Text: Anne Brockmann — Fotos: Karla Schröder
Unterhalb der Magdeburger Sternbrücke durchquert die Elbe als breites, graugrünes Band die Stadt. Oben drüber queren Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad, in Bussen oder Taxis den Fluss. Pauline Pallmann rollt mit dem Skateboard an, unterwegs zu einem besonderen Ort. Der Parkplatz unter der Stahlkonstruktion ist zwar nicht schön, aber genau richtig für sie: glatter Asphalt, ausreichend Platz und ein paar Kanten machen ihn zum „perfekten Spot zum Skaten“.
Das Brett klackt einmal kurz, als sie es ausrichtet, dann zieht sie an, gewinnt Tempo, die Rollen machen Musik. Pallmann kurvt um Beeteinfassungen, in denen Löwenzahn wächst. Dann stößt sie sich mit links noch mal ab und lässt sich wieder treiben. Skaten, das wird schnell klar, ist bei ihr keine Pose, sondern etwas Selbstverständliches: ihre natürliche Art sich zu bewegen.

Pauline Pallmann ist 26, studiert seit 2018 in Magdeburg und arbeitet an ihrer Uni im Büro für Gleichstellung und Familie. Und sie skatet seit sie zwölf oder dreizehn ist, so genau wisse sie das nicht mehr. An ihr erstes Board aber könne sie sich noch gut erinnern: von Toys R Us, ein Geschenk der Eltern. Heute steht sie unter der Brücke, als wäre dieser Platz schon lange ein Teil ihrer Geschichte.
Doch Pallmann skatet nicht nur selbst, sie bringt sich auch ein bei Solidariskate, einem losen Zusammenschluss von Menschen, der die Skateszene diverser und inklusiver machen will. Vor allem für FLINTA* will die Gruppe den Zugang erleichtern. Pallmann weiß: Den Einstieg in den Straßensport wagen die meisten erst gar nicht. „Skateplätze sind häufig männlich dominiert“, erklärt sie. Das schüchtere ein. Was fehlt? „Räume, in denen wir FLINTA* gemeinsam skaten.“
Sich selbst zeigen
Fünf Menschen gehören heute zum Kernteam des Kollektivs. Als es mit Solidariskate 2020 und mitten in der Pandemie losging, waren es ein paar mehr. Die meisten von ihnen Studierende. Manche seien weggezogen, andere kommen nur noch sporadisch dazu. Über soziale Medien erreicht die Gruppe aber weiterhin viele Interessierte. Für sie organisieren Pallmann und Co. Workshops, Skate-Sessions und 2021 das erste FLINTA*-Skatefestival Deutschlands.
„Orte schaffen, an denen sich Menschen safer fühlen, die sonst keinen Zugang sehen und an denen sie sich entspannt ausprobieren und Sicherheit im Umgang mit dem Board finden – das ist, was wir wollen“, bemerkt Pallmann. Dafür stellen sie auch die nötige Ausrüstung zur Verfügung: Boards, Helme, Schoner für Ellenbogen, Handgelenke und Knie.
Und sie teilen ihr Wissen zum perfekten Untergrund, zur Beschaffenheit der Rollen oder zu den Kriterien für den passenden Schuh. Wenn sie vorangehen, oder vielmehr voranfahren, ist Pallmann überzeugt: „Das kann ein echter Gamechanger sein, andere FLINTA* auf dem Board zu erleben, die mit dem Klischee des coolen Skater Boys brechen. Das fehlt im Alltag total.“

Pallmann ist schon als Jugendliche immer mit einer Freundin geskatet. Doch dafür einen öffentlichen Platz zu nutzen, hätten sich die beiden damals nicht getraut: „Ich habe Jungs und Männern beim Skaten zugesehen und gedacht: Das sieht aus, als ob es Spaß macht, das will ich auch.“ Doch zu groß war die Angst vor Gelächter, abschätzigen Blicken, sexistischen Sprüchen und Bewertungen. Sie erinnert sich gut an ihre zweifelnden Gedanken: „Zwei kleine Mädchen unter lauter coolen Typen – wie soll das gehen?“
Stattdessen haben sie sich ihren eigenen Weg gesucht. Ihr erster Spot: Ein asphaltierter Weg entlang des Elbe-Havel-Kanals. Dort ist Pallmann aufgewachsen. „Oft haben wir uns in eine alte Halle verzogen. Die stand leer und es gab Platz“, erzählt sie. Als das ehemalige Fabrikgebäude eines Tages abgerissen wurde, standen die beiden plötzlich ohne Skate-Heimat da. Diese fanden sie auch erst Jahre später in Magdeburg wieder.
Räume einnehmen
Beim Skaten bekomme sie einen freien Kopf, beschreibt Pallmann. „Ich bin eins mit meinem Board und meiner Bewegung. Sonst ist da nichts. Das genieße ich.“ Und dazu noch die großen Bilder, für die der Sport steht: Rebellion, Freiheit und Kreativität. „Menschen mit Skateboards erobern öffentliche Räume zurück, die ihnen verlorengegangen sind. Und sie definieren sie neu.“ Ein Bordstein, eine Treppe oder ein Geländer werden durch das Board zum Spielplatz. Die Mittzwanzigerin zögert kurz und fügt dann hinzu: „Wer skatet, gibt oft einen Fick drauf, was andere von einem halten.“ Diese Selbstverständlichkeit, mit der andere ihre Boards steuern, das habe ihr als Teenagerin besonders imponiert.
Umso tragischer, dass FLINTA* kaum repräsentiert waren und es auch immer nicht noch sind. Die männliche Dominanz würde sich auch im Angebot etlicher Skate-Brands zeigen. Schoner und Helme sucht Pallmann seit jeher bei Inlineskates oder Fahrrädern. Ein ähnliches Bild bei den Decks: fast nur Figuren und Motive, die Männer ansprechen sollen.

Ihr aktuelles Board hat sich Pallmann vom Gehalt ihres ersten Studentinnenjobs gekauft. „Ich hatte keine Ahnung, was bei Größe und Form alles zu beachten ist. Also hab ich mich beraten lassen. Und ehrlich gesagt: Genauso planlos bin ich auch immer noch.“ Die Theorie überlasse sie deshalb anderen und kümmere sich lieber um Orgakram und Verwaltung.
Für die Workshops, die FLINTA*-only-Sessions und ihr Festival hat das Kollektiv in Magdeburg längst ein Zuhause auf dem Gelände einer ehemaligen DDR-Produktionsstätte für Sauerstoff und Acetylen gefunden. Es ist ein sicherer Ort zum Üben.
Pallmann habe beim Skaten nie bestimmte Ziele verfolgt. Es gäbe nicht den einen Trick, den sie gern können würde, nicht das eine Hindernis, das sie gern in ihre Fahrt einbauen würde. „Draufstellen, anrollen und cruisen – das reicht.“
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