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Aus, das Spiel ist aus!

Benjamin Adrion war Profifußballer beim FC St. Pauli. Doch 2005 hing er die Stollen an den Nagel, um Menschen weltweit mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Über eine Idee, die ihn nicht mehr losließ.  

Text und Fotos: Moritz Piehler

 

Veto: Herr Adrion, lassen Sie uns zu Beginn noch einmal in die Vergangenheit reisen. Wie kam es zur Gründung von Viva con Agua?

Benjamin Adrion: Am Ende war es das Ergebnis der Frage, ob ich mit dem Profifußball aufhören will oder nicht. 2005 war für mich die Entscheidung gefallen – ich kam damals mit dem FC St. Pauli aus dem Trainingslager auf Kuba zurück. Danach habe ich mir eine Weltkarte gekauft und wollte verreisen. Doch schon am nächsten Tag fragte mich unser damaliger Trainer Holger Stanislawski, ob ich nicht weitermachen wolle. Aus diesem Dilemma heraus entstand die Idee, das Potenzial von Verein und Stadtteil zu nutzen, um etwas in Bewegung zu setzen. Die Idee zu Viva con Agua haben alle unterstützt und so kam die Welle ins Rollen. 

Es war ein eher ungewöhnlicher, aber doch mutiger Karriereschritt. Kannten Sie sich denn aus mit gesellschaftlichem Engagement?

Nein! Ich habe Zivildienst gemacht, mich aber sonst nicht durch besonderes Engagement hervorgetan. Meine Eltern haben mich immer sehr sozial erzogen, aber ich kann nicht sagen, dass das besonders prägend gewesen wäre. Mit zehn oder elf Jahren habe ich Songs der Band „Bad Religion“ gehört und ich weiß, dass mich die sozialkritischen Texte bewegt haben. Mir wurde damals klar, dass die Welt so noch nicht fertig gedacht ist.

In der Regionalliga stand Benjamin Adrion für den FC St. Pauli auf dem Platz.

 

Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung nach dem Ende der Profikarriere?

Oberflächlich ging alles sehr schnell, vor allem, weil ich im letzten aktiven Jahr bereits voll mit Viva con Agua begonnen hatte. Das Pensum wurde nach der Fußballkarriere einfach mehr. Gleich am Anfang war ich für eine längere Zeit in Äthiopien. Diese Projektreisen sind immer besonders. Irgendwann aber habe ich gemerkt, dass ich mein Karriereende noch nicht wirklich verarbeitet hatte. Nachts habe ich vom Fußball geträumt und mich an Szenen aus den Anfangsjahren erinnert. Ich bin also länger Fußballer geblieben, als ich dachte. Wenn ich keinen Sport mache, geht es mir nicht gut – das ist heute immer noch so.

Auf den ersten Blick sind Fußball und Engagement völlig verschiedene Bereiche. Haben Ihnen die Erfahrungen des Sports beim Aufbau von Viva con Agua genutzt?

Absolut, besonders der Teamgeist. Es funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Wenn du eine faule Zwiebel im Korb hast, kann es passieren, dass sie das ganze Team ansteckt. Andersherum heißt das: Auch eine kleine Truppe kann viel erreichen. Wenn alle ihre Position gefunden haben, auf der er oder sie frei aufspielen kann, dann funktioniert es. Es gibt also schon viele Analogien zum Fußball.

In den ersten Jahren hat sich die Initiative sehr schnell entwickelt. Wann kam der Punkt, an dem das Projekt zum Beruf wurde?

2009 haben wir gemerkt, dass wir uns entweder professionalisieren oder aufhören müssen. Frank Otto, ein privater Hamburger Unternehmer, unterstützte uns zwei Jahre lang mit 3500 Euro im Monat, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Als wir die Viva con Agua Wasser GmbH gründeten, war uns allen klar, dass es nochmal ein anderes Spiel werden würde. Hinter dem Vorhaben steckte eine Investition und wir konnten zwei, drei Menschen über einen längeren Zeitraum bezahlen. In der Zeit davor haben wir eher von der Hand in den Mund gelebt. Mit der Unternehmensgründung gab es nicht nur einen Businessplan, sondern auch eine andere Perspektive.  

Gab es zwischendurch auch Momente des Zweifelns?

Es hat ehrlich gesagt nie einen Moment gegeben, an dem ich das Gefühl hatte: Ich schmeiß hin, ich lass es. Natürlich gab es auch Zweifel, wie lange es weitergeht. Diese Gedanken habe ich auch heute noch – nur auf einem anderen Niveau. Es gibt immer wieder Sachen, bei denen klar ist: Wenn das schief geht, sieht es nicht so gut aus. Aber dass ich emotional keinen Bock mehr hatte oder weglaufen wollte, das gab es nicht. 

Und das, obwohl die Verantwortung immer größer wurde …

Sicher gab es Zeiten, wo mir alles zu viel wurde. Da war die GmbH, ich hatte ein Kind, habe studiert und betrieb nebenbei noch ein Lokal. Damals gab es auch mal eine Krise. Ich habe angefangen, mich selbst zu torpedieren. Daraus habe ich gelernt und bin heute motivierter denn je.

Mit Viva con Agua will Benjamin Adrion die Trinkwasserversorgung verbessern.

 

Was waren in der Rückschau die schwierigsten Weichenstellungen?

Als ich aufgehört habe zu spielen, dachte ich, das wäre eine wichtige Weiche – war es dann aber überhaupt nicht. Außerhalb des Vereins hat unser Projekt fast niemanden interessiert. 2010 gab es eine Zäsur – Menschen haben sich distanziert, weil es um Investitionen ging, mit denen nicht alle einverstanden waren. Das war eine Zeit, die nicht konfliktfrei und auch nicht einfach war. Momentan erleben wir eine Phase, in der wieder ganz viel Neues entsteht, damit wir uns weiterentwickeln. Sollten wir den nächsten Schritt gehen wollen, müssten wir uns in anderen Bereichen neu erfinden. Dazu gehört auch die Frage, wie wir uns weiter hin zu einer internationalen Organisation entwickeln können.

Sieht so der Blick in die Zukunft aus? Viva con Agua weltweit …

Wenn ich mir erlaube, so eine große Vision zu formulieren, spricht das für ein Leben auf relativ großem Fuß. Aber konsequent gedacht, würde es bedeuten, dass Viva con Agua eine internationale Community auf allen Kontinenten ist, die sich mit Freude für den Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt. Mein Wunsch wäre, dass es nicht nur die Crews und die Menschen gibt, sondern auch Orte, an denen alle zusammenkommen können. Eine Infrastruktur, die es ermöglicht, diese Community dauerhaft und immer wieder neu zu inspirieren und das als gesellschaftliches Moment zu stabilisieren.

Sie arbeiten mittlerweile über ein Jahrzehnt in der Entwicklungszusammenarbeit. Macht es denn Sinn, was in diesem Bereich passiert?

Auf Viva con Agua bezogen, tut es das für mich. Es gibt immer Projekte, die besser gemacht sind und welche, die weniger gut umgesetzt werden. Insgesamt ist es toll, was das Team kreiert. Bei uns sammeln sich viele Menschen, die mit ganz unterschiedlicher Motivation versuchen, etwas Gutes zu tun und dabei auch noch Spaß haben. Auch wenn es mal hakt, sollte nicht gleich alles in Frage gestellt werden. Dass Menschen sich darum bemühen, ist etwas, das in der heutigen Zeit sehr wertvoll ist. Ich halte es da mit Hannah Ahrendt: Nur ein engagiertes Leben ist ein sinnvolles Leben.

 

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