Nonspiration — Kolumne Luisa L’Audace

Warum ich mir als behinderte Person genau überlegen muss, ob ich über Leid spreche und warum es dennoch wichtig ist. Mitleid hilft uns nicht im Kampf gegen Ableismus, gezielter Aktionismus hingegen schon.
16. Mai 2023
3 Minuten Lesezeit
Text: Luisa L’Audace — Foto: Benjamin Jenak

„Es ist gerade alles ätzend! Eventuell muss mein Rücken nochmal operiert werden, obwohl erst die Hüfte dran gewesen wäre. Ich war seit 14 Tagen nicht mehr vor der Tür, meine Muskulatur hat schon wieder abgebaut und meine Medikamente wirken mal wieder nicht richtig. Ich kann nicht schlafen und mache mir ernsthaft Sorgen, wie ich das alles schaffen soll, ohne zu verzweifeln.“  

So oder so ähnlich sahen schon einige Textnachrichten an mir nahestehende Menschen aus. Und obwohl ich quasi im Internet „lebe“ und auch viel Alltägliches auf Social Media preisgebe, verschweige ich häufig Details, bei denen ich befürchte, sie könnten dafür sorgen, dass eine Behinderung pauschal mit Leid verknüpft wird. Als Mitglied einer marginalisierten Gruppe spreche ich nämlich nie nur für mich allein – auch wenn ich das noch so oft betone.

Teile ich etwas aus meinem Leben, so laufe ich doch immer Gefahr, dass mein Gegenüber Details auf alle behinderten Menschen projiziert. Und sobald es um Themen geht, bei denen Leid eine Rolle spielt, kommt noch ein anderer, entscheidender Faktor hinzu …

Würden wir 100 Menschen befragen, was sie mit einer Behinderung in Verbindung bringen, dann würden die allermeisten wahrscheinlich früher oder später das Stichwort „Leid“ in den Raum werfen. Es zeigt deutlich, dass Alltagsableismus allgegenwärtig ist. Es ist nicht nur falsch, davon auszugehen, dass jede behinderte Person automatisch leidet – außer natürlich aufgrund von struktureller Diskriminierung. Es ist auch gefährlich, wie die Geschichte zeigt.

Während des Nationalsozialismus sorgte doch genau dieses Narrativ dafür, dass der Mord an vielen Hunderttausend behinderten Menschen vermeintlich „gerechtfertigt“ werden konnte. Die sogenannte NS-„Euthanasie“ wurde schließlich als Gnadentod verkauft – für jene, deren Leben als „lebensunwert“ fremdeingestuft wurde. 

Dieses Narrativ des lebensunwerten Lebens besteht bis heute fort. Und auch wenn es in den letzten Jahren keinen derartigen Massenmord mehr verursacht hat, so trägt es nach wie vor dazu bei, dass behinderten Menschen tagtäglich ihr Recht auf Leben abgesprochen wird und behinderte Menschen sterben. So wie in Potsdam vor gut zwei Jahren. Am 28. April 2021 attackierte Pflegerin Ines R. fünf behinderte Bewohner*innen des Oberlinhauses mit einem Messer und verletzte vier von ihnen tödlich. Die ableistische Berichterstattung ließ – wie immer – nicht lange auf sich warten und diverse Medien titelten mit „Erlösung“ und ähnlich menschenverachtenden Erklärungsversuchen.

Was also tun, wenn das Aussprechen der eigenen Lebensrealität die Mehrheitsgesellschaft dazu verleitet, schädliche, gar tödliche Narrative zu befeuern? Die meiste Zeit habe ich mich dazu entschieden, auf Nummer sicher zu gehen und lieber nichts zu sagen als „zu viel“. Dabei wäre es doch so wertvoll, diesen Diskurs führen zu können, ohne befürchten zu müssen, dass dieser von der Mehrheit der Menschen falsch interpretiert werden könnte und dies – gesamtgesellschaftlich betrachtet – lebensbedrohliche Folgen für uns haben könnte.

Viele Realitäten bleiben damit im Dunkeln, was wiederum dazu führt, dass sich Betroffene mit ihrer Situation allein fühlen und sich allein mit teils beängstigenden Fragen auseinandersetzen müssen. Wie können wir bestmöglich mit chronischen Schmerzen umgehen? Wie fühlt es sich an, sich mit anderen Problemen befassen zu müssen als andere Gleichaltrige? Wie können wir mit Todesangst umgehen? Was, wenn mein Körper nach und nach seine Fähigkeiten verliert?

Was, wenn ich mir Sorgen ums Älterwerden mache, weil ich jetzt schon mehr gesundheitliche Probleme habe als meine Großmutter? Und wie gehe ich damit um, wenn ich immer mehr auf Assistenz und Pflege angewiesen bin?

Und selbst während ich diesen Text schreibe, frage ich mich, ob ich damit nicht eine bisher so wohl gehütete Grenze überschreite. Was ist, wenn auch er nicht-behinderte Menschen dazu einlädt, uns zu bemitleiden, unserem Leben den Wert abzusprechen und Behinderung als das Schlimmste wahrzunehmen, das dir passieren kann?

Dabei lässt sich nichts davon wirklich pauschalisieren. Es gibt auch eine Menge behinderter Menschen, die sich nicht die oben genannten Fragen stellen müssen oder sich vielleicht auch ganz andere stellen, mit denen ich mich nicht identifizieren könnte. Und auch wenn ich mir einen offenen und wertfreien Diskurs zu diesem „Tabuthema“ wirklich wünschen würde, so darf doch das eigentliche Problem – für dessen Lösung jede einzelne Person verantwortlich ist – nie außer Acht gelassen werden: Ableismus und all die daraus resultierenden Probleme.

Mitleid hilft nicht im Kampf gegen Ableismus, ein gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl und gezielter Aktionismus hingegen schon. Mir ist klar, dass auch in einer anti-ableistischen Welt nicht jede der oben genannten Fragen gelöst werden würde. Sie hätte aber sehr sicher einen größeren positiven Einfluss darauf, als es auf den ersten Blick vielleicht ersichtlich ist … 

Wäre das Gesundheitssystem also kein kapitalistisches, würden wir eine bessere Versorgung erhalten und müssten uns keine Sorgen darüber machen, dass Assistenz und Pflege nicht gewährleistet sein könnten. Wäre alles barrierefrei und müssten wir nicht um jedes einzelne Hilfsmittel kämpfen, hätten wir vielleicht auch weniger Angst davor, Fähigkeiten zu verlieren. Und müssten wir nicht mehr täglich für Teilhabe und unser Überleben in einem ableistischen System kämpfen, blieben mehr Kapazitäten für andere Dinge, Selfcare zum Beispiel.

In einer anti-ableistischen Welt könnten wir außerdem offen über leidvolle Themen sprechen, ohne Angst haben zu müssen, dass diese pauschalisiert werden oder gar ein gefährliches Narrativ befeuern. Und schnell würden wir feststellen, dass wir mit unseren Gedanken und Sorgen gar nicht so allein sind, wie wir es immer dachten.

Luisa L’Audace ist Inklusionsaktivistin und klärt auf Social Media über die Lebenswelten behinderter Menschen auf – und darüber, welche Erfahrungen sie mit Ableismus machen.

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