Das erste Frauenhaus — Retrospektiv

1976 wurde im Berliner Stadtteil Grunewald das erste Frauenhaus in Deutschland eröffnet. Vorausgegangen war ein langer und entschlossener feministischer Kampf um das Recht auf ein gewaltfreies Leben.
24. November 2022
4 Minuten Lesezeit
Text: Victoria Müller — Illustration: Karla Schröder

Disclaimer: Die Serie „Retrospektiv“ bedient sich historischer Quellen. In den Texten werden daher gelegentlich Formulierungen verwendet, die zu der jeweiligen Zeit genutzt wurden.

Deutschland im Frühjahr 2020: Während des coronabedingten Lockdowns war nicht nur die sich damals beinahe täglich verändernde pandemische Lage oder die notwendig gewordene Entwicklung eines ersten Covid-19-Impfstoffes Thema. Medial diskutiert wurden genauso die steigenden Zahlen häuslicher Gewalt. Übergriffe in Partnerschaften oder Familien und Taten hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen waren lange nicht mehr so präsent gewesen. In der taz hieß es beispielsweise „Gewalt gegen Frauen: Die andere Pandemie“, die Süddeutsche Zeitung titelte: „Gefangen auf engstem Raum“.

Zahlen und Studien belegen die dramatische Situation: Alle 45 Minuten wird eine Frau in Deutschland von ihrem (Ex-)Partner misshandelt – im Jahr 2020 ist die Zahl der Betroffenen um sechs Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Und: Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. Umso dringlicher ist es also, dass es einen Schutzraum für Betroffene geben muss, wenn die Gewalt schon nicht nachlässt. 

Doch seit wann gibt es solche Schutzräume überhaupt? Und wie und warum sind diese entstanden? Um darauf eine Antwort zu finden, gehen wir gut 50 Jahre zurück – ins Jahr 1971. Ein Abrisshaus in einem Londoner Vorort sollte die erste Zufluchtsstätte für betroffene und misshandelte Frauen werden. Die zuständigen Behörden belegten das Vorhaben mit strengen Auflagen und ließen nur eine Belegung mit maximal 36 Personen zu.

Die Realität jedoch sah anders aus – und Gründerin Erin Pizzey, die das Gebäude in Chiswick als Begegnungsstätte und Frauentreffpunkt geplant hatte, wurde von Frauen überrannt. Sie berichteten von Misshandlungen, körperlicher und seelischer Gewalt, suchten Zuflucht und Schutz. Die enorme Nachfrage führte dazu, dass das erste Frauenhaus der Geschichte (zuvor galten Klöster oft als Zufluchtsort für Frauen, einen wirklich organisierten Schutzraum gab es bis dahin nicht) meist um die 140 Frauen beherbergte. 

Strukturelle Abhängigkeiten 

Das aber war erst der Anfang – und der Gedanke eines Schutzraumes entstand schließlich auch in Deutschland: Im August 1976 stellten die Mitglieder des Vereins zur Förderung des Schutzes misshandelter Frauen einen Antrag zur Einrichtung eines Frauenhauses in Berlin – es sollte das erste in der Bundesrepublik werden. Der Verein bestand im Kern aus acht Feministinnen, die sich in gemeinsamen Treffen regelmäßig über ihre Erfahrungen beim Thema Gewalt gegen Frauen austauschten. Denn sie alle waren beruflich damit konfrontiert: als Anwältinnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen oder Psychologinnen. 

Mitarbeiterinnen des Berliner Frauenhauses schrieben in einem ersten Bericht, dass es für Betroffene nötig sei, „in ein Frauenhaus gehen zu können, in dem dieser entwürdigende Zustand der Bevormundung nicht fortgesetzt wird. […] Wesentlich für die eigenständige Entwicklung der Frau ist es, in ein Haus zu kommen, in dem Frauen sie ernst nehmen, bestärken, sie in Entscheidungsprozessen unterstützen – aber nicht für sie entscheiden.“

Neu und entscheidend war die Möglichkeit zum persönlichen Austausch mit anderen Betroffenen. Frauenhäuser der späten Sechziger und frühen Siebzigerjahre entstanden aus den feministischen Bewegungen dieser Zeit – und die Emanzipation der Frau war ein fester Bestandteil des Konzepts. Denn Gewalt gegen Frauen war in dieser Zeit gesellschaftlich akzeptiert und die Ehe bedeutete eine strukturelle Abhängigkeit. Männer mussten ihren Frauen die Berufsausübung erlauben und konnten sogar die Jobs kündigen. 1971 lag die Erwerbsquote der Frauen bei nur 46 Prozent – 2012 waren es 71 Prozent.

Die Rolle der Frau als Mutter und fürsorgliche Ehefrau galt als Norm und Frauen in Hosen waren ein Schock für das männliche Parlament. Ernstgenommen worden sei sie mit ihren Belangen damals selten, beschrieb eine Betroffene dem Frauenhaus: „Als ich sagte, dass ich vor meinem Mann Angst habe, weil er versucht hat, mich letzte Nacht zu erwürgen“, habe der Eheberater ihr geantwortet: „Aber Frau B., denken Sie überhaupt nicht daran, wie schrecklich das für Ihren Mann sein muss, zu erkennen, dass sie so große Angst vor ihm haben?“

Vorbild für ganze Bewegung

Die Schuld für gewalttätige Übergriffe wurde bei den Frauen selbst gesucht, Unterstützung erfuhren Betroffenen keine. Doch es regte sich zunehmend Widerstand. Die Gewalt gegen Frauen sollte endlich öffentlich werden. Eine neue Frauenbewegung machte diese zu ihrem Thema – die häusliche Gewalt genauso wie das Problem struktureller Benachteiligung. Die Selbstorganisation der Frauenhaus-Bewegung und der deutlich formulierte Ausschluss von Männern war gewollt, da selbst „linke Männer“ damals nicht als „natürliche Bündnispartner“ für Frauen gelten konnten. Der Ausspruch „Das Private ist politisch“ geht übrigens auf jene Frauengruppen zurück, die sich in dieser Zeit gegenüber linken Männern empörten, die das patriarchale System ignorierten.

Gewaltvolle Strukturen wurden damals weder in linken Kreisen noch von Politik oder Polizei wahr- oder ernst genommen. In einem Interview mit der taz zitiert die Historikerin Franziska Benkel einen Kripobeamten, der Mitte der Siebzigerjahre erklärte, dass er selbst trinken gehe und wenn seine Frau mosere, müsse „sie hinter die Ohren kriegen“.

Der Berliner Frauengruppe, die ein eigenes Schutzhaus nach dem Londoner Vorbild eröffnen wollte, wurde 1976 eine alte Villa im Stadtteil Grunewald gestellt. Auch dort war die Nachfrage enorm und das Gebäude im Westen der Stadt schon vor der offiziellen Eröffnung komplett überfüllt. Die Frau eines hochrangigen Richters wurde als erste aufgenommen. Dem Projekt aber stand die Öffentlichkeit skeptisch gegenüber – und es regte sich massiver Widerstand. Schließlich wurde die Adresse der Schutzräume veröffentlicht und vor dem Haus formierten sich wütende Ehemänner. „Männer werden lernen müssen, dass Gewalt gegen Frauen nicht ihr Recht ist, dass Frauen nicht ihr Besitz sind“, erklärte eine Mitarbeiterin 1978.

Das Berliner Frauenhaus wurde zum Vorbild für eine ganze Bewegung und eröffnete einen neuen gesellschaftlichen Diskurs. 2000 aber wurde der Schutzraum in der Grunewald-Villa geschlossen. Heute stehen gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern in Deutschland etwa 400 Frauenhäuser sowie über 40 Schutz- oder Zufluchtswohnungen mit mehr als 6 000 Plätzen zur Verfügung. Hinzu kommen laut Angaben des Bundesfamilienministeriums rund 750 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen. Und nötig sind sie allemal. 

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung.

Weiterlesen

Im Vertrauen — Kazim Erdogan

Nichts ist wichtiger als Kommunikation, findet Kazim Erdogan. Der Psychologe und Soziologe leitet in Berlin-Neukölln eine Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer. Es geht um Gewalt und Emotionen. Zu Besuch in einem geschützten Raum.

Ort der Zuflucht — Susan Al-Salihi

An der deutschen Bürokratie ist Susan Al-Salihi schon oft verzweifelt. Heute bringt sie andere Frauen mit Migrationsgeschichte zusammen, die voneinander lernen und sich gegenseitig zu stützen – in einem Land, das ihnen vieles abverlangt.

Freie Kunst — Anika Krbetschek

Für Anika Krbetschek ist die Kunst Therapie und ein Schwert im Kampf gegen Ungerechtigkeit zugleich. Und genauso Sprachrohr für das, was in ihr und um sie herum passiert. Ihre Mission hinter allem: Kunst für alle zugänglich machen.

VEranTwOrtung — Kolumne Sookee

Links-Sein ist und bleibt ein ewiger Balanceakt zwischen theoretischen Entwürfen und der reellen Machbarkeit in einer gesellschaftlichen Umgebung, die einem abspricht den Ernst des Lebens verstanden zu haben.

Nein und Amen — Kolumne Maike Schöfer

Hairy Mary! Dass abrasierte Haare noch immer Thema sind, hätte ich nicht geglaubt. Zweimal habe ich meinen Kopf kahl rasiert, zweimal begegneten mir ungefragt dieselben Reaktionen. Mein Buzzcut-Befreiungsschlag ...

Journalismus mit Haltung

Mit Veto geben wir Aktivismus eine mediale Bühne und stellen all jene vor, die für Veränderung etwas riskieren. Veto ist die Stimme der unzähligen Engagierten im Land und macht sichtbar, was sie täglich leisten. Sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und sie suchen nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme.

Mediale Aufmerksamkeit aber bekommen ihre mutigen Ideen nur selten. Das muss sich ändern – und Aktivismus endlich raus aus der Nische! Die Aktiven brauchen vor eine starke Stimme und Wertschätzung für ihre Arbeit. Mit Veto machen wir Engagement sichtbar und zeigen denen, die finden, dass es nun höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

Mit Print gescheitert?

Veto gab es bis Sommer 2022 auch als gedrucktes Magazin. Doch die extrem gestiegenen Preise für Papier, Druck und Vertrieb wurden für uns zur unternehmerischen Herausforderung. Gleichzeitig bekamen wir Nachrichten aus der Community, dass sich viele ein Abo nicht mehr leisten können. Wir waren also gezwungen, das gedruckte Magazin nach insgesamt zehn Ausgaben (vorerst) einzustellen.

Aber – und das ist entscheidend: Es ist keinesfalls das Ende von Veto, sondern der Beginn von etwas Neuem. Denn in Zeiten multipler Krisen wird Veto dringend gebraucht. Um Hoffnung zu geben, zu verbinden, zu empowern und zu motivieren. Deshalb machen wir alle Recherchen und Porträts kostenfrei zugänglich. Denn: Der Zugang zu Informationen über Aktivismus und Engagement darf keinesfalls davon abhängen, was am Ende des Monats übrig ist.

Transparenzhinweis

Veto wird anteilig gefördert von der Schöpflin Stiftung, dem GLS Treuhand e.V., dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und der Bürgerstiftung Dresden. Bis 2022 war auch die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS beteiligt. Der Aufbau der Webseite wurden realisiert durch eine Förderung der Amadeu Antonio Stiftung (2019) und des Förderfonds Demokratie (2020).

Du kannst uns mit einer Spende unterstützen: DE50 4306 0967 1305 6302 00 oder via PayPal.