Wer ist das eigentlich, diese Zivilgesellschaft? Weil diese Frage meist unbeantwortet bleibt, wollen wir Engagement sichtbar machen.

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Unterhaltsam, aber gefährlich

Giulia Silberberger amüsiert sich über Verschwörungstheorien – sieht darin aber auch ein großes Risiko. Deshalb berät die Gründerin der Initiative „Der goldene Aluhut“ Ausstiegswillige und Angehörige und teilt ihr Wissen.  

Text: Susanne Kailitz — Fotos: Peter van Heesen

 

Veto: Frau Silberberger, welche ist Ihre liebste Verschwörungstheorie?

Giulia Silberberger: Ich stehe ganz besonders auf die Neuschwabenland-Theorie, nach der es eine Nazi-Festung in der Antarktis gibt. Hitler soll dort gemeinsam mit Reptiloiden leben. Das ist eindeutig mein Favorit.

2014 haben Sie die Initiative „Goldener Aluhut“ gegründet, die seither jährlich einen Preis für die absurdeste Verschwörungstheorie vergibt und auf einer Facebook-Seite informiert. Warum?

Ich bin irgendwann im Internet auf diverse Verschwörungstheorien gestoßen, das hat mich fasziniert und ich bin tiefer eingetaucht. Doch dann wurde in den letzten Jahren immer deutlicher, dass viele Menschen an so etwas glauben und sich in ideologischen Strukturen verstricken. Inzwischen sitzt die AfD im Bundestag, damit haben Verschwörungstheorien wie etwa die von der Umvolkung oder einer jüdischen Weltverschwörung Auftrieb bekommen. Wir haben uns dazu entschieden, über diese Verschwörungstheorien aufzuklären und haben dafür den humorvollen Weg als niedrigschwelligen Zugang gewählt. Auf unserer Facebookseite, in unserer eigenen Community und mit dem jährlichen Award wollen wir gleichzeitig unterhalten, aber eben auch aufklären.

Was können Verschwörungstheorien Ihrer Meinung nach anrichten?

Da müssen wir doch nur in die aktuelle politische Diskussion schauen: Die Idee, die Regierung könne einen groß angelegten Bevölkerungsaustausch betreiben, führt zu Hetze und Hass etwa gegen Geflüchtete. Das schadet insgesamt der Demokratie. Und über Verschwörungstheorien werden Strukturen psychischer Manipulation etabliert – etwa bei Religionsgemeinschaften wie den Zeugen Jehovas oder rechten Gruppen wie dem Milieu der Reichsideologie. Wer dort aussteigen will, wird bedroht und gestalkt. Und Verschwörungstheorien rund um die Pharmaindustrie führen dazu, dass Menschen sich nicht adäquat behandeln oder ihre Kinder nicht mehr impfen lassen.

Giulia Silberberger klärt im Netz über Verschwörungstheorien auf.

 

Wie stark wird Ihr Engagement durch Ihre eigene Vergangenheit beeinflusst? Sie haben ja große Teile Ihrer Kindheit und Jugend bei den Zeugen Jehovas verbracht.

Die Erfahrung, wie es ist manipuliert zu werden und wie schwer es einem gemacht wird, aus solchen Systemen auszusteigen, spielt für mein Engagement natürlich eine große Rolle.

Werden Menschen immer anfälliger für diese Art von Manipulation oder wird sie durch das Internet einfach nur immer sichtbarer?

Wir Menschen waren schon immer doof, das muss ich ehrlich sagen. Deshalb hat es immer schon Menschen gegeben, die die absurdesten Dinge geglaubt haben. Jetzt wird das durch das Internet aber viel sichtbarer und immer mehr Menschen werden damit konfrontiert. Da hat jemand Sorgen und Existenzängste, sucht nach Erklärungen und Hilfe – und landet bei vermeintlich einfachen Erklärungen, nach denen die Regierung gegen das eigene Volk arbeitet oder die Medien tricksen. Das ist eine Gefahr.

Was lässt sich gegen diese kruden Ideen tun?

Manchmal helfen Fakten weiter – das ist aber nur dann gegeben, wenn das Gegenüber noch an einer Diskussion interessiert ist. Wenn aber jemand felsenfest davon überzeugt ist, dass das Chemtrails am Himmel sind, dann sind auch Daten Schall und Rauch. Deshalb setzen wir auf Prävention. Wir müssen Menschen aufklären, bevor sie in Parallelwelten abdriften.

Nach 16 Jahren stieg Giulia Silberberger bei den Zeugen Jehovas aus.

 

Müsste es mehr staatliches Engagement gegen Verschwörungstheorien geben oder ist da die Zivilgesellschaft gefragt?

Eindeutig beide! Wir brauchen dringend viel mehr Beratungsstellen sowohl für Betroffene, die aussteigen wollen als auch für Angehörige, die extrem leiden. Wir bekommen ganz viele Anfragen von Menschen, die völlig verzweifelt und hilflos sind. Ihnen helfen wir bei der Suche nach Informationen oder Ansprechpersonen – zum Beispiel therapeutisches Personal oder Sektenberatungsstellen. Am wichtigsten ist aber, ihnen Empathie und Verständnis entgegen zu bringen. Das kommt auf staatlicher Ebene häufig viel zu kurz.

Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit, wie können euch Menschen, die sich selbst engagieren wollen, unterstützen?

Wir bekommen keine Förderung, sondern leben ausschließlich von Spenden. Das ist uns wichtig, wir wollen nicht unter einem bestimmten Label arbeiten, sondern unabhängig bleiben. Gerade im Moment wären wir über mehr Unterstützung froh: Wir suchen immer Menschen, die in den sozialen Medien unterwegs sind und die für uns nach Content suchen. Für unsere eigene Community und die Diskussionsforen, die wir gerade aufbauen, suchen wir nach Menschen, die moderieren wollen und sich mit unseren Themen auskennen.

 

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