VEranTwOrtung — Kolumne Sookee

Ein Dach über dem Kopf haben. Was für viele vollkommen selbstverständlich klingt, ist tatsächlich hochpolitisch. Durch eine klassenbewusste feministische Linse zeigt sich, wie ungleich dieses Grundbedürfnis eigentlich verteilt ist.
11. Februar 2026
3 Minuten Lesezeit
Text: Sookee — Foto: Benjamin Jenak

Die sprichwörtlichen „eigenen vier Wände“ sollen Geborgenheit und Sicherheit bedeuten.
Dass sie einem gar nicht selbst gehören, wird für die meisten Mieter*innen schnell zum Problem. Denn aus Unternehmenssicht zählt ein menschliches Grundbedürfnis wenig. Das Zuhause wird zum Spekulationsobjekt. Mieterhöhungen eskalieren in die Schuldenfalle, Eigenbedarf zwingt zum Auszug – und führt im schlimmsten Fall in die Obdachlosigkeit.

Zumindest zurück auf den Wohnungsmarkt, der wiederum entlang aller gesellschaftlichen Diskriminierungsarten strukturiert ist: nicht-deutscher Name, Behinderung, offen queer, geringes Einkommen und Vermögen bedeuten annähernde Chancenlosigkeit im Kampf um eine bezahlbare Wohnung in akzeptabler Lage.

Der Gender Pay Gap, die geschlechterspezifische Lohnlücke, die in Deutschland momentan bei 16 Prozent liegt, führt außerdem dazu, dass gerade Frauen benachteiligt werden. Aus intersektional feministischer Perspektive ist diese Zahl aber nur bedingt belastbar. Was allzu oft unerwähnt bleibt: Rassismus verschärft diesen Lohnabstand weiter. Laut dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung beträgt der Migrant Pay Gap, speziell der Lohnunterschied zwischen migrantischen und weißen deutschen Frauen, rund 20 Prozent.

Nicht weniger prekär ist die Lage für Rentnerinnen: In Deutschland beläuft sich der Gender Pension Gap auf 39 Prozent. Ältere Menschen finden die inzwischen gängigen digitalen Formen der Wohnungsbewerbung oft undursichtig und einschüchternd. Wenn ein Umzug ansteht, weil die Kinder ausgezogen sind und die Rente für die Familienwohnung nicht reicht, haben viele Schwierigkeiten, auf den Immobilienplattformen zu navigieren.

Dadurch, dass viele alte Menschen auch eher wenig soziale Kontakte haben und mitunter sogar unter Einsamkeit leiden, steht ihnen im Umgang mit den Portalen häufig niemand zur Seite. Und weil ihnen die notwendigen Netzwerke fehlen, haben sie geringere Chancen, auf informellem Weg eine Wohnung zu finden. Zumal diese an ihre persönliche Infrastruktur, an die medizinische Versorgung oder Bezugspersonen gebunden sein muss.

Für Menschen, die wegen Behinderungen oder chronischer Krankheiten bedarfsgerecht wohnen müssen, kann sich die Wohnungssuche über einen langen Zeitraum ziehen. Gerade für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen spielt die Lage eine entscheidende Rolle. Eine behindertengerechte Wohnung ist herzlich wenig wert, wenn Umgebung, Anbindung und Infrastruktur voller Barrieren sind.

Auch die Gruppe der Alleinerziehenden wird wohnungspolitisch vernachlässigt. Etwa 40 Prozent von ihnen sind durch Teilzeitbeschäftigung und Sorgearbeit von Armut bedroht. Auf sich allein gestellt zu sein, die volle Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder zu tragen, ist eine immense Last, die die Lebensqualität gravierend einschränken kann.

Sicherheit in Gemeinschaft

Für Außenstehende ist dieser dauerhafte Druck kaum nachvollziehbar. Bei Alleinsorgenden bestimmt er das tägliche Leben. Mietendruck oder die Angst vor Wohnungsverlust verschärft diese Situation noch weiter.

Wenn Wohnungspolitik, Mietensituation und Feminismus zusammen gedacht werden, geht es meist um häusliche Gewalt, fehlende Plätze in Frauenhäusern und den Umstand, dass Frauen und andere von patriarchaler, häuslicher Gewalt Betroffene die gefährliche Situation vielfach nicht verlassen, weil es keinen Ort der Zuflucht gibt. Die Problemanalyse ist wichtig und richtig. So sind partnerschaftliche Gewalt und Mietschulden die Hauptursachen für Obdachlosigkeit von Frauen. Denn allein in Deutschland fehlen 14 000 Frauenhausplätze.

Doch die sicher unvollständige Collage der genannten Beispiele betroffener Gruppen ist für eine feministische Analyse und für feministische Lösungsansätze von großer Bedeutung. Zumindest dann, wenn das zugrundeliegende feministische Verständnis mehrdimensional ist und sich nicht von der verflachenden, verengenden Form eines Machtstrebens von Frauen innerhalb neoliberaler Logiken ködern lässt. Es ist demzufolge kein Feminismus, wenn die Jungunternehmerin im geräumigen Penthouse wohnt, während geflüchtete Menschen aller Geschlechter gezwungen werden, in Wohncontainern zu überleben.

Feminismus muss sich als Rekommunalisierungspolitik in Stadtpolitik einmischen und sollte nicht nur, aber auch für bezahlbaren Wohnraum streiten. Genauso müssen Nachbarschaften gestärkt, Versorgungs-, Bildungs- und die kulturelle Infrastruktur entlang der Bedürfnisse der Menschen ausgebaut werden. Community und Care sollten als untrennbare Einheit verstanden werden, besonders dort, wo der Wohnungsmarkt weit entfernt ist von einem nachhaltigen Konzept von kollektivierender Fürsorge.

Und nicht zuletzt darf die gesellschaftliche Gruppe der Kinder, die immer auch Teil aller oben genannter Gruppen ist, nicht außer Acht gelassen werden. Auch sie haben das Bedürfnis nach Sicherheit in Gemeinschaft unter einem schützenden Dach. Kinder sind im eigenen Handeln weit entfernt von diesen bürokratischen, kapitalistischen Vorgängen unserer Erwachsenenwelt. Sie sind aber davon betroffen und ihnen ausgeliefert. Umso wichtiger also, dass Feminismus eine adultismuskritische Perspektive auch beim Thema Miete mit aufnimmt.

Ob lokale Mieter*innenvertretungen, Kampagnen zur Enteignung von Immobilienkonzernen oder die Forderung des Mietendeckels – es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich in diesem Feld aktivistisch einzubringen. Die Probleme sind längst bekannt, die Lösungsansätze auch.

Sookee ist queerfeministische Antifaschistin, Musikerin und Mutter. Und sie ist Fan von wechselseitiger Sichtbarmachung, Rotationsprinzipien und Aufrichtigkeit.

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