Text: Lars Freudenberger — Fotos: Thomas Pirot
Hunderte Zelte mitten in der Bankenstadt Frankfurt am Main. Für zwei Wochen im August ist der Grüneburgpark nahe der Gothe-Universität Austragungsort für das System Change Camp. Mehr als 1 000 Teilnehmende sind gekommen. Auf dem weitläufigen Areal herrscht an diesem Freitagmittag geschäftige Ruhe. Frankfurts Europaturm und ein gläserner Wolkenkratzer mit Baukran ragen über die Baumkronen und erinnern trotz dichtem Grün an die großstädtische Umgebung. Auf den Wiesen genießen temporäre Parkbewohnende die Mittagssonne.
Politische Krisen diskutieren und Lösungen finden – das ist das Ziel des Camps. Auch Scully ist in die Zeltstadt gezogen, um sich fortzubilden, neue Gruppen und Strategien kennenzulernen. Der Räumungsversuch im Hambacher Forst 2018 sei für sie ein prägender Moment gewesen.


„Anfangs war ich völlig ahnungslos. Dann habe ich diese riesigen Löcher gesehen, die Bagger, die Hundertschaften der Polizei und die Dörfer, die gezeichnet waren von den Umsiedlungen“, beschreibt Scully, die ihren richtigen Namen für sich behalten will. „Gefühlt bin ich seither nie wieder aus dem Wald herausgekommen.“
Während sie erzählt, geht die Mittagspause im Camp allmählich zu Ende. Scully hat sich aus den vielen Angeboten für einen Workshop des Compass Collective entschieden. Mit einem Segelboot rettet die Gruppe Geflüchtete auf dem Mittelmeer. Zwei Crewmitglieder berichten von mühsamen Vorbereitungen und aufwühlenden Missionen. 60 Interessierte lauschen gebannt, doch längst nicht alle finden einen Platz in dem Zelt.
Streit und Farbattacke
Am Eingang zum Park macht sich währenddessen Aufregung breit. Die örtliche CDU hatte zu einer kritischen Begehung des Camps geladen. Schon Tage zuvor veröffentlichte die Partei Kritik per Pressemitteilung und auf Social Media. Es sei problematisch, „für einen politischen Systemwechsel zu streiten“, schrieb der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands, Nils Kößler, bei Instagram. Zudem wurde vor antisemitischen Übergriffen gewarnt. Zuspruch gab es unter anderem vom Frankfurter Verein Honestly Concerned, der sich „für eine unvoreingenommene Berichterstattung zum Thema Israel“ einsetzt. Die Gruppe hatte vor dem Camp gewarnt; die Verantwortlichen warfen ihr hingegen Provokationen und Sabotage vor.
Der Nahostkonflikt führt schließlich zu hitzigen Wortgefechten – und die geplante Begehung des Parks verzögert sich um etwa eine halbe Stunde. Zwei Dutzend Demonstrierende ziehen schließlich mit Plakaten und der Aufschrift „Bring Them Home“ am Rande des Zeltplatzes entlang. Gemeint sind die mehr als 50 israelischen Geiseln, die die Hamas in Gaza gefangen hält. Mindestens 20 von ihnen sollen noch am Leben sein. Doch plötzlich wird der Protestzug gestoppt. Mehrere Personen versperren den Weg.
Am Nachmittag kommt es zu einer Farbattacke. Einer der Betroffenen ist der Vorsitzende des Vereins Honestly Concerned, Sacha Stawski. Später erklärt er in einem Beitrag auf Facebook, er sei beschimpft und mit einem roten Farbbeutel im Gesicht getroffen worden. Die Camp-Verantwortlichen jedoch bemerken, dass die Werfenden zuvor selbst attackiert worden. Sie betonen, es handle sich um die Tat einer Einzelperson und um eine „klare Verletzung der roten Linien“. Das mediale Echo: groß. Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Carsten Knop, sprach in einem Kommentar von einem „Camp der Schande“.
Kritik am Kapitalismus
Scully hält von diesen Anschuldigungen wenig. „Die CDU und FDP inszenieren während des Camps öffentlich Provokationen und konstruieren Erzählungen, die jeglichen Tatsachen widersprechen.“ So hieß es unter anderem, der Park und die Spielplätze seien wegen des Camps unbenutzbar gewesen. „Ich sehe hier einen gut besuchten Park mit vielen Familien. Viele kommen interessiert auf uns zu und wollen wissen, was wir hier machen.“
Den Antisemitismus-Vorwurf nennt Scully ein „Go-To-Argument“, um linke Organisationen zu diskreditieren. Der Nahostkonflikt spiele auch intern eine große Rolle, erklärt die Aktivistin. Daraus habe sich eine Haltung entwickelt, die das Geschehen in Gaza als Genozid benennt und den israelischen Staat als rechts-nationalistisch und faschistisch bezeichnet.


So stark wie an diesem Tag überschattet der Nahostkonflikt das Camp aber nicht immer. Gerade in Zeiten, in denen selbst progressive Kräfte tief gespalten sind, sei es nötig, über System Change zu sprechen, findet Scully. „Wir müssen uns mit den ganz Großen anlegen. Anders funktioniert das nicht. Kapitalismus bedeutet immer Wachstum – und deshalb auch Ausbeutung, Krisen und Kriege.“ Gerechtigkeit sieht Scully als zentrales Thema der Debatten.
Das Camp sei dazu da, Strukturen zu vernetzen und Erfahrungen miteinander zu teilen. Denn besonders die Klimabewegung habe in den vergangenen Jahren viele Rückschläge erlebt. „Die Corona-Pandemie oder die Lützerath-Räumung haben uns schwer zu schaffen gemacht“, sagt Scully. „Es braucht Orte wie diese, um das wegzustecken und einander zu stärken.“
Klima vor dem Kollaps
Die Szenerie im Frankfurter Park wirkt extrem durchmischt. Auf einer freien Fläche wurde ein provisorisches Volleyballnetz aufgebaut, gleich daneben hat die lokale Ortsgruppe der Omas Gegen Rechts zu einer offenen Chorprobe geladen und an einem Stand werden Crêpes gegen Spende angeboten. Nur 20 Meter weiter steht die Polizei in Vollmontur inklusive Helm, um den Gegenprotest nach letzten verbalen Auseinandersetzungen vom Gelände zu eskortieren.
Auch Scully zieht weiter. Nächster Programmpunkt: ein Vortrag der Gruppe Debt for Climate. Wieder ist das Zelt gut gefüllt. Eine Person berichtet auf Spanisch vom geplanten Protest indigener Personen gegen die geplante UN-Klimakonferenz in Brasilien im November. Ab dem 12. Oktober soll eine Karawane von Mexiko bis zum Veranstaltungsort in Belém ziehen, um „gemeinsam eine Stimme für Umweltgerechtigkeit“ zu erheben. Die Worte der Aktivisten werden live übersetzt und auf ausliegende Headsets übertragen.
Draußen laufen die Vorbereitungen für die „Küche für alle“: ein solidarisches Essensangebot, das über Spenden funktioniert. Kiloweise Gemüse lagert in riesigen Säcken verpackt, überall wird geschnippelt, gewaschen, sortiert. Vor dem Essen aber geht es noch in die Innenstadt: Die Camp-Bewohnenden sind zu einer gemeinsamen Demo mit Fridays for Future verabredet.
Auf dem Weg erzählt Scully von anderen vergleichbaren Aktionen, an denen sie beteiligt ist. Von Frankfurt aus reist sie direkt weiter zum ersten Kollaps-Camp in Brandenburg, das sie mitorganisiert. Das Medieninteresse ist groß, immer wieder klingelt ihr Telefon. Der Stress bei der Vorbereitung einer mehrtägigen Aktion sei riesig, erklärt sie. „Ich muss mich immer mal rausnehmen, mich neu sortieren und überlegen, ob ich bei allen Themen mitmischen muss.“
Weiter Weg zur Utopie
Schlimmer als die stressbedingte Belastung, sei aber die dauernde Angst vor Repressionen. Scully saß ein Jahr lang in Haft, weil sie eine Abschiebung verhinderte. Da sie keine Beteiligten verriet, wurde ihre Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt. „Wir müssen uns klar sein, dass die Repressionen nicht weniger werden – im Gegenteil.“
Inzwischen haben die Teilnehmenden des Camps den Startpunkt der Demonstration erreicht: den Frankfurter Willy-Brandt-Platz. Eine Person hat sich ein aufblasbares Dinosaurier-Kostüm übergestülpt. Die Stimmung wirkt entspannt. Nach einem Redebeitrag von Fridays for Future geht es zurück zum Grüneburgpark. Immer wieder schallen antikapitalistische Parolen durch die Häuserschluchten. Vor einer Filiale der Deutschen Bank findet eine Kundgebung statt.


Zurück im Camp füllt sich der Platz vor der Essenausgabe mit hungrigen Menschen. Während die Sonne hinter den Bäumen verschwindet, kündigt das Küchenteam einen Streik an, sollten nicht alle offenen Schichten bis 22 Uhr verteilt sein.
Was bleibt von diesem Tag voller Konflikte? In einer Pressemitteilung benennen die Camp-Verantwortlichen die vielen wichtigen Themen, mit denen sie sich auseinandersetzen wollen: Seenotrettung, Klimakrise, queeres Leben, Care-Arbeit. Weiter heißt es: „Da können und wollen wir uns nicht nur an diesem einen Konflikt-Thema aufhängen. Es ist noch viel zu tun, bis wir unsere kleine Utopie abseits des System Change Camps leben können.“ Dass nach diesem Tag ein bitterer Beigeschmack bleibt, ist schwer zu leugnen. Und zeigt nicht gerade dieser eine Konflikt, wie weit der Weg hin zu einer gerechten Gesellschaft noch ist?
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