Lila-weiße Welt — Viola.161

An jedem Spieltag setzt die Fangruppe Viola.161 antifaschistische Botschaften im Stadion. Fußball und Politik gehören hier zusammen, es gibt keine Hierarchien und Beleidigungen sind tabu. Ein Besuch in der Kurve von Tennis Borussia Berlin.
3. Dezember 2025
4 Minuten Lesezeit
Text: Nico Bülles — Fotos: Frederike van der Straeten

Freitagabend kurz vor acht, grelles Flutlicht im Mommsenstadion in Berlin-Charlottenburg – Heimspiel für die Tennis Borussia Berlin, Oberliga Nord. Eine halbe Stunde vor Anpfiff hängen Mitglieder der Fangruppe Viola.161 ihre lila-weißen Zaunflaggen auf, legen Doppelhalter und Schwenkfahnen für die Choreo bereit. In der Kurve hat die Gruppe heute auch einen eigenen Stand aufgebaut. Es gibt Snacks, Getränke und Sticker gegen Spende. „Wir boykottieren das offizielle Catering mit seinen lauwarmen Getränken und langen Wartezeiten“, erklärt ein Mitglied der Gruppe. „Und wir sammeln Geld für die SchwuZ Queer Stiftung.“

Im Block E läuft vieles anders, als es sonst in Stadien mit organisierten Fangruppen üblich ist. Hier bleiben Megafone und Trommeln stumm. Das haben die Fans bewusst entschieden: „Wer supporten oder vorsingen möchte, kann dies jederzeit ohne Verstärkung tun.“ Weder einzelne Personen noch kleine Gruppen sollen dominieren, der Support wächst aus der Gemeinschaft. Dass klare Rollen fehlen, gehört zur basisdemokratischen Idee der Gruppe. 

„Unser Fanblock soll ein möglichst sicherer und angenehmer Ort für alle sein, außer für Nazis.“ Denn gerade für marginalisierte Menschen bedeute ein Mob Fußballfans meist eine konkrete Gefahr, Anfeindungen oder Übergriffe. „Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht. Auf den Tribünen muss sich etwas verändern.“

Wer Fußballspiele im Stadion besucht, kennt auch verbale Provokationen und Beleidigungen zwischen verschiedenen Fanlagern, manchmal sexistisch oder rassistisch. Für Viola.161 ist eine diskriminierende Sprache tabu. Trotzdem komme es hin und wieder zu Pöbeleien – etwa von anderen Fans. Dann kontert der lila-weiße Block oft spontan und stellt sich gegen rechte Parolen. „Wir dokumentieren Vorfälle, merken uns Gesichter oder sorgen für ein Hausverbot.“ Rechte Symbole und Marken seien schon seit Jahren verboten.

Für den Berliner Fanclub ist klar: „Fußball darf nicht nur für deutsch sozialisierte Cis-hetero Männer ein sicherer Ort sein, sondern für alle. Das heißt auch, dass wir solidarisch mit linken Kämpfen sind, auch wenn diese erstmal nichts mit einem Fußballspiel zu tun haben.“

Was die Gruppe eint, das ist die Überzeugung, dass ihr Lieblingssport und Politik verbunden sind. Mehr noch: „Fußball ist vielleicht der letzte klassenübergreifende Drittort in einer Welt, die sich zunehmend spaltet. Wo Menschen zusammenkommen, ist es quasi unmöglich, nicht auch politisch zu sein.“ Linke Positionen präsentiert die Gruppe auf Bannern, Fahnen und in Choreos. Wie viele Mitglieder Viola.161 genau hat, soll geheim bleiben.

Fans unter Verdacht

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei Nordrhein-Westfalen teilt Fans in drei Kategorien ein. Gewaltbereite Hooligan-Gruppen zählen zur Kategorie C. Ultras, die Gewalt nicht grundsätzlich ablehnen, ordnet die ZIS der Kategorie B zu – etwa im Zusammenhang mit dem Raub von Fan-Utensilien anderer Vereine. Jeder Vorfall landet in der bundesweiten Datei „Gewalttäter Sport“, ohne dass die betroffenen Personen darüber informiert werden.

Kritik äußern vor allem die Fanhilfen, sie fordern die Abschaffung oder zumindest eine Reform der Datei, weil sie Fußballfans stigmatisiere. Unbeteiligte, die nur zufällig in Konflikte geraten, würden unter Generalverdacht gestellt und in einer Polizeidatenbank erfasst. 

Die friedliche Mehrheit im Fußballstadion fällt in die Kategorie A, bleibt aber nicht unbedingt nur passiv. Ein prominentes Beispiel war das Drittligaspiel zwischen Rot-Weiss Essen und der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart Ende Dezember 2024: Während einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt rief ein Zuschauer die rassistische Parole „Deutschland den Deutschen“. Die Reaktion folgte sofort: Sprechchöre im Essener Stadion reagierten mit „Nazis raus!“. 

In den letzten Jahren wurde medial immer wieder über den Rechtsruck unter Fußballfans berichtet. Manche zeigten in Stadien Banner mit rechtsextremen Botschaften oder trugen einschlägige Kleidermarken mit verbotenen Symbolen, andere beleidigten und attackierten Menschen rassistisch. Während der Europameisterschaft 2024 forderte Rassismusforscher Lorenz Narku Laing härtere Strafen bei solchen Vorfällen und erklärte, dass sich Rassismus besonders im Breitensport Fußball zeige – und zu lange sei nichts dagegen getan worden.

Umkämpfte Symbole

Rassismus und Sexismus sind besonders in unteren Spielklassen ein Problem. Fans aus dem Umfeld von Hertha BSC sollen 2024 beim Zweitligaspiel in Darmstadt Bahnreisende sexistisch und rassistisch beleidigt haben. Rassistische Anfeindungen gab es ebenfalls im November 2025 in München und im Dezember in Dresden.

„Fanszenen mit hierarchischen und patriarchalen Strukturen bieten einen Nährboden und sind Sammelbecken für gesellschaftliche Phänomene.“ Die Kurve von Tennis Borussia Berlin soll ein anderes Fußballerlebnis schaffen: So würden regelmäßig progressive Fans anderer Vereine im Block E auftauchen. Solange das respektvoll passiere, sei das kein Problem. „Wir haben mit anderen linken Fußballbegeisterten sicher mehr gemeinsam als mit dem Querschnitt der Gesellschaft. Hier auf Konkurrenz zu pochen, ist kontraproduktiv.“ 

Tennis Borussia Berlin (TeBe) ist seit Jahren für sein gesellschaftspolitisches Engagement bekannt. Der Verein wurde am 9. April 1902 als Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft gegründet. Mitte der Siebzigerjahre spielte Tennis Borussia zwei Saisons in der Bundesliga, später folgten mehrere Insolvenzen. Der derzeitige Fünftligist galt außerdem als Vorbild im Frauenfußball. 1969 stellten sich Spielerinnen gegen das Verbot des DFB, der sich damals um den Verlust von „Schicklichkeit und Anstand“ sorgte. Rund um den Berliner Verein gründete sich zudem die Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“

Das alles verläuft nicht immer ohne Konflikte. So wollte der Vereinsvorstand im Sommer 2017 die Regenbogenfahne hinter dem Stadion abnehmen lassen. „Offiziell sah Vorstandschef Jens Redlich die Neutralität des Vereins und die Attraktivität für Sponsoren bedroht. Inoffiziell war ihm die linke und emanzipatorische Fanszene von Anfang an ein Dorn im Auge“, verdeutlichen Mitglieder von Viola.161. Am Spieltag stellten sie sich schützend vor die gehisste Fahne und hinderte die Sicherheitskräfte daran, sie zu entfernen. Geblieben ist sie bis heute.

Der Zusammenhalt in Krisenzeiten erklärt, warum Fans hier einen Ort gefunden haben, an dem sie Fußball mit Überzeugung leben können. Der Weg in den Block sei jedoch immer individuell. „Manche waren schon politisch aktiv, bevor sie zum Fußball kamen. Andere haben aufgrund einer zunehmenden Kommerzialisierung in den Stadien oder ganz persönlichen Gründen bei uns etwas verloren Geglaubtes wiedergefunden.“

Es gebe auch Menschen, die Fußball selbst nicht mögen, aber dennoch regelmäßig kommen, weil sie sich in dem sozialen Umfeld so wohlfühlen. „Fakt ist: Die wenigsten werden als TeBe-Fan geboren. Manchmal reicht ein Besuch im Stadion, damit der Funke überspringt.“

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung. Du kannst uns ganz einfach bei Steady unterstützen oder auch mit einer Spende via PayPal.

Weiterlesen

Nette Nachbarn — Franziska Reich

Das thüringische Kahla hat ein Problem mit Neonazis. Doch es gibt Menschen, die dagegenhalten. Eine antifaschistische Gruppe hat hier eine Nachbarschaftsstube eröffnet – und zeigt, wie neuer Zusammenhalt entstehen kann. Ein Besuch.

Ostblick — Kolumne Jakob Springfeld

Warum ich über den Sommer kein Europabotschafter geworden bin. Ein Text oder eher ein verlängerter Tagebucheintrag übers Pausemachen in Krisenzeiten, über Europas Parallelwelten und Begegnungen, die ich erst noch verarbeiten muss.

Nachgeschmack — Anuscha Zbikowski

Emil Wendland wird am Morgen des 1. Juli 1992 erstochen auf einer Parkbank im brandenburgischen Neuruppin gefunden – die Täter sind Neonazis. Eine Initiative erinnert an seine Geschichte und wird dafür von Rechtsextremen angefeindet.

Ausgeliefert — Family & Friends Hamburg

Maja T. sitzt wegen mutmaßlicher Übergriffe auf Neonazis in Ungarn im Gefängnis. Eine Auslieferung aber hätte es gar nicht geben dürfen. Sechs weitere Angeklagte warten derweil hierzulande auf ihren Prozess. Eine Begegnung mit Angehörigen.

Weggepfeffert — Queer Pride Dresden

CSDs werden immer öfter zur Zielscheibe von rechts. Doch die queere Community organisiert sich weiter und schützt sich selbst. Zu Besuch bei einem Pfefferspray-Workshop, der zeigt, wie Gruppen in Sachsen die neue Pride-Saison vorbereiten.

Journalismus mit Haltung

Mit Veto geben wir Aktivismus eine mediale Bühne und stellen all jene vor, die für Veränderung etwas riskieren. Veto ist die Stimme der unzähligen Engagierten im Land und macht sichtbar, was sie täglich leisten. Sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und sie suchen nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

Du kannst uns mit einer Spende unterstützen: DE50 4306 0967 1305 6302 00 oder via PayPal.