Text: Selina Hellfritsch — Fotos: Sina Opalka
„Zwei Jahre Lemonade Queers! Happy Birthday to us“, ruft Vlady Schklover der Menge zu, die mit begeistertem Applaus antwortet. Danach folgt ein Quiz: Wie oft fand die Partyreihe in den letzten zwei Jahren statt? Wie viel Liter Limonade trinkt eigentlich ein Erwachsener im Jahr? Und wie viele Menschen leben in Berlin nüchtern? Alle rufen durcheinander bis drei Leute ein pinkes T-Shirt mit Zitronenmotiv gewinnen. Die richtigen Antworten wären übrigens neunmal und 93 Liter gewesen. Was jedoch fehlt, ist eine genaue Zahl zum nüchternen Teil der Berliner Bevölkerung – denn die lässt sich kaum erheben, öffnet der Begriff doch sehr viel Spielraum zur eigenen Interpretation. Aber der Reihe nach …
Die Pepsi Boston Bar in Neuköllns Schwulenzentrum, das alle nur „Schwuz“ nennen, ist mäßig besucht für einen Mittwochabend. Es ist einer der größten queeren Clubs Europas. Auf der Bühne steht Drag Queen Toylette Paypr und heizt der Menge ein. Ein Technikproblem lässt die jubelnde Meute nur noch mehr abgehen, bis sie schließlich selbst die Tanzfläche flutet. Das Besondere an der Party: Alle sind nüchtern. Auch Alkohol wird keiner ausgeschenkt.
Der Host der „Lemonade Queers“ ist Sänger und Performer Vlady Schklover. „Ich war damals sechs Monate nüchtern und habe lange nach queeren Sober-Partys gesucht, aber nichts gefunden“, erzählt Schklover. Seine Partyreihe feierte 2023 Premiere und findet seitdem alle paar Monate statt. „Klar gab es ein paar nüchterne Events, aber die waren hetero-dominiert und meist esoterisch.“ Das habe ihn frustriert und so beschloss er kurzerhand auf Facebook einen Aufruf zu starten. Der Post wurde zahlreich kommentiert und geteilt.


Bald zwei Dutzend Menschen kamen zum ersten Treffen. So lernte Schklover Momo Strödecke kennen, die schon länger auf derselben Suche war wie er. Zwei Treffen später stand die Idee. Die Ambitionen waren von Anfang an groß: Zum CSD 2023 sollte es einen eigenen Sober-Truck geben. Daraus wurde zwar nichts, dafür organisierten sie mit Unterstützung des Berliner CSD-Vereins noch im selben Jahr die erste Party – und 250 Menschen kamen. Durch Fördergelder konnte die Reihe fortbestehen und ist bis bis heute kostenlos. „Damals waren wir in gewisser Weise Vorreiter“, so Schklover, „mittlerweile gibt es immer mehr Sober-Events.“
Der eigene Weg in die Nüchternheit war für Schklover kein leichter. „Im Februar 2020 war ich auf einer Party und hatte einen Filmriss von zwölf Stunden. Und da wurde mir klar: Ich habe offensichtlich ein Problem und möchte eine Therapie anfangen.“ Als wenig später die Corona-Pandemie ausbrach, spielte ihm der Lockdown in die Karten. Kein Get-together, kein Alkohol, keine Angst, etwas zu verpassen und gleichzeitig viel Zeit, um sich auf die eigene Genesung zu konzentrieren. Schklover zog zu seinem Vater nach Düsseldorf und über das nächste Jahr folgten Phasen der Abstinenz. Die ersten Lockerungen brachten jedoch einen Monat voller Ekstase in Berlin, aber auch Zeit in einer offenen Klinik, um seine Depression zu behandeln.
„Ich gehe mit all dem offen um, möchte nicht unbedingt Ratschläge geben, aber Erfahrungen teilen“, bemerkt Schklover. Gerade beim Thema Abstinenz müsse jede Person einen eigenen Weg für sich finden. „Nachdem ich wieder ein Jahr lang krass viel getrunken und konsumiert hatte, stand für mich im August 2022 fest: Jetzt mache ich zwei Jahre Pause.“
Konsum als Normalität
Besonders in der LGBTQIA+-Community ist der Drogen- und Alkoholkonsum hoch. Drag Brunch, Speed-Dating in Bars, Clubnächte, Sexpartys: Queeres Sozialleben ist eng mit Rauschmitteln verknüpft. Das hat unter anderem mit dem 1994 gestrichenen Strafgesetzbuch-Paragraphen 175 zu tun, der schwule Männer seit dem Deutschen Kaiserreich kriminalisierte und von der Straße verdrängen sollte. Zuflucht fanden sie auch in Bars und Clubs – und so entstand eine lebendige Nachtszene, die bis heute Lebensmittelpunkt und Arbeitsort vieler Queers ist.
Eine Studie der US-amerikanischen NYU Grossman School of Medicine fand außerdem heraus, dass LGBTQIA+-Personen, egal welchen Alters, im Vergleich zu Heterosexuellen einen höheren Alkohol- und Drogenkonsum aufweisen. Als Ursachen werden Diskriminierung, Unterdrückung und Stigmatisierung aufgrund der sexuellen Orientierung genannt. Sucht sei unter schwulen, lesbischen und bisexuellen Personen kein jugendliches Phänomen. Neue Stressfaktoren wie soziale Isolation und Altersstigmatisierung zeigten sich bei LGBTQIA+ vor allem im Alter.
„Ich habe mich mein halbes Leben versteckt, weil ich nicht geoutet war“, sagt Schklover. Noch heute arbeite er dieses Trauma auf – auch in seinen Songs. „Ich hatte Schwierigkeiten, mich zu öffnen, Intimität zuzulassen. Dazu kommt, dass ich als Mann sozialisiert wurde, der Gefühle unterdrücken soll. Für mich und viele schwule Männer hat das zur Folge, dass ich meine erste Connection zu Männern durch Alkohol, Drogen und Sex gefunden habe.“
In der schwulen Szene sei Drogenkonsum weit verbreitet, der Zugang einfach und der soziale Druck hoch. Auch Sex unter Einfluss stimulierender Substanzen spiele eine große Rolle. 2024 lag die Zahl der Drogentoten erneut auf Rekordniveau – unter ihnen waren 82 Prozent Männer, im Durchschnitt 41 Jahre alt.


Obwohl der Konsum in der Szene ein offenes Geheimnis sei, werde das eigene Problem immer wieder kleingeredet, weiß Schklover. „Ein Absturz passiert den Besten“, das habe er häufig als Reaktion auf seine Abstinenz gehört. Oder auch: „Du kommst doch klar im Leben, du hast kein Problem!“ Genau das aber habe ihm gezeigt: In der Gesellschaft halte sich die Annahme, dass nur diejenigen ein Problem hätten, die nach neoliberaler Logik nicht „funktionieren“.
„Bei vielen sind die äußeren Faktoren aber unauffällig – sie haben Jobs, führen Beziehungen, pflegen Freundschaften. Gleichzeitig können sie ein Substanzproblem haben. Doch nur die wenigsten gestehen sich das ein“, beschreibt Schklover. Und gerade diese Menschen würden nicht mit nüchternen Personen umgehen können. Für den Sänger völlig nachvollziehbar: „Als ich viel getrunken und genommen habe, wollte ich diesen Rausch erreichen, aber nicht allein. Denn das würde bedeuten, ich hätte ein Problem.“
Als er vor zwei Jahren seine Abstinenz-Periode begann, ist er anfangs weiter ausgegangen, war auf Sexpartys unterwegs – nur alles ohne Drogeneinfluss. Und es fiel ihm nicht schwer, nichts zu konsumieren. Vielmehr waren es die Reaktionen anderer, die ihn störten. „Ich habe mich wie ein Alien gefühlt und hatte das Gefühl, nicht dazu zu passen“, erzählt er. „Deswegen war ich super angespannt. Am nächsten Tag ging es mir schlechter, als zu der Zeit, in der ich getrunken habe.“ Ausgeschlossen zu sein, belaste ihn.
Gleichzeitig hatte Vlady Schklover das Gefühl, seine Leute im Stich zu lassen. „Die schwule Chemsex-Community war eben auch die Community, bei der ich mich bisher am wohlsten gefühlt habe. Es war der Ort, an dem ich Intimität und Nähe bekommen habe, wenn ich sonst nirgendwo Liebe erfahren habe.“ Er will seine Zeit mit Rauschmitteln deshalb nicht einfach verteufeln: „Alkohol hat mal eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt – dadurch konnte ich mich outen, meine ersten sexuellen Erfahrungen machen und meine Beziehung finden.“
Abstinenz und Rückfall
Inzwischen habe er gelernt, Nähe und Zugehörigkeit in Freundschaften zu finden und soziale Situationen ohne Alkohol zu bewältigen und vor allem auch zu genießen. Mit den „Lemonade Queers“ will Schklover deshalb nicht nur eine Partyreihe etablieren, sondern eine Community aufbauen, die er sich selbst gewünscht hätte. Das tun auch andere. Deshalb gibt es in Berlin bereits ein Sober-Netzwerk, das im Mai seinen ersten Rave veranstaltete. Auf Festivals werden Räume geschaffen, um über nüchternes Leben und Feiern zu sprechen. „Wir sind alle vernetzt und bringen Connections mit. Das ist super hilfreich“, sagt Schklover.
Auch bei ihren eigenen Partys legen er und Momo Strödecke viel Wert auf Austausch und Verbindung. Am Anfang eines jeden Abends gibt es auflockernde Spiele und Fragen, um sich kennenzulernen: Wie oft warst du schon nüchtern feiern? Was erwartest du dir vom Abend? Nach anfänglichem Zögern kommen die Menschen darüber miteinander ins Gespräch.
Diesen Schritt zu machen, ist für Schklover selbst nicht immer einfach. Seine Idee mit dem anfänglichen Facebook-Post war simpel: queere, nüchterne Freunde finden und zusammen ausgehen. Doch er ist nicht Gast, sondern Veranstalter und Host. „Der einzige Moment, in dem ich mich immer noch abschießen wollte, war der nach unseren Partys. Ich hatte das Gefühl, so viel zu geben und nichts zu bekommen“, verrät er. Gleichzeitig habe er sich enorm unter Druck gesetzt, die Reihe erfolgreich zu machen und einen Safer Space für alle zu schaffen.


Das habe im letzten Jahr in den Burnout geführt und ihn an den Punkt gebracht, sich wieder zu betäuben. „Keine gute Idee“, kommentiert er. „Meine zwei nüchternen Jahre waren vorbei und ich hatte keine Motivation mehr, noch weiterzumachen.“ Untersuchungen belegen, dass 85 Prozent der alkoholabhängigen Personen rückfällig werden, sofern nach einer Entgiftung keine weiteren therapeutischen Maßnahmen erfolgen.
Auch wenn Vlady Schklover in Therapie war und schon länger nüchtern gelebt hat, ist er sich bewusst, dass der Weg hin zur Abstinenz nicht geradlinig verlaufen werde. Während er über die Zeit seines letzten Konsums spricht, wirkt er ernst. „Diese drei Monate waren schlimmer als die 16 Jahre davor. Ich kam an einen Punkt, an dem ich gemerkt habe: Wenn ich so weiter mache, komme ich da nicht mehr raus.“ Jeder Versuch, sich Alkohol und Drogen anzunähern, habe die Momente nur noch mehr ausufern lassen – immer mit der Ausrede im Kopf, dass er sich bereits bewiesen hatte, nüchtern leben zu können.
Mittlerweile habe er sich entschieden, ganz auf Rauschmittel zu verzichten – ohne Enddatum. „Ich habe eine Beziehung gefunden, die gesund ist und dabei gemerkt: Wenn ich jetzt nicht aufhöre, wird das nicht funktionieren.“ Einfach sei das nicht gewesen, erzählt er, aber richtig. „Ich habe gelernt, mit meinen Emotionen umzugehen, sie zuzulassen und auszusitzen, anstatt immer davor wegzulaufen.“ Für die Zukunft hat Vlady Schklover auch noch mehr große Pläne. Mit den „Lemonade Queers“ will er in andere deutsche Städte expandieren, international mit anderen Kollektiven zusammenarbeiten, um ein eigenes Festival zu organisieren. „Wir wollen diese Brücke zwischen Konsum und Abstinenz sein. Und ich möchte mehr Menschen dazu bringen, mal nüchtern zu feiern und ihre Gewohnheiten zu überdenken.“
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