, die ihr zu nah zu gehen scheint. Zu Beginn des Gesprächs snackt sie nebenbei eine Orange. „Mir macht es nichts mehr aus darüber zu sprechen, ich bin sehr offen und habe inzwischen Routine. Manchmal passiert es sogar, dass ich Menschen meine Geschichte ungefragt erzähle.“ Sie tut das als Aktivistin und Speakerin für bildbasierte sexualisierte Gewalt. Sie tut das auch als Initiatorin des Netzwerks Anna Nackt, mit dem sie ihre persönliche Perspektive auf ein wachsendes Problem teilt und Hilfe anbietet.

Eine nie enden wollende Spirale

Ihre ersten Nacktaufnahmen entstehen, als sie Anfang 20 ist. Damals studiert ihr Freund im Ausland, sie schickt ihm Fotos und Videos. „Ich hatte alles auf dem Laptop gespeichert und der war komplett mit meiner Dropbox synchronisiert. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, dass das nicht safe sein könnte.“ Eine Freundin bringt sie mit IT-Forensikern zusammen. Sie finden heraus, dass Annas Dropbox gehackt wurde. Eine Anstrengung, die die Polizei nie unternommen habe. Ihre Aufnahmen sind Teil des Diebstahls eines Exposer-Netzwerks.

Auch Bilder anderer Frauen wurden vom gleichen Account hochgeladen und mit persönlichen Informationen veröffentlicht. „Da waren um die 15 Galerien. Es war also gar kein persönlicher Angriff auf mich, sondern die Aktion eines Menschen, der generell Macht gegenüber Frauen ausüben will.“ Anna sucht Kontakt zu den Betroffenen, die Reaktionen überraschen sie: „Es gab leider kein Interesse an einer Solidarisierung, was mich sehr frustriert hat. Manche haben gar nicht geantwortet. Manche haben gesagt, sie wollen das mit sich ausmachen. Und es gab auch Frauen, die Angst hatten, mit der Polizei zu kooperieren.“

Wieder kämpft Anna allein. Zwar verschwinden ihre Bilder für kurze Zeit aus dem Netz, werden aber nach wenigen Wochen wieder hochgeladen. „Zeitweise waren meine Fotos auf 20 Webseiten zu finden. Dass es immer wieder von vorn losgeht, ist zerstörerisch. Hinzu kommt, dass die Antworten der Betreibenden der Webseiten manchmal zwei Wochen dauern. Dieser Druck ist kaum auszuhalten.“ Davon erzählen auch Frauen, die das Gleiche erleben mussten. Sie finden seit nun zwei Jahren Hilfe bei Anna und ihrer Plattform Anna Nackt.

Am Anfang ging es darum, Informationen zur Verfügung zu stellen, was Betroffene tun können. „Ich habe ein FAQ veröffentlicht, weil ich mir selbst so etwas gewünscht hätte. Zu wissen, wie mache ich jetzt weiter, wen muss ich kontaktieren, wie komme ich damit klar.“ Inzwischen geht die Arbeit mehr in die Tiefe – mit einem großen Team an Unterstützenden. Die individuelle Beratung Betroffener läuft ehrenamtlich neben den eigentlichen Jobs.

Wie viele Frauen tatsächlich betroffen sind, ließe sich schwer sagen, verdeutlicht Anna und verweist auf die Revenge Porn Helpline aus Großbritannien. Das Hilfsnetzwerk berichtete 2020 von über 3000 Hilferufen betroffener Frauen und kommentierte das als Allzeitrekord. Im darauffolgenden Jahr wurde diese Zahl erneut erreicht. Eine europaweite Umfrage der Hilfsorganisation HateAid ergab zudem, dass 30 Prozent der befragten Frauen fürchteten, geklaute oder gefälschte Nacktbilder von ihnen könnten im Netz landen.

Von einer hohen Dunkelziffer Betroffener geht daher Josephine Ballon aus. Als Rechtsanwältin beobachtet sie bei HateAid, dass dieselben Strukturen greifen wie im Kontext digitaler Gewalt generell: „Ganze gesellschaftliche Gruppen werden versucht, mundtot zu machen.“

Frauenfeindliche Netzbewegungen

Zu den Tatbegehenden gehörten zum Beispiel die Bewegung sogenannter Incels, die als am schnellsten wachsende frauenfeindliche Gruppierung im Internet gilt. „Diese Bewegung ist genauso aktiv wie eine Szene von Männern, die sich ,Slut Exposer’ nennen. Beide verfolgen das Ziel, Frauen und andere marginalisierte Gruppen herabzuwürdigen, bloßzustellen, zu traumatisieren.“ In der Konsequenz zögen sich Betroffene häufig komplett aus dem Netz zurück, erklärt Ballon die Tragweite des Problems.

Um in dieser wenig mutmachenden Situation dennoch etwas zum Besseren zu wenden, haben sich Anna Nackt und HateAid zusammengetan. Gemeinsam mit den Betreibenden der Suchmaschine Am I In Porn haben sie die Petition #NotYourPorn gestartet. Bislang hat die Kampagne über 160 000 Unterschriften erreicht. Die Aktion wirkt bereits aktiv auf die Politik: Auf EU-Ebene wird derzeit der Digital Services Act ausgehandelt. Das neue Gesetzespaket, eine Art digitales Grundgesetz, soll Online-Plattformen und deren Inhalte strenger regulieren. Das betrifft auch Pornoplattformen. Viele Forderungen von #NotYourPorn hat Alexandra Geese, Teil der Fraktion Die Grünen/EFA, per Antrag in den Digital Services Act eingebracht. Voraussichtlich im Sommer soll final darüber entschieden werden.

Sollten die Maßnahmen rechtsverbindlich werden, sei das ein Erfolg in Sachen Opferschutz, erklärt Josephine Ballon: „Menschen, die pornografische Inhalte hochladen, müssen sich dann per Handynummer verifizieren. Das erleichtert die strafrechtliche Verfolgung.“ Auch festgeschrieben ist, dass illegale Inhalte unverzüglich gelöscht werden müssen. Eine 24-Stunden-Frist war zwar vorgesehen, hat es aber letztlich nicht in die Vorlage geschafft. „Die Bedeutung von ,unverzüglich’ ist also noch ein Knackpunkt“, so Ballon. Außerdem ist im Entwurf festgehalten, dass Plattformen genügend Personal bereitstellen müssen, um eine schnelle, manuelle Begutachtung zum Beispiel strittiger Inhalte zu gewährleisten.

Einsatz für andere Gesetzgebung

Anna motiviert diese Entwicklung. Für sie war es an einem gewissen Punkt entscheidend, nicht erst aktiv zu werden, wenn Nacktaufnahmen schon im Netz sind und Betroffene damit kämpfen: „Ich hoffe, dass wir diesen Weg noch sehr weit gehen werden. Ich möchte nicht, dass sich die patriarchalen Strukturen, die wir in der Offline-Welt erleben, in der Online-Welt wiederholen. Es kann nicht sein, dass weiblichen Personen und marginalisierten Communities auch noch der digitale Raum genommen wird, weil sie dort Gewalt erfahren.“

Deshalb richtet ihre Petition auch Forderungen an die deutsche Gesetzgebung. Dass Pornoplattformen in den Geltungsbereich des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) aufgenommen werden, ist nur ein Appell. Dieses gilt bisher nur für Plattformen mit nicht spezifischen Inhalten, um gegen Hasskriminalität und strafbare Inhalte in sozialen Netzwerken vorzugehen. Das Kriterium „nicht spezifisch“ trifft auf Pornoplattformen allerdings nicht zu.

Kraft zieht Anna aus ihrer „vergleichsweise privilegierten Position“, erzählt sie. Im Gegensatz zu vielen anderen lebe sie nach wie vor in einer stabilen Beziehung, ihre Familie stehe hinter ihr, ebenso wie Mitarbeitende im Job. Sie erfahre von vielen Biografien, die ganz anders verlaufen. „Eine meiner Mitstreiterinnen arbeitet als Erzieherin. Sie hat wegen der Nacktbilder im Netz ihre Arbeit verloren. Weil Eltern damit nicht zurechtkamen”, sagt Anna. Sie leidet unter Depressionen und Panikattacken. Viele Frauen entwickeln Suizidgedanken. Dabei kann eine Gesellschaft nicht einfach stillschweigend zusehen.”

In ihren Augen konzentriere sich die Debatte manchmal zu sehr darauf, zu klären, wie sich Menschen besser schützen können – zum Beispiel durch sicherere Passwörter oder sicheres Sexting, womit das Verschicken von Nacktaufnahmen über soziale Dienste gemeint ist. „Ich nehme mich und unsere Initiative nicht aus: Auch Anna Nackt leistet Betroffenenhilfe. Als Gesellschaft muss es uns aber weit mehr um die Frage gehen: Warum gibt es eigentlich Menschen, die Nacktbilder von anderen ohne deren Zustimmung ins Internet stellen?“

Dieser Text erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des Veto Magazins: www.veto-mag.de/gedruckt. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten: Ihr seid nicht allein!

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