Verstehen und verständigen — Talking Hands

Laura Mohn und Maria Möller waren Kommilitoninnen, heute entwickeln sie mit den „Talking Hands“ Daumenkinos für Gebärden. Ihre bunten Büchlein bauen Barrieren ab – über die Grenzen des gesprochenen Wortes hinaus.
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Text: Elisabeth Renneberg — Fotos: Katrin Binner

Sprache ist weit mehr als das gesprochene Wort. Denn auch Hände können sprechen. Das weiß kaum jemand besser als Maria Möller. „Kinder lernen schneller sprechen, wenn ihnen Worte mit Gebärden beigebracht werden“, erklärt die Kommunikationsdesignerin. Gemeinsam mit ihrer einstigen Kommilitonin Laura Mohn hat sie deshalb die „Talking Hands“ entwickelt: Daumenkinos für Gebärden. Und die funktionieren vor allem auf spielerische Weise. Jedes Buch erweckt beim Durchblättern die Handbewegungen zum Leben, die es braucht, um einen bestimmten Begriff darzustellen. „So lernen Kinder gemeinsam, sich mit Gebärden zu verständigen. Ohne das Gefühl, etwas lernen zu müssen, sondern einfach aus Freude.“ 

Besonders hilfreich sei das für Kinder mit Beeinträchtigungen, die zu einer verzögerten Sprachentwicklung führen. Dazu zählt etwa das Down-Syndrom. Aber auch für jene mit einer anderen Muttersprache oder schüchterne Kinder bedeuten die Daumenkinos Unterstützung: „Wir sagen immer, wir sind kein Produkt für Kinder mit Behinderung, sondern ein Produkt für alle Kinder“, formuliert Möller den Gedanken der Inklusion, der die „Talking Hands“ antreibt. „Wenn Kinder von klein auf gemeinsam lernen sich auszutauschen und zu kommunizieren, wird ihre Sozialkompetenz eine ganz andere. Es wird eine Selbstverständlichkeit, dass manche Kinder eine Behinderung haben und andere eben nicht, und dass sie mit allen gleichermaßen spielen und Spaß haben können.“

Aufklärungsarbeit in der Kita

Das Projekt begann als Abschlussarbeit. Weil ihre Schwester Jami mit Trisomie 21 geboren wurde, wuchs Laura Mohn in dem Wissen auf, dass Gebärden bei der Kommunikation unterstützen. Der Frage, wie gut sie sich von Kindern mit Down-Syndrom durch Daumenkinos erlernen lassen, ging sie in ihrem Studium auf den Grund – und entwickelte einen Prototypen, den eine integrative Kita in Frankfurt ein Jahr lang testete. Weil die Nachfrage stieg, entstand ein erstes Set. Das war vor zwei Jahren und das Gründungsmomentum der „Talking Hands“. 

Schwester Jami gehört als Lager-Chefin fest zum fünfköpfigen Teams und die Produkte der „Talking Hands“ werden mittlerweile in mehr als 1000 Bildungseinrichtungen in Deutschland vertreten sind. Damit es noch mehr werden können, haben die Gründerinnen die Plattform „Helping Hands“ ins Leben gerufen. Hier können sich Kitas, die mit den Daumenkinos arbeiten wollen, dafür allerdings kein Budget haben, registrieren und so den Bedarf nach Spenden anzeigen. Darüber hinaus möchte das Team mehr Einrichtungen erreichen, die nicht explizit integrativ ausgerichtet sind. Die Idee, gemeinsam besser zu kommunizieren, sei schließlich nicht nur im Umgang mit Kindern mit Behinderung ein lohnenswertes, so die Frauen.

Ein Konzept, das noch nicht in allen deutschen Kitas akzeptiert und praktiziert wird. Neben praktischen und politischen Hürden gelte es Vorbehalte vonseiten der Eltern und des Kita-Personals zu überwinden: „Wir sehen unsere Arbeit auch darin, dass wir Menschen aufklären. Wahrscheinlich wissen die wenigsten, dass Kinder mit Down-Syndrom durch Gebärden gefördert werden und damit toll kommunizieren können. In Deutschland wurde dem Thema noch viel zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht“, sagt Laura Mohn. Es ist also auch Aufklärung, die die Daumenkinos fast beiläufig leisten, indem sie schlichtweg wirken. Das Feedback der integrativen Kitas, Grundschulen und logopädischen Praxen, in denen sie bisher verwendet werden, sei durchweg positiv.

Diversität in der Darstellung 

Jedes Büchlein zählt 40 Seiten und lässt sich in Sets zusammenfassen.Im Austausch mit einer Gebärdensprachdolmetscherin und einer Pädagogin entwickelt Mohn die Zeichnungen. Und für jedes Daumenkino denkt sie sich eine eigene Figur aus, was nicht nur für die persönliche Note sorge. „Es ist uns wichtig, dass Diversität in den Daumenkinos dargestellt wird“, sagt Maria Möller. Deshalb sind auch alle Haar- und Hautfarben vertreten. Gemeinsamer Nenner bleibe das charakteristische Design: farbenfroh, abstrakt und detailverliebt. Gesichter werden nicht gezeigt. Warum? Um die Konzentration auf die Hände zu lenken und weil Gesichter Kinder mit Autismus erschrecken könnten, was dem Inklusionsgedanken nicht gerecht würde.

Eine lange Liste mit neuen Worten warte schon darauf, diesen aufwendigen Prozess zu durchlaufen. Ideen gebe es mehr als genug. Es sei aber nicht geplant, das Gebärdenvokabular grenzenlos zu erweitern, so Möller: „Irgendwann müssen wir einen Schlussstrich ziehen. Mit mehr als 300 Daumenkinos kann niemand mehr arbeiten.“ Das bedeute aber noch lange nicht das Ende der „Talking Hands“. Im Gegenteil. Das Portfolio soll künftig um Spiele und weitere interaktive Lernmateralien ergänzt werden. Zusätzlich ist eine App in Arbeit, mit der Gebärden mobil angeschaut und gelernt werden können. Die Nachfrage ist jetzt schon groß. Eben erst erschien die vierte Auflage der Daumenkinos, um den Vorbestellungen gerecht zu werden.  

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