Hühnerdiebin — Anna Schubert

Hausfriedensbruch gehört für Anna Schubert zum aktivistischen Alltag. In Tierzuchtbetrieben dokumentiert sie widrige Haltungsbedingungen und erlebt, wie schmal der Grat zwischen Trauma und Selbstwirksamkeit sein kann.
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Text: Julia Teuchner — Fotos: Benjamin Jenak

In Cornelia Funkes Jugendroman „Die wilden Hühner“ sieht es ganz einfach aus: Sprotte und ihre Freundinnen brechen in den Schuppen der Oma ein und retten die Hühner vor einem Ende als Suppeneinlage. Die Hennen bekommen ein neues grünes Zuhause, Sprottes Oma ist beleidigt – aber am Ende ist natürlich alles gut. Hätte Sprotte gewusst, dass in Deutschland jedes Jahr über 30 Millionen Legehennen nach einem einjährigen Leben als Suppenhühner sterben, wäre sie mit ihrer Bande wohl kaum hinterhergekommen. Doch dafür gibt es Anna Schubert. Auch sie begeht Hausfriedensbruch um der Tiere willen – nur in größerem Stil.

Seit mehr als zehn Jahren kämpft Anna Schubert für Tierrechte, seit sieben unternimmt sie „Recherchen“. So nennt es die Aktivistin, wenn sie sich mit anderen Gleichgesinnten Zutritt zu Tierzuchtbetrieben verschafft und die Zustände filmisch festhält. Möglichst vielen Menschen wolle sie zeigen, „dass Tierhaltung nicht human ist. Egal, wie viele Gütesiegel ein Produkt hat, Tiere sind keine Masochisten, die sich gerne ausbeuten und töten lassen.“ 

An ihre erste Recherche kann sich Schubert noch genau erinnern, eine surreale Erfahrung sei das gewesen: „Eine Schweinezucht mit über 60 000 Tieren, ohne Lageplan hätten wir uns rettungslos verlaufen. Drinnen lief laute Radiomusik, es war unglaublich heiß und stickig, und das alles bei fast kompletter Dunkelheit. Wir liefen mit den Ratten durch den Dreck und die Luft schien uns niederzudrücken.“ Zu wissen, dass die Schweine in diesem Betrieb nie etwas anderes kennenlernen würden, sei für Schubert schwer zu verarbeiten gewesen. Trotzdem – oder gerade deswegen – macht sie weiter, unentgeltlich, parallel zu Lohnarbeit und Studium.

An einem milden Spätfrühlingsabend macht sich die Aktivistin also mit drei Bekannten auf den Weg nach Brandenburg, wo vier Hühner in die Freiheit entlassen werden sollen. Freiheit heißt in diesem Fall, dass die Tiere auf einem Hof unterkommen, wo genug Platz und Grün ist, um ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Alles wird mit der Kamera festgehalten.

Vorbereitung ist für diese Aktionen, die Schubert zusammen mit anderen plant, von großer Bedeutung. Die Gruppe hält in einem Waldstück, um sich mithilfe von Satellitenbildern einen Überblick über Anlage und Umgebung zu verschaffen. In leisem, aber deutlichem Ton wird das Vorgehen besprochen. Schnell das Funkgerät mit dem Headset verkabeln, Stirnlampe auf, warme Socken und eine Tarnweste an, dann geht es mit dem Auto weiter zur Anlage.

Am Zielort angekommen wird die Schutzkleidung übergestreift. Eine kühle Professionalität liegt in der Luft. Schubert muss sich bei Aktionen zwingen, emotionale Distanz zu wahren. „Es gibt ein paar Regeln, an die wir uns alle halten: möglichst keine Tiere berühren, nicht zu lange bei Individuen bleiben.“ Anders käme Anna Schubert mit dem geballten Leid nicht zurecht. Die regelmäßigen Recherchen zehren an der Psyche und Albträume seien keine Seltenheit. „Während wir in den Betrieben sind, rettet uns das Adrenalin. Erst nach den Recherchen kommt alles hoch. Es passiert immer wieder mal, dass jemand im aktivistischen Umfeld für ein paar Monate aussteigt, wenn alles wie eine Welle über einem zusammenbricht.“

Über die weitläufigen Freilaufgehege verschafft sich die Gruppe Zutritt. „Die Ausläufe sind oft zu einseitig und ohne Unterschlupfe gestaltet. Das ist gegen den Instinkt von Hühnern, also nutzen sie die Gehege kaum.“ Eine Person hält immer vor dem Stall Wache.

Die Hennen in der Bio-Haltung sehen vergleichsweise gesund aus – nur wenige haben kahl gepickte Stellen oder gar Hackverletzungen anderer Hühner. Aber: „Ihre komplexe soziale Rangordnung können die Tiere hier nicht aufrechterhalten, das geht nur in Gruppen mit bis zu hundert Hennen.“ Anna Schubert lässt den Blick an den wie gestapelt aufgereihten Hühnern entlangschweifen. „Hier sind es pro Abteilung dreimal so viele, keine Chance, dass die sich untereinander kennenlernen, wie es Hühner gerne tun würden.“

Hinzu komme der Mangel an Reizen, der bei den intelligenten Tieren zu Verhaltensstörungen führen kann: Betonböden und Metallstangen drinnen, zu wenig Sand- und Scharrbereiche draußen. „Wir gehen auch in Bio-Höfe, um zu zeigen: Auch hier sind Hühner unglücklich und gestresst. Auch hier werden sie nach einem Jahr getötet, weil die Legeleistung abnimmt.“

In Konflikt mit dem Gesetz 

Über Funk kommt plötzlich eine Warnung: Ein Auto nähert sich. Stirnlampen aus, schnell nach draußen, lautet das Kommando. Wenig später Entwarnung, wieder rein, die roten Lichtkegel erneut durch die Gänge schweifen lassen. Erwischt wurde Anna Schubert bislang noch nicht. „Es gab Situationen, in denen wir nachts auf Mitarbeitende oder Security getroffen sind und wegrennen mussten, aber meistens läuft alles glatt.“ Die Rechtsprechung würde im Fall der Fälle wohl je nach Sachlage unterschiedlich urteilen. In Präzedenzfällen der vergangenen Jahre wurden an Recherchen beteiligte Tierschützende freigesprochen und sogar gelobt – allerdings nur dann, wenn sie vor dem Eindringen wussten, dass ein Notstand in der Anlage herrscht, also dass die ohnehin laxen Tierschutzgesetze gebrochen werden.

Für Schubert macht das Gesetz am Ende keinen Unterschied, denn Verstöße aufzudecken ist nicht ihr Hauptanliegen. „Wir wollen Menschen zeigen, dass Bedürfnisse von Tieren in einer ökonomisch auf Effizienz getrimmten Haltung nie erfüllt werden können.“ Verstöße nehme sie im Angesicht so vieler leidender und unglücklicher Tiere in Kauf: „Ich sehe mich moralisch auf der richtigen Seite und will mich auch nicht verstecken.“ Und so hebt sie behutsam ein Huhn nach dem anderen von der Sitzstange und bettet die Tiere in mitgebrachte Transporttaschen. Mit Klarnamen und Gesicht für Tierrechte einzustehen, sei aber auch ein Privileg, meint sie.

Die meisten ihrer Mitstreitenden bleiben lieber anonym. Für sie seien die Lohnarbeit und das private Umfeld Gründe, ihre Identität nicht preiszugeben. „Letztlich muss jede Person selbst entscheiden, wie sie sich wohlfühlt. Ich habe festgestellt, dass die öffentliche Wirksamkeit und die Presseanfragen zunehmen, wenn ich mein Gesicht zeige. Das war also eine recht pragmatische Entscheidung, denn dadurch erreichen wir auch mehr Menschen.“

Flüsternd tritt die Gruppe den Rückweg an. Auf dem Weg über offenes Gelände ist das Nachtsichtgerät ständig im Einsatz. Am Auto angekommen ist der anstrengendste Teil geschafft. Und obwohl sich Anna Schubert durch die Recherchen Strapazen aussetzt, kann sie sich nichts anderes vorstellen. Aktivismus, FSJ, Lohnarbeit und Landwirtschaftsstudium: „Mein ganzes Leben ist auf Tierrechte ausgerichtet.“ Sogar ihr Verhältnis zu den nicht veganen Menschen in ihrem Leben habe sich – entgegen ihrer Erwartung – verbessert.

„Manche Leute haben sich mit dem Thema einfach noch nicht so viel auseinandergesetzt wie ich. Eigene Gewohnheiten zu hinterfragen ist nun mal unangenehm, da spielen Ignoranz und Verdrängung eine große Rolle. Mit den Recherchen versuche ich, anderen die Realität hinter der sogenannten Nutztierhaltung zu zeigen und zum Nachdenken anzuregen.“

Zwanzig Minuten später hält das Auto auf einem Kiesplatz zwischen Wohn- und Stallgebäuden. Taubenetzte Wiesen glitzern im Sonnenaufgang. „Lebenshöfe sind Utopien der Tierhaltung“, meint Schubert. „Letztlich sollte das Ziel aber sein, die Nachfrage Schritt für Schritt so weit zu senken, dass Nutztierhaltung irgendwann überflüssig ist.“ In ihrem neuen Zuhause angekommen wirken die Hühner noch gestresst von der Befreiung, genauso wie die Menschen, die sie hergebracht haben. Aber langsam dominiert die Müdigkeit die Stimmung in der Gruppe. Noch ein paar Filmaufnahmen der vorsichtig pickenden Hühner, dann sind alle abfahrtbereit. Und die Videos?

„Wir sammeln das Material immer unabhängig und bieten es dann verschiedenen Kanälen und Organisationen an. Die Aufbereitung und Veröffentlichung liegen also nicht mehr bei uns, das wäre zu aufwändig, um es ehrenamtlich machen zu können.“ Mit Animal Rights Watch arbeitet Schubert häufig zusammen. Die Organisation nutzt das Material für Kampagnen und zur Aufklärung. Zwei Wochen nach der Aktion soll noch einmal auf dem Hof gefilmt werden, das nimmt sich die Gruppe beim Abschied vor. „Wir wollen bei Befreiungen nicht nur den Stress in der Legebatterie zeigen“, sagt Anna Schubert. „Zu sehen, wie die Tiere auf dem Lebenshof ankommen und wie glücklich sie ein paar Wochen später sind, das berührt Menschen mehr.“

Dieser Text erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des Veto Magazins: www.veto-mag.de/gedruckt. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten: Ihr seid nicht allein!

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