Eine Name, der verpflichtet — Meron Mendel

Meron Mendel und seine Mitarbeitenden der Bildungsstätte Anne Frank gehören zu den viel gehörten Stimmen im Umgang mit Antisemitismus, beraten die Opfer des Anschlags von Hanau oder einen Nebenkläger im Prozess um den Mordfall Walter Lübcke.
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Text: Tom Waurig — Fotos: Benjamin Jenak

Meron Mendel liebt die Diskussion, den Diskurs mit anderen, das Streiten ums bessere Argument. Typisch demokratisch eben, typisch Pädagoge. Mendel sieht es als seine Mission, mit anderen zu debattieren, ob bei Twitter, als taz-Kolumnist oder in seiner täglichen Arbeit. Seit inzwischen zehn Jahren leitet der Mittvierziger die Anne Frank Bildungsstätte in Europas Bankenstadt Frankfurt am Main. Mendel wurde in Israel geboren, promovierte in Erziehungswissenschaften.

Als er 2010 von der Universität zur Bildungsstätte kam, sei die noch eine überschaubare Institution gewesen, erzählt er. Entstanden war sie in den neunziger Jahren aus einem Spurensuche-Projekt über Anne Frank – das Mädchen, das in Frankfurt zur Welt kam und dort ihre Kindheit verbrachte, bevor sie mit ihrer Familie gezwungen war, ins Exil nach Amsterdam zu fliehen.

Gerade für jüngere Generationen ist Anne Frank ein prägender Name, mit dem sich die Zeit des Nationalsozialismus nochmal anders betrachten lässt. Es ist die Identifikation mit ihrem Schicksal, die abstrakten Fakten einen emotionalen Rahmen gibt. Diese Geschichte in einer Gedenkstätte zu verstehen, sei sehr viel schwieriger, meint Mendel. Einrichtungen, die Anne Franks Namen tragen, gibt es daher einige – in Berlin, Basel, Amsterdam, New York und eben in Frankfurt. Sie könne ein „Türöffner“ sein, um eine Auseinandersetzung über Antisemitismus zu führen, über die Schrecken von damals, genauso aber über neu aufgerissene Wunden, wenn jüdische Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Identität fast täglich verbale Anfeindungen und körperliche Übergriffe erleben und erdulden müssen, immer noch und leider überall auf der Welt.

Das Tagebuch von Anne Frank eröffnet Jüngeren einen Zugang zur Geschichte.
Das Tagebuch von Anne Frank eröffnet Jüngeren einen Zugang zur Geschichte.

Die Bildungsstätte sieht Meron Mendel heute in der Verantwortung, „sich in aktuelle Diskussionen einzumischen und Brücken zu schlagen – von historischen Verbrechen zu aktuellen Konflikten und Krisen“. Mit dieser Vision ist der Pädagoge damals angetreten und verfolgt sie auch weiterhin.

Die Bildungsstätte im Norden Frankfurts ist in den letzten Jahren gewachsen und zählt inzwischen zu einer der größten Organisationen der zivilgesellschaftlichen Szene. Mehr als 50 Gesichter sind auf der Internetseite unter „Team“ aufgelistet. Vergleichbares gibt es im Bereich der Demokratiearbeit kaum. Was auch auffällt, ist ein ansehnlicher Social-Media-Auftritt mit fünfstelligen Followerzahlen auf allen Kanälen. Die Bildungsstätte ist eine, die es versteht, Position zu beziehen. Für ihre Arbeit bekommt sie großen Zuspruch – zuletzt den Hessischen Integrationspreis.

Diskussionen um Antisemitismus

Mendel selbst ist darüber hinaus gefragter Publizist. In Zeitungen, Magazinen oder Büchern setzt er sich journalistisch wie wissenschaftlich mit den Fragen auseinander, die ihn als Juden auch ganz persönlich betreffen: Migrationsgesellschaft, Antisemitismus, Erinnerungskultur. Wer also glaubt, Mendel kümmere sich allein ums Administrative, irrt. „Es wäre doch traurig, wenn ich nur noch mit Excel-Tabellen zu tun hätte.“

Nur mit Jugendlichen arbeitet er heute weniger, das übernehmen in der Bildungsstätte Gleichaltrige, die pädagogisch geschult wurden. Mendel ist an anderen Stellen gefragt, seine Erfahrungen zu teilen oder über Rechtspopulismus aufzuklären – bei Bundespolizei und BKA, bei der Flughafengesellschaft Fraport, in Museen, Redaktionen, Behörden. „Es geht mir darum, Themen besprechbar zu machen“, fasst er seinen Auftrag zusammen.

Seit inzwischen zehn Jahren leitet Meron Mendel die Bildungsstätte Anne Frank.
Seit inzwischen zehn Jahren leitet Meron Mendel die Bildungsstätte Anne Frank.

Und von diesen Themen gibt es ohnehin genug. Immer wieder kommt es in Deutschland zu Fällen von Antisemitismus: der Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle (Saale), der Aufschrei um den Musikpreis für ein Album für die Rapper Kollegah und Farid Bang – die Passagen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und auch „Mache mal wieder ‘nen Holocaust“ sangen –, oder die vor Wochen geführten Diskussionen um einen Text über den Pianisten Igor Levit in der Süddeutschen Zeitung.

Es waren vor allem Begrifflichkeiten wie „Weltgericht“ und „Opferanspruchsideologie“, die rechten Narrativen entsprechen. Aus Levits Einsatz gegen Rechtsextremismus wurde im Text „ein lustiges Hobby“. Der Antisemitismus-Vorwurf kam prompt und die Redaktion reagierte Tage später und nach heftigen Kommentaren auch mit einer Entschuldigung.

Mendel bleibt in der Debatte – anders als bei Kollegah und Farid Bang, deren Texte er damals ein „hervorragendes Fallbeispiel“ für Bildungsarbeit nannte, gewissermaßen als Beispiel für „So nicht“ – diplomatisch, skeptisch und zurückhaltend. Die Kritik, dass der Süddeutsche-Text antisemitisch war, teilt er nicht, zumindest nicht grundsätzlich. Er sieht eher eine „unsaubere Vermischung in der Beurteilung seiner musikalischen Performance und Levits politischem Engagement auf Twitter. Ist eine Kritik daran antisemitisch, weil er Jude ist?“ Den Pädagogen Meron Mendel beschäftigen solche Fragen seit Jahrzehnten, auch heute noch beinahe täglich, und er macht eine Beantwortung von einem für ihn entscheidenden Punkt abhängig. „Was sind wir als Gesellschaft eigentlich bereit zu akzeptieren – und an welcher Stelle wollen wir intervenieren?“

AfD macht Debatten komplizierter

Wie jedoch würde Mendel Antisemitismus denn genau definieren? Er ist diese Frage gewohnt und kann sie prägnant beantworten: „Antisemitismus sind Anfeindungen und der Hass gegen jüdische Menschen allein aufgrund der Tatsache, dass sie jüdisch sind.“ Hätten Ressentiments auch schon lange vor der Machtübernahme Hitlers zum „guten Ton gehört“, weiß Mendel, würden sie nach 1945 nicht mehr offen ausgesprochen, sondern oft über Codes transportiert. „Es geht ums Decodieren: Wann wird über die Rothschilds oder Israel geschimpft und wann sind mit solchen Aussagen ‚die Juden‘ gemeint? Wo ist es also nur ein Vorwand, um Vorurteile zu streuen?“ Es brauche Knowhow, Wissen und Sensibilität, meint Mendel, um die feinen Unterschiede mühsam zu sezieren, um Kritik am Kapitalismus oder an der Politik des Staates Israel von Antisemitismus zu trennen.

Ihm gehe es gar nicht allein um die Sanktion. „In einer offenen Gesellschaft sollten sich Menschen nicht rassistisch oder antisemitisch äußern. Nicht, weil sie Angst vor negativen Folgen haben, sondern weil sie ehrlich davon überzeugt sind, dass es falsch ist.“

Meron Mendel ist nicht nur politischer Bildner, sondern auch gefragter Publizist.
Meron Mendel ist nicht nur politischer Bildner, sondern auch gefragter Publizist.

Das einzusehen, sei mit dem Zuspruch für die AfD nochmal schwieriger geworden, so der 44-Jährige. Trotz Mendels klarer Haltung gegenüber der Partei, die einen „Faschisten“ wie Björn Höcke in ihren Reihen hält, hielten sich die verbalen Angriffe gegen sein Haus bisher in Grenzen. Eine ganz persönliche Fehde lieferte sich Meron Mendel dagegen mit der Ex-CDU-Abgeordneten Erika Steinbach, die zwar kein offizielles AfD-Mitglied ist, immerhin allerdings Vorsitzende der parteinahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Der Rechtsstreit wurde schließlich vor dem Oberlandesgericht verhandelt.

Steinbach hatte behauptet, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank habe im Gespräch mit ihr die Vorsitzende der „Juden in der AfD“, eine Ärztin, mit KZ-Arzt Josef Mengele verglichen. Diesen Vorwurf hatte sie Monate nach dem Gespräch auf ihrem privaten Twitter-Profil veröffentlicht. Der Vergleich, den die Beteiligten vor Gericht aushandelten, sieht vor, dass Steinbach diese Äußerung zukünftig unterlassen wird.

Mendel wirft der früheren Abgeordneten zudem vor, ein Dokument aus dem Verfahren in sozialen Netzwerken veröffentlicht zu haben, auf dem seine Privatadresse zu lesen war. Bis heute erhalte er daher Drohungen. Aufgeben wollte er im privaten Rechtsstreit allerdings nie. Für ihn zeigt der Vorgang das Geschäftsmodell Rechtsaußen: „Erstmal wird gehetzt, und wenn es Beschwerden gibt, wird alles als Missverständnis dargestellt.“

Beratung bei rassistischer Gewalt

Andere zum Einspruch zu ermutigen, auch das ist Aufgabe der Bildungsstätte. Neben zwei Ausstellungen, die eine dauerhaft in Frankfurt, die andere durchs Land tourend, ist die Organisation seit bereits fünf Jahren Beratungsstelle für Betroffene von Rassismus und Diskriminierung. Die Mitarbeitenden der Beratungsstelle Response betreuen Menschen mit Traumata oder psychischen und physischen Gewalterfahrungen.

Außerdem begleiten sie Ermittlungsverfahren oder Strafprozesse und dokumentieren online Fälle rechter und rassistischer Gewalt. 135 aus diesem Bereich haben sie allein 2019 betreut, dazu nochmal fast doppelt so viele Betroffene von Diskriminierung, bei der Wohnungssuche oder am Arbeitsplatz. Die meisten Beratungen enden nicht nach einer Sitzung, sondern dauern Monate. In den letzten zwei Jahren hätten vor allem Bedrohungen und Anfeindungen in der Nachbarschaft zugenommen. Doch alle Fälle umfassend aufzuarbeiten, sei mit den vorhandenen personellen Ressourcen gar nicht möglich. Auch die Corona-Pandemie hat die Arbeit weiter erschwert. Beraten wird seit Ausbruch des Virus am Telefon oder über Video.

Nur noch eingeschränkt geöffnet hat seit Ausbruch der Corona-Pandemie auch das Herzstück der Bildungsstätte: das Lernlabor. Bedient werden alle Stationen mit Tablets. Mehr als eine Million Euro kostete die Komplettveränderung der alten Ausstellung. Exponate lassen sich anfassen, bedienen und verändern.

Im Moment aber dürfen sich nur zwölf Menschen parallel im Lernlabor aufhalten – mehr lassen die Hygienebestimmungen nicht zu. Die unbekannte Stille nutzen Mitarbeitende mittlerweile recht häufig, um nicht mehr nur am Schreibtisch zu arbeiten, sondern genauso in dem großen, hellen Ausstellungsraum. Im Mittelpunkt steht nicht mehr Anne Franks Tagebuch, sondern die Frage, wie Jugendliche die Welt kommentieren.

Arbeiten im Herzstück der Bildungsstätte Anne Frank: das interaktive Lernlabor.
Arbeiten im Herzstück der Bildungsstätte Anne Frank: das interaktive Lernlabor.

Als Meron Mendel vor zehn Jahren seinen Job in der Frankfurter Bildungsstätte antrat, war all das nur ein Wunschtraum im Kopf des neuen Direktors. Damals bestand die Jugendbegegnungsstätte aus einer Ausstellung über Anne Frank, einem Leiter und drei halben Stellen. Unter Mendel wurde aus dem lokalen Projekt eine überregional bekannte Einrichtung. Sich inhaltlich breit aufzustellen, das war ihm immer wichtig. Daher übernahm die Bildungsstätte Anfang des Jahres die Trägerschaft des Projektes „Schlau“, abgekürzt für „Schwul-lesbischer Aufklärungsunterricht“. Junge Lesben und Schwule gehen in Schulen, um über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen. Eine Frage, die für Mendel vor jedem neuen Vorhaben steht: „Würde es in Anne Franks Weltbild passen? Das ist der Kompass.“ Ein Weltbild, in dem Humanismus über allem steht.

Dieser Text erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des Veto Magazins: www.veto-mag.de/gedruckt. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten: Ihr seid nicht allein!

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