Worte finden — The Sirens Collective

Wie laut wäre der Signalton, wenn für jeden sexualisierten Übergriff eine Sirene ertönen würde? In einem digitalen feministischen Archiv brechen Betroffene ihr Schweigen. Zwei Künstlerinnen machen so Schluss mit der Dunkelziffer.
18. August 2026
3 Minuten Lesezeit
Text: Ruth Klages — Fotos: Daniela Reske

Lise van Wersch und Kim Hoss stecken eine Säule aus Papp-Elementen zusammen. „Wir hören dich“ und „Teilen kann heilen“ ist darauf zu lesen. Wellenmotive und Sterne zieren den Stand von The Sirens Collective. „Menschen schauen lieber schöne Scheiße an als hässliche“, erklärt van Wersch die Motive. „Das senkt die Hürde, sich mit sexualisierter Gewalt zu beschäftigen.“

Schon von weitem ist die rosafarbene Muschel zu sehen. Oben hat die Skulptur einen Schlitz, in den Betroffene von sexualisierter Gewalt ihre aufgeschriebenen Erfahrungen hineinwerfen können. Bei einem Festival auf einem alten Industriegelände in Stuttgart wollen Kim Hoss und Lise van Wersch Menschen ansprechen, die ihr feministisches Archiv noch nicht kennen.

Wie laut wäre der Signalton, wenn für jeden sexualisierten Übergriff eine Sirene erklingen würde? Könnten wir das überhaupt noch aushalten? „Wahrscheinlich wäre der Ton so laut, dass es uns das Trommelfell innerhalb von einer Sekunde zerfetzt“, schätzt Kim Hoss. Als sie diesen Satz 2022 in ihrem Podcast sagt, ist die Kunststudentin Lise van Wersch inspiriert. Sie schreibt Hoss und nur wenige Sekunden später besiegelt ihre Antwort eine Zusammenarbeit, die seither andauert. Inzwischen hat The Sirens Collective fast 300 Mitglieder.

„Was wir gemacht haben, ist so einfach und trotzdem gab es das vorher einfach nicht“, sagt Hoss. In ihrem Archiv können sich Menschen anonym mitteilen. Dabei gibt es drei Regeln: keine Klarnamen gewaltausübender Personen, nur eigene Geschichten, keine Bewertungen.

Radikale Empathie

Mit The Sirens Collective wollen die beiden Künstlerinnen anderen die Möglichkeit geben, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und Unterstützung zu suchen. „Wenn ich es alleine am Laptop nicht schaffe, diese Worte aufzuschreiben, dann erzähle ich das auch sonst niemandem“, sagt van Wersch. Was es dafür braucht? „Radikal empathisch“ sein, fasst sie zusammen. Mit Mitstreiterin Hoss will sie so den Diskurs verändern, bei dem sich Täter hinter Unschuldsvermutungen ausruhen können.

In einem Podcast sprechen Hoss und van Wersch mit Hilfsorganisationen und Betroffenen – vor allem wollen sie zuhören. „Die eigene Geschichte nochmal zu hören, kann wie Therapie sein.“ Es geht um das, was nach der Tat passiert: die Konsequenzen, emotionale Schäden und den persönlichen Heilungsprozess. Einige berichten von gesundheitlichen Folgen. Sie fühlen sich vom eigenen Körper entfremdet, leiden unter Rückenschmerzen, Migräne, Übelkeit oder darunter, nicht mehr laufen zu können. „Wir lernen immer: ‚Pass auf dich auf‘“, verdeutlicht van Wersch. „Aber eigentlich müsste der Satz lauten: Mir darf niemand was antun.“

Eine Betroffene hat sich selbst dabei gefilmt, wie sie ihren ersten Archivbeitrag schrieb. In der Aufnahme zittert ihr ganzer Körper. „Das ist Alarm-Endstufe für das Nervensystem“, sagt van Wersch. „Wenn du etwas ausspricht, startet diese Welle in dir.“ Offizielle Zahlen belegen die Dramatik. Das Bundeskriminalamt erfasste bei Vergewaltigungen seit 2018 einen Anstieg um mehr als 71 Prozent. Auch sexuelle Übergriffe nahmen zu. Doch immer noch werden viele Taten nicht erfasst. Und nur etwa jeder zehnte angezeigte Fall führt zu einer Verurteilung.

„Es bleibt ein Gefühl von Machtlosigkeit“, sagt Lise van Wersch. Hinzu komme die Sorge, was passieren könnte, wenn der eigene Fall öffentlich wird. „Wenn ich jetzt was sage, ist es dann noch gefährlicher für mich? Überlebe ich das?“

Verbündete finden

In Stuttgart bleiben junge Menschen vor der rosanen Muschel stehen. Viele hören hier zum ersten Mal von The Sirens Collective. Das Konzept ist schnell erklärt: „Es gibt kein zu schlimm und auch kein nicht schlimm genug.“ Lange überlegen muss kaum jemand. Auf Notizblöcken schreiben sie in Ruhe ihre Geschichten auf. Nachdem eine Jugendliche ihren Zettel einwirft, sagt sie: „Es war sehr befreiend, mir ist eine Last abgefallen.“ Zum ersten Mal rede sie darüber, was ihr passiert ist. Sie hofft, mit der Veröffentlichung anderen Mut zu machen. Die Freundin, mit der sie gekommen ist, ergänzt: „Jedes Mal, wenn wir über Gewalterfahrungen sprechen, wird es ein bisschen leichter und ich bin damit nicht mehr alleine.“

Das Archiv wollten die Gründerinnen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) übergeben, als eine Art niedergeschriebenes Mahnmal. Doch sie haben sich anders entschieden. „Wir planen eine Intervention“, verrät Hoss. Die Idee: Eine Glaskuppel direkt vor dem Bundestag. „Wir setzen uns da rein, lesen 24 Stunden lang aus dem Archiv vor und parallel gibt es einen Livestream.“

Die ersten 3 000 Einträge haben Kim Hoss und Lise van Wersch alle gelesen. Es ging ihnen oft schlecht dabei. Inzwischen sind es mehr als 11 000. „Sexualisierte Übergriffe passieren seit Jahrhunderten jeden Tag und niemand tut was. Das kann doch nicht sein“, bemerkt Hoss. Deshalb brechen sie mit ihrem Archiv Stück für Stück das Schweigen. Und bauen das, was sie einen sicheren Hafen nennen. „Jede neue Nachricht bestärkt uns, dass wir weitermachen müssen und gerade erst am Anfang stehen.“

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