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Generation Grün

Aus dem Engagement einer jungen Schwedin ist die Bewegung „Fridays for Future“ geworden. Der weltweite Protest für mehr Klimaschutz reicht inzwischen sogar bis in das Lausitzer Braunkohlegebiet Cottbus.  

Text: Tom Waurig — Fotos: Benjamin Jenak

 

Freitagmittag – kurz nach 12 Uhr: Über der Cottbusser Altstadt hängt eine dichte, dunkelgraue Wolkendecke. Kalte Böen pfeifen durch die Einkaufsstraßen in der Lausitz. Zehn Grad und Regen sind angekündigt. In den Gassen herrscht geschäftiges Treiben: Vorwochenendstimmung. Noah Reißner kommt gerade aus der Schule. Der junge Mann hat es eilig, er ist auf dem Weg zum Platz am Stadtbrunnen, ein von Ladengeschäften umsäumter Markt im Zentrum von Cottbus. Für die letzte Unterrichtsstunde hat Reißner sich freistellen lassen, genauso wie die vier anderen jungen Menschen, die ihn schon erwarten.

Reißner, 16, hat sich schick gemacht, trägt eine gemusterte Stoffhose, dazu einen langen dunklen Wollmantel und elegante Schnürschuhe. In Cottbus organisieren Reißner und Co. den ersten Klimastreik in der Lausitz-Stadt. Die Stimmung unter dem Quintett ist ausgelassen, von Aufregung ist dagegen wenig zu spüren.

 

 

Schon in den Winterferien haben sich die Jugendlichen zusammengetan und hielten über eine Whatsapp-Gruppe ständig Kontakt. Sie haben Kooperationen aufgebaut und mit Plakaten für den Protest geworben. „Wir wollen zeigen, dass auch im letzten Kaff was geht“, verdeutlicht Reißner. 150 Teilnehmende wären toll, so die Hoffnung des Mitorganisators eine halbe Stunde vor Beginn der Kundgebung. Fast doppelt so viele werden es wenig später sein, außerdem 300.000 in ganz Deutschland und über 1,4 Millionen weltweit – so lauten die offiziellen Zahlen.

An diesem Freitag sind Menschen, junge wie wie alte, in 125 Ländern auf die Straße gegangen, um ein Zeichen für mehr und besseren Klimaschutz zu setzen. Angefangen hat alles mit Greta Thunberg, eine junge Schwedin, die seit Monaten freitags nicht mehr zur Schule geht und stattdessen in Stockholm demonstriert. Entstanden ist aus ihrem Engagement die Bewegung „Fridays for Future“.

Die Vision der jungen Schwedin ist mittlerweile auch in entlegenere Städte geschwappt. Doch die Forderungen sind überall dieselben: weg von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbaren Energien. Die Bewegung sieht sich als letzte Generation, die noch etwas gegen den Klimawandel ausrichten kann.

 

 

 

Das Interesse am neu aufflammenden jungen Protest ist riesig, auch in Cottbus. Reißner ist deshalb an diesem Tag ein gefragter Mann. Aus der Ruhe bringen aber lässt er sich nicht, egal wie viele Interviews er geben muss. Der Osten sei zu abhängig von der Kohle, kritisiert er, und fordert einen Strukturwandel. Der Protest müsse deshalb bis in den Bundestag reichen. In Cottbus ist der Kohleausstieg beschlossene Sache. Bis spätestens 2022 soll das Braunkohlekraftwerk vom Netz und durch ein neues Gaskraftwerk ersetzt werden. Drohungen, Hassmails und unschöne Anrufe habe es nach der Bekanntgabe im vergangenen Jahre gegeben, berichten die Stadtwerke.

Kritik an der Klimapolitik

Dass sich längst nicht alle für den Klimaschutz erwärmen lassen – in einer Braunkohleregion wie Cottbus schon gar nicht, das weiß auch Reißner. In seiner Schule, erzählt der junge Mann, fehlte bereits nach wenigen Stunden das Plakat mit dem Aufruf zur Kundgebung. Doch wer hinter dem Verschwinden steckt, weiß er nicht. Auch an seiner Schule gebe es Lehrkräfte, die für den Protest wenig übrig hätten und sich vor allem am „Schwänzen“ stören würden.

Mit diesen kritischen Stimmen kann Reißner wenig anfangen, auch nicht mit den aus der Berliner Politik: „Lange Zeit wurde der jungen Generation vorgeworfen, dass sie unpolitisch ist, heute aber heißt es, dass wir keine Ahnung hätten.“ Entmutigen lässt sich davon allerdings niemand. In Cottbus haben viele Demonstrierende Pappschilder und Transparente mitgebracht, die einen bunt bemalt, andere poetisch beschrieben. Auch viele Erwachsene sind gekommen, als mentale Stütze oder aus ernstgemeinter Sympathie.

 

 

 

Gegen 13 Uhr geht es los. Ein steinerne Sitzgruppe wurde kurzerhand zur Bühne umfunktioniert. „Klimastreik“ steht in großen Buchstaben auf einem Transparent geschrieben. Vier Redebeiträge wird es geben, zwischendurch läuft Musik – Seeed, Tim Bendzko, Marteria, Kafvka. „Hallo Welt, hallo, hallo Welt, wir sind da um dich zu retten“, dröhnt es aus der Lautsprecherbox.

Ein Protest brauche unbedingt eine Parole, beginnt der erste Redner. „Say it loud, say it clear, Klimaschutz jetzt und hier“, ruft er den Demonstrierenden enthusiastisch entgegen. Nach kurzem Zögern und einigen wenigen skeptischen Blicken, schallt der Slogan über den ganzen Platz, immer und immer wieder. Während den kurzen Ansprachen brandet ein ums andere Mal tosender Applaus auf. Die Gruppe um Noah Reißner hält derweil immer wieder Rücksprache, um nichts zu vergessen. Das Mikrofon müsse näher an den Mund, rät eine Frau mittleren Alters dem Organisationskreis. 

 

 

Reißner ist inzwischen deutlich angespannter. Minuten vor seiner Rede tigert er vor der Bühne hin und her, schaut immer wieder auf das mit schwarzer Tinte beschriebene Manuskript – eine Seite Text mit kleiner Schrift. Er nimmt Kritik am weltweiten Konsum und dem rücksichtslosen Umgang mit der Natur, der Gletscher schmelzen lasse und zu Wetterextremen und Artensterben führe. Die politisch Verantwortlichen, meint Reißner, müssten handeln oder „wir müssen sie dazu zwingen“.

Denn, führt der 16-Jährige weiter aus: „Wessen Zukunft ist es, deren Schicksal die Menschheit von heute besiegelt? Ist es die Zukunft des 72-jährigen Präsidenten der USA, die Zukunft des 66-jährigen Präsidenten Brasiliens, die Zukunft der 64-Jährigen deutschen Kanzlerin oder ist es unsere Zukunft?“ Unter Jubel und Applaus verläßt er die Bühne und verschwindet in der Masse der Demonstrierenden. In Zukunft will er alle vier Wochen protestieren, immer wieder freitags.

 

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