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Imam hinter Gittern

Mit Strafverfolgung allein lässt sich Terrorismus nicht bekämpfen. Denn auch in Gefängnissen rekrutieren Radikale neue Verbündete. Mustafa Cimsit sollte dies verhindern, doch dem Seelsorger wurde gekündigt.

Text: Susanne Kailitz — Fotos: Stefan Daub

 

Zwischen Theorie und Praxis liegen häufig Welten. Und fast für jeden Menschen ist es eine Herausforderung, seine Taten an seinen Worten messen zu lassen. Darüber lässt sich in diesen Tagen gut mit Mustafa Cimsit sprechen. Wer ihn trifft, wird herzlich empfangen. Mehr als sechs Jahre lang hat der Religionswissenschaftler als Gefängnis-Imam in Hessen gearbeitet. Er hat mit den männlichen Inhaftierten gebetet, diskutiert, gestritten – auch und immer wieder darüber, was es bedeutet, ein muslimischer Gläubiger in Deutschland zu sein. Wer die Radikalisierung insbesondere junger Menschen verhindern wolle, der müsse ihnen zuhören, für ihre Nöte ein offenes Ohr haben, davon ist Cimsit überzeugt. „Man muss ihnen Alternativen aufzeigen.“ 

Gefängnisse werden immer wieder als Orte der Radikalisierung genannt, auch weil die geistliche Betreuung oft nur Nebensache ist. Die Haftzeit steht häufig sinnbildlich für einen gescheiterten Lebensweg. Das mache junge Gläubige anfällig für einfache Erklärungen, sagen Fachleute. Auch der Attentäter von Berlin, Anis Amri, hat sich in der Haft in Italien radikalisiert. Cimsits Aufgabe war es, solche Tendenzen zu erkennen und möglichst zu intervenieren. Er war aber auch Kümmerer und setzte sich für Halal-Produkte ein, besorgte schmuckvolle Gebetsketten, aufwändig verzierte Teppiche und religiöse Lektüre, immer nach Rücksprache mit der Sicherheitsabteilung der JVA.

Vorbild guter Integration

Der 46-Jährige war der einzige muslimische Vollzeit-Seelsorger in Deutschland und er hat diese Aufgabe mit Leidenschaft erfüllt. Seit sechs Monaten ist es damit vorbei: Cimsits Arbeitsvertrag wurde nicht verlängert, sein früherer Arbeitgeber macht ihm schwere Vorwürfe, darunter: Cimsit habe scheinselbständig und vertragswidrig auch teilweise außerhalb der JVA gearbeitet und abgerechnet. Cimsit sagt, es sei „unumgänglich“, außerhalb der JVA zu arbeiten, wenn man den Job professionell wie katholische und evangelische Seelsorgende machen wolle, die ebenfalls teilweise außerhalb der JVA arbeiten.

Mustafa Cimsit war der einzige muslimische Vollzeit-Seelsorger in Deutschland.

 

Aus dem Traumjob des 46-Jährigen ist ein Alptraum vor Gericht geworden und es wäre nicht verwunderlich, wenn Cimsit, der mit seinem Einkommen Frau und drei Kinder versorgt hat, verbittert wäre. Denn ihm wurde eine Besonderheit seiner Religion zum Verhängnis: Anders als katholische und evangelische Seelsorgende war der Gefängnis-Imam kein Angestellter einer Kirche, sondern hat seinen Job als Selbständiger erfüllt. Immer wieder habe man ihm versichert, es werde dafür eine Lösung geben, sagt Cimsit, dass man das besondere Konstrukt nun nutzt, um ihn „vom Hof zu jagen“, macht ihn wütend.

Und dennoch: Cimsit wehrt sich dagegen, verbittert zu werden. In seiner Zeit als muslimischer Gefängnisseelsorger habe er mit den Inhaftierten immer wieder darüber gesprochen, wie wichtig es sei, sich an Recht und Gesetz zu halten – „und das ist genau das, was ich jetzt auch tue. Weil ich die Strukturen des deutschen Staates respektiere, gehe ich jetzt genau den Weg, der für Fälle wie meinen gedacht ist: Ich verklage meinen früheren Arbeitgeber und lasse diesen Streit von einem Gericht klären.“ Vielleicht sei es einfacher, zu schimpfen und zu wüten, „aber es geht darum, sich an die Regeln zu halten, die in diesem Land für alle gelten“.

Das, sagt Cimsit, sei die wichtigste Aufgabe eines Imams: ein gutes Vorbild für seine Gemeinde zu sein. Nur so könne Integration gelingen: indem man gut mit seinen Mitmenschen umgehe und die Gesellschaft, in der man lebe, nicht störe, sondern versuche, ein Gewinn zu sein. Ein glaubhaftes Vorbild, dem andere vertrauen, könne man nur sein, wenn man sich selbst unter allen Umständen an die geltenden Regeln halte – auch wenn das, wie jetzt gerade, der anstrengende Weg sei.

Angespanntes Zusammenleben

Es schmerzt Cimsit, dass das Land Hessen auf seine Expertise keinen Wert mehr legt. Sein Ringen um Integration ist damit aber längst nicht an ein Ende gekommen. Als Jugend- und Erwachsenenbildner setzt er seine Anstrengungen nun außerhalb der Gefängnismauern fort. Er betrachtet mit Sorge, dass sich das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu den muslimischen Gläubigen in den letzten Jahren deutlich verschlechtert habe. „Wir waren im Zusammenleben schon einmal deutlich weiter. Aktuell habe ich das Gefühl, es stehen sich zwei Fronten gegenüber: Viele Gläubige fühlen sich permanent unter einen ungerechten Generalverdacht gestellt, häufig verharren sie deshalb in einer Opferrolle. Dagegen haben viele Deutsche Sorge, Menschen muslimischen Glaubens würden die Regeln und Gesetze nicht anerkennen; sie sehen den Islam insgesamt als Bedrohung, weil sie ihn mit Terror verbinden.“ 

Viel zu lange hätten beide Seiten verbal immer weiter aufgerüstet; dadurch ist die Verständigung auf der Strecke geblieben. Dabei gebe es viel mehr, das die Menschen eine – vor allem, wenn es um Religionsfragen gehe. „Alle religiösen Menschen müssen ihr Handeln vor Gott gleichermaßen verantworten. Die Maßstäbe, an denen wir uns messen müssen, sind dieselben.“

 

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