Stillender Vater — Daniel Masch

Daniel Masch zeugt mit seinem Mann ein Kind – und verschiebt für den Nachwuchs seine Transition. Mit seinem Leben räumt der Pädagoge gründlich mit Missverständnissen und Klischees auf.
2. März 2023
5 Minuten Lesezeit
Text: Selmar Schülein — Fotos: Melina Mörsdorf

Wer mit Daniel Masch spricht, kommt nicht drumherum, schon nach wenigen Sätzen laut loszulachen. Gerade noch ernst argumentierend, zeichnet er zur Veranschaulichung eine Alltagssituation mit seinem Sohn nach. Da fragt sich das Kindergartenkind ganz beiläufig, ob nun ein angewachsener Penis oder der abnehmbare aus dem Schrank besser ist – und bewertet am Ende das „Pipigerät“ des Vaters als praktischere Variante.

Masch ist promovierter Pädagoge, spezialisiert auf geschlechtliche Vielfalt. Und er schafft, was dem breitengesellschaftlichen Sprechen über Fragen von Transidentität fehlt: die Dinge derart klar zu benennen, dass es schlicht in absurde Komik umschlägt, wie umständlich und schief selbst (vermeintlich) aufgeschlossene Debatten für gewöhnlich klingen.

Seit 22 Jahren inzwischen lebt Masch mit seinem Partner, dem zweiten Vater seines 2015 geborenen Kindes, zusammen. Als sie sich kennenlernten, trug er noch Minirock, bauchfrei, lange Haare und schminkte sich. Wenige Wochen waren die Teenager ein Paar, als Masch, der die Mädchenrolle damals mit allen äußerlichen Merkmalen aus Hilflosigkeit überzuerfüllen versuchte, seinem Freund anvertraute, dass er lieber ein Junge wäre.

Es folgten Jahre voller Liebe, aber genauso voller Herausforderungen und mentaler Barrieren. Heute sind die beiden verheiratet und leben eine Beziehung, die problemlos als bundesweite Aufklärungskampagne für die noch immer weitgehend unsichtbare Vielfalt von Geschlechtern und Beziehungsformen funktionieren würde. Unsichtbar, weil es zum Beispiel Stirnrunzeln und Gerede auslöst, wenn eine Pastorin die Herrentoiletten ihrer Kirchengemeinde in Schleswig-Holstein mit Hygieneartikeln bestückt. So geschah es Josephine Teske, die im November 2021 in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt wurde und auch an Männer denken wollte, die ihre Periode haben. Eine Ausnahme, wie Masch weiß: „Ich muss als trans Mensch immer davon ausgehen, dass ich nicht mitgedacht werde.“

Wenn der Lüneburger beklagt, dass trans Personen in der Regel nicht mitgedacht werden, geht es ihm nicht um Spitzfindigkeiten oder sprachliche Details. Masch spricht damit eine Problematik größerer Tragweite an. Hartnäckig arm an sichtbarer Geschlechtervielfalt bleibt die Gesellschaft nämlich auch deswegen, weil Kinder trotz gewisser Fortschritte umgeben von Schulbuchillustrationen, Kindersendungen und Kleidungsnormen aufwachsen, in denen genau festgelegt ist, wie ein Mann, wie eine Frau, wie eine Familie auszusehen haben.

Über starre Geschlechterbilder

So erzählt Masch, wie sein Sohn schon nach wenigen Wochen im neuen Kindergarten mit einer Erkenntnis nach Hause kam: Pink, Glitzer und lila dürfe er nicht mehr benutzen, das sei nur für Mädchen. Diese Begebenheit ließe sich als Lappalie abtun, wäre da nicht der Umstand und die Gewissheit des Pädagogen, dass der menschliche Blick auf die Welt genau durch solche Leitplanken der Wahrnehmung in hohem Maße geformt wird und nicht etwa eine objektive Angelegenheit neutral arbeitender Sinnesorgane ist.

Wenn also von unsichtbarer Geschlechtervielfalt die Rede ist, heißt das nicht nur, dass trans Personen zu wenig repräsentiert sind, zum Beispiel in Schulbüchern oder politischen Ämtern. Die Kognitionswissenschaften lehren vielmehr, dass die menschliche Wahrnehmung erst im Zusammenspiel mit Sprachbildern, Medien, Gegenständen, Raumarchitekturen und sozialen Erzählungen hervorgebracht wird. Was Menschen sehen oder nicht sehen können, welchen Menschen dadurch Mitgefühl entgegengebracht wird und welche gar nicht wahrgenommen werden, erscheint in diesem Licht als das Produkt der (auch politischen) Einrichtung der Welt. Diese beginnt bei nach Geschlechtern getrennten Abteilungen für Säuglingsbekleidung und setzt sich in allen Alltagsbereichen fort.

Eine Biografie wie die von Daniel Masch zeigt dagegen: „Ich darf selbst herausfinden, was Männlichkeit oder Weiblichkeit für mich bedeutet. Kaum jemand findet heute noch männlich, was vor 30 Jahren als männlich galt. Geschlechterbilder sind immer im Fluss.“ Nur wird dieses Fließende selten dargestellt. Stattdessen behauptet jede Zeit ihre eigene starre Ordnung, definiert, was als männlich, was als weiblich identifiziert wird.

Daniel Masch spricht aus diesem Grund ein dringendes und zugleich simples Erfordernis aus: „Sensibilisierungsschulungen in allen möglichen Bereichen des Lebens täten gut.“ Er habe sich etwa selbst schwanger nicht sonderlich weiblich gefühlt. „Ich habe ein Kind gemacht und hatte von Anfang an ein glänzendes Verhältnis zu meinem Babybauch. Und nur, weil das alle Leute ‚Mutterschutz‘ nennen, muss das nicht auch für mich dasselbe bedeuten.“

Je länger Masch erzählt, desto klarer wird seine Message, die auch für Mitglieder der trans Community oft noch ungewohnt sei, weiß er. Die Orientierung der Geschlechtsidentität an körperlichen Merkmalen werde insgesamt überbewertet: „Wenn ich mich als Mann fühle, dann ist mein Körper vielleicht gar nicht falsch. Dann ist mein Körper einfach nur eine andere Form eines männlichen Körpers.“ Doch die medizinische Schleuse von Transitionswegen nötige Menschen genau die andere Sicht auf sich selbst auf. Denn wer gegenüber dem ärztlichen Kontrollblick nicht eindrücklich bekunden kann, dass der eigene Körper ein einziger Leidensdruck sei, dem werde auch das trans-Sein nicht abgenommen.

Dem Gesundheitssystem in seiner jetzigen Form ist die Überzeugung eingeschrieben, dass alle trans Personen die biologische Angleichung anstreben. Daniel Masch beschreibt diese Vorstellung mit einem verbreiteten Vorurteil, das trans Personen in typisch-indiskreter Weise zu hören bekommen: „Du kannst ja nicht Sex haben, weil du deinen Körper wahrscheinlich ablehnst.“ Falsche Annahmen wie diese machen einmal mehr deutlich, wie stark das Denken über Geschlechter noch immer in einer Entweder-Oder-Parallelwelt feststeckt. Masch fordert deshalb ein System, das Menschen individuell unterstützt, das sie nicht nur kritisch prüft: „Trans Personen sollen sich nicht bis zur Selbstablehnung beweisen müssen. Sie wünschen sich so einen schwierigen Übergang ja nicht zum Spaß, sondern die haben einen Bedarf.“

Verschobene Hormontherapie

Auf seinem Weg zum eigenen Unternehmen und zu dieser kraftvollen Klarheit im Sprechen über die eigene Transition hatte Daniel Masch immer wieder psychische Ausnahmephasen durchzustehen. Da es die Ehe für alle 2010 noch nicht gab, musste Masch noch einmal die weibliche Rolle spielen. Im Kleid zwar, aber mit einer Kurzhaarfrisur, die unmittelbar vor der Hochzeit hermusste. Dann die Schwangerschaft, in der er sich seine Brüste abband, zugleich aber eine väterliche Beziehung zu seinem Bauchbewohner aufbaute.

Kurz nach der Geburt schließlich hätte Masch am liebsten sofort mit der Hormontherapie beginnen, dem Warten ein Ende setzen wollen. Sein Baby aber stillte er deutlich länger als anfangs geplant, um ihm diese einmalige Bindung und beste Nährstoffe zu schenken. Erst nach dem Abstillen die erste Testosteronspritze durch den Arzt. Doch Daniel Masch‘ geschlechtliche Identität bleibt – wie die eines jeden anderen Menschen – einzigartig.

Selbst als er sich für die Brustentfernung entschlossen hatte, dachte er: „Die haben mein Kind ernährt und jetzt wird jemand kommen, meinen Körper verändern und am Ende ist es ein operierter Körper.“ Masch kann hinter seine Geschlechtsidentität nicht einfach einen Punkt setzen. Sein Verhältnis zum eigenen Körper bleibt ein Lebensthema, es bleibt in Veränderung begriffen. Viel zu oft höre er in Beratungsgesprächen von völligem Unverständnis solchen Unsicherheiten gegenüber. Öffnet sich eine trans Person kurz vor der Operation einem Arzt („Was, wenn ich das Ergebnis hässlich finde?“), schlage ihr allzu oft ein „Ja, was wollen Sie denn jetzt!“ entgegen. Welche Lebensrealität ergibt sich dadurch für die Betroffenen?

Masch erwähnt eine Studie, die erhebt, wie es homosexuellen Menschen ergehe. Gemessen wird alle zehn Jahre, um gesellschaftliche Entwicklungen nachzuvollziehen. Zuletzt wurde erstmals auch Transidentität mitabgefragt. Das Ergebnis: Trans Personen stehen in puncto Diskriminierungserfahrungen dort, wo sich Homosexuelle vor 30 Jahren befanden. Mit seiner Beratungsarbeit, den Vorträgen und seiner radikal-offenen Art setzt er sich dafür ein, dass überfällige Veränderungen schneller eintreten können. Das geht soweit, dass er selbst unter Wehen eine Beratung durchgeführt hat. Eine Person hatte sich ihm damals spontan geöffnet, weil der Anblick eines gebärenden Vaters sie zu dieser Offenheit ermutigt hatte. Und Daniel Masch meint: „Nur, wo Wege sichtbar werden, können sie auch beschritten werden.“

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