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Wer ist deutsch?

Armaghan Naghipour hatte schon als kleines Mädchen mit dem Anderssein zu kämpfen. Inzwischen hat sie dieses Gefühl zu ihrer Stärke gemacht. Doch Rassismus im Land sei immer noch ein großes Problem. 

Text: Susanne Kailitz — Fotos: Luca Abbiento

 

Manche Komplimente sind nur vermeintlich welche. Armaghan Naghipour jedenfalls weiß nicht mehr, wie oft in ihrem Leben sie schon „Prinzessin aus dem Morgenland“ genannt wurde. Gefreut hat sie sich darüber nie. „Sie stellen mich damit als etwas Exotisches dar und allen ist klar, dass ich irgendwie anders bin und scheinbar nicht richtig dazu gehöre.“ Das sei Rassismus – allerdings keiner der plumpen Sorte, sondern ein unterschwelliger. „Der ist selten böse gemeint. Aber trotzdem da“, erklärt Naghipour.

Wie wenig sie in vielen Situationen tatsächlich dazugehört, das wurde der 34-Jährigen vor allem während ihres Jura-Studiums in Heidelberg klar. In den Achtzigern floh sie mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Kindheit und Jugend hat Naghipour in Hannover verbracht, bevor sie an „der ältesten und wohl konservativsten Universität Deutschlands“ landete – in einem Studiengang, in dem es ohnehin nur wenige Frauen und noch weniger Menschen mit Migrationsgeschichte gab.

Armaghan Naghipour engagiert sich für den Verein „Deutsch Plus“.

 

„Ich habe mich da immer als bunter Vogel gefühlt. So gut wie niemand konnte etwas mit meinem kulturellen Hintergrund anfangen, geschweige denn meinen Namen richtig aussprechen.“ Doch der Respekt beginnt genau dort, davon ist die Wahl-Berlinerin überzeugt.

Das Problem mit dem Anderssein

Seit mehreren Jahren schon engagiert sich Naghipour für den Verein „Deutsch Plus“, der mehr Chancengleichheit für und vor allem Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte will. Wie demütigend es ist, wenn das Gegenüber nicht einmal den Versuch unternimmt, einen vermeintlich komplizierten Namen auszusprechen, zeigt ein Video, das der Verein veröffentlicht hat. „Es geht nicht darum, dass es perfekt klingen muss“, meint Naghipour, „sondern darum, sich Mühe zu geben.“ Und, vielleicht noch wichtiger: es als selbstverständlich anzuerkennen, dass Deutsche eben nicht nur Alexander oder Marie, Julia oder Stefan heißen, sondern auch Ayse, Ramin oder Ngo.

 

 

Blick ins Büro: Gesetzbuch (oben) und ein Stifteetui ihrer Großmutter.

 

Dass diese Namen für viele Menschen noch immer so wenig mit Deutschland vereinbar zu sein scheinen, liegt nicht selten daran, dass sie in öffentlichen Ämtern schlicht nicht auftauchen. Abgeordnete mit Migrationshintergrund? Selten. Unternehmensvorstände oder Chefredaktionen mit Einwanderungsgeschichte? Kaum vorhanden. Obwohl inzwischen jeder vierte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund und die Hälfte von ihnen einen deutschen Pass besitzt, wird diese Vielfalt in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, aber auch in Wissenschaft, Kultur und Medien kaum gespiegelt.

Einwanderungsgesetz ja – aber …

Genau das muss sich ändern, findet Naghipour. Sie hat Migration zu ihrem Thema gemacht – zunächst als Anwältin für zugewanderte und geflüchtete Menschen, für die sie erst in Behörden dolmetschte und sie später vor Gericht vertrat. Inzwischen hat sie die Seiten gewechselt. Die Juristin arbeitet für die grüne Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus als rechtspolitische Referentin.

Sowohl die Partei, für die sie arbeitet, als auch der Verein, für den Naghipour sich engagiert, fordern ein Einwanderungsgesetz. Doch für die Anwältin wäre das nur ein erster Schritt. Im Grundgesetz sei festgehalten, dass der Staat die Gleichberechtigung von Frauen und Männern fördern muss, bemerkt sie. „Warum sollte der Umgang mit den Erfordernissen einer Einwanderungsgesellschaft nicht auch ein Staatsziel sein?“

In den Achtzigern floh Naghipour mit ihren Eltern nach Deutschland.

 

Zu tun sei jedenfalls noch viel. Als die Mittdreißigerin mit ihrer Familie im Alter von einem Jahr in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Hannover gelebt hat, habe sie sich nicht auf den Fußboden setzen dürfen, erinnert sie sich: „Weil dort die Kakerlaken herumliefen.“ Geld habe die Familie damals nicht bekommen, nur Lebensmittelgutscheine und Coupons für Kleidung, die nur in bestimmten Geschäften eingelöst werden durften. „Was das betrifft, sind die Zustände für Geflüchtete heute etwas erträglicher. Aber lange noch nicht so, wie sie sein sollten.“ Dass nach der letzten Bundestagswahl kein Einwanderungsministerium, sondern eines „für Inneres und Heimat“ gegründet wurde, sei bezeichnend, meint Naghipour.

Rassismus als Ost-West-Problem

Was noch dazu komme: Rassismus werde heute deutlicher geäußert. Dazu habe nicht zuletzt die AfD in den Parlamenten und eine Verschärfung des Tons in den sozialen Netzwerken beigetragen. „Für Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund war der Wind in Deutschland schon immer rau. Doch mittlerweile kommt der Rassismus unverblümter daher.“

Noch immer sehe sie große Unterschiede in Ost und West, meint die Juristin. Während im Westen Vorurteile verklausulierter – also eher hinter vorgehaltener Hand – geäußert würden, gebe es im Osten offenere Beleidigungen. Die deutlichsten Angriffe und Pöbeleien habe Naghipour in Brandenburg erlebt, erzählt sie.

„Aber ich bin gar nicht so sicher, was schlimmer ist: Wenn jemand mich auf offener Straße ,Kanakenbraut’ nennt, kann ich mich deutlich zur Wehr setzen. Dagegen zu protestieren, dass mein Professor, für den ich lange als Hilftskraft gearbeitet habe, meine Examensarbeit dafür lobt, dass ich mich so gut auf deutsch ausdrücke, war eine höhere Hürde. Sich gegen subtilere Formen von Diskriminierung zu wehren, die nicht böse gemeint sind, aber trotzdem verletzen und ausgrenzen, ist oft besonders schwer.“

 

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