Text: Laura Catoni — Fotos: Karla Schröder
Therese und ihre Tochter eilen mit vollen Einkaufstaschen über die Leipziger Karl-Liebknecht-Straße nach Hause. Plötzlich stoppen sie im dichten Schneegestöber. Vor ihnen: eine überlebensgroße Bronzeplastik. Geschaffen um 1970 vom Bildhauer Rudolf Oelzner. Sie zeigt eine Familie mit Mutter, Vater, Kind. Doch an diesem Tag ist etwas anders. Die zwei Meter hohe Männerfigur trägt ein pinkes Tuch um Brust und Schultern. Im Stoff steckt eine Babypuppe.
Ein Mann mit Tragetuch? Für Therese ist an diesem Bild nichts besonders – für andere schon. „Väter wollen oft nur auf dem Papier Care-Arbeit leisten, aber am Ende doch nicht das geben, was nötig wäre. Deshalb müssen wir Mütter oft noch die Väter ersetzen“, beschreibt die junge Leipzigerin, die eigentlich anders heißt. Sie hofft, dass der Bronzemann mit Tragetuch heute viele Menschen zum Nachdenken bringt.
Das möchte auch Tina Lüderitz. Sie, knapp ein Meter 60, ist eben bei Minusgraden an der doppelt so großen Statue hochgeklettert und hat Tuch und Puppe installiert. Die Botschaft dahinter: Care-Arbeit ist auch Männersache. Unterstützung bekommt sie von Franziska Helms. Beide, das macht die Aufschrift auf den roten Warnwesten über ihren dicken Wintermänteln klar, sind Teil der im Mai 2025 gegründeten Liga für unbezahlte Arbeit. Die LUA sieht sich als erste gewerkschaftsähnliche Interessenvertretung für alle familiär Sorgearbeitenden in Deutschland. Auch im Ausland gibt es bisher kaum vergleichbare Carewerkschaften.

Während Verdi und Co. für faire Löhne streiten, kämpft die LUA für faire Bedingungen in der Care-Arbeit, die in der Regel unbezahlt ist. Aktuell tut sie das vor allem über Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit. Langfristig soll es einen deutschlandweiten Streik und auch eine Rechtsberatung für Menschen geben, die Diskriminierung erfahren haben, weil sie sich neben ihrem Job um Kinder oder kranke Eltern kümmern müssen. Alles Aufgaben, die noch immer überwiegend Frauen erledigen.
2025 lag der sogenannte Gender Care Gap, die Lücke zwischen der Zeit, die Frauen und Männer durchschnittlich in Sorgearbeit investieren, bei 43,4 Prozent. Frauen waren demnach fast neun Stunden pro Woche länger beschäftigt als Männer. Bei Eltern betrug der Abstand sogar mehr als 14 Stunden. Die Folge: eine ungleiche Verteilung von Geld, Zeit und Macht. Denn häufig entsteht so eine Abhängigkeit von Frauen zu ihren Partnern, die meist deutlich besser bezahlte Arbeit leisten. Das beweist der sogenannte Gender Pension Gap, der angibt, wie viel Prozent niedriger das Alterseinkommen von Frauen im Vergleich zu Männern ist. 2023 lag er in Deutschland bei knapp 40 Prozent.
Was leisten denn die Männer?
Tina Lüderitz frustrieren diese Zahlen. „Es tut sich gefühlt nichts“, sagt sie, die Wangen von der Kälte rot gefärbt. Das zeigen politische Debatten wie die zur Lifestyle-Teilzeit. „Der Fokus liegt nur darauf, dass die Leute noch mehr Erwerbsarbeit leisten. Stattdessen müsste es vor allem darum gehen, Care-Strukturen zu schaffen, die das überhaupt erst möglich machen.“
Schon seit Jahren engagiert sie sich in feministischen Projekten. „Mir fehlte dabei aber irgendwann der Blick fürs große Ganze, ein übergeordnetes Ziel“, erzählt die 36-Jährige. Das habe sie bei der LUA gefunden. Die Carewerkschaft will den Schutz vor Diskriminierung wegen familiärer Fürsorgeverantwortung im Grundgesetz verankern. Ein Ansatz, der Lüderitz neuen Antrieb gab. Zum Beispiel für solche Aktionen wie heute, an einem kalten Januartag in Leipzig.


Unter dem Titel „Caring Men“ (auf Deutsch: fürsorgende Männer) hatte eine Initiative aus Münster dazu aufgerufen, Männerstatuen im öffentlichen Raum anlässlich des Equal Care Days im März mit Baby-Tragetaschen und Tragetüchern auszustatten. Die LUA unterstützte die Kunstaktion, die in dieser Form erstmals in Großbritannien stattfand.
In Leipzig zieht der Appell durchaus Aufmkersamkeit auf sich. Zum Beispiel die von Franziska Walther. Die junge Mutter war gerade mit ihrem Baby und Coffee to go unterwegs, als sie die Aktion zum Halten brachte. Viele Freundinnen treibe die Verteilung der Care-Arbeit in ihren Partnerschaften um. Sie habe das Glück, dass ihr Partner seine Verantwortung wahrnehme, aber so laufe es nicht immer. „Für die Männer geht es nach dem Wochenbett oft so weiter wie zuvor und für die Frauen ändert sich alles.“
Nicht nur Einkauf und Wäsche
Auch Tina Lüderitz und ihr Partner hatten nach der Geburt ihres ersten Kindes zu kämpfen, die Care-Arbeit fair aufzuteilen. Schnell spürte sie ein Ungleichgewicht in der Beziehung. Doch sie konnte es lange nicht benennen. Nach der Geburt des zweiten Kindes stolperte sie in einem Buch über den Begriff „mental load“, der ihr die Augen öffnete.
Inzwischen hätten sie und ihr Mann ein Gleichgewicht gefunden. Und dennoch habe sie das Gefühl, konstant über ihre Grenzen zu gehen. Als Mutter sei sie ständig am Abwägen: Bringe ich jetzt die Kinder ins Bett, mache ich noch was für meinen Aktivismus oder beantworte ich eine Arbeits-E-Mail? „Dabei habe ich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, ich bin nicht genug für die Kinder da.“ Anders als in ihrem 35-Stunden-Job im Personalwesen, bei dem sie Projekte abarbeite, sei ihre Care-Arbeit nie abgeschlossen.
Sie könne es gut verstehen, wenn überlastete Mütter keine Kraft haben, sich zusätzlich für eine Verbesserung ihrer Situation einzusetzen. „Es gibt keine gute Zeit für uns, um aktiv zu werden.“ Treffen sind schwer zu planen, wenn manche nur vormittags Zeit haben, wenn das Kind in der Kita ist und andere nur abends, wenn der Partner wieder da ist. Ohne Zeit kann keine Lobby entstehen – eine Lücke, die die LUA nun füllt, hofft Lüderitz.

„Ich treffe immer wieder auf Menschen, die nicht einmal wissen, was Care-Arbeit bedeutet“, berichtet die Leipzigerin, „vor allem Männer.“ Dabei bräuchte die Care-Bewegung auch sie, um voranzukommen. „Aber ich bin müde geworden, Männer zu überzeugen, dass es auch ihnen gut täte, wenn sich die Verhältnisse änderten.“
Lüderitz ist in den Neunzigerjahren in Magdeburg großgeworden. Als Ost-Kind sei es für sie selbstverständlich gewesen, dass beide Elternteile in Vollzeit erwerbstätig waren. Die Arbeit, die Zuhause anstand, sei nie Thema gewesen und für sie unsichtbar geblieben. Das will die zweifache Mutter bei ihrer Tochter und ihrem Sohn verhindern. „Wenn meine Kinder spielen oder eine Serie schauen, erkläre ich ihnen, dass wir in der Zeit den Einkauf wegräumen oder Wäsche waschen.“ Care-Arbeit beinhaltet für Lüderitz aber noch mehr: „Füreinander da sein, sich stärken, im Leben begleiten. Nicht nur in der Familie, auch in Freundschaften.“
In der Gesellschaft, die sich Lüderitz wünscht, ist es selbstverständlich, dass alle einen Teil Sorgearbeit leisten, auch ohne eigene Kinder oder pflegebedürftige Eltern. Indem sie sich um das Kind ihrer besten Freundin kümmern oder einen Sportverein für Kinder betreuen. „So werden Kapazitäten frei für die, die sonst immer am Anschlag sind“, sagt die Aktivistin. Sie ist überzeugt: „Wenn alle mehr Care-Verantwortung übernehmen, verbessern sich alle Leben.“
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