In diesem Ton — ManuEla Ritz

ManuEla Ritz würde gerne eine Weltreise unternehmen und erkunden, ob es Orte ohne Adultismus gibt. Bis es soweit ist, klärt sie über die wohl häufigste Form der Diskriminierung auf. Über das Leben in einer Erwachsenenwelt.
8. Januar 2024
6 Minuten Lesezeit
Text: Philine Schlick — Fotos: Max Gödecke

„Weil ich es sage!“ Ein Satz, der verdeutlichen soll: Hier gelten meine Regeln und die sind nicht verhandelbar. Und du tust, was ich verlange. Punkt! Nur wenigen kommt es in den Sinn, so mit Gleichaltrigen oder Älteren zu sprechen. Wenn es um Jüngere geht, wird der Ton schnell mal rauer. Hörigkeit wird immer noch vorausgesetzt und auch eingefordert – notfalls mit Druck. Adultismus ist die wahrscheinlich verbreiteste Diskriminierungsform weltweit. Und eine der selbstverständlichsten. Verankert ist sie in Traditionen, gestützt und gestärkt wird sie zudem durch Institutionen und Gesetze. Dagegen vorzugehen ist mühsam. 

Eine, die trotz dieser Mühen aufbegehrt, ist ManuEla Ritz. Seit inzwischen mehr als 20 Jahren ist sie in der politischen Bildungsarbeit tätig, kritisiert Machtverhältnisse, hält Vorträge und gibt Workshops. Der Begriff Adultismus sei ihr zum ersten Mal bei einer Schulung begegnet, erinnert sie sich. Damals habe ihr Weg zur freiberuflichen Teamerin begonnen.

„Meinen ersten Berührungspunkt hatte ich aber schon im Alter von einem Tag. Wir leben in einer Welt, die für Erwachsene gemacht ist.“ Sie zählt auf: Architektur, Einrichtung, Arbeit und Freizeit, Politik. Ihre Erfahrungen als Antirassismus-Trainerin hätten ihr geholfen, Adultismus und seine Mechanismen zu verstehen: „Die Struktur ist sehr ähnlich, nur dass der Marker das Alter ist. Es gibt ein ‚Wir‘, das sich als Maßstab formiert, ‚das Andere‘ konstruiert und damit unterdrückt“, erklärt Ritz. „Die ‚Ge-Anderten‘ sollen so sein wie ‚wir‘“.

Dieses „Wir“ werde schließlich zum Standard und als „normal“ definiert. Daraus würden auch Anweisungen wie „Setz dich vernünftig hin!“ resultieren. Erwachsen- und Groß-Sein als etwas Überlegenes und Erstrebenswertes, das dem Kind-Sein wertend gestellt wird. Das geschieht, bemerkt ManuEla Ritz, auch in Belobigungen: „Du bist jetzt schon groß!“ Da schwinge immer dieses Gefühl mit: „Je größer, desto besser.“ Doch dieses Groß-Sein ist an klare Bedingungen geknüpft – und wer in den Club kommt, bestimmen die Mitglieder.

Ist das alles Absicht?

„Meine Tochter Simbi hat, als sie noch jünger war, eine gute Definition gefunden: ‚Adultimus ist, wenn Größere Kleinere absichtlich runter machen‘“, erklärt die Sozialpädagogin. „Aber das würde ich doch nie absichtlich tun“, heißt es dann häufig. Mit der Absicht sei es aber so eine Sache, meint Ritz und zitiert auch hier Simbi Schwarz, die mittlerweile selbst Workshops gibt: „Wer hat denn erfunden, dass es Schulen und Kindergärten gibt? Wer bestimmt, wer hingeht und wer nicht? Und wer entscheidet, wer dafür bezahlt wird, in den Kindergarten oder die Schule zu gehen und wer nicht? Das ist doch alles Absicht!“

ManuEla Ritz bekräftigt: „Als Kind sind ständig Erwachsene um dich, die irgendetwas meinen, bemerken, tun oder von dir wollen. Das fühlt sich wie Absicht an – und die Konsequenzen sind die gleichen.“ Der kanadische Soziologe Adam Fletcher nannte Adultismus „eine Abhängigkeit von den Einstellungen, Ideen, Überzeugungen und Handlungen von Erwachsenen“.

„Die Idee hinter Adultismus besagt, dass Erwachsene besser seien als Kinder“, sagt Ritz kurz. Und aus dieser Annahme ergebe sich die vermeintliche Notwendigkeit, junge Menschen zu erziehen, sie zu maßregeln und zu reglementieren. „Sogenannte Erwachsene werden befugt, über noch nicht Erwachsene zu verfügen.“ Menschen werden unterdrückt oder benachteiligt – allein aufgrund ihres Alters. Diese Machtungleichheit sei so besonders schädlich, weil Kinder auf die Unterstützung Älterer angewiesen und deshalb abhängig sind, erklärt Ritz.

„Ein Kind hat mal zu mir gesagt, dass es gar nicht mag, wenn Erwachsene ihm in die Augen schauen. Das bedeute immer Ärger“, erzählt Ritz. „Augenkontakt ist uns enorm wichtig. Wenn Kinder sich abwenden, müssen wir versuchen zu verstehen, warum sie es tun, anstatt ihn einzufordern.“ Der Erwachsenen-Klassiker „Schau mich an, wenn ich mit dir rede“ gebe viel darüber preis, wie Kinder häufig wahrgenommen würden: als Empfangende von Weisungen.

Kinder als Eigentum

Wenn Menschen sich in ihren Rollen und nicht als individuelle Persönlichkeiten, die sie sind, gegenübertreten, gehe der Kontakt und das Bewusstsein für die gegenseitigen Bedürfnisse verloren, bedauert Ritz. Sie verlieren sich aus dem Blick, im wahrsten Wortsinne. „Der Dreh- und Angelpunkt ist Macht. Eine Seite hat die Macht, ihren Willen durchzusetzen – die andere nicht.“ Während sich in anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Rassismus das Besitzdenken langsam abgeschliffen habe, sei es im Adultimus noch sehr präsent, so Ritz.

Es sei auch heute noch immer verbreitet, ein Kind als Eigentum wahrzunehmen, den eigenen Status darüber zu definieren oder sich repräsentiert zu fühlen. Die Denkweise „das ist meins“ begünstigt, dass Erwachsene für Kinder entscheiden, statt mit ihnen. Das habe seinen Ursprung mitnichten auf privater Ebene, kritisiert ManuEla Ritz, sondern sei ein strukturelles Problem, dessen historische Wurzeln bis tief in den europäischen Kolonialismus und weit in die Idee von Herrschaft überhaupt zurückreichen.

Das so deutlich zu benennen, führe häufig zu Erschrecken, sorge aber genauso für Empörung. Natürlich wollen Eltern und andere Erziehungspersonen das Beste für die jungen Menschen, für die sie sich verantwortlich fühlen. Aber können sie auch wissen, was das Beste ist, wenn sie nicht danach fragen oder wenn sie als Kind selbst diese Erfahrung nicht gemacht haben?

Bei einer Aussage bekomme ManuEla Ritz immer wieder heftige Reaktionen zu hören, bleiben möchte sie aber dabei: „Adultismus ist eins der stärksten erwachsenen Machtinstrumente, weil Erwachsene entscheiden, wer wann, wo, wie und wie lange mitbestimmen darf.“ Stets sei der Rahmen vorgegeben, die Fragen definiert – Mitbestimmung werde also bestimmt. „Was passiert mit meiner Stimme, wenn ich sie abgegeben habe? Wird sie auch berücksichtigt?“

Erwachsene Macht

Kinder und Jugendliche, die aufbegehren, haben keine Lobby, verdeutlicht ManuEla Ritz. Das beste Beispiel seien die überheblichen Kommentare zur Klimabewegung Fridays For Future gewesen. „Beim Civil Rights Movement sagen alle: ‚Wow, wie die für ihre Sache kämpfen!‘ Das passiert bei Adultismus selten“, stellt Ritz fest und fordert: „Wir müssen Kindern Worte und Wissen geben und sie ermutigen.“ Wenn nachfolgende Generationen nicht ernst genommen würden, schlage sich das direkt nieder: „Warum funktioniert das mit der Demokratie immer weniger? Ich sehe da Antworten durchaus auch im Adultismus.“

Die Rolle von Erwachsenen, beobachtet Ritz, werde oft wie eine zentrale Kommandostelle wahrgenommen: alles wissen müssen, alles kontrollieren können und alles verantworten. Adultismus zu reflektieren, gebe auch ihnen mehr Freiheit, weil sie wieder beginnen, Regeln auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen – wie Kinder es tun. Dazu gehöre auch, sich kritisieren zu lassen, Fehler einzugestehen, sich verletzlich zu zeigen.

„Ich denke oft darüber nach – aber ich weiß nicht – wann der Punkt kommt, an dem wir am Rand des Spielplatzes auf der Bank sitzen, anstatt mitzuspielen. Wann kommt der Punkt, an dem wir uns nicht entschuldigen, wenn wir etwas falsch gemacht haben und befehlen, statt zu fragen?“ Kritisches Erwachsen-Sein bedeute, stets zu überprüfen, wo Eigenständigkeit möglich ist: „Ich habe die Macht zu entscheiden, wie groß der Raum zwischen uns wird“, sagt Ritz. „Welche Macht nutze ich wann und wie? Das ist ein Prozess ohne Ende.“

Und sie erinnert sich an eine treffende Szene, als Tochter Simbi auf einer Kletterspinne turnte. Es regnete und Simbi trug einen langen Mantel und eine Mütze, deren Blende ihr ständig über die Augen klappte. Sie kletterte die rutschigen Seile immer höher. „Ich habe sie aufgefordert anzuhalten, weil ich mir Sorgen machte. Irgendwann rief ich ihr zu: ‚Ich kann das nicht mit ansehen!‘“ Die Antwort kam prompt: „Dann dreh dich halt um!“ Das habe Ritz dann auch getan und sich auf ein Geräusch des Aufpralls gefasst gemacht. Aber das kam nicht. 

Freiheiten schaffen

„Das ist die Arbeit, die Erwachsene leisten müssen: immer zu überlegen, wann ich meine Macht einsetze. Kann ich Forderungen mit mehr begründen als: ‚Weil es so ist‘? Und haben meine Forderungen gerade wirklich den Schutz des Kindes zum Ziel – oder geht es mir um Kontrolle? Wo verlaufen die Grenzen meiner Sorge und Angst?“ Als ihre Kinder noch jünger waren, hätten sie ihr damals imaginierte „Adultismus-Buttons“ aufgedrückt, wann immer sich ManuEla Ritz bevormundend verhielt. „Ich müsste heute von oben bis unten beklebt sein!“

Die beste Methode, adultistisches Verhalten bei sich festzustellen, sei es, sich von Kindern spiegeln zu lassen. Viele hätten sich, beobachtet die Sozialpädagogin, auf den Weg gemacht – ob privat oder in Einrichtungen. „Ich kenne eine Kita mit einem Kinderrestaurant, in dem die Kinder tagsüber essen können, wenn sie Hunger haben. Ohne feste Zeiten.“ Die Freiheit, über die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse bestimmen zu können, lege den Grundstein für die Entwicklung des eigenen Willens und auch für das Lauschen nach den eigenen Wünschen.

Kein leichter Weg, das weiß auch ManuEla Ritz. Vor allem dann nicht, wenn es die Ressourcen und Strukturen erschweren. In überfüllten Einrichtungen bleibe den Betreuenden oft nichts anderes übrig, als Kinder „zu verwalten“ und durch den Tag zu schleusen. Häufig fehle die Zeit und das Personal, um Nachfragen zu stellen oder auf individuelle Wünsche einzugehen, weiß ManuEla Ritz. Das lasse sich genauso in Einrichtungen für Ältere beobachten, die dort mehr oder weniger „kaserniert“ würden.

Die Sozialpädagogin drängt auf ein Umdenken, auf mehr Zeit und Aufklärung. „Wie lassen sich Entscheidungen – nicht nur Pflichten – auf alle Schultern verteilen? Es heißt ja nicht umsonst Zusammenleben.“ Ritz hofft zudem auf einen echten Wandel der Strukturen. Und der könne auch in der zwischenmenschlichen Begegnung beginnen: „Wo finden wir Momente im Alltag, bei denen Alter und Unterschiede keine Rolle spielen? Wann und wo können wir Oasen bauen und uns als Menschen begegnen?“ Einen Teil der Antworten versucht Ritz selbst beisteuern.

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