Blaxpertise — Kolumne Malonda

Wie in seinem Twitter-Feed geht im Diskurs über Kanye West viel durcheinander. Das verkennt nicht nur seinen anti-Schwarzen Rassismus, sondern auch die Funktion seines Antisemitismus. Eine Einordnung.
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Text: Achan Malonda — Foto: Benjamin Jenak

Es ist surreal, über Ye zu schreiben. Erstens, weil zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Zeilen schon wieder alles anders sein könnte: Wer weiß, wie er bis dahin noch weiter eskaliert ist!? Zweitens, weil ich in den letzten Jahren nur Antipathie für ihn als öffentliche Person übrig hatte und es mir recht gut passt, dass er sich nun endlich selber cancelt. Kanye West ist Antisemit. Das ist unbestreitbarer Fakt, absolut unentschuldbar und – wie nun immer mehr augenscheinlich wird – wenig überraschend. Was neu ist: White Supremacists, wie die Nazis, die seit Jahren antisemitische Slogans über eine Autobahnbrücke in L.A. hängen, nehmen das Geschenk dankend an, sich ab sofort auf Kanye beziehen zu können und damit viral zu gehen.

Weiße Kommentator*innen sehen nun endgültig eine rote Linie überschritten und fordern Konsequenzen. Die kamen auch umgehend, nur Sportartikelhersteller Adidas – denen er sieben Prozent der Einnahmen einbrachte – hat sich, vielleicht aus deutscher Gründlichkeit, etwas Bedenkzeit gegönnt. Eigentlich wollte ich über Kanyes Shitshow schweigen, weil die Selbstdemontage an sich entertaining ist, aber die Äußerungen immer widerlicher.

Was mich dazu bewegt, dennoch etwas zu sagen, ist die erwartbar simple Art, wie sich deutsche Kommentator*innen auf diesen Fall beziehen. Kanye Wests Antisemitismus hat nichts mit dem bisher bekannten Antisemitismus in Schwarzen Communities zu tun, den schon James Baldwin in den Sechzigern benannt und kritisch analysiert hat. Und so sehr es jenen, die jetzt allen Ernstes eine strukturelle Verbindung zur documenta fifteen ziehen wollen, auch passen würde, schert sich Kanye West bestimmt nicht um BDS oder Kunst aus dem Globalen Süden. Seine Aussagen über Sklaverei lassen tatsächlich eher vermuten, dass er postkolonialer Theorie wohl genauso feindselig gegenüber stehen würde wie die Gegner*innen der documenta fifteen – würde, denn bekanntlich liest ein Ye ja keine Bücher.

Ich wollte über Kanyes Shitshow schweigen, weil die Selbstdemontage an sich entertaining ist, aber die Äußerungen immer widerlicher.

Außerdem, und das muss an dieser Stelle ganz ausdrücklich gesagt werden, verlaufen die politischen Entwicklungen in den USA und Deutschland mitnichten analog. Die Art von politischem Antisemitismus, wie er sich aktuell in der amerikanischen Rechten breitmacht, gibt es in Deutschland nicht mehr. Kanyes Publikum lässt sich also nicht ansatzlos auf den deutschen Kontext übertragen. „Anders als in Deutschland geht es hier um politische Mobilisierung durch die GOP, nicht nur um strukturellen Antisemitismus in der Gesellschaft. Und auch nicht um Verschwörungsmedien in ihrer eigenen Bubble, sondern um eine ganze alternative rechte Medienwelt mit Strahlkraft weit in den Mainstream, der Welt von Joe Rogan, Jordan Peterson und Andrew Tate. Dort gilt Kanye schon lange als Held. Aber anders als Candace Owens sagt er alle leisen Teile sehr, sehr laut. Da ist nichts chiffriert. Möglich, dass er selbst da nicht mehr stattfinden kann – oder sich mit ihm das Sagbare noch weiter verschiebt“, bemerkte Musikjournalist Fabian Wolff, der jüngst in einem Interview mit dem Deutschlandfunk eine sehr treffende Analyse zur Causa lieferte und einen Ausblick gab, dass für die mögliche neue politische Karriere des Megastars in rechten Kreisen das letzte Wort längst nicht gesprochen sei, da er auch hier an seiner emotionalen Instabilität, grenzenlosen Selbstüberschätzung oder vielleicht doch wieder Rassismus scheitern könnte. 

Aber nicht nur sein Publikum, auch Kanye selbst ist speziell, das zeigt schon der Verlauf des Skandals. Celebrities, die sich öffentlich selbst demontieren, sind absolut keine Seltenheit: Ye (wie Jesus) ist insofern einzigartig, als dass er als Schwarzer Megastar mit Kapital im Rücken keinen persönlichen Skandal um Sex, Drogen oder #metoo verursacht hat, sondern das Medium seines Meltdowns die politische Radikalisierung ist. Einer, der die Halftime-Show beim Super Bowl spielen könnte, vergleicht sich nicht nur mit dem Messias, sondern auch mit Hitler, hetzt gegen Jüdinnen*Juden und das nicht in einem ungeschützten Moment, sondern selbstbewusst vor Pressekameras.

Die Art von politischem Antisemitismus, wie er sich aktuell in der amerikanischen Rechten breitmacht, gibt es in Deutschland nicht mehr.

Doch natürlich heißt Selbstbewusstsein nicht, dass Kanye komplett und immer weiß, was er tut. Das führt zu einem weiteren Talking Point, der gerade häufig auftaucht und den ich irreführend finde: die Verbindung von Yes Antisemitismus zu seiner psychischen Erkrankung. Hier wird es sehr unangenehm. Die mentale Verfassung des Künstlers war nämlich bis vor Kurzem, als die von ihm geschürten anti-Schwarzen Ressentiments noch Konjunktur hatten, weitgehend unbesprochen oder höchstens Teil der systematischen Pathologisierung eines unterstellten Selbsthasses (er ist ja selbst Schwarz, da kann er kein Rassist sein, etwas anderes stimmt also mit ihm nicht) – Kanye West, der tragische Narzisst, der eigentlich schon immer als Amerikas meistgehasster Schwarzer Mann, in Deutschland aber eben vor allem als musikalisches Genie bekannt war.

Bei der Betrachtung der einzelnen Stationen von Kanye bis Ye fallen die vielen Hinweise auf, dass sein tiefer Fall weder allein durch mentale noch ideologische Verwicklungen zu erklären ist, sondern eher in seinem persönlichen Charakter begründet sein könnte. Paraphrasiert: Womöglich war er die ganze Zeit über schon ein Arschloch. Was ihn weder automatisch zur Pathologisierung freigibt, noch seine Misogynie oder den Rassismus und gewiss auch nicht seinen Antisemitismus erklärt oder gar entschuldigt.

Das Szenario, mit dem sich deutsche Journalist*innen nun eigentlich auseinandersetzen müssten, wäre, warum sie die offensichtliche Unausstehlichkeit des Herrn West trotzdem die ganze Zeit noch irgendwie ganz okay fanden. Die Befragung der eigenen Apathie allerdings weicht stattdessen moralinsaurer Empörung, die – und das ist vielleicht das schlimmste von allem – auch die Wirkmächtigkeit und Struktur von politischem Antisemitismus nicht versteht.

Teilweise wird so getan, als haben seine Krankheit oder seine Identität als Schwarzer Mann Kanye lange vor Kritik geschützt, während andere Stimmen implizit behaupten, es sei gar die Schwarze Community gewesen, die ihn nicht genug verurteilt habe, obwohl der Bruch zwischen dem Rapper und der Community spätestens seit 2018 als irreparabel gilt.

Ein Gros der Deutschen Musikexpert*innen hat die Radikalisierung ihres Lieblings-Rappers verpasst, weil sie diese nicht verstanden haben.

Das hilflose Händeringen bei der Einordnung der aktuellen Ereignisse und die viel zu kurzen Erklärungsversuche sind Erscheinungen eines heimischen weißen-liberalen Diskurses, der weder das, was (Schwarze) queerfeministische Stimmen oder gar Ta-Nehisi Coates bereits seit 2016 über Kanye geschrieben haben zu verwerten wusste, noch sich nun besonders viel Mühe gibt, mit der offenen Anti-Blackness hinterm Berg zu halten.

Fakt ist: ein Gros der Deutschen Musikexpert*innen hat die Radikalisierung ihres Lieblings-Rappers in den letzten Jahren verpasst, weil sie diese nicht verstanden haben. Zum Beispiel kommen zwar viele afroamerikanische Popstars „from the church“, aber ein Gospelalbum NACHDEM ein Artist sich bereits zu rechten Ideologien und radikalem Evangelikalismus bekannt hat, hätte eigentlich als internationales Symbol für „Das wird kein gutes Ende nehmen“ verstanden werden können. Dem deutschen Musikjournalismus ist es aber leider nicht gegeben, über eine Schwarze Person zu sprechen, ohne sie mit einer Schwarzen Person zu vergleichen (oft aus falschen Gründen, wie der Frisur) oder, so gerade kein Vergleich verfügbar, auf eigene Ressentiments zurückzufallen.

Und so kommen wir zu dem Punkt, der eigentlich gemacht werden muss, wenn wir denn bei der Wahrheit bleiben möchten: Dass die Grenze nebst ökonomischen Konsequenzen nicht schon längst gezogen wurde, ist der Tatsache geschuldet, dass sie auch in der Popkultur erst dort verläuft, wo es für weiße Menschen relevant wird. Das ist natürlich kein Zufall oder reines Versäumnis, sondern offensichtlich strukturell, schließlich ist die Popkultur genauso Teil eines kapitalistischen Verwertungsapparats, der von der Ausbeutung Schwarzer Körper und Kultur lebt und in den Misogynie seit jeher eingeschrieben ist.

Kanye West war in diesem neoliberalen Kosmos lange beliebtes Enfant terrible und Fashion-Ikone – ein leuchtender Markenträger, für dessen einstiges musikalisches Genie die offene Anbiederung an rechtsextreme Positionen billigend in Kauf genommen wurde, solange es nur gegen Schwarze Menschen (von denen übrigens auch einige jüdisch sind) ging und Kanye Revenue einbrachte. Damit ist es nun zumindest im Mainstream fürs Erste endlich mal vorbei. Wie heißt es so schön: besser spät als nie.

Malonda ist politische Künstlerin und Aktivistin gegen Rassismus, für queerfeministische und intersektionale Awareness. Musikalisch schwebt sie zwischen Pop, Elektrobeats und klassischem Chanson – es geht um Liebe und ihr Leben als Schwarze Frau.

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