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Passion eines Bildhauers

Weltweit erinnern quadratische Messingplatten an die Namen der Opfer des Nationalsozialismus. In einem Atelier entsteht jeder Stolperstein in mühevoller Handarbeit. Eine Geschichte in Bildern.  

Text: Tom Waurig — Fotos: Peter van Heesen

 

Die Werkstatt liegt weit draußen in einer unscheinbaren Berliner Eigenheimsiedlung. Hinter der metallnen Ateliertür arbeitet ein kleines Drei-Mann-Unternehmen an einem besonderen Projekt. Michael Friedrichs-Friedländer und seine zwei Angestellten stellen hier im Norden der Hauptstadt Stolpersteine her. Gemeint sind die zehn mal zehn Zentimeter großen Quader, die an das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Weit über 60 000 Stück sind in den letzten 20 Jahren verlegt worden.

Anfragen kommen inzwischen auch aus Israel, den USA oder Südamerika. Um all dem gerecht zu werden, wird von Sonntag bis Freitag gearbeitet. Jede Woche entstehen so ungefähr 100 Steine. Gegossen werden die Rohlinge in einem länglichen Gestell aus Holz – vier schmale Bretter, getrennt mit Zwischenwänden.

Gegossen werden die Rohlinge in einem länglichen Gestell aus Holz.

Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer in seinem Berliner Atelier.

 

Mit Hammer und metallenen Bolzen schlägt der gelernte Metallhandwerker jeden einzelnen Buchstaben in die eingelassene Messingplatte ein. Längliche Neonröhren an der Werkstattdecke spenden ihm dabei ein grelles Licht. Seinen Arbeitsplatz nennt Friedrichs-Friedländer liebevoll „meine Schreibmaschine“.

Der Arbeitsplatz ist das Heiligtum des gelernten Metallhandwerkers.

Jeder einzelne Buchstabe wird mit einem Bolzen eingeschlagen.

Auf den Stolpersteinen stehen die persönlichen Daten der Opfer.

Die Messingplatten werden später in die Betonquader eingelassen.

In der linken Hand hält Friedrichs-Friedländer den Handschlagstempel.

Mit der rechten Hand umgreift er einen Hammer – 800 Gramm schwer.

 

Dass die Stolpersteine ausschließlich in Handarbeit entstehen, „das verlangt der Anstand“, meint er. Wer der maschinellen Vernichtung von Abermillionen Menschen durch das nationalsozialistische Regime erinnern wolle, könne nicht mit Maschinen produzieren. Die Werkstatt ist deshalb vollgepackt mit Werkzeug. Mitten im Raum stapeln sich etliche Kartons, die auf den Versand warten.

Mit einem Schwamm und viel Hingabe werden die Steine gereinigt.

Für alle Mitarbeiter sind die Stolpersteine ein besonderes Projekt.

Damit die Steine lange glänzen, werden sie mit Stahlwolle behandelt.

Auf einem Tisch stehen Kaffeetassen, Tabak und ein Aschenbecher.

Sein Atelier teilt sich Friedrichs-Friedländer mit zwei Mitarbeitern.

Die Stolpersteine werden vor ihrer Verlegung sorgfältig verpackt.

 

Friedrich-Friedländer genießt seine Rolle im Hintergrund – das Atelier ist seine Welt. Seit über 13 Jahren schon arbeitet er an der Seite von Gunter Demnig, dem Erfinder des Stolpersteinprojektes. 1996 verlegte Demnig seinen ersten Stolperstein in Berlin und stellte die Quader jahrelang selbst her. Doch die Nachfrage war irgendwann so groß, dass er nicht mehr hinterher kam. So lernten sich die beiden kennen. „Nach fünf Minuten hatten wir gemerkt, dass es gut passte zwischen uns.“

Und dennoch teilen nicht alle ihr Ansinnen. 630 Steine wurden bisher bundesweit gestohlen – vor allem in den letzten Jahren. Dann gehe es darum, die Verluste so schnell wie möglich zu ersetzen. Jeder Stein habe einen Materialwert von 120 Euro, erzählt Friedrichs-Friedländer.

Weit über 60 000 Stück sind in den letzten 20 Jahren verlegt worden.

Am Ende eines Arbeitstages braucht der Künstler eine Ruhepause.

 

Trotz der vielen Dienstjahre ist es für Friedrichs-Friedländer längst keine Routine, „wenn es so wäre, würde ich aufhören“. Für ihn bleibe es eine ehrenvolle Aufgabe. Wenn er Hinterbliebene in seinem Atelier empfängt, habe er noch immer Tränen in den Augen. Der Künstler zählt sich zu einer Generation der unbeantworteten Fragen, weil in der Nachkriegszeit zu vielem geschwiegen wurde. Nun will er selbst seinen Teil dazu beitragen, dass die Erinnerung lebt – jedoch ohne den erhobenen Zeigerfinger. „Unser Projekt“, sagt er, „lebt von seiner Bescheidenheit.“

 

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