Worte aus Wut — Sultana Sediqi

Als Sultana Sediqi ihre erste Rede hält, schützen andere sie mit einem Banner vor Nazis. Heute spricht die Jura-Studentin auf Bühnen, organisiert Gedenken und kämpft für migrantische Schutzräume. Über Aktivismus als Überlebensstrategie.
7. Juli 2026
4 Minuten Lesezeit
Text: Jasper von Römer — Fotos: Dominique Wollniok

„Die Krisen der Welt sitzen in meinen Knochen, in denen sich Krieg, Flucht, Verlust eingelagert haben. Genauso in der Geschichte meiner Familie, die sich durch Armut und Gewalt gekämpft hat und in den Plattenbauten, in denen ich groß geworden bin.“ Sultana Sediqi malt mit ihren Worten markante Bilder. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie die Jura-Studentin vor Hunderten Demonstrierenden über gesellschaftliche Konflikte spricht oder auf Podien von ihrem Alltag, von ihren Erfahrungen als Geflüchtete aus Afghanistan in Thüringen berichtet.

Diesen einen Moment, der Sediqi politisiert hat, gab es nicht. Aber habe sie schon immer gespürt und diffus verstanden, dass sie in einer ungerechten Welt lebt: „Ich habe sehr früh erlebt, dass Rassismus nichts Abstraktes ist.“ Als 2021 ein Video durch die sozialen Netzwerke ging, das dokumentierte, wie ein Neonazi einen syrischen Jungen in der Erfurter Straßenbahn brutal verprügelte, war für Sediqi klar: „Wir müssen was tun.“

Ein Freund ihres Vaters brachte sie mit einer Organisation in Kontakt, die eine Demonstration zum 1. Mai veranstaltete. Als Sediqi im Videocall gefragt wird, ob sie eine Rede halten möchte, reagiert sie sofort: „Auf jeden Fall.“ Was es bedeutet, eine Rede zu halten, habe sie da noch nicht gewusst. Ihre Eltern, Lehrkräfte und auch ihre Therapeutin versuchten, Sediqi davon abzubringen. Die Sorge war groß: „Da laufen organisierte Nazis rum. Du wirst zur Zielscheibe. Mach das nicht“, gibt Sediqi wieder. In ihr wachsen Zweifel und Ängste. Gleichzeitig spürt sie, dass all die Wut und Ungerechtigkeiten, die sie und andere erleben, eine Stimme brauchen.

Sediqi bleibt bei ihrer Entscheidung. Auf der Demo wird sie während ihrer Rede von anderen mit einem Banner abgeschirmt. Die Reaktionen seien überwältigend gewesen: „Eine Person kam auf mich zu und war so: Du findest Worte für alles, was ich auch erlebt habe.“ Viele hätten Tränen in den Augen gehabt – und zum ersten Mal, erinnert sich Sediqi, habe sie das Gefühl gehabt, mit all dem nicht mehr allein zu sein.

Sicherheit bleibt eine Illusion

Mittlerweile steht sie nicht mehr hinter einem Banner. Auf Instagram, Podien, Theaterbühnen oder auf der Straße spricht sich Sediqi offen für migrantische Schutzräume aus und kritisiert die Asylpolitik als „rassistisch und menschenverachtend“. Doch was ist aus den Bedenken geworden? „Menschen wie ich und meine Familie wissen, dass Sicherheit eine Illusion ist. Wir sind über mehrere Grenzen geflohen, nur um neue Formen von Gewalt zu erleben. Ich müsste außerhalb der Geschichte oder der Gegenwart leben, um mich wirklich sicher zu fühlen.“ Das Einzige, was ihr wirklich Halt gibt, seien die Beziehungen, das Netzwerk, das sie sich in den letzten Jahren des politischen Widerstands aufgebaut hat.

Und auch wenn Erfurt für Sultana Sediqi der zentrale Knotenpunkt ist, erstreckt sich ihr Netz weit über Thüringens Landeshauptstadt hinaus. Das liegt unter anderem auch daran, dass sie dem Gedenken und der eigenen Trauer in den vergangenen Jahren viel Raum gab. Ihr Onkel und 14 weitere Menschen ertranken am 5. Oktober 2022 auf ihrer Flucht vor Terror und Krieg vor der Küste der griechischen Insel Kythira.

Sediqi sammelte Spenden, sprach mit Medien, fuhr mit ihrer Mutter und einer Freundin nach Griechenland zur Beerdigung ihres Onkels. „Ich hatte dort Kontakt mit vielen Angehörigen und Überlebenden“, erzählt sie. Als sie zurückkam, entstand eine solidarische Gruppe. Gemeinsam organisierten sie einen Gedenkabend in Erfurt – und Menschen sprachen damals das erste Mal über ihre Flucht. Auch Überlebende vom 5. Oktober nehmen seitdem jedes Jahr teil. „Es ist ein Abend, an dem wir um die Menschen trauern, die wir verloren haben, auch um die vielen anderen Tausend, die auf ihrer Flucht von Europas Grenzregime getötet wurden und werden.“

Einer der Überlebenden ist Hussein. Monate zuvor standen er und Sediqi sich gegenüber, getrennt durch das Gitter eines griechischen Camps. „Du bist einer der letzten Menschen, die meinen Onkel erlebt haben und ich finde es so besonders, dich zu treffen“, sagt sie zu ihm. Er antwortet unter Tränen. Bei ihrem Wiedersehen in Deutschland beschließen die beiden, auf die griechische Insel Kythira zurückzukehren, mit anderen Überlebenden, Angehörigen und Gleichgesinnten. „Um zu gedenken und dafür zu kämpfen, dass keine Grenzen jemals wieder töten“, sagt die Aktivistin. Seither stehen sie im ständigen Austausch miteinander. 

Als Gemeinschaft kämpfen sie gegen ihre eigenen Abschiebungen, suchen nach Vermissten und stellen Kontakt zu anderen solidarischen Gruppen her. Vor diesem Hintergrund kommen Sediqi große Mobilisierungen, wie die vom Bündnis Widersetzen manchmal absurd vor, erzählt sie. Und trotzdem hat sie „ja“ gesagt, als eine Freundin fragte, ob sie Pressesprecherin bei der Aktion am 4. Juli rund um den Parteitag der AfD in Erfurt sein wolle. Absagen musste sie kurz vorher trotzdem noch: krankheitsbedingt.

Proteste gegen AfD-Parteitag

Ein paar Wochen zuvor übte Sediqi öffentlich Kritik an der groß angelegten Aktion: „Rechte Gewalt betrifft uns seit Jahren, gerade in Thüringen. Wir kennen die Angst vor Abschiebungen, wir kennen die Ausbeutungsverhältnisse, wir kennen die Willkür von Behörden. Und wenn du dir dieser Realität bewusst bist, dann ist es heuchlerisch, antifaschistische Organisierung nur auf die AfD zu verengen.“ Wer den Faschismus im Land auf eine Partei reduziere, blende einen Großteil der Gewalt aus, findet Sediqi. Deshalb fordert sie von progressiven Bündnissen, sich konsequenter „gegen den kapitalistischen Staat und gegen eine Politik zu richten, die der AfD überhaupt erst den Boden bereitet hat.“

Konkrete Vorschläge hat Sediqi auch: „Macht mit in Stadtteilläden, fahrt zu den Unterkünften und lernt diejenigen kennen, die krass isoliert leben. Baut Beziehungen zueinander auf, in der Schule, im Viertel, auf Arbeit, an Unis. Das ist, was uns alle schützt.“

Zu wissen, dass seit vielen Jahren und auch lange nach dem AfD-Parteitag viele Menschen in Thüringen bleiben werden und „Widerstand aufbauen“, tröstet Sediqi. „Was bleibt mir übrig“, fragt sie lächelnd und zitiert den Soziologen Aladdin El-Mafaalani: „Wir fahren wahrscheinlich gegen die Wand, aber wir werden trotzdem bremsen. Denn was bitte ist die Alternative?“

Für Menschen wie Sediqi ist Widerstand keine Frage des Optimismus, sondern eine Frage der Notwendigkeit und des Überlebens. Auf ihren weißen Pullover hat sie daher mit orangenem Faden eine klare Botschaft gestickt: „Fick deine Integration“. Sie ernte dafür empörte Blicke und auch eine Menge Komplimente. „Ich bin als Kind vor Krieg und Gewalt geflohen. Dennoch erlebe ich, dass die Frage nie war, ob Deutschland seine Versprechen von Menschenrechten einhält, sondern ob ich genug geleistet habe, genug dankbar bin, genug Deutsch spreche. Deutschland nennt es Integration. Für mich aber ist es die endlose Forderung, mich klein zu machen, damit sie sich nicht mit ihrem eigenen Rassismus beschäftigen müssen.“

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