VEranTwOrtung — Kolumne Sookee

Linke Bewegungen tun sich offenbar schwer damit, sich Debatten und eigenen Verfehlungen zu stellen. Denn was viele Menschen immer wieder aus dem Blick verlieren: Antifa ist nicht gleich Antira. Eine kritische Reflexion!
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Text: Sookee — Foto: Benjamin Jenak

Leute, wir müssen dringend reden: über Rassismus in linken Kontexten. Und eins noch vorab: Die nachfolgenden Gedanken fassen zusammen, was insbesondere Schwarze Aktivist*innen – wiederum bezugnehmend auf andere herrschaftskritische BIPoC, die schon Jahre oder sogar Jahrzehnte auf dieselben Machtstrukturen hinwiesen – in den letzten Monaten vermehrt benannt haben. Ich erzähle hier also nichts Neues.

Ich erzähle es aber erneut, weil mir linke Bewegungen am Herzen liegen und vor allem, um mich solidarisch mit besagten Aktivist*innen zu zeigen. Leider werde ich mit diesem Text die rassistische Struktur, um die es mir hier geht, nicht verlassen können. Wahrscheinlich ist nämlich, dass weiße Leser*innen, die sich von diesem Text angesprochen oder angegriffen fühlen, eher mit der Kritik durch mich als weiße Verfasserin umzugehen bereit sind, als wenn er von einer Kolumnistin of Color geschrieben worden wäre.

Die Erfahrung zeigt, dass die Abwehr der Kritik und die Abwertung der Kritikerin deutlich größer ist, wenn diese aus einer betroffenen Position heraus spricht. Allein schon hierin wiederholt sich Rassismus. Und es zeigt mein Privileg, nicht von Rassismus betroffen zu sein: Ich werde (wahrscheinlicher) gehört, ich werde (wahrscheinlicher) ernst genommen.

Die Realität auf die ich mich beziehe, hat Tupoka Ogette mit dem Begriff „Happyland“ zum geflügelten Wort werden lassen: Vor allem weiße Humanist*innen,  Feminist*innen, Liberale, Linke, Antifaschist*innen und sogar Antirassist*innen wähnen sich in Sachen Rassismus auf der guten, sicheren, moralisch überlegenen Seite. Sie halten sich für nicht-rassistisch, denn sie sind gegen die AfD, gegen alte und neue Nazis – und gegen Rassismus.

Weiße Humanist*innen, Feminist*innen, Liberale, Linke, Antifaschist*innen und Antirassist*innen wähnen sich in Sachen Rassismus auf der guten, sicheren, moralisch überlegenen Seite.

Gegen Rassismus zu sein ist aber keine Garantie dafür, nicht selber rassistisch sozialisiert worden zu sein, somit Rassismus verinnerlicht zu haben und von daher auch rassistisch zu denken, zu sprechen und zu handeln. 

Woher soll eine weiße, sich als antirassistisch bezeichnende Person nun aber wissen, dass ihr Selbstbild vom propagierten Wertekatalog gegebenenfalls abweicht? Indem sie sich nicht nur von anderen weißen Personen spiegeln lässt, sondern indem sie die Außenwahrnehmung mit der Selbstwahrnehmung in Abgleich bringt und sich von Expert*innen – und das sind in allererste Linie Betroffene – sagen lässt, wie es um die Tatsächlichkeit und Glaubwürdigkeit ihrer antirassistischen Haltung bestellt ist. 

Genau das ist aber, was ausgesprochen selten passiert. Meist sind weiße Punk-Gebliebene, die sich schon in ihrer Jugend mit Nazis gefetzt haben, nicht diejenigen, die gewillt sind, ihre Plattenkisten auf rassistische (oder sexistische, ableistische usw.) Aspekte hin kritisch durchzuhören oder diskriminierende Parolen und Slogans bewusst auszusortieren.

Die wenigsten Internet- oder Straßen-Antifas sind bereit, ihre eigene Whiteness im Kontext des Systems Rassismus in den Blick zu nehmen ohne dabei selbstzentrierende Tränen zu vergießen. Oder die Autor*innenlisten ihrer Lesekreise auf deren weiße Dominanz hin zu checken. Oder zu überlegen, weshalb es heute die Migrantifa wie schon Ende der Achtziger die Antifa Gençlik braucht, wenn wir doch alle das gleiche Ziel verfolgen und niemand den Rechten durch Spaltung in die Hände spielen will. 

Die wenigsten Internet- oder Straßen-Antifas sind bereit, ihre eigene Whiteness im Kontext des Systems Rassismus in den Blick zu nehmen ohne dabei selbstzentrierende Tränen zu vergießen.

Fakt ist: wenn insbesondere nicht cis-männliche Antifaschist*innen of Color genau diese Dinge ansprechen, werden sie als Troublemakers verpönt, als Saboteur*innen der Bewegung, als zu radikal, zu emotional. Mitunter sind Linke eher bereit, ihre Defensiv-Mechanismen auf konservativ-rechte Kampfbegriffe wie „Cancel Culture“, „Internet-Mob“, „Hexenjagd“ und „Rassismuskeule“ auszuweiten oder die Rassismus-Kritiker*innen selber als Rassist*innen (gegen Weiße) zu bezeichnen, als in Erwägung zu ziehen, dass die Kritik nicht nur eine Berechtigung, sondern auch einen Punkt hat.

Durch diese Verunglimpfungen und Angriffe tun sie genau das, was sie den Kritiker*innen vorwerfen: Sie schwächen und spalten die Bewegung. Denn wieviel stärker wären wir als Linke, wenn wir rassistische, ableistische, queerfeindliche Ausschlüsse in unseren eigenen Reihen und Räumen nicht leugnen, sondern dafür sorgen würden, dass sich Menschen, von denen wir – wenn es passt – behaupten, dass sie die gleichen Ziele hätten, von uns verstanden, respektiert und nicht übergangen und bagatellisiert fühlen? Wir wollen eine starke Linke in diesen schwierigen Zeiten sein? Die hätten wir längst sein können.

Und die können wir auch noch werden, wenn wir die Existenz weißer Vorherrschaft wirklich anerkennen und daran arbeiten. Aber nicht so, wie wir es hier und da, wenn es nicht weiter stört, einrichten können, sondern entlang der Notwendigkeiten, die uns Antifaschist*innen of Color dankenswerterweise aufzeigen. 

Wer diesem Text auch nur ein Fünkchen Legitimität zugesteht, möge bitte die Argumente und Forderungen aus den Mündern und Federn Schwarzer Aktivist*innen und Theoretiker*innen und Praktiker*innen of Color recherchieren. Sie sind diejenigen, die wir hören und lesen sollten. Ich bin für den Moment nur das Ladekabel für ihre Kraftreserven. 

Sookee ist queerfeministische Antifaschistin, Musikerin und Mutter. Und sie ist Fan von gegenseitiger Sichtbarmachung, Rotationsprinzipien und Aufrichtigkeit.

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