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Leben mit Label

Während eines Auslandsjahres in Ägypten hat sich Paulina Fröhlichs Blick auf die Demokratie verändert. Sie gründete eine Initiative, die mit anderen Menschen den Dialog sucht – besonders mit kritischen Stimmen.  

Text: Susanne Kailitz — Fotos: Luca Abbiento

 

Polit-Aktivistin, das klingt irgendwie nach 1968, nach grauen Haaren und Verbissenheit. Oder doch ganz anders. Nach einer jungen Frau, mit langen brünetten Haaren und einem ansteckenden Lachen. Paulina Fröhlich verleiht dem Begriff eine ganz neue Bedeutung – und hätte ihn für sich selbst nie gewählt. Als aber der deutsch-französische Kultursender Arte vor zwei Jahren eine Dokumentation über Fröhlich drehte und sie darin eine Polit-Aktivistin nannte, da habe sie das als „Ritterschlag“ empfunden, sagt die 27-Jährige. „Seither benutze ich das Wort selbst.“

Und ganz zweifellos ist Paulina Fröhlich auch eine politische Aktivistin. Denn vor fast drei Jahren rief sie gemeinsam mit anderen Engagierten die Aktion „Kleiner 5“ ins Leben – eine Kampagne, mit der die AfD aus dem Bundestag herausgehalten werden sollte. Inzwischen arbeitet die studierte Geographin als Projektmanagerin für Das Progressive Zentrum. Der Berliner Think Tank verfolgt ambitionierte Ziele und will „fortschritts- und innovationsorientierte Politikideen in die öffentliche Debatte“ einbringen. Die Mitarbeitenden konzentrieren sich vor allem darauf, Studien und Handlungsempfehlungen zu publizieren sowie Veranstaltungen zu organisieren.

Der Ton war plötzlich ein anderer

Politik und politisch aktiv zu sein, das sei für sie Arbeit und Hobby zugleich, sagt Fröhlich; dass die Grenzen zwischen den Lebensbereichen damit sehr fließend seien, empfinde sie als Vorteil. Das Leben, das sie heute führt, sieht Fröhlich als Konsequenz der letzten Jahre: „Ich bin eigentlich auf zwei Wegen zum politischen Engagement gekommen. Angefangen hat das alles während eines Auslandsjahres, das ich in Kairo verbracht habe. Eine Zeitlang in einer konservativen und geschlossenen Gesellschaft zu leben, hat mich sehr geprägt – und dazu geführt, dass ich die Chancen und Möglichkeiten unserer freien Demokratie zu schätzen gelernt habe.“

Und dann sei da noch der berühmte Moment des Erwachsenwerdens gewesen: „Als ich aus Kairo zurückkam, hatte sich in Berlin irgendwie der Ton verändert. Mit den Geflüchteten veränderte sich auch die Diskussionskultur. Am Kiosk oder im Bus fielen auf einmal Sprüche, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten habe.“

Paulina Fröhlich versuchte den Einzug der AfD in den Bundestag zu verhindern.

 

Irgendwann habe Fröhlich in einem Café gesessen und sei ins Gespräch mit einem Mann gekommen, der gegen die Flüchtlingspolitik gewettert habe. Sie habe alles versucht – Argumente, Humor, am Ende seien ihr sogar die Tränen gekommen. Gebracht habe das alles nichts: Ein fruchtbares Gespräch sei einfach nicht möglich gewesen. „Das war ein Schock und für mich der Moment, in dem mir klar wurde: Du musst was machen.“ Sie habe, erinnert sich Fröhlich, auf einmal gespürt, dass Dinge in Gefahr seien, die ihr wichtig sind: Freiheit, Demokratie, das Grundgesetz.

Kommunikation nicht abschneiden

„Kleiner 5“ hat medial viel Aufmerksamkeit erzeugt; für die Kampagne gab es deshalb viel Lob und Unterstützung. Erfolgreich war sie dennoch nicht: Die AfD ist als größte Oppositionspartei in den Bundestag eingezogen und hat dort seither die Debattenkultur verändert. Das sei natürlich frustrierend gewesen, sagt Fröhlich.

Und dass es mittlerweile denkbar ist, dass die rechtspopulistische Partei bei den anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland noch stärker wird als sie es bisher ist, sei auch keine Entwicklung, die optimistisch stimmen könne. Dennoch: „Ich habe einfach gesehen, dass die Strategie nur sein kann, Menschen in direkten Gesprächen zu begegnen.“ Dafür hat „Kleiner 5“ das Konzept der „radikalen Höflichkeit“ entwickelt: im Gespräch mit Andersdenkenden konsequent höflich bleiben, dem Gegenüber zuhören und ihn ernst zu nehmen, die eigenen Ansichten begründen – aber auch konsequent Grenzen ziehen und Provokationen und Hass widersprechen.

Nur so sei es möglich, in einen wirklichen Austausch zu kommen und sich nicht ausgeliefert zu fühlen, davon ist Fröhlich überzeugt. „Die meisten von uns erleben diese massive gesellschaftliche Spaltung, die wir gerade haben, im eigenen Familien- oder Freundeskreis; da kann ich nicht einfach die Kommunikation abbrechen. Entscheidend ist, respektvoll miteinander umzugehen.“

Gespräche ohne politische Agenda

Fröhlich hat in den letzten drei Jahren unzählige Gespräche geführt, sie ist immer wieder aus der eigenen Filterblase herausgegangen, um zu argumentieren und zuzuhören. Wenn die junge Frau in einer Einkaufspassage Menschen anspreche, begegne ihr in aller Regel eine Frage, sagt sie: „Die Menschen wollen wissen, ob ich in einer Partei bin oder von der Kirche komme. Viele haben den Verdacht, ich hätte eine bestimmte Agenda. Wenn ich das verneine, sind dann auch Gespräche möglich.“

Wichtig sei es daher, Menschen einen Austausch zu ermöglichen, das stelle sie bei ihren Workshops und Veranstaltungen immer wieder fest. „Sowas holt die allermeisten Menschen viel besser ab, als eine Podiumsdiskussion. Es geht um den Austausch und nicht darum, etwas vorgesetzt zu bekommen.“

Zwar könne sie sich grundsätzlich vorstellen, Mitglied einer Partei zu werden, „aber im Moment habe ich das Gefühl, mit dem, was ich momentan mache, einen größeren Wirkungsrahmen zu haben“. Die starren Strukturen und Abläufe der Parteien sieht sie skeptisch. „Ich bin einer WhatsApp-Gruppe mit anderen Engagierten, die sich nach den Vorfällen in Chemnitz gegründet hat. Dort machen wir uns einander auf Themen aufmerksam und schließen uns ganz schnell zusammen, um gezielt aktiv zu werden. Für mich ist das im Moment der sinnvollere Weg.“

 

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