Text: Laura Catoni — Fotos: Dan Petermann
Ein Mann aus Litauen: Verdacht auf Lungenkrebs. Eine Frau aus Kenia: Pankreatitis und starke Schmerzen. Ein Rumäne: nur eine Niere und Blut im Urin. Wenn bei Carla das Telefon klingelt, ist es dringend. „Die Leute melden sich häufig erst, wenn ihre Symptome nicht mehr auszuhalten sind und sofort eine Behandlung nötig wäre“, erzählt die 28-Jährige, während sie in einem Café in der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt sitzt. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht preisgeben. Ihre Arbeit beim Medinetz könnte zukünftige Bewerbungen schwierig machen.
Seit 2010 bietet der Verein eine wöchentliche anonyme und kostenlose Sprechstunde für Menschen an, die keine Krankenversicherung haben und sich in medizinischen Notlagen befinden. Mitglieder erklären Rechte und vermitteln Termine in Kliniken und bei ärztlichem Fachpersonal. Ehrenamtliche Dolmetschende helfen mit.
Wo es nötig ist, unterstützt der Verein auch bei den Behandlungskosten. Diese stemmt das Medinetz aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Einnahmen von Soli-Veranstaltungen. „In der Regel behandelt das ärztliche Fachpersonal unentgeltlich“, bemerkt Carla. Trotzdem fielen immer wieder Kosten für Medikamente oder Krankenhausaufenthalte an.

Gesicherte Informationen, wie viele Menschen in Deutschland ohne Papiere und damit in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität leben, gibt es nicht. Die Bremer Forscherin Dita Vogel kommt auf bis zu 520 000 Personen. Formal fallen diese unter das Asylbewerberleistungsgesetz und haben damit Anspruch auf eine medizinische Versorgung, wenn sie an einer akuten oder schmerzhaften Erkrankung leiden, genauso bei Schwangerschaft und Geburt.
Um an Medikamente oder eine Therapie zu kommen, müssen sie sich ans Sozialamt wenden, das die Kosten für die Behandlung trägt. Das Amt wiederum meldet Menschen ohne Status an die Ausländerbehörde. Mit der Meldung droht die Abschiebung. Für medizinisches Personal dagegen gilt die Schweigepflicht, ihm ist eine Meldung an die Behörden untersagt. Trotzdem komme es vor, dass Menschen aus Krankenhäusern oder Psychiatrien abgeschoben würden.
Auch Carla kennt solche Fälle. Sie glaubt, dass vielen Mitarbeitenden in Krankenhäusern rechtliches Wissen fehle. Fast alle Menschen, die sich bei ihr melden, quäle eine große Angst. Die meisten haben sich auf ihrer Flucht in einem anderen Land registrieren lassen und leben ohne Duldung. Sie seien oft zwischen 20 und 30. Rund 25 Personen aus ganz Mecklenburg-Vorpommern betreute das Medinetz Rostock im letzten Jahr.
Angst ist ständiger Begleiter
16 Uhr wollte sich Carla eigentlich mit dem Mann aus Litauen treffen. Doch er hat kurzfristig abgesagt, weil er sich in einer psychiatrischen Klinik befinde. Die Studentin hofft, dass er sich wieder meldet. Vier Jahre schon ist die gebürtige Hessin Mitglied im Verein.
Die Nummer vom Medinetz ist online zu finden. Das Bereitschaftshandy betreuen die Aktiven abwechselnd. Diese Woche ist Carla dran. Das alte iPhone-Modell liegt auf dem Tisch im Café neben Kuchen und Cappuccino. „Manchmal klingelt es dreimal täglich, manchmal eine Woche lang nicht.“ Dass sich jemand melden könnte, habe sie immer im Hinterkopf.

Das Wichtigste seien Empathie und Feingefühl: „Die Leute, die wir betreuen, merken, dass da was mit ihrem Körper passiert und dass sie Hilfe brauchen. Aber viele wissen nicht, ob sie diese Hilfe kriegen, ohne das Land verlassen zu müssen. Das muss ich wissen, wenn ich ans Telefon gehe: Dass die Menschen eine Angst in einer Dimension spüren, die ich nicht kenne.“
Carla studiert Medizin, zuvor Gender Studies. Als Gynäkologin möchte sie später beide Fächer zusammenführen. So wie Monika Hauser, die in den Neunzigern die Frauenrechtsorganisation medica mondiale gründete. Hauser bietet medizinische, rechtliche und soziale Unterstützung für Frauen und Mädchen an, die von sexualisierter Gewalt in Kriegsgebieten betroffen sind.
Medizin hatte für Carla schon immer auch eine politische Dimension. Wer hat Zugang zu guter Gesundheitsversorgung und wer nicht? Und an wem orientiert sich die Forschung bei neuen Therapien? Welche Stereotype beeinflussen ärztliches Personal im Umgang mit Erkrankten?
Notlagen und Anfeindungen
Weil sich das Medizinstudium nicht ausreichend mit solchen Fragen befasse, kommen die Studierenden auch heute Abend wieder zum wöchentlichen Plenum im Rostocker Ökohaus zusammen. Wie alle im Verein arbeitet Carlas Mitstreiterin Elisabeth Frielinghaus ehrenamtlich fürs Medinetz. Dabei erfahre sie nicht nur Zuspruch: „Oft bekomme ich zu hören, wir würden Migration befördern. Auch Anfeindungen von Rechtsaußen hat es schon gegeben. Und selbst bei medizinischem Personal und Pflegekräften erlebe ich immer wieder Unverständnis für unsere Arbeit und rassistische Aussagen.“
Elisabeth Frielinghaus, 28, regelt die Finanzen des Vereins und leitet heute das Plenum. Carla erzählt von ihrem Klienten aus Litauen, der heute in die Sprechstunde kommen wollte. Zudem hat die Gruppe ein neuer Hilferuf von der 170 Kilometer entfernten Insel Usedom erreicht. Ein Mann mit wiederkehrenden Nierensteinen, ihm droht die Abschiebung nach Griechenland.
Auch das Medinetz Marburg habe sich mit einer E-Mail gemeldet und um Hilfe gebeten. Einem Mann ohne Krankenversicherung drohe die Zwangsvollstreckung, weil er Behandlungskosten nicht bezahlen könne. Die Engagierten suchen immer wieder den Austausch miteinander.

Mehr als 35 Medinetze sind in den letzten 30 Jahren in Deutschland entstanden – das erste 1994 in Hamburg. Es folgten Vereinsgründungen in Dresden, Leipzig, Jena, Berlin, Rostock und anderswo. Gemeinsam haben die verschiedenen Gruppen auch das Konzept des Anonymen Behandlungsscheins entworfen, der Betroffenen eine medizinische Behandlung ohne Angst vor Weitergabe von Daten ermöglicht. Niedersachsen, Thüringen, Berlin und Rheinland-Pfalz haben den Schein bereits eingeführt. In Mecklenburg-Vorpommern fehlt er noch immer.
Solange es keinen offiziellen Schein gibt, muss das Medinetz Rostock dafür sorgen, dass die Soli-Kasse konstant gefüllt ist. Ein Rave brachte letztens zum Beispiel knapp 2 000 Euro ein. Geld, das in Zukunft Menschen wie dem Mann aus Litauen zur Verfügung steht. Was aus ihm geworden ist? „Zwei Wochen nach unserem geplanten Treffen kam er dann doch in unsere Sprechstunde“, erzählt die Studentin am Telefon. Sie habe ihn an eine Hausärztin vermittelt. Die Diagnose nach Blutuntersuchung und CT: eine Infektionskrankheit, kein Krebs. Der Mann wurde daraufhin stationär behandelt und muss noch eine Weile Medikamente nehmen. Viel besser, findet Carla, hätte es für sie und ihren Klienten nicht enden können.
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