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Streetwork im Netz

Cornelia Heyken ist Sozialarbeiterin im Internet. Dort versucht sie, junge Menschen zu erreichen, bevor die sich radikalisieren. Dafür braucht sie aber auch die Unterstützung der Plattformen. 

Text: Susanne Kailitz — Fotos: Peter van Heesen

 

Veto: Cornelia, du hast die Idee zum „Digital Streetwork“ entwickelt. Was genau steckt dahinter?

Cornelia Heyken: Es ist eine Form der Jugendsozialarbeit, die dorthin geht, wo sich junge Menschen auch tatsächlich aufhalten: das Internet. Jugendliche trennen nämlich längst nicht mehr so stark wie ältere Generationen zwischen realem Leben und dem Netz – für sie gibt es wenig Unterschiede zwischen on- und offline. Aus diesem Grund betreiben wir also eine Online-Präventionsarbeit, die sich sowohl an den klassischen analogen Konzepten der Jugendarbeit orientiert als auch an den Lebenswelten junger Menschen. So sollen sie vor Radikalisierung bewahrt werden, wenn sie mit rechtsradikalen Inhalten konfrontiert sind.

Cornelia Heyken gehört zum Team der Amadeu Antonio Stiftung.

 

Wie kann das funktionieren?

Es ist, um das gleich vorab zu sagen, schwierig. Anfangs waren wir auf Facebook unterwegs und haben dort versucht, junge Menschen anzusprechen, die uns durch hetzerische, rassistische oder rechtsaffine Kommentare aufgefallen sind. Facebook ist dafür aber eine schwierige Plattform, weil es nicht primär um Austausch geht, sondern eher um Darstellung. Außerdem ist das Netzwerk für viele Jugendliche gar nicht mehr wirklich attraktiv. Deswegen arbeiten wir heute vor allem mit und auf gutefrage.net.

Warum ausgerechnet dort?

Weil es die größte Frage-Antwort-Plattform im deutschsprachigen Raum ist. Dort geht es um Inhalte, Wissen und Informationen und nicht darum, wer das schönste Profil, die besten Fotos und das tollste Video hat. Daran lässt sich viel besser anknüpfen. Junge Menschen suchen dort unter anderem Antworten auf Fragen zu ihren Hausaufgaben. Im Fach Geschichte zum Beispiel können Diskussionen entstehen, die dann schnell an Fahrt gewinnen, wenn falsche Informationen verbreitet oder zweifelhafte Quellen herangezogen werden. Ein zweiter, nicht weniger relevanter Punkt ist: Wir bekommen von gutefrage.net eine große Unterstützung. Den Menschen, die hinter der Plattform stehen, ist es wichtig, was wir machen. Das war bei Facebook anders.

Was könnt ihr denn tun, wenn falsche Informationen verbreitet werden?

Wir hinterfragen, stellen gegebenenfalls Dinge richtig und schalten uns auch in die Diskussionen ein. 

Heyken möchte Jugendliche befähigen, digital zu partizipieren.

 

Unter dem Label der Amadeu Antonio Stiftung oder mit einem vermeintlich privaten Profil?

Wir arbeiten nach sozialprofessionellen Standards und geben uns daher grundsätzlich immer eindeutig als Profil der Stiftung zu erkennen. Klar: Für einige Menschen sind wir damit sofort raus. 

Und wie wirkt dieses Einschreiten?

Es gibt da zwei unterschiedliche Formen der Kommunikation. Die eine Möglichkeit ist, dass wir mit einem Menschen in den direkten Austausch kommen. Variante zwei wäre, dass wir mit unseren Kommentaren und Posts auch die Menschen erreichen, die sonst nur mitlesen und sich demzufolge auch nicht in Diskussionen einschalten.

Aus der Forschung wissen wir, dass ein steigender Teil junger Menschen den Informationen in den sozialen Netzwerken mehr Vertrauen schenkt als den klassischen Medien. Die sozialen Netzwerke sind für sie also auch ein Ort der Meinungsbildung und deshalb ist es in der rechtsextremistischen Szene eine beliebte Strategie, Foren mit Meldungen über vermeintliche Straftaten von Geflüchteten aufzumischen, Stimmung zu machen oder andere zu diffamieren. Diskriminierung und menschenverachtende Äußerungen sollen so als etwas ganz Normales dargestellt werden. 

Und das erkennen die Jugendlichen nicht?

Meistens nicht, nein. Ich habe erst vor Kurzem eine neue Studie eines Münchner Wissenschaftsteams gelesen, nach der nur elf Prozent der befragten Jugendlichen, die online unterwegs sind, die Herkunft von Quellen hinterfragen. Ein Drittel gilt – sagt diese Untersuchung – als „informiert“, aber 49 Prozent als „unbedarft“. Die letztere Gruppe gab an, Extremismus nur schlecht erkennen zu können und Quellen kaum zu hinterfragen. Sieben Prozent der Jugendlichen macht die Studie als „gefährdet“ aus. Das heißt auch, dass mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen in den sozialen Netzwerken eher nicht so kompetent im Umgang mit Quellen sind, wie es gut wäre. Das ist schon bedenklich.

Die Erziehungswissenschaftlerin ist Sozialarbeiterin im Internet.

 

Könnt ihr diese Jugendlichen zum Umdenken bewegen?

Welche Wirkung „Digital Streetwork“ hat, lässt sich nur schwer messen. Unser Ziel ist, dass Jugendliche ein Gespür für Quellen bekommen und rhetorische Stilmittel erkennen, mit denen Menschenverachtung normalisiert werden sollen. Wir konzentrieren uns auf die jungen Menschen, die eine Affinität zu rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Inhalten haben, aber noch am Dialog interessiert sind.

Wenn jemand aber ein gefestigtes rechtsextremes Weltbild hat, ist das ein Fall für die Ausstiegshilfe; dafür haben wir nicht das entsprechende Know-how. Wir möchten die Zivilgesellschaft stärken, indem wir aufklären, Menschen zum Nachdenken bringen – und dabei auch diejenigen erreichen, die sich eher im Hintergrund halten und sich unsicher sind, wie sie einen Vorfall oder ein Posting bewerten sollen. Und wir möchten zuverlässige Ansprechpersonen für junge Menschen sein, die sich im Umgang mit Inhalten im Netz unsicher sind.

 

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