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Inszenierte Schicksale

Theater sind Orte der gesellschaftlichen Debatte, Orte des Konfliktes und der Utopie. Vor Publikum werden Missstände vorgeführt und verhandelt. Michael Ruf wagt sich mit seinem Ensemble an die brisanten Themen.

Text: Tom Waurig — Fotos: Luca Abbiento

 

Der Saal ist abgedunkelt, die Bühne wenig aufwändig hergerichtet. Im grell-warmen Licht der Scheinwerfer steht ein Schauspiel-Trio vor seinen Mikrofonen. Es gibt keine prächtige Kulisse, keine kunstvolle Kostümierung. Keine Schnörkelei und nichts, das den Blick auf das Wesentliche verstellt. An diesem Abend brauchen die Schauspielenden nicht mehr als ihre bloße Stimmgewalt.

Sie erzählen von Ali aus Togo, im Freundeskreis liebevoll „Präsident“ genannt, und von Felleke aus Äthiopien, der mehrfach gegen seine drohende Abschiebung kämpfte, später allerdings mit einen Menschenrechtspreis gewürdigt wurde – und von Safiye, die nach Jahren in türkischer Haft und einem absurden Ablehnbescheid Mutter zweier Kinder wurde. Die Asyl-Monologe inszenieren die berührenden Geschichten von Geflüchteten auf Deutschlands Theaterbühnen und tragen dem Publikum ihre leidvollen Erlebnisse vor, aber sie handeln genauso von Stärke und Widerstand.

Getrieben von großer Neugierde

Inspirieren ließ sich Regisseur Michael Ruf während seines Filmstudiums in England. Dort entstand mit den Actors for Human Rights vor zwölf Jahren ein Netzwerk aus 700 Kreativen, die die Biografien von Geflüchteten auf die Bühne gebracht haben. „Diese unverstellte und nicht verschnörkelte Art des Erzählens hat mich damals sehr berührt“, erinnert sich Ruf. Es habe ihm einen neuen Zugang eröffnet, obwohl er sich auch davor schon intensiv mit der Flüchtlingspolitik beschäftigt habe.

Regisseur Michael Ruf ist Initiator der Bühne für Menschenrechte.

 

Ruf übernahm schließlich die Idee und brachte 2011 die Asyl-Monologe das erste Mal auf die Bühne – in einer Zeit, „in der noch wenig über Geflüchtete gesprochen wurde“. Er habe die Notwendigkeit gesehen, ihr Schicksal in eine dramaturgische Form zu bringen und im Land zu verbreiten. Die Bühne für Menschenrechte war geboren.

„Mich interessieren die Biografien hinter den politischen Schlagwörtern“, erklärt der 42-Jährige. Politik und Medien würden etwa über die Anzahl der Menschen berichten, die nach Deutschland geflüchtet seien, ergänzt er, aber jeder von ihnen habe ein Leben, eine eigene Geschichte.

Weit mehr als ein Theaterstück

Was den Regisseur antreibt, ist die Neugierde auf Menschen. Das spiegelte sich schon in seiner Studienwahl: Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaften. Und auch die Wurzeln seines politischen Interesses kann Ruf, Jahrgang 1976, genau benennen: Als Jugendlicher nahm er an einer Jugendbegegnung in Dachau teil und besuchte auch die dortige KZ-Gedenkstätte. Durch ein Gespräch mit einer Zeitzeugin habe er als Heranwachsender viel besser verstehen können, was er schon aus den Büchern kannte. „Es hat ein Gefühl der Verantwortung geweckt.“ Dieses Bewusstsein hat er sich bis heute bewahrt und schließlich auf die Bühne getragen.

Im Unterschied zum klassischen Theater werden bei Rufs Stücken reale Geschichten wortgetreu wiedergegeben. Dokumentarisches Theater nennt das der Regisseur. Für die Asyl-Monologe führten Ruf und sein Team Interviews mit Geflüchteten. Diese dauerten viele Stunden, manchmal Tage. Anschließend werde gekürzt, doch nichts dazugedichtet oder sprachlich verändert, macht der Theatermacher deutlich. „Alles, was auf der Bühne gesagt wird, wurde uns genauso erzählt.“

In seinen Aufführungen werden Geschichten wortgetreu erzählt.

 

Warum aber stehen die Geflüchteten nicht selbst auf der Bühne? Das Publikum könne so eine gewisse Distanz wahren, meint Ruf, ohne allzu schnell in mitleidige Gedanken zu verfallen. Das Besondere an den Aufführungen, bemerkt er, sei die Aktivierung des Publikums. „Es reicht nicht, nur zu konsumieren. Wir wollen zum Engagement motivieren – all jene, die immer noch zögern.“ 

Zu den Vorstellungen werden deshalb auch lokale Initiativen eingeladen, die beschreiben sollen, wie Interessierte sich in ihrer Region einbringen können. Ruf erinnert sich an eine Aufführung in Bremen. Nach dem Stück haben er und das Ensemble wie so oft mit dem Publikum gesprochen – über die Inszenierung und eigene Erfahrungen. Es herrschte eine intime Atmosphäre, sagt Ruf. „Noch am selben Abend hat sich eine Initiative gegründet, die Geflüchtete unterstützt.“

Aufklärung über NSU-Mordserie

Trotz oder gerade wegen dieses Zuspruchs wollte Ruf es nicht nur bei einem Stück belassen. Und so wurde aus den Asyl-Monologen ein Dialog. Inszeniert werden Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung.

Seit 2016 gehören auch die NSU-Monologe zum Programm. Den Stoff dazu liefern die Hinterbliebenen der Opfer. Im Namen von Elif Kubaşık, Adile Şimşek und İsmail Yozgat erzählt das Stück von der Kriminalisierung der eigenen Familie, vom erbitterten Kampf um Wahrheit und von einer Zeit, als Väter, Brüder oder Söhne von den deutschen Sicherheitsbehörden verdächtigt worden sind, mafiösen Strukturen anzugehören. Denn eine rassistische Mordserie wurde bei den Ermittlungen lange ausgeschlossen. „Viele haben nur am Rande erfahren, was die Angehörigen erleben mussten. Das überrascht und schockiert viele“, fasst Ruf die Reaktionen zusammen. 

Im Juli 2018 sprach das Oberlandesgericht in München die Hauptangeklagte Beate Zschäpe des zehnfachen Mordes schuldig und verhängte die Höchststrafe. Die Mitangeklagten André Eminger und Ralf Wohlleben hingegen wurden bereits aus der Haft entlassen. Das Urteil ist für Ruf ohnehin nur ein Teil der Aufklärung. Und so bleibt das Interesse an den Aufführungen weiterhin groß.

Zu den Vorstellungen lädt Michael Ruf immer auch Initiativen ein.

 

Gerade nach dem Ende des fünf Jahre und zwei Monate langen Verfahrens will Ruf aufklären und über Rassismus sprechen. „Denn das hat der Prozess nicht geschafft.“ Kritik übt Ruf auch an der Berichterstattung. Die habe teilweise nur an der Oberfläche gekratzt, meint er. In Fernsehen und Zeitung sei es größtenteils um die Taten – die Morde, Anschläge und Raubüberfälle – gegangen, dafür weniger um die Schicksale der Opfer und ihrer Familien. Ruf will dem Publikum daher ein Stück präsentieren, das die tiefe Trauer und die andauernde Tragik in den Vordergrund rückt.

Zensurgedanken am rechten Rand

Mit ungefähr 500 Schauspielenden hat Ruf in den letzten Jahren zusammengearbeitet. Einer von ihnen ist Doga Gürer, 27. Von Rufs Projekt hat der Berliner durch einen Freund erfahren und ohne langes Zögern zugesagt. „Ich kenne dieses Gefühl, nichts oder nur wenig tun zu können. Und es ist nicht leicht, sich aus seiner alltägliche Bequemlichkeit herauszukämpfen“, beschreibt er seine Motivation.

Anders für Gürer ist, dass es reale Erlebnisse sind, die er darstellt – nichts Fiktionales, das eigens interpretiert werden muss. So könne er als Schauspieler in den Hintergrund treten und den „Inhalt wirken lassen“. Gürer ist überzeugt davon, das Publikum berühren zu können, daher müsse das Geschehen auf der Bühne authentisch und genauso emotional sein. „Die Geschichten gehen einem nahe – nicht nur, weil sie wahr sind, sondern auch weil sie so aktuell sind.“

Noch in diesem Jahr soll sein neues Stück Bühnenpremiere feiern.

 

Regisseur Ruf hofft, dass auch größere Schauspielhäuser den Mut haben, sich diesen Themen zu öffnen. Zumindest die Spielpläne ändern sich dahingehend. Das Dresdner Staatsschauspiel zum Beispiel geht in einem aktuellen Werk „Das Blaue Wunder“ der Frage nach, was passieren würde, wenn die AfD regiert.

Vor allem für die Kulturszene hieße das nichts Gutes, denn auch die Theater werden seit Jahren von rechtsaußen attackiert: Stücke landen vor Gericht, Inszenierungen werden gestört und Subventionskürzungen gefordert. Die angestrengten Verfahren bleiben zwar erfolglos – wie das gegen die künstlerische Leiterin einer Hamburger Kulturfabrik, die von der AfD wegen Schlepperei angezeigt wurde, weil sie einen künstlerischen Aktionsraum für Geflüchtete schuf –, angespannt ist die Stimmung dennoch. Denn die AfD stellt die Kunstfreiheit generell in Frage.

Abschottung und Rettungsschiffe

Von all dem lässt sich Michael Ruf allerdings nicht beirren, er bleibt seinem Weg treu. Noch in diesem Jahr soll nämlich das vierte Stück der Bühne für Menschenrechte Premiere feiern. Nach über 700 Darbietungen seiner anderen drei Inszenierungen will der Regisseur „die anhaltende europäische Abschottungspolitik und die zunehmend feindliche Politik gegenüber Geflüchteten“ thematisieren.

Genauer geht es ihm um die Seenotrettung im Mittelmeer. Beinahe täglich gibt es Berichte über die Situation an den südlichen Küsten Europas – gekenterte Boote, ertrunkene Geflüchtete und beschlagnahmte Rettungsschiffe von Hilfsorganisation. „Oft geht es um politische Fragen. Mir aber kommen dabei die Menschen zu kurz“, sagt Ruf. „Und all diese Tragödien könnten verhindert werden, wenn die EU eine andere Politik machen würde. Ich will zeigen, was auf dem Spiel steht.“

 

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