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Flasche leer

Paul Kupfer zog zum Studieren von Berlin nach Wien. In seinem WG-Zimmer bedruckte er recycelte Glasflaschen mit schicken Motiven. Wie aus einer simplen Idee ein florierendes Geschäft wurde.  

Text: Moritz Piehler — Fotos: Luca Abbiento

 

Das Berliner Büro von Soulbottles ist zweifellos das, was sich viele Menschen unter einem hippen, aufstrebenden Unternehmen vorstellen. Offene, lichtdurchflutete Räume im Obergeschoss eines gealterten Industriegebäudes, dazu ausladende Sofas, Palettenmobiliar und junge Mitarbeitende. Besonders auffällig allerdings sind die bunt gestalteten Glasflaschen – in den allermeisten Fällen bedruckt mit maritimen Designs: Wale, Quallen, Fische, Schildkröten, Meermenschen oder auch ein rauschbärtiger Kapitän. Doch diese Fülle an durchsichtigen Bügelverschlussflaschen ist nicht etwa das Ergebnis jahrelangen Sammelns.

Die Flaschen sind die Hauptattraktion und gleichzeitig das Kerngeschäft des Berliner Jungunternehmens. Es gibt sie in zwei verschiedenen Größen, der Verschluss ist aus Edelstahl, Porzellan und Naturkautschuk – demzufolge komplett plastikfrei. Entworfen werden die Designs von Kunstschaffenden, die den Soulbottles-Gedanken teilen. 

 

Die Soulbottles sind Bügelverschlussflaschen aus Glas und mit Aufdruck.

 

Denn hier im Süden Berlins findet nichts weniger als eine kleine Revolution statt. Soulbottles ist nicht nur einfach eine weitere Neugründung unter vielen, sondern ein Social Business. Das ist als Konzept zwar nicht unbedingt neu, aber trotzdem erklärungsbedürftig. Besonders die Start-up-Branche schmückt sich nur allzu gern mit diesem wohlig klingenden Etikett.

So wie Soulbottles-Gründer Paul Kupfer es beschreibt, klingt es begreiflich: „Die Idee geht auf den bengalischen Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus zurück und ist eigentlich sehr simpel. Statt nur Profit anzustreben, möchte ein Social Business eine soziale Aufgabe lösen. Das kann genauso ein ökologisches oder ein gesellschaftliches Problem sein.“

Leitungswasser in Wodkaflaschen

Die Auswirkungen dieses veränderten Verständnisses einer Unternehmenskultur sind keineswegs unwichtig, findet Kupfer: „In einem Social Business wird der Erfolg daran gemessen, wie gut ein Problem gelöst wird und nicht wie in „konventionellen“ Unternehmen am Profit oder am Umsatz.“ Im Grunde ist das der Gegenentwurf zur traditionellen Marktwirtschaft. 

Die Idee für Soulbottles hatte Paul Kupfer während seines Publizistikstudiums in Wien und gemeinsam mit seinem damaligen Mitbewohner Georg Tarne. „Wir hatten keine Lust mehr auf Plastik, weil es dem Planeten und der Gesundheit nicht gut tut“, erinnert sich Kupfer, „deshalb haben wir angefangen, Leitungswasser aus alten Wein- und Wodkaflaschen zu trinken.“

 

Paul Kupfer, 30, gehört zu den Gründern des sozialen Jungunternehmens.

 

Für Mitgründer Tarne aber sollte es nicht nur praktisch, sondern auch noch hübsch anzusehen sein. Schließlich begann er damit, die wiederverwendeten Flaschen per Siebdruck zu verzieren. Kupfer und Tarne experimentierten mit Farben und Materialien an der Kunstuniversität in der österreichischen Hauptstadt. 

Im Winter 2011 war es dann soweit: die erste Soulbottle wurde produziert und verkauft, komplett ohne Schadstoffe und klimaneutral. Bis heute sind gut eine halbe Million Stück dazugekommen. Das Social-Business-Modell aber ist trotz der großen Nachfrage geblieben. Und so fließt von jeder verkauften Flasche ein Euro an die Hamburger Initiative Viva con Agua.

Den Turbokapitalismus aufgeben

Im Alltag der Soulbottle-Crew, die mittlerweile auf 50 feste und freie Mitarbeitende angewachsen ist, klingt die firmeneigene Philosophie dann so: „Unser Ziel es, dass Menschen Plastik im Alltag einsparen und dass mehr Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. Alles Geld, das wir mit dem Verkauf unserer Produkte erwirtschaften, ist nur Mittel zum Zweck“, verdeutlicht Kupfer. „Wenn wir Gewinn machen, stecken wir das Geld in neue Ideen oder spenden es.“

Geht es nach dem Dreißigjährigen, soll sein Konzept nicht länger eine Ausnahme in der Wirtschaftswelt bleiben. „Für mich ist ein soziales Unternehmen eigentlich gar nichts besonderes mehr und der Turbokapitalismus, den wir heute haben, eher unnormal“, sagt der Berliner. Kupfer kennt auch die klassischen Strukturen, ist davon jedoch nicht überzeugt – auch persönlich nicht. „Menschen, die Firmen nur deshalb gründen, um „richtig Kohle“ zu machen, finde ich oft langweilig.“ 

Kupfer hält wenig von Firmen, die einzig und allein auf Profit aus sind.

 

Kupfers Idee einer sozialeren Arbeitswelt wirkt sich natürlich nicht nur auf die Unternehmensziele aus, sondern, konsequent zu Ende gedacht, genauso auf die internen Strukturen. Doch dies zu verinnerlichen, war auch bei Soulbottles ein längerer Prozess. „Eine moderne Arbeitswelt“, erklärt der Gründer, „sollte weniger Hierarchien haben. Die Menschen sollten selbstbestimmter arbeiten dürfen und Entscheidungen treffen können. Das macht nicht nur mehr Spaß, sondern ist auch viel effizienter.“ Auch auf Arbeit sollten die Mitarbeitenden ganz sie selbst sein dürfen, glaubt er.

Arbeit ohne starre Hierarchien

Der Soulbottles-Gründer macht sich aber nicht nur Gedanken um sein eigenes Unternehmen, sondern auch ums große Ganze und um die Frage, warum Menschen Firmen besitzen, nur weil ihre Großeltern mal etwas gegründet haben. Kupfer gibt dazu Workshops und hält Seminare. Er glaubt an Konzepte kollektiver Eigentumsstrukturen, Genossenschaften zum Beispiel. Holocracy heißt das Modell dazu. „Es gibt keinen Chef, alle dürfen alles entscheiden, außer es werden neue Regeln festlegt. Diese werden demokratisch beschlossen. So entsteht ein Mix aus Hierarchie, Basis-Demokratie und Anarchie“, weiß Kupfer. Das bedeute vor allem eines: Kommunikation. 

 

Die Soulbottles-Ideen: weniger Plastik und mehr sauberes Trinkwasser.

 

Und es gehöre auch dazu, dass sich Menschen, die gründen, mehr und mehr aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Kupfer selbst hat schon ein neues Projekt im Auge: „Ich habe letztes Jahr gemeinsam mit einer Freundin ein Anzug-Label gegründet.“ Fair, gemütlich und schick sollen die Businessklamotten sein.

Auch hier war Kupfer selbst betroffen, weil er einen Anzug suchte, mit dem er Radfahren kann und der einen Waschgang überlebt. Momentan wird noch am Erstling gefeilt. Kupfer aber ist optimistisch, auch die verbliebenen Hindernisse bald überwinden zu können. Sagt es und verschwindet eilig im Konferenzraum, der schon fast ein wenig klein geraten ist, für alle die Mitarbeitenden, die seine Idee einer sozialeren Arbeitswelt mit ihm teilen wollen.

 

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