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Wenn die Filterblase platzt

Tiny Houses sind für viele eine Antwort auf die Wohnungsknappheit im Land. Auch Shai Hoffmann ist Fan der mobilen Wohnungen, will sie aber für etwas ganz anderes einsetzen. Wofür genau? Haben wir ihn gefragt.  

Text: Susanne Kailitz — Fotos: Luca Abbiento

 

Veto: Shai, woran arbeitest du gerade?

Shai Hoffmann: (Lacht) An vielem gleichzeitig. Doch im Moment hängt mein Herz besonders an der Idee, rund um den 70. Geburtstag des Grundgesetzes Ende Mai für eine Woche mit einem so genannten Tiny House durch Deutschland zu touren und auf den Marktplätzen verschiedener Städte mit Menschen über das Grundgesetz oder die Menschenrechte zu sprechen.

Ein Tiny House ist mobil, aber auch winzigklein. Menschen leben auf nicht mehr als acht Quadratmetern. Warum soll das zum Aufhänger der Aktion werden?

Weil es ein echter Blickfang ist und Menschen neugierig macht. Gleichzeitig ist es ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass wir alle unter dem Dach des Grundgesetzes zusammenleben. Das Tiny House soll also einen Raum für Gespräche darüber bieten, wie genau wir das in Zukunft tun wollen. Und: Bei solchen Gesprächen geht es natürlich immer auch um konkrete Probleme, die die Menschen aktuell bewegen und beschäftigen. Die Wohnungsfrage gehört dabei zu den drängendsten.

 

Auf einer Deutschlandtour will Shai Hoffmann über das Grundgesetz sprechen.

 

Wie laufen denn die Vorbereitungen der Tour?

Ehrlich gesagt hängt es momentan und wie immer am Geld. Wir wissen nicht, ob wir die nötige Summe zusammen bekommen. Ich organisiere die Aktion gemeinsam mit der Initiative „Artikel 1“, die auch einen Teil des Geldes dazugibt. Wir wollen mit dem Tiny House einmal quer durchs Land kommen und dafür braucht es allerhand Menschen, die das Haus umher fahren oder die das Projekt mit der Kamera begleiten und später das gesammelte Material aufbereiten, um das Erlebte möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Ich bleibe optimistisch, muss aber auch ehrlich sagen: Es gehört schon viel Entschlossenheit und Durchhaltevermögen dazu.

Du hast Erfahrung mit dieser Art Aktion. Zuletzt bist du vor der Bundestagswahl mit einem Bus durchs Land getourt, um Menschen zu treffen. Was bringt das?

Irgendwann hatten ein Freund und ich das Bedürfnis, aus unserer Filterblase raus und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die wir sonst nie treffen würden. Mich hat damals der Hass im Netz umgetrieben und ich wollte herausfinden, ob Menschen in Situationen „Face to face“ ähnlich destruktiv miteinander kommunizieren. Der Bus war dabei ein absoluter Magnet. Ich kenne nämlich kaum Menschen, die in ihrer Kindheit nicht wenigstens einmal kurz davon geträumt haben, selbst so einen Bus zu fahren – und wenn dann plötzlich so ein charmanter Doppeldecker auf dem Marktplatz steht, weckt dieser ein natürliches Interesse und fast alle wollen sich ans Steuer setzen. Damit es aber nicht nur beim Staunen bleibt, haben wir den Menschen einen Kaffee angeboten und angefangen, uns mit ihnen zu unterhalten. Wir haben bedingungslos zugehört, auch wenn menschenfeindliche Sätze gefallen sind.

 

 

Ihr habt also nicht interveniert?

Zunächst nicht. Wir wollten, dass die Menschen ihre Gedanken zu Ende führen können, ohne sie voreilig zu unterbrechen oder ihre Meinungen als rassistisch abzustempeln. Als sich die Chance für Nachfragen eröffnete, haben wir diese natürlich genutzt. Wir wollten zum Beispiel wissen, ob sie denn schon mit Geflüchteten oder mit Menschen mit Migrationsgeschichte Kontakt hatten. Das Verblüffende dabei war: Viele derjenigen, die Vorurteile oder Ängste hegen, sind bislang noch keinem Geflüchteten begegnet. Anders war unser Vorgehen bei Menschen, die ganz offensichtlich dem Milieu der Reichsideologie angehörten. Hier haben wir schnell zu verstehen gegeben, dass wir an das Grundgesetz glauben. So haben sich unsere Wege schnell wieder getrennt. 

Und was hat das alles gebracht?

Ich glaube, Deutschland vereinsamt. Es gibt ganz viele Menschen, die Gesprächsbedarf haben, weil sich die Welt um sie herum dramatisch wandelt – aber es fehlt an einem Gegenüber, um über diese Veränderungen sprechen zu können. Diesen Menschen tut es gut, mal alles rauslassen zu können. In solchen Begegnungen habe ich viel über die Stimmung im Land erfahren und darüber, was die Menschen brauchen.

Der einstige Schauspieler Shai Hoffmann will Menschen ins Gespräch bringen.

 

Wie würdest du die Stimmung beschreiben?

Sie ist durchwachsen. Grundsätzlich ist Rassismus kein ostdeutsches Phänomen, wenngleich Diskriminierung gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte in Ostdeutschland ausgeprägter ist. Was mir auch auffällt: Obwohl im Mai die Europawahl vor der Tür steht, spüre ich bisher keine Begeisterung für Europa in Deutschland. Der Wahlkampf plätschert vor sich hin und die Menschen, die sich zur Wahl stellen, haben es bisher nicht geschafft, dieses fürchterlich technokratische und bürokratische Europäische Parlament greifbar und vor allem menschlicher zu machen.

Und auch auf Landesebene stehen dieses Jahr wichtige Wahlen an: Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Zur Bundestagswahl haben rechtspopulistische Parteien dort recht hohe Ergebnisse erzielt. Ob sich das wiederholt, bleibt abzuwarten. Mein Traum wäre es jedenfalls, demnächst mit einem Bus durch eins der Ost-Länder zu fahren. 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Früher warst du Schauspieler und hast auch bei GZSZ vor der Kamera gestanden. Heute bist du Social Entrepreneur. Was können wir uns darunter verstehen?

Ich verstehe mich als Mensch, der die ökonomische, ökologische und die soziale Frage bei allen gesellschaftlichen Entwicklungen gleichermaßen mitdenken will. Wir leben in einer Zeit, in der aus dem Bestreben vieler Unternehmen – nämlich aus allen Dingen den größtmöglichen Profit zu erzielen – große Ungerechtigkeit entsteht. Dagegen möchte ich etwas tun.

 

Datum: