Wenn Frauen flüchten — Laureen Sträter

Frauen auf der Flucht erleben häufig Gewalt. Die Organisation Rolling Safespace bietet ihnen deshalb einen sicheren Ort ohne Männer. Laureen Sträter ist immer montags in einer Geflüchtetenunterkunft in Münster unterwegs. Ein Besuch.
1. Oktober 2025
6 Minuten Lesezeit
Text: Laura Catoni — Fotos: Evelyn Batchonkova

„Was sind eure Träume für die Zukunft?“ Laureen Sträter sitzt mit Chiara, Priscilia und anderen Frauen auf einer Picknickdecke in Münster-Gremmendorf. Es ist ein heißer Vormittag im Juni. Auf die Frage folgt zunächst Schweigen. Chiara reagiert mit ungläubigem Gesichtsausdruck: „Unser Trauma?“ „Nein, nein, Träume! Your dreams!“, erklärt Sträter. Die Runde lacht erleichtert. 

Missverständnisse, Ängste, Erleichterung und Freude – all das beschreibt, worum es bei ROSA geht: einen sicheren Raum für marginalisierte Menschen zu schaffen, in dem Leichtigkeit und Vertrauen möglich sind. Die vier Buchstaben stehen für Rolling Safespace, eine ehrenamtliche Organisation, die 2021 in Griechenland entstand und inzwischen mit zahlreichen Ortsgruppen auch in Deutschland vertreten ist, um FLINTA* auf der Flucht beizustehen. 

Laureen Sträter fährt seit Januar 2024 immer montags in die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Münster-Gremmendorf. Es gibt Tee oder Kaffee und gemeinsame Kochrunden – Männer haben hier keinen Zutritt. „Es geht um Ablenkung. Um Abwechslung vom Alltag in der Unterkunft und von der Warterei auf den Asylbescheid“, sagt Sträter. „Und um Austausch: Wie geht es dir? Wie läuft es gerade?“ Wenn die Frauen ihre Kinder mitbringen, werden diese von Ehrenamtlichen betreut. „Viele sind froh, für ein paar Stunden die Mutterrolle abzugeben.“

Erwartungsvoll schaut Sträter, 25, an diesem Vormittag auf das Eingangstor der Einrichtung, eine ehemalige Kaserne mit langen Backsteinhäusern. Das gesamte Gelände ist umzäunt. Wer rein oder raus will, muss einen schmalen Eingang passieren, den Sicherheitsleute bewachen.

Eigentlich hatte sich die Gruppe auf dem Gelände der Unterkunft zum Picknicken verabredet. Eine redaktionelle Begleitung wäre jedoch nur in Anwesenheit des Heimpersonals möglich gewesen. Sträter schüttelt darüber den Kopf: „Das ist ja das Gegenteil von einem Safe Space.“

Gefühl von Hoffnungslosigkeit

Seit der zehnten Klasse engagiert sich die Studentin und angehende Psychotherapeutin für Menschen mit Fluchterfahrung. Damals, 2015, dem Jahr zwischen Merkels „Wir schaffen das“ und der Hochphase von Pegida, entstand in ihrer Nachbarschaft in Bad Oeynhausen (NRW) eine Geflüchtetenunterkunft. Eines Tages, erzählt sie, habe ein Flyer von einer rechten Partei in ihrem Briefkasten gelegen, der fragte, ob sie und ihre Familie die Geflüchteten hier haben wollten. „Dieser Moment hat mich politisiert“, bemerkt Sträter. Sie übernahm schließlich eine Sprachpatenschaft für einen geflüchteten Jugendlichen.

Gleichzeitig setzte sich Sträter mit feministischen Perspektiven auseinander, die ihr halfen, alltägliche Ungerechtigkeiten wie sexualisierende Sprüche von älteren Lehrern in der Schule, Catcalling oder das Nachstellen durch einen Mann auf der Straße besser zu verstehen. Umso heilsamer empfindet sie die Arbeit von ROSA. „Weil ich dort, zumindest für einen Moment, aus diesem Gefühl der Hoffnungslosigkeit herauskomme.“ Doch immer wieder werde sie gefragt, warum sie sich nicht auch um geflüchtete Männer kümmern würden. Die Antwort ist für Sträter eindeutig: „Weil Frauen auf der Flucht doppelt so viel Leid erleben.“

123,2 Millionen Menschen waren laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen Ende 2024 weltweit auf der Flucht. Die Hälfte sind Schätzungen nach Frauen und Mädchen. Sie verlassen ihre Heimat in vielen Fällen wegen Krieg und Terror, politischer und religiöser Verfolgung oder wegen Armut und Hunger. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Fluchtgründe: Die Angst vor häuslicher Gewalt, Femiziden, vor Genitalverstümmelungen, Zwangsverheiratungen und Zwangsprostitution, aber auch der fehlende Zugang zu Bildung oder Arbeit. 

Gefahren in deutschen Heimen

Frauen und Mädchen sind auf der Flucht größerer Gefahr ausgesetzt. Viele von ihnen erleben sexualisierte Gewalt. Sie werden durch Abhängigkeiten zu Schleusern Opfer von Ausbeutung, Freiheitsberaubung oder Menschenhandel. Und selbst wenn sie es in ein sicheres Land in Europa schaffen, leiden viele auch in der Zeit danach. Berichte von Sozialarbeiterinnen und Befragungen unter Bewohnenden dokumentieren zum Beispiel immer wieder Übergriffe in deutschen Geflüchtetenunterkünften. Konkrete Statistiken fehlen allerdings.

Der Verein Frauenhauskoordinierung spricht von gewaltbegünstigenden Bedingungen in den Heimen: mangelnde Privatsphäre, nicht abschließbare Zimmer und Sanitärräume, fehlende Gewaltschutzkonzepte und Beschwerdesysteme. Hinzu kämen ein strukturelles Machtgefälle zwischen Mitarbeitenden und Bewohnenden und die Tatsache, dass den Frauen und Mädchen Informationen über Hilfsangebote gegen Gewalt fehlten.

In einer 2017 veröffentlichten Befragung durch die Berliner Charité gaben außerdem viele geflüchtete Frauen an, psychisch enorm darunter zu leiden, ihre Kinder in ihrem Heimatland zurückgelassen zu haben, um ihnen die Flucht zu ersparen und sie eines Tages nachzuholen.  

Laureen Sträter und das Team von Rolling Safespace hätten deshalb lange nach passenden Angeboten für die häufig traumatisierten Frauen gesucht. „Zwischen uns und ihnen gibt es ja genauso ein Machtgefälle. Wir beherrschen die deutsche Sprache, wir haben die deutsche Staatsbürgerschaft und auch einen Job. Sie dagegen sitzen in diesem Heim fest und warten, teilweise eineinhalb Jahre auf ihren Asylbescheid. Das müssen wir immer mitdenken.“ 

Es gehe ihnen um Begegnungen auf Augenhöhe und darum, Momente zu kreieren, in denen die Fluchtgeschichte keine Rolle spiele. So wie heute, als Laureen Sträter die Frauen einlädt, einen Steckbrief über sich zu schreiben. Deshalb hat sie nicht nur Sonnencreme, Gummitiere, Nüsse und Kekse mitgebracht, sondern auch buntes Papier, Stifte und Aufkleber. Die Idee: Um sich besser kennenzulernen, notieren alle ihren Namen, Alter, Hobbys und die Träume für die Zukunft. Manche zögern zunächst, andere schreiben direkt drauflos.

Wer Probleme mit der Sprache hat, dem hilft Sträter mit einer Übersetzungs-App. Die sieben Frauen kommen aus Deutschland, Ägypten, dem Iran und Kamerun. Sie sitzen eng zusammen, flüstern, lachen. Nebenbei drehen sich die Gespräche um Hautpflege und Katzen, deutsches Wetter und die letzten Erfolge im Sprachkurs. 

Traum von einem neuen Leben

„Wir kommen von außen und sind nicht Teil des Asylsystems, das über die Zukunft anderer entscheidet“, erklärt Sträter. Das vermittle ein Gefühl von Sicherheit. „Ich kann hier über alles sprechen, weil ich weiß, dass nichts davon weitergetragen wird“, erzählt Chiara, die seit fünf Monaten in der Erstaufnahmeeinrichtung in Münster lebt. Ob es für sie einen Unterschied macht, dass ROSA ein Angebot ausschließlich für Frauen ist? „Auf jeden Fall“, sagt sie. „Weil ich mich dann nicht auf eine bestimmte Weise anziehen oder sprechen muss, nur um Männer zu unterhalten. Uns wird ein Raum gegeben, der frei von Verurteilung ist.“ 

Ende 2023 ist Chiara, die eigentlich anders heißt, von Ägypten nach Deutschland gekommen. Die 25-Jährige mit kleinen Locken und schwarzer Brille erzählt, dass sie sich in ihrer Heimat aufgrund von Missbrauch nicht mehr sicher fühlte. In Deutschland, so ihre Hoffnung, werde sie ein Leben in Freiheit führen können. „Ich habe mir ein Studentenvisum besorgt und in Berlin Innenarchitektur studiert. Doch dann bekam ich keine finanzielle Unterstützung mehr von meiner Familie und musste abbrechen.“ Als sie das Visum verlor, beantragte sie Asyl – jedoch ohne Erfolg. Mit einem Anwalt geht sie dagegen vor. Ausgang offen.

Das Träumen aber behält sie sich. „Ich möchte ein friedliches Zuhause, voller Liebe, Freude und wenigstens sieben Katzen“, hat Chiara auf das Blatt mit ihrem Steckbrief geschrieben. „Ich möchte Sozialarbeiterin werden und mich für Kinder einsetzen, die Missbrauch erlebt haben. Ich möchte mir ein Leben voller Leidenschaft und Fürsorge aufbauen.“

Schwierige Migrationsdebatte

Priscilia träumt auch. „Ich möchte in Deutschland leben, studieren und arbeiten. Ich möchte mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen, ihre Kultur und ihren Alltag kennenlernen.“ Priscilia ist aus Kamerun nach Deutschland geflohen. Über die Gründe will die 40-Jährige mit rotem Lippenstift nicht sprechen, „sonst werde ich vielleicht zu emotional.“

In Münster lebt Priscilia seit einem Jahr, die Treffen von ROSA besucht sie seit zehn Monaten. „Bei Laureen und den anderen fühle ich mich zuhause und sicher vor Diskriminierung“, sagt die ausgebildete Buchhalterin und Hobby-Fußballerin. „Wir Frauen haben oftmals eine andere Geschichte als die Männer. Wir machen andere Sachen durch. Wenn wir gemeinsam darüber sprechen, spüren wir, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht allein sind.“ Priscilias Antrag auf Asyl wurde ebenfalls abgelehnt und auch sie hat sich Hilfe von einer Anwältin geholt.

Darf ich bleiben oder nicht? Diese Frage sei eine zentrale, weiß Laureen Sträter, selbst wenn diese niemand offen ausspreche. „Ich bin ein Mensch, der immer Hoffnung hat. Aber natürlich mache ich mir Sorgen. Doch es bringt nichts, wenn ich deshalb nachts wach liege, das tun die Frauen ja schon selbst.“ Auf fünf bis sechs Stunden pro Woche schätzt Sträter ihren zeitlichen Aufwand: Plena, E-Mails, Telefonate, Vorträge und die Treffen in der alten Kaserne.

Die Wahlerfolge der AfD, die rechtlich umstrittenen Zurückweisungen Asylsuchender an den Grenzen, die Aussetzung des Familiennachzugs für Geflüchtete mit subsidiärem Schutz – all das versucht Laureen Sträter eher auszublenden. In der aktuellen Migrationsdebatte, findet sie, gehe es weniger um Menschen, „sondern nur um eine homogene Masse.“ Dabei habe jede Person auf der Flucht ihre eigene Geschichte. „Ich wünsche mir manchmal, Menschen in der Politik, die jetzt die große Migrationswende propagieren, würden eine Woche lang in einer Geflüchtetenunterkunft verbringen. Dann würden sie manches vielleicht anders sehen.“ 

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