Arzt der Benachteiligten — Gerhard Trabert

Armut und Wohnungslosigkeit sind auch in Deutschland ernste Probleme. Gerhard Trabert ist deshalb seit mehr als zwei Jahrzehnten auf den Straßen von Mainz unterwegs, um die Betroffenen medizinisch zu versorgen.
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Text: Tom Waurig — Fotos: Benjamin Jenak

Gerhard Trabert wird schon erwartet. Um neun Uhr morgens beginnt seine Tour an der Teestube in Mainz – einer Anlaufstelle für wohnungslose Menschen. Gleich zweimal in der Woche bietet er hier eine medizinische Sprechstunde an. Seinen weißen Mercedes-Sprinter rangiert er einen schmalen Betonweg hinauf. Über sieben Meter lang ist das Gefährt. „Gudde Morge, Doc“, schallt es ihm schon beim Aussteigen im wohlklingenden süddeutschen Dialekt entgegen. Der Mediziner ist beliebt in der Domstadt am Rhein und noch dazu ein bekanntes Gesicht. Ein kurzer Schwatz hier, ein netter Gruß da. Trabert, 63, dunkelgraues Haar, strahlt viel Ruhe aus.

Schnell warten die ersten fünf Männer vor dem mobilen Krankenzimmer – dieses ist mit allem ausgestattet, was Trabert so braucht: ausklappbare Behandlungsstühle oder eine Krankenliege zum Beispiel. Im hinteren Teil des Wagens finden sich zudem unzählige ausfahrbare Schubfächer mit Krankenakten, Medikamenten, Salben, Spritzen, Tüchern und dergleichen mehr. Alle Fächer sind mit einem metallnen Druckknopf gesichert, damit beim Fahren nichts herausfällt.

Gerhard Trabert auf der Suche nach der richtigen Krankenakte.
Gerhard Trabert auf der Suche nach der richtigen Krankenakte.

Sein erster Patient an diesem Tag klagt über Atemprobleme – und er brauche ein neues Spray für sein Asthma. Trabert greift zum Stethoskop, hört die Lunge des Mannes ab. „Nichts Auffälliges“, resümiert er nach ein paar Momenten der Stille. Er führt sorgfältig Buch, notiert den Befund in der Kartei. „Der Herr Trabert ist toll, der macht viel“, sagt der Patient. Vor allem nimmt der Arzt sich Zeit. Keine hektischen Untersuchungen, keine schnellen Diagnosen, dagegen große Hingabe und viel Herzlichkeit.

Der Mann will noch wissen, wie es seinem Bekannten geht, den Trabert letzte Woche ins Krankenhaus einliefern musste. Die Unterhaltungen sind persönlich, sie wirken nahezu vertraut. Diese Intimität hat sich Trabert über viele Jahre erarbeitet und durch seine kontinuierliche Beziehung zu den Menschen gepflegt. Ihm geht es um mehr als die Behandlung, er schenkt ihnen Aufmerksamkeit. So erkundigt er sich bei seinem nächsten Patienten über den Saison-Beginn in der englischen Fußballliga, Titelfavoriten, Live-Spiele und die deutschen Trainer im Ausland.

Lunge abhören, Puls messen: übliches Prozedere im Arztmobil.
Lunge abhören, Puls messen: übliches Prozedere im Arztmobil.

Der Mittsechziger ist ehrlich interessiert – an den Erzählungen der Menschen, die er behandelt, mindestens genauso wie an ihrem Befinden. Dem Fußballfan verschreibt Trabert ein Magenmedikament. In den Wagen steigt nun ein Mann, der über Schwindel klagt. Trabert zögert nicht lange, krempelt den Pullover des Mannes bis zum Oberarm nach oben. Über einen kleinen Balg pumpt er langsam die Manschette um den Arm des Patienten auf. Sehr niedrig sei der Wert. Trabert rät zur Ruhe und empfiehlt dringend ein EKG. Eine neue Wohnung habe der Mann inzwischen gefunden, berichtet er.

Nur bei der Nachkontrolle wegen seiner Krebsbehandlung sei er noch nicht gewesen. Trabert drängt auf diesen Termin, nett, aber bestimmt. „Mir wäre es schon lieber, Sie würden hingehen.“ Trabert bemüht sich um alle, die meisten kennt er beim Namen und hat das Krankheitsbild auch in der Regel schon ohne Kartei parat. Er hilft beim Auswerten des Berichts aus der Kardiologie, beim Zuteilen der Medikamente, notiert Hinweise für Termine in anderen Ambulanzen, erklärt die Verlängerung einer Krankschreibung.

Hilfe von Popmusiker Phil Collins

Angefangen hat das alles vor 25 Jahren. Trabert studierte damals soziale Arbeit, später Medizin – und seine Frau betreute wohnungslose Menschen in einem Heim. Trabert brachte sich selbst mit ein, coachte als ehemaliger Leistungssportler eine Sportgruppe. „Ich habe dann schnell gesehen, dass viele krank und auch nicht so leistungsfähig sind. Medizinisch behandeln ließen sie sich aber trotzdem nicht.“

Für Trabert war dieser Zustand nicht mehr länger hinnehmbar, er wollte ihnen helfen, damals noch ehrenamtlich. Viele wüssten nicht, sagten sie ihm, ob sie denn überhaupt noch krankenversichert seien und demnach Anspruch auf medizinische Hilfe hätten. Gleichzeitig hätten sie viele negative Erfahrungen gemacht, weil Praxen sie abgewiesen hätten oder sie auch das lange Warten auf eine Behandlung nicht aushielten.

Mit den ersten Erfahrungen im Gepäck besuchte Gerhard Trabert kurz darauf ein Lepra-Krankenhaus in Indien. Von dort kehrte der Mediziner mit der Beobachtung nach Hause, dass das ärztliche Personal nicht auf die Kranken wartete, sondern selbst mit Medikamenten in die Dörfer fuhr, um dort zu behandeln.

Trabert war früher Stationsarzt – heute ist er Medizin-Professor.
Trabert war früher Stationsarzt – heute ist er Medizin-Professor.

Trabert hielt dieses Vorgehen für ein sinnvolles Konzept – auch für Menschen, die ausgeschlossen sind oder die Hemmungen haben, eine Praxis aufzusuchen. In den ersten Jahren seines mobilen Hilfsangebotes ging er in Einrichtungen für wohnungslose Menschen oder er lief Einkaufsstraßen in Mainz mit einem kleinen Köfferchen ab. „Ich konnte aber nicht sagen, machen Sie sich bitte mal frei.“

Ihm wurde schnell klar, dass es einen geschützten Raum braucht, um in Ruhe und vor allem ohne fremde Blicke behandeln zu können. Das nötige Geld für sein allererstes Arztmobil kam schließlich vom britischen Popmusiker Phil Collins. Dieser thematisiert in „Another Day in Paradise“ die Obdachlosigkeit in den USA. Aus den Erlösen seines Songs überließ Collins dem Caritasverband eine beträchtliche Summe – verbunden mit der Auflage, sie in Projekte wie die von Trabert zu investieren. 2006 tauschte der sein Arztmobil schließlich gegen einen Kleintransporter aus, den ihm ein Unternehmen und die Mainzer Mercedes-Niederlassung spendeten.

Ein Leben im Dienst der Medizin

Und so schließt sich auch heute hinter allen Behandelten die Schiebetüre seines Arztmobils. Die Teestube verlässt Trabert nach knapp einer Stunde wieder. Seine Route quer durch die Stadt folgt einem immer gleichen Muster. So besucht er zum Beispiel ihm bekannte Stellen wohnungsloser Menschen in der Innenstadt. Nicht immer trifft er dort auch jemanden an, aber er kennt die Orte, an denen sie sich aufhalten. Neuen Gesichtern stellt er sich vor und erkundigt sich nach ihrem Befinden. Berührungsängste kennt er keine.

Was Trabert tut, ist von Amts wegen bestätigt. Denn vor Jahrzehnten wurde er als erster Arzt in Deutschland ermächtigt, wohnungslose Menschen zu behandeln. Es ist jedoch kein Hauptamt, denn um die Bedürftigen kümmert er sich neben seiner eigentlichen Arbeit – früher als Stationsarzt im Krankenhaus, später als Medizin-Professor an der Hochschule Nürnberg und heute neben seiner Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Doch die Nachfrage ist immer größer geworden.

Zweimal in der Woche bietet er in Mainz eine Sprechstunde an.
Zweimal in der Woche bietet er in Mainz eine Sprechstunde an.

Denn trotz gesetzlicher Pflicht leben in Deutschland tatsächlich Hunderttausende ohne Krankenversicherung. Seit 2007 muss jeder Mensch in Deutschland eine solche Versicherung abgeschlossen haben. Die Realität aber sieht anders aus, dies geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor. Trabert schätzt die Dunkelziffer auf bis zu eine Million. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich.

Zu den Betroffenen zählen Menschen aus dem EU-Ausland, die hierzulande nach Arbeit suchen und nach gesetzlichen Änderungen keinen Anspruch mehr auf Sozialleistungen haben, Zugewanderte ohne gültigen Aufenthaltsstatus, wohnungslose Menschen, aber auch Selbstständige, die ihre Beiträge nicht mehr aufbringen können.

In solchen Fällen werden nur noch Kosten für Notfallbehandlungen übernommen. Und den vollen Versicherungsschutz können viele gar nicht wiedererlangen, da sie dazu erst die Schulden bei den Krankenkassen begleichen müssten. Damit fallen sie durch das Raster des Systems – und verschleppen Krankheiten deshalb oft solange, bis die Schmerzen unerträglich werden.

Gesundheitssystem in der Kritik

Dies gilt beispielsweise auch für Geflüchtete. Ihren Anspruch auf medizinische Versorgung regelt das sogenannte Asylbewerberleistungsgesetz. Bei gesundheitlichen Beschwerden, heißt es dort, hätten sie zwar schon Anspruch auf eine medizinische Versorgung, allerdings erhalten sie in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts weniger Leistungen als gesetzlich Versicherte. Die Kosten tragen bis dahin die Kommunen. Diese stellen vor jedem Praxisbesuch einen Behandlungsschein aus, ohne den eine Untersuchung nicht möglich ist. Auch über Krankenhausaufenthalte entscheidet das Sozialamt. Behandlungen werden so erheblich verzögert oder manchmal unterbleiben sie ganz, sagen Betroffene. Trabert hält diese Regelungen für „menschenrechtswidrig“.

In Mainz sorgte er zusammen mit Gleichgesinnten dafür, dass Geflüchtete auch schon in den ersten 15 Monaten eine Krankenversicherungskarte ausgestellt bekommen, um ihnen so den regulären Zugang zur gesundheitlichen Versorgung zu ermöglichen. Ähnliche Regelungen gibt es mittlerweile auch in anderen deutschen Städten. 

Traberts nächster Halt ist eine Beratungsstelle für wohnungslose Menschen. Sein Mobil parkt er am Straßenrand. Eine Krankenschwester attestiert ihm hier. Trabert gibt kurz Bescheid, dass er da ist. Und schon kurze Zeit später besteigt ein Mann das Auto, krümmt sich und sagt: „Herr Trabert, bitte helfen sie mir, ich habe so Schmerzen.“ Gegen seine starken Krämpfe verschreibt der Arzt Tabletten.

Nach einer Zahnoperation klagt dieser Patient über Schmerzen.
Nach einer Zahnoperation klagt dieser Patient über Schmerzen.

Der nächste bringt das Rezept eines verschreibungspflichtigen Medikamentes und die Apothekenrechnung. Er wolle sich nach der Erstattung der Kosten erkundigen. Den größten Teil trägt normalerweise die Krankenkasse, doch die habe dem Mann erklärt, erzählt er, dass er nicht mehr versichert sei.

Für solche Fälle hat Trabert mit einigen Mainzer Apotheken die Vereinbarung getroffen, dass sein Verein die Zuzahlung für Arzneimittel übernimmt. Die Wange des Patienten ist nach einer Zahnoperation angeschwollen. Durch das starke Antibiotika habe er Probleme mit dem Magen. Und mit den Kosten ist irgendetwas schief gelaufen. Doch Trabert kümmert sich darum.

Das Gesundheitssystem werde immer grobmaschiger, sagt der Arzt. Trabert pocht darauf, dass jeder Mensch den Anspruch auf medizinische Versorgung habe. Doch diesem Recht komme die Bundesrepublik nicht vollends nach, verdeutlicht er.

„Wer so etwas spezielles macht wie wir, der trägt natürlich auch dazu bei, dieses Unrechtssystem zu stabilisieren. Dessen sind wir uns schon bewusst. Uns dürfte es eigentlich gar nicht geben. Wir übernehmen Aufgaben, die normalerweise in Verantwortung des Staates liegen. Aber wir machen es, weil 60 Prozent der Menschen, die wir medizinisch versorgen, sonst wahrscheinlich tot wären. Wir können also nicht darauf warten, dass die Politik Strukturen verändert. Nichtsdestotrotz haben wir aber schon das Ziel, uns irgendwann überflüssig zu machen und die Politik mehr in die Pflicht zu nehmen.“ Auch wenn Trabert diesen Satz ausspricht, hat er auf Veränderung wenig Hoffnung. Der Mediziner arbeitet in verschiedenen Gremien, leitet in der nationalen Armutskonferenz die Arbeitsgruppe Armut und Gesundheit.

Antworten auf die Armut im Land

Im Februar 2018 hatte die Essener Tafel für eine große Debatte rund um das Thema Armut gesorgt. Auslöser war die Entscheidung der Hilfsorganisation, vorerst nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kartei aufzunehmen. Dies hatte für heftige Kritik gesorgt – auch Bundeskanzlerin Angela Merkel tadelte die Verantwortlichen.

Der Vereinsvorsitzende Jörg Sartor begründete den Entschluss mit einem gewachsenen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt“, sagte Sartor in einem Interview.

Anders sah das unter anderem die Sprecherin der Berliner Tafel, Antje Trölsch: „Das Kriterium bei uns ist die Bedürftigkeit, und niemals die Nationalität.“ Einrichtungen wie die Tafeln bewahren Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilen sie an Bedürftige. Um Essensspenden zu erhalten, müssen die Menschen Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld beziehen und dies der Tafel entsprechend nachweisen. In Deutschland gibt es ungefähr 2000 solcher Lebensmittel-Ausgabestellen.

Den Willen, ernsthaft etwas gegen Armut unternehmen zu wollen, spüre er bei keiner Partei. Bei Einzelnen gebe es schon eine gewisse Sensibilität – gerade dann, wenn Abgeordnete Trabert bei seiner Arbeit im Arztmobil begleiten würden.

Das mobile Krankenzimmer ist mit dem Nötigsten ausgestattet.

Im Juni wagten die Grünen zumindest einen Vorstoß. Eltern sollen nach dem Willen der Partei in Zukunft pro Kind eine Grundsicherung in Höhe von 280 Euro monatlich erhalten. Familien mit kleinerem Einkommen soll zusätzlich eine Zahlung zustehen, die von ihrem Einkommen und dem Alter der Kinder abhänge. Auch SPD und Linke fordern diese Grundsicherung für Kinder. Für Trabert durchaus gute Ansätze.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hingegen hält der Mainzer Mediziner für eine „Katastrophe“. Der hatte noch vor Amtsantritt erklärt, „Hartz IV bedeutet nicht Armut“. Doch der Hartz-IV-Regelsatz beträgt für Alleinstehende 416 Euro im Monat. Wer auf der Straße lebt, hat übrigens auch Anspruch auf diese Summe, allerdings nur in Form von Tagessätzen. 2017 gab es durchschnittlich 6,07 Millionen Menschen in Deutschland, die Hartz-IV bezogen.

„Die Politik entfremdet sich immer weiter von Menschen, die abgehängt oder sozial benachteiligt sind“, bemerkt Trabert. 1035 Euro netto im Monat braucht ein Single in Deutschland, um nicht als „armutsgefährdet“ zu gelten. 2174 Euro sind es für eine Familie mit zwei Kindern. Laut Zahlen des Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung aus dem Jahr 2013 stehen mehr als 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland weniger Geld zur Verfügung.

Drei Euro am Tag bekäme eine Alleinerziehende für die Ernährung ihres Kindes, rechnet der Mediziner vor und ergänzt eine für ihn niederschmetternde Nachricht: „Damit kann ich niemanden gesund versorgen.“

Fördergeld von Bund, Land und Kommune lehnt Trabert seit Beginn seines Engagements ab. Die Arbeit des Vereins finanziert er aus Spenden. Es brauche diese Unabhängigkeit, um weiterhin so kritisch gegenüber der Politik sein zu können. Von verantwortlichen Stellen kennt er die freundlichen Schulterklopfer oder die immer gleichen warmen, lobenden Worte für das, was er tut – den Forderungen nach strukturellen Änderungen werde allerdings nicht nachgekommen.

Ende der „Zwei-Klassen-Medizin“

Trabert selbst macht sich für eine Bürgerversicherung stark. Gemeint ist der Umbau des Systems der Krankenversicherungen in Deutschland. Die private Versicherung würde demnach wegfallen – Angestellte wie Selbstständige würden in dasselbe System einzahlen. Die Ärzteschaft hätte dann auch keinen Anreiz mehr, Privatversicherte zu bevorzugen, argumentieren die Befürwortenden. So weit der Plan, den laut Umfragen die meisten Deutschen gut finden.

Das Ende der Zwei-Klassen-Medizin ist seit Jahrzehnten bereits eine Forderung der Grünen. Doch auch die Sozialdemokratie findet so langsam wieder Gefallen daran. In den Koalitionsverhandlungen allerdings scheiterte ein entsprechender Vorstoß am Veto der Unionsparteien. SPD-Gesundheitspolitiker und Mediziner Karl Lauterbach – der sich um den Vorsitz seiner Partei bewirbt – unterstrich das Vorhaben kürzlich in einem Interview mit dem Magazin Focus: „Ich bin ein Befürworter der Bürgerversicherung. Sie ist für mich ein ganz zentrales Projekt, das die SPD wieder offensiv vorantreiben sollte. Und die lehnt Spahn ab.“

Warum Trabert nicht selbst in die Politik geht? „Ich bin nicht bereit für Kompromisse. Das wäre nichts für mich“, entgegnet Trabert knapp, aber streng – auch wenn er weiß, dass dieser Schritt mit einer gewissen Konsequenz verbunden wäre. Denn im Bundestag ist seine Branche rar. Eine Botschaft liegt dem Mediziner bei all dem sehr am Herzen: „Wir dürfen Armut nicht gegen Armut ausspielen. Deshalb behandeln wir den wohnungslosen Deutschen genauso wie den Geflüchteten aus Syrien.“

Trabert kritisiert vor allem das bestehende Gesundheitssystem.
Trabert kritisiert vor allem das bestehende Gesundheitssystem.

Nicht die Migration versteht Trabert als die Mutter aller Probleme, wie Innenminister Horst Seehofer (CSU) nach den Ausschreitungen im sächsischen Chemnitz erklärte, sondern die soziale Ungerechtigkeit. Es gehe heute um die Frage von Reich gegen Arm, verdeutlicht er. Doch mit dieser klaren politischen Haltung stößt er bei anderen seines Faches des Öfteren an Grenzen, die ihn verbal angreifen, als „Sozialromantiker“, „Spinner“ und „Nestbeschmutzer“ beschimpfen. Trabert erlebt heute nicht nur eine tiefe Abneigung, sondern manchmal sogar Feindseligkeit.

Doch neben all diesen negativen Stimmen, erfährt er auch viel Solidarität, genauso von Seiten der Ärzteschaft. Für seinen unermüdlichen Einsatz bekam Trabert vor fünf Jahren die Paracelsus-Medaille verliehen – die höchste Auszeichnung seines Faches. Auch seine Profession nimmt er in die Pflicht, mehr zu tun. Trabert selbst will als Vorbild vorangehen. Und bringt er sich mit seinem medizinischen Know-How auch nicht nur in Mainz ein, sondern eigentlich auf der ganzen Welt.

Mehrmals schon war er mit Seenotrettungsorganisationen wie der Sea-Watch im Mittelmeer unterwegs, um Geflüchtete an Bord zu versorgen. Und das alles, obwohl er seekrank ist. Tabletten helfen ihm, Symptome wie Übelkeit und Schwindel zu überstehen. Außerdem unterstützen er und sein Verein medizinische Hilfslieferungen nach Syrien, Krankenstationen in Rumänien und Kenia.

Die Arbeit in Mainz aber bleibt deshalb nicht stehen und auch sein Arztmobil rollt weiter. Trabert kümmert sich in solchen Fällen immer um eine Vertretung, damit die Bedürftigen auch ohne sein Zutun versorgt werden.

Eigene Poliklinik als Anlaufstelle

Mittlerweile würden nicht nur wohnungslose Menschen zu ihm kommen, erklärt Trabert, „sondern immer mehr Menschen, die den Zugang zum Gesundheitssystem verloren haben“. Vor nunmehr sechs Jahren eröffnete Trabert deshalb eine Poliklinik – ein schlichter, schlanker Bau mit mehreren Behandlungszimmern.

„Medizinische Ambulanz ohne Grenzen“ nennt Trabert das und beschreibt die Eröffnung als großen Schritt. Sein Modell der fachärztlichen Behandlung entspricht im Grunde dem der DDR. Im sozialistischen Verständnis waren Polikliniken selbstständige Ambulanzen mit mindestens vier verschiedenen medizinischen Fachbereichen. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie nicht mit den Krankenhäusern verbunden.

Nach der Wiedervereinigung wurden die Polikliniken zugunsten von Einzelpraxen stillgelegt. Mancherorts blieben aber mehrere getrennte Praxen unter einem Dach versammelt. Klassische Polikliniken gibt es heute noch in Südafrika, in Russland, in der Ukraine und in den meisten anderen ehemals sozialistischen Staaten.

Vor sechs Jahren eröffnete Trabert in Mainz eine neue Poliklinik.
Vor sechs Jahren eröffnete Trabert in Mainz eine neue Poliklinik.

Vom Modell ist Gerhard Trabert überzeugt, das er als „medizinische Beratung und Versorgung von Menschen in Notlagen“ beschreibt. Insgesamt 30 Menschen arbeiten heute in der Klinik, darunter Fachleute in der Geburtshilfe, der Allgemein- und inneren Medizin, ein psychiatrischer Dienst und zwei Sozialarbeiterinnen, die soziale Beratung anbieten, Behördengänge begleiten oder bei der Rückkehr in die Krankenversicherung helfen. Unterschrieben haben sie alle eine Ethikleitlinie, die den Umgang im Haus regelt. Die meisten arbeiten ehrenamtlich, weil sie Traberts Idee folgen.

Aber auch Angestellte gibt es hier. Professionalität müsse bezahlt werden, so seine Überzeugung. Die Erfahrung zeige, dass 50 bis 60 Prozent der Menschen, die von ihm auf der Straße oder in der Klinik behandelt werden, doch versichert sind. In solchen Fällen könne er die Behandlungskosten regulär über die Krankenkassen abrechnen. Alle anderen werden trotzdem behandelt. Die Kosten trägt dann der Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“, den Trabert 1997 gegründet hat.

Angst vor dem sozialem Abstieg

In der Mainzer Stadtgesellschaft spürt der Arzt eine große Sensibilität für sein Thema – die sei meistens sogar noch viel größer, als er selbst erwarten würde. Bei Gedenkfeiern für verstorbene wohnungslose Menschen kämen in einigen Fällen bis zu vier Dutzend Menschen, um Abschied zu nehmen von jenen, die im Straßenbild bekannt waren. Auch Anrufe bekommt Trabert, wenn wohnungslose Menschen nicht mehr an ihren gewohnten Orten anzutreffen seien. „Viele machen sich schon Sorgen.“ Dieses Mitgefühl werde oft unterschätzt, gibt er zu.

Doch Wohnungslosigkeit ist nach wie vor ein Thema, das in der Öffentlichkeit nicht gerade auf viel Aufmerksamkeit stößt. Trabert hat dafür eine Erklärung: „Immer mehr Menschen wird bewusst, dass der soziale Abstieg sehr schnell gehen kann. Deshalb wollen sich viele gar nicht damit beschäftigen, um das Thema nicht zu nah an sich heranzulassen.“ Noch dazu hielten sich realitätsferne Klischees hartnäckig – wohnungslose Menschen seien dreckig, würden Drogen nehmen und viel Alkohol konsumieren.

Wohnungslosigkeit wird in der Öffentlichkeit wenig thematisiert.

Diese Bilder folgen einer unrühmlichen Tradition. Denn eine Kriminalisierung von Obdachlosigkeit gab es nicht nur im Nationalsozialismus oder in der DDR. Auch in der Bundesrepublik konnten bis 1967 wohnungslose Menschen ohne tatsächlich begangene Straftat inhaftiert werden. In einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung befürworteten 2014 30 Prozent der Befragten, Obdachlose aus Einkaufsstraßen zu entfernen. Aus Vorurteilen wird Verachtung. Doch das Ausmaß der Gewalt ist vielen gar nicht klar – auch, weil nicht alle Gewalttaten angezeigt werden und Medien häufig nur über besonders brutale Taten berichten, erklärt die Amadeu Antonio Stiftung.

Und die Motivation bleibe meistens im Dunkeln. Oft ist die Rede von einer „Lust, jemanden zusammenzuschlagen“. 236 Todesfälle und 794 Körperverletzungen durch Angriffe von Nicht-Wohnungslosen zählte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in der Zeit von 1989 bis 2017. Unter den 193 Todesopfern rechtsextremer Gewalt seit 1990 waren zudem 26 Obdach- und Wohnungslose.

Menschen, die ohne Obdach sind

Gleichzeitig würden immer wieder Menschen danach fragen, was sie denn tun könnten. „Ich sage dann immer: Bitte opfern Sie das wichtigste und teuerste, was Sie haben – fünf Minuten Ihrer Zeit. Bleiben Sie einfach mal stehen und sprechen Sie mit den Menschen.“ Gerhard Trabert hält das für ein viel sinnvolleres Modell, als sich sein Gewissen mit ein paar verschenkten Euros zu erleichtern. Wer das aber doch tue, der solle den bedürftigen Menschen selbst die Hoheit überlassen, was sie mit diesem Geld anstellen möchten. Ansonsten würden andere sich über sie stellen und an ihrer Stelle entscheiden, was gut für sie ist.

Gerhard Trabert selbst versucht bei seinen Untersuchungen immer „auf Augenhöhe zu kommunizieren“. Dies gibt er auch seinen Studierenden mit auf den Weg – nicht am Stirnende stehen bleiben, sondern sich mit einem Stuhl neben das Krankenbett setzen. Alleine die Veränderung der eigenen Position habe Einfluss auf die Gesprächsatmosphäre.

Mobile Sprechstunde auf dem Vorplatz des Mainzer Bahnhofes.
Mobile Sprechstunde auf dem Vorplatz des Mainzer Bahnhofes.

Sozialverbände in Deutschland schlagen derweil schon seit Jahren Alarm, weil die Zahl wohnungsloser Menschen weiter steigt. Während die Zahl vor elf Jahren noch bei rund 227 000 Menschen lag, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe nun, dass 2017 bundesweit bereits 650 000 Menschen davon betroffen waren. Die meisten von ihnen würden vorübergehend in Übergangswohnheimen, Notunterkünften und Frauenhäusern leben. 48 000 Menschen schlafen aber auch als Obdachlose ohne Dach über dem Kopf auf der Straße. Allein in diesem Winter sind mindestens elf von ihnen aufgrund von Kälte gestorben, seit der Wiedervereinigung sind es über 300.

Doch genaue Zahlen über Obdachlose gibt es kaum. Soziale Einrichtungen und Behörden können die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, meistens nur schätzen – auch weil die sich nicht immer an ein und demselben Ort aufhalten würden. Doch auch der Politik unterstellten Verbände bisher eine mangelnde Bereitschaft bei der Einführung einer Wohnungsnotfallstatistik.

Trabert kennt natürlich diese Diskussionen und er weiß auch nur zu gut, dass sich bei wohnungslosen Menschen alle Krankheitsbilder viel häufiger finden lassen. Auch deren Lebenserwartung liege deutlich niedriger als der deutsche Durchschnitt.

Seine letzte Station an diesem Vormittag führt ihn auf den Vorplatz des Mainzer Hauptbahnhofes. Er nähert sich einer kleineren Gruppe, Männer, die nebeneinander auf dem Boden sitzen. Auch hier wissen sie, wer er ist. Viele hätten mit harten Schicksalsschlägen zu kämpfen, bemerkt Trabert. Ihnen wolle er daher auch ein Stück Selbstwertgefühl zurückgeben.

Die Menschen sind dankbar für Gerhard Traberts Unterstützung.
Die Menschen sind dankbar für Gerhard Traberts Unterstützung.

Einem Mann im Rollstuhl holt Trabert eine Salbe für seine offenen Wunden am Nacken aus dem Auto. Mit Handschuhen verteilt er ihm die Paste auf dem Hals. Zum Dank legt dieser dem Arzt seinen Arm um den Hals, drückt seinen Kopf ein wenig nach unten und flüstert ihm ein paar nette Worte ins Ohr. Zum Abschied blicken sie sich aus ein paar Metern Entfernung noch einmal an, der Mann reißt einen Arm in die Luft und ruft Trabert zu: „Tschüss, Herr Doktor – und vielen Dank.“ 

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