Spurensicherung — Catcalls of Augsburg

Jana und die Initiative Catcalls of Augsburg markieren mit Kreide, wo überall die Straße zum Schauplatz sexueller Belästigung geworden ist. Denn rechtlich verfolgt und geahndet werden diese verbale Entgleisungen weiterhin nicht.
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Text: Hannah Jäger — Fotos: Johanna Lohr

Auf Janas Handy ploppt eine Nachricht auf. Sie liest – und schluckt erstmal. Ihr Display zeigt einen sogenannten Catcall, den eine betroffene Person an sie weitergeleitet hat: „Er starrte mich in der Tram an und holte sich einen runter. Ich war dreizehn.“ Jana gehört zur Initiative Catcalls of Augsburg, die Erfahrungsberichte sexueller Belästigung öffentlich markiert, genau an der Stelle, an der sie passiert sind. Sie werden fotografiert und im Internet gepostet. „Wir können selbst keine professionelle Unterstützung bieten, aber auf Hilfestellen hinweisen und zeigen: Du bist nicht allein“, sagt Jana, die ihren Nachnamen zum eigenen Schutz lieber nicht preisgeben möchte. Sie macht sich auf den Weg – im Gepäck einen Eimer voll Straßenkreide. 

Catcalling ist ein Begriff für sexuelle Belästigungen im öffentlichen Raum, die zumeist Frauen von Männern erfahren: anzügliche Bemerkungen zum Beispiel, Hinterherpfeifen, auch vulgäre Laute, Gesten oder Handlungen. Jana und ihre Crew sehen ihre Aufgabe darin, auf diese oft relativierten Themen aufmerksam zu machen und eine Anlaufstelle für Betroffene zu sein. Sie gehen gemeinsam auf die Straße: zum Ankreiden, aber auch regelmäßig für Demonstrationen.

Jana ist auf dem Augsburger Königsplatz angekommen, ein belebtes Fleckchen inmitten der Innenstadt und Knotenpunkt für all jene, die in der bayerischen Metropole mit Bus und Bahn unterwegs sind. Erst überlegt sie, welchen Ausschnitt der zugesandten Nachricht sie auf die Straße bringen wird. Dann geht es los. Für eine Weile ist nur das Klackern und Kratzen der Kreide zu hören. Zwei junge Männer bleiben stehen: „Echt jetzt? Das ist hier passiert?“, fragt einer. „Viele denken immer noch, dass Catcalling nur nachts in dunklen Ecken geschieht“, erwidert Jana. „Dabei passiert es tagsüber neben oder sogar in deinem Lieblingscafé.“

Funktion Kummerkasten

Jana studiert Sozialwissenschaften und möchte zur Gewalt gegen FLINTA* forschen oder in einer NGO arbeiten. „Irgendetwas möglichst weit weg von klassischen Konzernen“, so die 23-Jährige. Mit ihrem Engagement ist sie auch jetzt schon nah dran an dem Thema. „Wir würden selbst dann nicht fertig werden, wenn wir zwei Tage durchgängig ankreiden würden – so viele Nachrichten erhalten wir.“ Mittlerweile leuchtet der ausgewählte Spruch groß in grellem Pink auf dem Asphalt. Radfahrende machen einen Bogen, um die Buchstaben nicht zu verwischen. „Ey, seid ihr von der Instagramseite? Coole Sache, macht weiter so!“, sagt eine junge Frau.

„Mit dem Ankreiden tricksen wir auch die Leute aus, die sich mit feministischen Themen und Missständen eigentlich nicht beschäftigen wollen“, schmunzelt Jana. Offline erhalten die fünf Aktivistinnen viel Lob für ihre Arbeit, erzählt sie. Online allerdings sehe das etwas anders aus. Im Netz werde der Initiative oftmals die Glaubwürdigkeit abgesprochen: „Männer sagen halt Sachen, die meinen sie nicht so“, sei ein gängiges Argument, bei dem ein „Stell dich nicht so an“ mitschwingt. Umso wichtiger schätzt Jana den Aktivismus der internationalen Bewegung ein. „Wir haben quasi den Kummerkasteneffekt auf der Straße.”

Die Aktivistin beobachte, dass gerade auch Kinder und Jugendliche von Catcalling betroffen seien, gleichzeitig aber am wenigsten für sich kämpfen können und von älteren Menschen verunsichert werden. Deshalb nutzt Jana die Ankreide-Aktionen und Demonstrationen auch dafür, um gezielt mit Jüngeren ins Gespräch zu kommen. Bei Instagram folgen der Initiative inzwischen fast 5 000 Menschen. Die Aktiven dort sind jung, weiß Jana: zwischen 18 und 35.

Belastende Nachrichten

Eine aktuelle Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt zudem, wie gravierend die Folgen von Catcalling sind: Betroffene würden ihren Kleidungsstil ändern, bestimmte Orte meiden und sich insgesamt auch ängstlicher fühlen. Dennoch ist Catcalling in Deutschland bisher weder ein Straftatbestand noch eine Ordnungswidrigkeit. Länder wie Portugal, Frankreich oder Belgien sind da weiter und haben verbale sexuelle Belästigung als Straftat in Gesetzestexten vermerkt. Jana hofft, dass Deutschland bald nachzieht – bis es so weit ist, geht sie das Problem aktivistisch an: „Das Ankreiden macht den Machtmissbrauch plastischer“, sagt sie. Die Praktik sorgt für Aufruhr – nicht immer an der richtigen Stelle.

Im Dezember 2020 erregte ein Polizei- und Feuerwehreinsatz weit über die Grenzen Bayerns hinaus Aufmerksamkeit. Besorgte Anwohnende riefen aufgrund eines angekreideten Catcalls vor dem Augsburger Rathaus die Polizei, da sie sich belästigt fühlten. Der Schriftzug wurde daraufhin entfernt. Solidaritätsbekundungen aus aller Welt erreichten die Initiative, Medien berichteten. Die Stadt habe keine Dialogbereitschaft bewiesen, schildert Jana rückblickend. „Dieser absurde Einsatz hat uns gezeigt, wie wenig Stadt und Politik uns ernst nehmen, aber auch wie solidarisch und aktiv die Community ist.“ Warum sie trotz Gegenwind immer wieder auf die Straße geht? „Das ist eine Lebenseinstellung, denke ich.“

Trotz allem sei es auch belastend, immer wieder Nachrichten von Betroffenen zu lesen. Ihre Arbeit aber wolle Jana fortführen. Dabei helfe es ihr, im Duo unterwegs zu sein und mit den anderen Mitgliedern der Initiative zu sprechen, um Erlebtes verarbeiten zu können: „Unsere Stärke ist, dass wir gemeinsam handeln.“ Auch Stunden später leuchten die Buchstaben noch immer am Königsplatz. Menschen bleiben stehen, fotografieren den Schriftzug – und selbst der vorausgesagte Regen wird die Botschaft nicht auslöschen können. 

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