Text: Jasper von Römer — Fotos: Ludwig Ander-Donath
Mit einem ächzenden Geräusch wird ein schwerer Riegel zurückgeschoben. Metall reibt auf Metall. Dann öffnet sich die Tür zum Schloßberg – ein Fachwerkhaus in einem Waldstück am Rande der thüringischen Kleinstadt Saalfeld. Der rote Backstein ist mit Graffitis überzogen. Ein alternatives Kulturzentrum, das die meisten „Schloßberg“ nennen. Ein Ort wie eine Festung – darauf ausgelegt, sich vor unerwünschten Besuchen zu schützen. Der Brandfleck an der Außenwand zeigt, warum das nötig ist.
Im Inneren wird das ehemalige Fischlager fachwerktypisch durch alte Holzbalken gestützt. Überall kleben Poster und Sticker mit linken Botschaften. Ein Holzofen sorgt für Wärme und italienische Partisanenlieder tönen durch die Lautsprecher. Am Weihnachtsbaum aus Plastik hängen Christbaumkugeln mit Antifa-Enblem. Es ist Anfang Februar. Anni und Vereinskollege Ovidio sitzen an einem runden Tisch bei dämmrigem Licht und rauchen.


Ein paar Wochen zuvor zogen junge Neonazis nachts los, sprühten Hakenkreuze an Häuserwände und unterzeichneten ihre Parolen mit „Letzte Verteidigungswelle“. So nennt sich eine rechtsextreme Gruppe, die immer häufiger im Thüringer Landkreis Saalfeld-Rudolstadt auftaucht. Zwei Molotowcocktails sollen die Angreifer noch in derselben Nacht in Richtung Schloßberg geworfen haben, sagt Anni. Einer hinterließ den Brandfleck, der zweite verfehlte sein Ziel. „Es ist beängstigend, weil das keine harmlose Jugendkultur ist.“ Und trotzdem reden es viele in der Kleinstadt als „jugendlichen Leichtsinn“ klein.
Anni bezeichnet sich selbst als jugendlich. Seit drei Jahren ist sie im Verein „Freundeskreis Schloßberg“ aktiv, der das Zentrum unterstützt. Dass viele in ihrem Alter – vor allem Männer – politisch eher rechts der Mitte stehen, erlebt sie als alltäglich. Hier herrscht so etwas wie eine ungewollte Tradition. Denn schon 1992 mobilisierte die rechtsextreme Szene in Saalfeld-Rudolstadt europaweit 2 000 Ewiggestrige zu einem Rudolf-Heß-Gedenkmarsch. Auch der NSU pflegte in den Neunzigern Kontakte zu organisierten Neonazis in der Region.
Angriffe auf linke Orte
Mit Beginn der Zweitausender sei es ruhiger geworden, doch inzwischen wachse der Zuspruch für rechte Ideologien spürbar. Anni weiß, wie wichtig Orte wie das Schloßberg sind: „Wir zeigen Jugendlichen, dass es hier auch noch was anderes gibt außer rechts. Und wir sind ein Rückzugsort für diejenigen, die von Polizei oder Nazis verfolgt werden.“ Ihr selbst gibt die Arbeit im Verein ein Gefühl von Gemeinschaft. Ein kleines Plakat, das an einem Fenster lehnt, fasse die Situation gut zusammen, bemerkt Anni: „Ihr zündet an, wir stehen zusammen!“ Nach dem Angriff auf das Zentrum versammelten sich 600 Menschen zu einer Demonstration.
Auch Ovidio war dabei. Er zog 1996 von Jena in den Landkreis um Saalfeld und engagiert sich seitdem im Verein, seit vielen Jahren als Teil des Vorstands. Seine Kinder sind in Annis Alter und besuchen oft die Veranstaltungen im Schloßberg. Freitags ist Barabend, sonst gibt es Konzerte, Vorträge, Workshops und Partys. „Außer Hierarchien und Macho-Gehabe kannst du hier alles ausleben. Du kannst herkommen und loslegen“, betont Ovidio.
Überraschend findet er den jüngsten Angriff nicht und verweist auf die vielen Attacken auf linke Orte – allein im letzten halben Jahr in Cottbus, Gifhorn, Luckenwalde oder Bargteheide. „Schon in den Neunzigerjahren haben wir auf einen rechten Konsens aufmerksam gemacht“, erzählt der 53-Jährige. Das Einzige, was sich seitdem verändert habe, sei die Art und Weise, darüber zu sprechen: „Damals wurden rassistische Parolen nur hinter vorgehaltener Hand geäußert oder nach dem fünften Bier. Heute passiert das ganz offen.“
Generationenwechsel
Über einem Türrahmen hängt eine selbstgebastelte Fotocollage zum 31. Geburtstag des Zentrums. „Das ist jetzt auch schon wieder drei Jahre her“, sagt Ovidio und blickt zurück auf die Anfänge: Kurz nach der Wende besetzten Jugendliche ein Haus am Markt. Als Stadt und Landratsamt ihnen daraufhin das Gebäude am Schloßberg überließen und später zum Verkauf anboten, griffen die Bewohnenden zu. „Heute gehört es dem Verein. Es ist zwar nicht mehr bewohnt, aber belebt.“ Doch das ist nur ein Teil der Geschichte.
Denn im Schloßberg gab es spürbare Veränderungen. Als ältere Generationen ihr Ehrenamt niederlegten, übernahmen Jüngere, die erst kurz dabei waren: „Sie haben vieles schleifen lassen und versucht, eine Art Club draus zu machen. Das hat nicht geklappt“, erinnert sich Ovidio. Als er und andere dann aus der Elternzeit zurückkamen, sei der Schock groß gewesen: „Es war die reinste Müllhalde. Über ein Jahr lang haben wir nur Müll rausgetragen und alles wieder begehbar und gemütlich gemacht.“


Die gemeinsame Arbeit und lange Debatten über die Zukunft haben zusammengeschweißt. Heute ist das Schloßberg eine Art Mehrgenerationshaus. Wieso es jetzt so gut funktioniert? „Wir finden uns in kleinen Gruppen zusammen, kümmern uns um Baueinsätze oder die politische Arbeit. Das verbindet“, erklärt Anni. „Außerdem haben viele von uns ähnliche Denkweisen. Die verschiedenen Generationen harmonieren echt gut.“
„Es war ein hartes Stück Arbeit“, schiebt Ovidio nach. „Für beide Seiten.“ Die wichtigste Lektion: einander ernstnehmen. „Wir Älteren mussten lernen, dass sich die Jüngeren ausprobieren wollen. Wenn sie auf die Schnauze fliegen, lachen wir sie nicht aus, sondern wir sagen: Lerne draus! Wir haben es ja gesagt.“ Anni und Ovidio müssen laut lachen. Ein fertiges Programm wollen sie nicht vorgeben. Wer will, soll sich einbringen können.
Auf Fördergelder ist der Verein nicht angewiesen. „Wollen wir auch nicht“, verdeutlicht Ovidio. Stattdessen finanzieren sie sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Anni wünscht sich für die Zukunft, „dass die Jugend beteiligt wird und die Alten nicht mehr so viel machen müssen.“ Ovidio stimmt grinsend zu: „Ich will irgendwann nur noch zum Genießen herkommen.“
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