Viel geklickt — Fabian Grischkat

Nicht selten suchen Menschen in seinem Alter nach einem größeren Sinn im Leben. Fabian Grischkat hat den für sich gefunden: unterhalten, aufklären, sensibilisieren – und damit in dieser Gesellschaft etwas verändern.
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Text: Melanie Skurt — Fotos: Benjamin Jenak

Wo anfangen? Wie lässt sich die Person Fabian Grischkat greifen, die an so vielen Baustellen gleichzeitig arbeitet? „Ganz ehrlich, ich weiß es selbst nicht!“ Grischkat hebt die Hände, als sei er ertappt, und wirkt wie jemand, der positiven Stress gut kennt. Über sich selbst sagt er, er sei jetzt in einem Alter, in dem er Freitagabend früh ins Bett gehe, „um vom Samstag etwas zu haben“. Dabei ist Grischkat gerade 22 Jahre alt. Im Monat lege er etwa 8 000 Kilometer mit der Bahn zurück. Für Vorträge, Drehs, Interviews – Grischkat ist immer auf der Durchreise.  

Der Wahlberliner ist Content Creator. Mit 12 startete er einen YouTube-Kanal, veröffentlichte Stop-Motion-Filme, später Sketche und Songparodien mit Freunden. Und heute, neun Jahre später, hat er eine Karriere und das Kinderzimmer auf dem Dorf in NRW gegen eine Wohnung in der Hauptstadt getauscht. Zuhause ist er wahrscheinlich häufiger in Hotelzimmern. Zwei Berufsschubladen lässt Grischkat für sich gelten: Influencer – ja! Queer- und Klimaaktivist – auf jeden Fall! „Aber es gibt kein Projekt, das im Vordergrund steht oder ein Thema, auf das ich mich fokussiere. Ich bin einfach überall und versuche auf jungen Plattformen klimatische und queere Thematiken so runterzubrechen, dass junge Menschen sich dafür begeistern.“

Hunderttausend feiern ihn dafür auf Instagram und TikTok, wo er witzig und niederschwellig Phänomene wie Pinkwashing, die WM in Katar oder Gesetzesvorhaben der Bundesregierung in Bezug auf Queer-Rechte analysiert – und kritisiert. Als Speaker und Gen-Z-Erklärer ist er unterwegs, debattiert auf Podien zu Klimakrise und -gerechtigkeit, steht Pate für den CSD oder für Videoproduktionen von Funk vor und hinter der Kamera. Grischkat ist Queraufsteiger. Recherche, Redaktion, Videodreh und -schnitt, Moderation: Alles hat er sich als Teenager neben der Schule selbst beigebracht. Nicht aus Druck, sondern Wissbegierde – und dem Drang, für etwas einzutreten: queere Rechte, Veganismus und Klimaschutz.

Die Vogue kürte Fabian Grischkat im vergangenen Jahr schon zum Gesellschaftsveränderer. Ob ihm das schmeichelt? Er antwortet augenzwinkernd ironisch, wie es für ihn typisch ist: „Ich kann nicht abstreiten, dass mich solche Auszeichnungen erfreuen. Aber Fan der Vogue war ich nie, dafür fehlt mir das nötige Modebewusstsein.“ 

Aktuell findet sein Aktivismus stärker in der medialen Öffentlichkeit statt, seltener auf der Straße. Innerhalb der Klima- und Queerbewegung sieht er sich als Moderator. Also streite er auch nicht radikal für seine Ziele. Aktionen wie die von Extinction Rebellion und der „Letzten Generation“ beispielsweise seien mit seinem Job „schwer unter einen Hut zu bringen“, da er „als quasi Berichterstatter eine neutralere Position“ einnehme. Trotzdem brauche es radikalen Protest: „Wer nur drei Artikel zur Klimakrise gelesen hat, weiß, wie dringlich die Situation ist.“

Er sehe sich deshalb auch selbstkritisch. „Am Anfang habe ich häufig gepost und auf Fridays for Future-Demos viele Fotos von mir gemacht. Aber wenn es hart auf hart kam und Leute auf der Polizeiwache saßen, habe ich mich nicht in die erste Reihe gestellt und deren sofortige Freilassung gefordert. Deswegen nehme ich mich heute bewusst mehr zurück“, so Grischkat. Er erzählt das bei einem Spaziergang durch Friedrichshain; die Hände in den Hosentaschen, weiße Tennissocken in den geschnürten Doc Martens. 

Wunsch nach Widerstand

Grischkats reflektierte Art gewinnt Menschen in kurzer Zeit. Seinem Gegenüber begegnet er grundsympathisch, keineswegs fehlerfrei und selbstironisch. Er gesteht Schwächen und hat die Lacher auf seiner Seite. Unbefangen erzählt er private Anekdoten, die so auch in einer Kneipensituation unterhalten würden. Zum Beispiel von seiner Mutter, die gerade anfängt, selbst Hafermilch zu machen. Oder von der Oma, die manchmal besser über Instagram und TikTok Bescheid wisse als manch 20-Jährige. Und auf seinen Kanälen verschmilzt dieses Talent zur Unterhaltung mit Wissensvermittlung. 

Über die Jahre habe sich hier nicht nur sein Content professionalisiert, sondern auch seine Haltung zum „Influencer:innen-Game“ verändert. Aus seinen comedyhaften Beiträgen wurde Infotainment, außerdem mache er heute zunehmend Platz für Menschen, die mehr zu sagen hätten als er. „Ich will meine Reichweite sinnvoll verwenden, um für gesellschaftspolitische Probleme zu sensibilisieren. Das ist, was ich tun kann.“ Heißt: weniger privilegierten Menschen Raum geben. Zum Beispiel im Kontext der Fußball-WM. Menschen wie Nas Mohamend

Als junger Mann musste Nas Mohamed flüchten. Aus Katar. Der heute 35-Jährige ist die erste öffentlich als queer geoutete Person des Emirats und erlebte über Jahre Morddrohungen. Sie dauern bis heute an und erreichen ihn auch in den USA, wo er seit 2011 lebt. Im Interview mit Grischkat erzählt er vom Alltag queerer Menschen in Katar, berichtet von Diskriminierung und lebensbedrohlichen Situationen. Um Menschen der LGBTQIA+ Community in der Golfregion zu schützen, gründete Mohamed die Alwan Foundation. Grischkat initiierte über seinen Kanal Spendenaktionen für das Bündnis. Und zieht so andere Accounts beim Sinnfluencing mit. 

„Mit dem Begriff des Influencers habe ich mich schon arrangiert. Er bedeutet inzwischen ja praktisch viel mehr als Werbung und Produktplatzierung. Trotzdem würde ich mir eine noch explizitere Widerstandsbewegung innerhalb der Social-Media-Bubble wünschen“, erklärt er. Kooperationen mit Brands sollten kritischer hinterfragt und natürlich auch ausgeschlagen werden. Das sei für viele schwierig, weil es um viel Geld gehe, aber: „Lasst uns mal bitte auf Werbedeals scheißen und versuchen, dass wir alle wertegebunden arbeiten. Das ist meine Message an die Creator:innen da draußen, bei jeder Kooperation dreimal nachzudenken.“ 

Er selbst verfahre nach einer einfachen Regel: „Ich arbeite nur mit Organisationen zusammen, deren Logo ich auch auf dem T-Shirt tragen würde.“ Eine Anfrage der NATO passte deshalb ebenso wenig in das Konzept wie eine Sportartikelfirma mit miesen Nachhaltigkeitsstandards. Aufträge nehme er lieber von Bundesministerien oder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk an. „Ich habe andere Standbeine und bin auf das Geld aus Werbung nicht angewiesen.“

Community macht Druck

Grischkat, der Autodidakt, liebäugelt aber damit, sein Know-How noch einmal in gesetztere Bahnen zu lenken. Ein journalistisches oder politikwissenschaftliches Studium könne er sich in Zukunft gut vorstellen, verrät er. Darin spiegele sich auch der Wunsch nach ein wenig mehr Gewöhnlichkeit. Schon mit 14, 15 Jahren verlief sein Leben anders als das von Gleichaltrigen: Social Media machte ihn früh zur öffentlichen Person. Das sorgte auf Dauer vor allem für eins – Druck. Vieles lief parallel: Aufträge und Auftritte, das Abitur, Demos, deren Organisation und Kommunikation nach außen. Viel Kleinklein und kein großes Ergebnis.

In diesem Trubel erlebte er immer wieder ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, „weil trotz aller Bemühungen keine Entwicklungen zu sehen waren und sind. Zum Beispiel beim 1,5-Grad-Ziel.“ Daran nicht zu verzweifeln, sei für ihn ein Lernprozess gewesen. Grischkat spricht offen über Erfahrungen nah am Burn-out und beschreibt diese Wochen als kompletten Crash: „Es war heftig. Ich habe versucht, Artikel zu lesen und konnte Sätze nicht mehr kapieren und Wörter nicht mehr verstehen.“ Zustände, die viele aktivistische Menschen der Gen-Z kennen.

„Wir haben eine echt miese Startposition gehabt“, sagt Fabian Grischkat, „und keine Wahl, ob und wofür wir uns politisch engagieren. Es geht einfach nicht anders.“ Es sei bedrückend und lähmend zu sehen, dass nichts passiere, um einen globalen Kollaps zu verhindern.

Geholfen habe ihm in diesen Momenten vor allem eine Erkenntnis: „Im Aktivismus ist der Weg das Ziel und nicht das Ziel an sich. Das hat mir den Druck genommen, mit jeder Aktion sofort etwas erreichen zu müssen.“ Heute sei er auch mal offline, wenn zu viele Sachen anstehen. Tagespolitischen Videocontent plane er zweimal die Woche für seine Kanäle. Doch wenn er stressige Tage hat – zum Beispiel beim ZDF-Format „13 Fragen“ zum 9-Euro-Ticket diskutiert oder in einem Vortrag erklärt, „wieso das Berechnen des persönlichen CO2-Fußabdruck den Diskurs der Klimadebatte gefährlich verschiebt“ – nehme er sich auch mal raus. 

Die Menschen, die ihm auf Insta und TikTok folgen, sehen das umgehend: Grischkat postet dann mehr Selfies von unterwegs und weniger Inhalt. Dass er genau das heute kann, nennt er einen Gamechanger: „Ich erreiche mehr, wenn ich kontinuierlich aktivistisch bin, anstatt mich zu überfordern oder gegen eine Frustmauer zu rennen, weil es nicht schnell genug geht und ich dann ganz von der Bildfläche verschwinde.“ 

Wichtig ist ihm auch ein regelmäßiger Realitätscheck – um sich immer wieder klar zu machen, wie gut es ihm tatsächlich gehe. In einem Gastbeitrag für das Magazin Spiegel beschreibt er seine Position im globalen Geschehen treffend: „Ich leide unter dem Klimawandel, unter der Coronapandemie, unter der sozialen Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Trotzdem lebe ich in der für mich besten Zeit“, heißt es da. „Ich kann lieben, wen ich will. Ich kann essen, was ich will. Meinen Beruf habe ich selbst miterfunden. Ich muss nicht jeden Morgen ins Büro. Ich kann Geld verdienen und mich trotzdem für Gutes einsetzen. Und gleichzeitig den Quatsch machen, auf den ich Lust habe.“ Ein glücklicher Zufall, den Grischkat nutzen will. 

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung.

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