Fließend Wasser — Dominik Bloh

Wie hart das Leben auf der Straße ist, weiß Dominik Bloh aus eigener Erfahrung. Mit einem markanten Duschbus gibt er wohnungslosen Menschen in Hamburg seit Beginn der Corona-Pandemie ein Stück verlorengegangener Würde zurück.
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Text: Tom Waurig — Fotos: Benjamin Jenak

Dominik Bloh ist schon früh auf den Beinen. Die Aufbauarbeiten beginnen um acht morgens. Das Millerntor-Stadion in Hamburg St. Pauli ist seit der coronabedingten Zwangspause des Fußballs im Frühjahr 2020 um eine Attraktion reicher. Denn als das runde Leder hier über Wochen ruhte, wurde die Heimspielstätte des FC St. Pauli zum Haltepunkt eines rundum bunt lackierten Busses – kein gewöhnliches Exemplar, sondern ein umgebautes Gefährt. Erst im Dezember 2019 nahm dieser den Betrieb auf und wurde mit der prägnanten Schlagzeile „GoBanyo“ beschrieben, die gleich in mehreren Sprachen für Bad oder Badezimmer steht.

Bloh, ein groß gewachsener Mann mit dichtem Rauschebart, lebte insgesamt elf Jahre auf der Straße und kennt die Wünsche wohnungsloser Menschen, die in Zeiten der Corona-Pandemie dringender wurden. „Waschen war eins der größten Probleme“, bemerkt Bloh. „Waschen heißt nicht nur, sauber zu sein. Waschen ist Würde.“ Ein Satz, der zum eigenen Anspruch geworden ist und dauerhaft über die Licht-Anzeige des Busses läuft. Vier Jahre dauerte es vom Einfall bis zum Umbau. Ein Verkehrsunternehmen aus der Hansestadt hatte den 12 Meter langen Bus im Linienbetrieb ausrangiert und Dominik Bloh für sein ungewöhnliches Vorhaben überlassen.

Über die Monate der Pandemie entstand um den Bus ein ganzes Dusch-Dorf, das nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs verlegt werden musste. Diese Episode aber ging nun nach langem Ringen zu Ende. „Es ist traurig, aber notwendig“, meint Bloh. „Wir konnten es in diesen Ausmaßen betrieblich nicht mehr stemmen.“ Die Kooperation mit dem Stadtbezirksamt lief aus, die Kosten wurden von der NGO selbst getragen. „Wir waren bei einer Belastung von 120 Prozent.“ Bevor die Qualität des Angebots leide, entschied das Team, sich auf den Duschbus zu konzentrieren. Das auffällige Vehikel parkt nach wie vor zweimal in der Woche an seinem Stammplatz vor dem Millerntor-Stadion, vor dem Rathaus in Altona und am Steintorplatz.

Mit der tatkräftigen Hilfe einer Werkstatt im niedersächsischen Lüneburg sind im Inneren drei geräumige Badezimmer mit Dusche, Spiegel, Waschbecken und Toilette entstanden. Nerven und 140 000 Euro kostete allein der Umbau. Getragen wurde der über ein Crowdfunding. Mit den Mehreinnahmen, die das gemeinschaftliche Finanzierungsmodell einbrachte, waren auch die laufenden Kosten der ersten Monate gesichert: Wasserversorgung, Hygieneprodukte, Wäsche, Kleidung. Parallel dazu konnten die Waschräume eines benachbarten Schwimmbads genutzt werden. Mittlerweile trägt sich der Duschbus über Spendengelder.

„Der Duschbus ist heute stadtbekannt“, sagt Dominik Bloh. „Wir bekommen mittlerweile auch Anfragen aus den am Rand gelegenen Bezirken Hamburgs.“ Besonders angenommen werde das Angebot am Hauptbahnhof. „Am Ende des Tages sind wir froh, Menschen etwas bieten zu können, um ein menschliches Grundbedürfnis zu befriedigen. Das ist das Mindeste. Wir wollen aber auch nicht systemerhaltend sein. Wir müssen Wohnungslosigkeit beenden – und die Lösung dazu heißt: Housing First. Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf.“

Mit dem Blick zurück nach vorne

Dominik Blohs Geschichte und die Erfahrungen, die er auf der Straße habe sammeln müssen, hätten auf dem langen Weg zum fertigen Bus natürlich geholfen. Ein schwieriges Elternhaus habe er gehabt – und als die Großmutter starb, folgte für ihn der freie Fall. Bloh war noch ein Teenager, als seine Geschichte auf den Straßen von Hamburg begann, die er in einem Buch festhielt. Mehr als ein Jahrzehnt schlief er immer wieder auf Bänken oder unter Brücken und versuchte, trotz Hunger, Kälte und Einsamkeit ein Maß an Normalität aufrechtzuerhalten.

Schließlich schaffte er es, sein Leben radikal zu ändern. Dominik Bloh zog in eine eigene Wohnung und will mit dem Duschbus „etwas zurückgeben“, wie er erzählt. Seine Idee fand schnell Gleichgesinnte. Heute sind es acht Beschäftigte, die das Projekt am Laufen halten. Überzeugungskraft und ein funktionierendes Team seien die entscheidenen Kriterien für die Realisierung gewesen. Der Bus ist ein Gemeinschaftswerk. Eineinhalb Stunden brauchen die Ehrenamtlichen, bis alles steht und die ersten Gäste kommen können. Aus einem Dutzend Ösen, Metallstangen, Reißverschlüssen und orangefarbenen Planen entsteht vor dem Bus ein kleiner Wartebereich mit Anmeldung und genug Platz für die Ausgabe von Hygieneprodukten. Dazu gibt es Kaffee, Kekse und die Möglichkeit für einen „Schnack“, wie es im Norden heißt.

Auf einer handbeschriebenen Kreidetafel werden die Duschgäste mit halbstündigem Abstand vermerkt. Und schon bevor das Wasser aus dem ersten Duschkopf prasselt, ist die Hälfte der Termine vergeben. Punkt 10 Uhr geht es los. Ein freundliches „Hallo“ und ein Lächeln gehören zum Betriebsethos. Seifen, Deodorants, Rasierer, Zahncreme, Handtücher, saubere Kleidung lagern in selbstgebauten Rollcontainern. Damit das Duschen möglichst störungsfrei läuft, ist im hinteren Teil des Busses moderne Technik verbaut: zig Schläuche, eine Standheizung und ein stählerner Wassertank, der stolze 1 250 Liter fasst. So kann der Bus fast autark arbeiten – nur eine Steckdose braucht es. Fließend Wasser über das Hamburger Trinkwassernetz zu bekommen, sei sowieso schwierig und mit bürokratischen Hürden verbunden, erzählt Dominik Bloh. Das Abwasser wird gesammelt und über ein Rohr im Gulli entsorgt. 

Auch wenn der Bus Privatsphäre schaffe, sei es für viele dennoch eine Überwindung, in dieser speziellen Atmosphäre zu duschen, meint Bloh. „Ausgelastet sind wir dennoch fast immer.“ Er zeigt sich erfreut darüber, dass mittlerweile auch immer mehr Frauen das Angebot nutzen. An einem extra eingerichteten Frauenduschtag entsteht dafür ein Safe Space, bei dem es längst nicht nur um Hygiene, sondern auch um Gespräche geht. Anwesend sind dabei nur weibliche Teammitglieder.“ Das Duschen gebe auch Rhythmus im oft tristen Alltag auf der Straße.

Laut der BAG Wohnungslosenhilfe ist die Zahl der Wohnungslosen im Jahr 2020 auf 256 000 gestiegen. Wie weit das jedoch der Realität entspricht, weiß niemand. Armut und das Fehlen bezahlbaren Wohnraums werden immer wieder als Argumente für steigende Zahlen genannt. Während Hunderttausende bei Bekannten unterkommen, sollen 37 400 ohne jede Wohnung sein. Sie leben auf der Straße. Die Gründe: individuell. Meist sind es persönliche Schicksale – privat wie beruflich. Wohnungslose traf die Corona-Krise besonders hart. Weder konnten sie sich an die häusliche Quarantäne halten, noch den Hygienemaßnahmen ohne fremde Hilfe nachkommen. Wohnungslosigkeit ist in Deutschland nach wie vor ein Thema, das auf wenig Aufmerksamkeit stößt. Denn immer mehr Menschen ist bewusst, dass der soziale Abstieg schnell gehen kann. Viele halten das Thema also lieber von sich weg. 

Ein Thema ohne Aufmerksamkeit

Bei GoBanyo ist die Philosophie eine ganz andere – Anteilnahme hat hier Priorität. Nach jedem Duschgang werden die eingebauten Kabinen bei 80 Grad und mit Reinigungsmittel gesäubert. Die Aufgabe übernehmen Freiwillige, der Pool zählt inzwischen 140 Menschen. Was allerdings fehlt, sind Menschen mit Lkw-Führerschein, um den Bus überhaupt bewegen zu können: mit 19 Tonnen Gewicht geht der fahrbare Riese nach dem Umbau nicht mehr als Bus durch. Auch dafür werden die Engagierten von GoBanyo bald eine Lösung finden können, ist Dominik Bloh fest entschlossen. Mit ihrem Duschbus hätten sie die Chance, nochmal ganz neu und anders über Lösungen zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit nachzudenken. Oft werde das Thema nur über Drogen, Sucht oder Geldprobleme gedacht. Das aber sei gar nicht nur das Problem. 

In Hamburg sieht Dominik Bloh weiterhin massiven Handlungsbedarf. Fast 19 000 Menschen sind laut Schätzungen allein in der Hansestadt ohne Wohnung. „Es wird in Kauf genommen, dass Menschen sterben. Ich schäme mich für die Stadt und deren Umgang mit dem Thema.“ Zudem würde es nur einige Dutzend frei zugängliche Duschen in Hamburg geben, viele davon mit Fäkalien beschmiert, erklärt Bloh. Um die Sauberkeit würde sich dort auch kaum jemand kümmern. Er vermisst die Bemühungen um die Situation der wohnungslosen Menschen. Bei GoBanyo gibt es die hingegen schon und weggeschickt werde niemand, meint Dominik Bloh. Oft würden die Ehrenamtlichen Überstunden machen.

Den Bus sieht er als „Brücke“, die für Menschen auf der Straße den ersten Schritt in Richtung eines geregelten Alltags bedeuten könne. „Wer sich schmutzig fühlt, vermeidet auch jeglichen Kontakt zu anderen Menschen. Du gehst nicht zum Amt und stellst dich in keine Schlange für eine Wohnungsbesichtigung. Die Scham ist groß. Und der Teufelskreis zu stark. Wer sich wohl fühlt in seiner Haut, hat auch ein anderes Auftreten“, weiß Dominik Bloh. Und vielen werde durch GoBanyo bewusst, dass sie eine regelmäßige Dusche eigentlich nur in einem eigenen Zuhause haben könnten. „Wir wollen den Menschen natürlich auch dabei helfen, dass sie wieder ein Dach über dem Kopf haben“, verdeutlicht Bloh. Missionieren möchte GoBanyo aber nicht. „Unser Auftrag ist es, dass Menschen bei uns eine warme Dusche bekommen.“ 

Die einzelnen Schicksale würden ihn selbst, aber genauso das Team trotzdem beschäftigen. Mit einem knallbunten Erscheinungsbild wollen sie auch ein Signal setzen. GoBanyo sticht ins Auge und ist zu einem Publikumsmagneten im Stadtbild Hamburgs geworden. Vorbilder gibt es – bis auf einen umgebauten Lieferwagen in Kalifornien – keine, dafür Interessierte auf der ganzen Welt. Dominik Bloh und das Team bekommen Anfragen von überall, beispielsweise aus Südafrika, Brasilien oder der Ukraine, aber genauso aus anderen deutschen Großstädten.

„Unsere Informationen wollten wir immer schon mit anderen teilen und Wissen weitergeben. Wir haben also ein Lessons-learned-Heft geschrieben, das die ersten Schritte eines solchen Vorhabens dokumentiert.“ Während der Ball also wieder rollt, sind längst nicht alle Menschen versorgt, vor allem jene nicht, die auf der Straße leben. Dominik Blohs Geschichte würden allerdings die meisten von ihnen kennen, erzählt er. Ihnen wolle er Mut machen. „Ich bin so etwas wie ein Vorbild“, meint er fast schüchtern. „Sie sehen, dass sie es schaffen können.“

Dieser Text erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des Veto Magazins: www.veto-mag.de/shop. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten: Ihr seid nicht allein!

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