Pop-Podium — Ngoc Anh Nguyen

Musikerin und Sozialarbeiterin Ngoc Anh Nguyen fehlte es lange an Role Models. Heute schafft sie mit ihren Songs Repräsentanz und ermutigt junge Menschen, ihre Stimme zu finden und von sich zu erzählen.
20. März 2023
7 Minuten Lesezeit
Text: Melanie Skurt — Fotos: Benjamin Jenak

Es gibt da eine Geschichte, die Ngoc Anh Nguyen in den Kopf kommt, wenn sie gefragt wird, was Empowerment eigentlich für sie bedeutet. Es ist ein Kurzfilm über ein junges Mädchen, das in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern aufwächst. Sie spricht in dem Beitrag über ihre Kindheit und Jugend in Ostdeutschland. Darüber, wie sie sich ihren weißen Freundinnen anpassen will und sich für ihre vietnamesischen Freundinnen schämt. „Als ich das gesehen habe, dachte ich: Das ist doch meine Geschichte. Weil ich in Sachsen in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin, weil es mir mit dem Druck genauso ging und mir lange nicht klar war, dass ich damit nicht allein bin“, beschreibt Ngoc Anh Nguyen.

So deutsch sein wie möglich, alles andere ablehnen, sich zum Beispiel die vietnamesische  Sprache verbieten – das habe zu Ngoc Anh Nguyens Aufwachsen im sächsischen Boxberg gehört. Zur Schule geht sie in Weißwasser. Rund 15 000 Menschen, eine Kleinstadt in der Oberlausitz, enge Grenzen. Es sind Erinnerungen, die sie aufarbeiten musste, um zu sich selbst zu kommen. Immer habe sie nach Vorbildern, nach Role Models gesucht, sagt sie. Den Kopf in die Hände gestützt, draußen vor den Fenstern Regen, wenig Betrieb in Berlin-Friedrichshain. Über 3,5 Millionen Menschen, internationale Metropole und Safe Space.

„Meine Eltern haben sich zwar um meine Grundbedürfnisse gekümmert, aber es gab keinen  richtigen Austausch. Ich hatte keine älteren Geschwister oder befreundete Menschen, an denen ich mich orientieren konnte, um mit dem ‚Anderssein’ klarzukommen.“ Das Gefühl, wenig Möglichkeiten zu haben, schränkte sie ein. Und irgendwie entwickelte sie einen starken inneren Drang: Es muss mehr da draußen geben. Dass Leerstellen und Probleme wie diese sichtbar werden – zum Beispiel in Filmen – sei ein Schritt zur Selbstermächtigung. Wenn Menschen sich durch ähnliche diskriminierende Erlebnisse verbinden, werden sie sprechfähig. Und damit empowert. Heute schafft die Wahlberlinerin aktiv Repräsentanz für die viet-deutsche Community auf unterschiedlichen Wegen: als Pop-Musikerin und Sozialarbeiterin.

Das Gefühl, eine Nguyen von vielen zu sein, inspirierte sie vor einiger Zeit zu ihrem Alter Ego: Another Nguyen. Auf der Suche nach einem Kunstnamen während eines Auslandsjahres in Vietnam kam sie auf den Alias, den sie noch immer nutzt – auch um einen Widerspruch aufzuzeigen. „Viele Leute heißen so. Und ich bin noch eine Nguyen, aber ich bin auch eine ganz andere Nguyen“, sagt sie im Podcast „Rice and Shine“ für viet-deutsche Perspektiven.  

Grenzüberschreitungen 

Wer sie ist, was sie prägt, schmerzt und stärkt, erzählt Another Nguyen in ihren Songs. Die Musik ist für sie das große Glück, für das sie den Job als Familienhelferin in vietnamesisch-deutschen Familien aufgegeben hat. Seit 18 Jahren sei Musik die Konstante in ihrem Leben, aber eben meist nur das Beiwerk gewesen. „Immer wenn andere gefragt haben, was ich so mache, wollte ich am liebsten sagen, dass ich Musikerin bin. Ich war neidisch auf alle, die das von sich behaupten konnten. Diesem Gefühl bin ich irgendwann nachgegangen.“

Während eines Studienaufenthalts in den USA lebt ihr ein engagierter Chorleiter vor, wie es funktionieren kann: hauptberuflich Musik machen. Vorher dachte sie, von Musik zu leben, gehe nur als Superstar oder lehrende Person. Und so schöpft sie Mut und bewirbt sich. Kurz darauf studiert Ngoc Anh Nguyen Songwriting am BIMM Institute Berlin. Inzwischen ist ihre erste EP erschienen, aktuell arbeitet sie an Songs für die zweite.

Ihre Lieder sind dabei nicht explizit politisch, meint sie. Vielmehr verarbeite sie Gefühle und  Erlebnisse. Im Stück „Don’t Deserve My Time“ reflektiert sie schwierige Phasen in einer Beziehung, wobei sie sich erlaubt, „ungefiltert nur meine Sichtweise zu sehen, wie ich sie sonst vielleicht nur in meinem Tagebuch erzählen würde”: „I need someone who can love me with care and consistancy. No apologies (…) Its time to get you out of my life.“ Während sie hier von energischem Elektro-Pop vorwärts getrieben wird, ist der Ton in „My Friend“ eher nachdenklich. Als stille Beobachterin erzählt sie von häuslicher Gewalt in einer Beziehung, die eine ihrer Kindheitsfreundinnen erlebt hat: „Little comments late at night, turning into aimless fights, but to  love someone means sacrifice, right?“ Grenzüberschreitungen im engsten familiären Kreis – das ist ein wiederkehrendes Thema auch in Ngoc Anh Nguyens Biografie.  

Als Sozialarbeiterin beschäftigten sie Fälle häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdungen bis vor Kurzem täglich. In der Familienhilfe liegt der Fokus darauf, Kinder zu unterstützen und einen Unterschied im Leben Heranwachsender zu machen. An ihren ersten Fall kann sie sich noch gut erinnern. Eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, der Mann kurz nach der Geburt des Neugeborenen gestorben. „Die Mutter war nahezu Analphabetin und die Situation für die Familie komplett überfordernd. Wir mussten viele bürokratische Dinge lösen, bevor wir uns auf die eigentliche Sache konzentrieren konnten.“ Der ältesten Tochter zeigt sie in dieser emotional belastenden Situation Perspektiven auf: „Es war so schön zu sehen, dass wir die Tochter in einen Tanzunterricht bekommen haben. Das mag sich jetzt sehr klein anhören, aber für einen jungen Menschen öffnen sich mit neuen Eindrücken ganz neue Welten.“  

Hinschauen – nicht weg

Den Job beginnt Ngoc Anh Nguyen 2017 aus einer sehr persönlichen Motivation heraus. „Als Kind habe ich mir immer eine außenstehende Person gewünscht, die mal mit meinen Eltern spricht. Eine Person, die ihnen erklärt, dass ich nicht verrückt, böse oder frech bin, sondern  einfach mit anderen Werten aufwachse als sie.“ Wenn es Streit gab oder Ngoc Anh Nguyen von ihnen geschlagen wurde, kreiste immer wieder eine Frage in ihrem Kopf: „Warum sagen die Nachbarn nichts? Warum kommt niemand und redet mit uns?“

Heute habe sie ihren Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Während ihres Aufenthalts in Vietnam habe sie viele Verwandte kennengelernt und mehr über den geschichtlichen Kontext ihrer Eltern erfahren. „Sie waren richtig jung, als sie nach Deutschland kamen, sie haben uns in der DDR ohne Familien-Support großgezogen, mussten immer arbeiten, um eine gewisse Sicherheit zu schaffen. Die Lebensbedingungen waren unheimlich hart“, bemerkt Ngoc Anh Nguyen. Dieses Wissen habe es ihr leichter gemacht, den familiären Stress, auch die Gewalt, zu verarbeiten. Und es war auch ein Grund, das Studium der Sozialen Arbeit zu beginnen: Um die Person zu sein, die hin- und nicht wegschaut.  

Erwartungsdruck, Verantwortung für die jüngere Schwester übernehmen, die Eltern arbeiten viel, wenig Innigkeit, Fernsehen als soziale Interaktion – wie eine Schablone ließen sich ihre Erfahrungen über die von Kindern und Jugendlichen legen, die heute in ähnlichen Strukturen aufwachsen wie sie damals. Mit der Pandemie ist die Zahl der Kindeswohlgefährdungen im häuslichen Umfeld in die Höhe geschnellt. Laut Statistischem Bundesamt auf rund 22 300 Fälle in 2020. In knapp der Hälfte der gemeldeten Fälle ging es um Vernachlässigung, hinzu kamen Taten psychischer und körperlicher Gewalt. „Existenzängste, Distanzlernen und die begrenzten Freizeitmöglichkeiten“ hätten zum hohen Niveau dieser Zahlen beigetragen.

Ngoc Anh Nguyen beobachtet diese Zeit aus der Vogelperspektive. Anfang 2020 beendet sie ihren Job als Familienhelferin, um sich auf die Musik zu konzentrieren. Probleme, die Corona unter dem viel zitierten Brennglas offenbart habe, seien natürlich schon immer dagewesen, sagt sie. Mit der Pandemie wurden sie in der Gesamtgesellschaft sichtbar und betrafen nicht mehr nur einen kleinen Teil. Oft marginalisierte Minderheiten. Für die Verschränkung von Themen wie sozialer Gerechtigkeit, Migration, Rassismus und Gendergerechtigkeit wurde sie im Studium sensibilisiert und dadurch zunehmend politisiert.  

Die praktische Sozialarbeit beschreibt Ngoc Anh Nguyen heute, im Rückblick, als bestärkend und bedrückend zugleich. „Die Familien leben in Plattenbauten, alles ist sehr eng. Manchmal bin ich in die Wohnungen gekommen und hatte sofort so ein erstickendes Gefühl. Ich dachte: ‚Oh mein Gott, so habe ich früher gelebt. Und ich habe doch so hart daran gearbeitet, dass ich hier rauskomme.’“ Es habe ihr weh getan zu wissen, dass sich die Situation für viele Kinder erst einmal nicht ändern werde. „Da ist mir klar geworden: Mich persönlich erfüllt es, wenn ich jungen Menschen zeitweise Inspiration geben und sie empowern kann, damit etwas Größeres in ihnen über lange Zeit wächst, als dass ich jede Woche ihren Alltag miterlebe. Weil Alltag ist die Realität. Und im Alltag verändern sich Dinge nicht so schnell.“ 

Bühne für Backgrounds

Als Sozialarbeiterin fokussiert sich Ngoc Anh Nguyen heute auf Workshops. Zum Beispiel im „Filmprojekt Dreh’s um“. Hier entstand auch der eingangs zitierte Kurzfilm aus Neustrelitz. Sie hat ihn als Mentorin und Sozialarbeiterin begleitet. Gemeinsam mit anderen Engagierten ermutigt sie junge Menschen dazu, filmisch ihre Geschichten zu erzählen. Es gehe darum, Stories aus der vietnamesischen Community aus erster Hand zu zeigen. Das Netzwerk aus überwiegend Filmschaffenden hofft so, junge Erwachsene zum Schritt in die Filmbranche zu inspirieren. Die Dokumentationen, die bei „Dreh’s um“ entstehen, könnten dafür ein Türöffner sein, hofft auch Ngoc Anh Nguyen. „Wir wollen einen Teil dazu beitragen, dass in Form einer Graswurzel-Bewegung mehr Diversität in die Film und Medienwelt kommt und perspektivisch andere Vorbilder einen Platz in dieser sehr weiß privilegierten Branche einnehmen.“ Genau das spielt auch in ihrem Leben als Musikerin eine entscheidende Rolle.

Ihr Traum im Kleinen sei es, von der Musik gut leben zu können. Und im Großen gehe es ihr darum, Strukturen zu ändern. Sie nennt dafür ein Beispiel: Vor Kurzem habe sie ein Fernseh-Interview gesehen, in dem Mark Forster sein neues Album präsentierte. Eingeladen waren auch vier wenig bekannte, junge Musikschaffende. „Alle vier Personen waren weiß und blond. Ich habe mir das angeguckt und war so enttäuscht. Ich fühle mich davon nicht abgeholt. Das habe ich schon tausendmal gesehen. Und darum mache ich Musik: Damit Leute wie ich auch endlich eine Bühne bekommen“, sagt Ngoc Anh Nguyen. „Ich möchte, dass mehr Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds eine große Stimme haben und nicht mehr als Ausnahme gesehen werden, sondern als gleichwertiger Teil.“ 

Dass sich Dinge tatsächlich langsam ändern, zeige der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, an dem Trong Hieu Nguyen teilgenommen hat. „Ich dachte: ‚Wie krass ist das für unsere Community, dass jemand, der vietnamesisch aussieht, in diesen Wettbewerb geht, um Deutschland zu vertreten?‘“ Ngoc Anh Nguyens Ziel sei es, Spaß und Freude mit ihren Songs zu verbreiten, aber auch für Themen wie diese zu sensibilisieren. „Für mich ist Musik das Medium, um etwas zu erreichen: Wohlstand, eine öffentlich gehörte Stimme, der Glaube an dich selbst, Mut, Risiken einzugehen, Empowerment. So kann ich etwas weitergeben, an alle, die auch irgendwie auf der Suche sind.“

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Journalismus mit Haltung

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Mediale Aufmerksamkeit aber bekommen ihre mutigen Ideen nur selten. Das muss sich ändern – und Aktivismus endlich raus aus der Nische! Die Aktiven brauchen vor eine starke Stimme und Wertschätzung für ihre Arbeit. Mit Veto machen wir Engagement sichtbar und zeigen denen, die finden, dass es nun höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

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Aber – und das ist entscheidend: Es ist keinesfalls das Ende von Veto, sondern der Beginn von etwas Neuem. Denn in Zeiten multipler Krisen wird Veto dringend gebraucht. Um Hoffnung zu geben, zu verbinden, zu empowern und zu motivieren. Deshalb machen wir alle Recherchen und Porträts kostenfrei zugänglich. Denn: Der Zugang zu Informationen über Aktivismus und Engagement darf keinesfalls davon abhängen, was am Ende des Monats übrig ist.

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